Ein schwerer Unfall in Berlin-Lichtenberg hat erneut gezeigt, wie unsicher Zebrastreifen trotz klarer Vorfahrtsregeln sein können. Ein Zweijähriger verlor dabei sein Leben, die Mutter überlebte schwerverletzt. Doch welche Möglichkeiten gibt es, Berlins Fußgängerüberwege sicherer für alle Verkehrsteilnehmer zu machen? Internationale Beispiele liefern Ansätze.

Andorra nutzt Regenbogen-Zebrastreifen, um Vielfalt und Sichtbarkeit im Straßenraum zu betonen. Auch Madrid setzt auf farbige Übergänge: 2016 gestaltete der Künstler Christo Guelov die „Funny Crosses“ mit bunten, geometrischen Mustern. / © Foto: Wikimedia Commons, Андрей Романенко, CC BY-SA 4.0
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Am Montagvormittag kam es in Berlin-Friedrichsfelde zu einem tragischen Unfall. Eine 29-jährige Mutter wollte mit ihrem Kind im Kinderwagen die Einbecker Straße auf Höhe Lincolnstraße überqueren.
Auf dem dortigen Zebrastreifen wurden Mutter und Sohn von einem Auto erfasst. Während die Mutter schwer verletzt überlebte, erlag ihr zweijähriger Sohn später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Nach Angaben der Polizei war der 84-jährige Fahrer mit hoher Geschwindigkeit unterwegs. Gegen ihn wird nun wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.
Dieser Fall reiht sich in eine Serie schwerer Verkehrsunfälle in Berlin ein. Erst im Juni starb eine Frau in Oberschöneweide, nachdem sie von einem Auto mit stark überhöhter Geschwindigkeit erfasst wurde. Auch im vergangenen Jahr hatte ein 84-Jähriger in Mitte Mutter und Kind tödlich verletzt, als er mit fast 90 km/h über eine Busspur fuhr.
Zebrastreifen im Fokus: Internationale Vorbilder für bauliche Lösungen
Die Unfälle werfen, wieder einmal, Fragen zur Sicherheit von Zebrastreifen auf. Obwohl sie den schwächsten Verkehrsteilnehmenden eigentlich Vorrang geben, kommt es immer wieder zu lebensgefährlichen Anfahrunfällen. Stadtplanerinnen und Stadtplaner und Verkehrsexperten fordern daher, neben Aufklärung und Kontrollen auch die bauliche Gestaltung stärker in den Blick zu nehmen.
International existieren verschiedene Maßnahmen, die Fußgängerinnen und Fußgänger besser schützen sollen. Sie reichen von baulichen Anpassungen bis hin zu innovativen technischen Lösungen. Ein Blick ins Ausland zeigt, welche Möglichkeiten auch in Berlin diskutiert werden könnten.
Bauliche Anpassungen und bessere Sichtbarkeit könnten Fußgängerüberwege sicherer machen
Ein Beispiel sind hocheingehobene Zebrastreifen. Sie wirken wie Fahrbahnschwellen und zwingen Autofahrer, die Geschwindigkeit deutlich zu reduzieren. In West Hartford in den USA sanken die Durchschnittsgeschwindigkeiten dadurch spürbar. Auch Bordsteinvorsprünge und Mittelinseln gehören zu den häufig empfohlenen Anpassungen. Sie verkürzen die Überquerungswege und verbessern die Sichtbarkeit von Fußgängerinnen und Fußgängern.
Darüber hinaus spielt die Erkennbarkeit eine zentrale Rolle. Breite weiße Streifen, reflektierende Materialien oder zusätzliche Beleuchtung erhöhen die Sichtbarkeit, besonders in der Dunkelheit. In Frankreich werden bereits LED-Markierungen getestet, die den Übergang bei schlechten Lichtverhältnissen hervorheben.
Technische Innovationen und kreative Konzepte erhöhen die Sicherheit an Zebrastreifen
Technikbasierte Systeme wie Smart Crossings oder HAWK-Beacons sind in mehreren US-Städten im Einsatz. Sie reagieren auf Fußgängerbewegungen und schalten Ampeln oder Warnsignale automatisch. Studien belegen dort eine deutliche Senkung der Unfallzahlen.
In Bolivien wiederum setzt man auf Aufmerksamkeit durch „Traffic Zebras“ – Menschen in Kostümen, die an Übergängen auf sich aufmerksam machen und Autofahrerinnen und Autofahrer zum Anhalten bewegen. Sicher eine Maßnahme, die eher schwierig umzusetzen ist, bei der Menge an Zebrastreifen in Berlin.
„Pedestrian Scrambles“ trennen Verkehrsströme und schaffen sichere Querungsmöglichkeiten
In Tokio oder London werden sogenannte „Pedestrian Scrambles“ eingesetzt. Diese besondere Ampelschaltung stoppt den gesamten Fahrzeugverkehr und erlaubt Fußgängerinnen und Fußgängern, die Kreuzung gleichzeitig in alle Richtungen zu queren – auch diagonal. Sobald die Ampeln für Autos auf Rot stehen, verwandelt sich die gesamte Kreuzung für kurze Zeit in einen geschützten Fußgängerraum, in dem auch Abbiegemanöver vollständig untersagt sind.
Auf diese Weise entstehen keine Konflikte zwischen Menschen und Fahrzeugen. Zudem können alle Wartenden die Straße gebündelt und ohne Störungen überqueren. Gleichzeitig trägt das System zu einem geordneten Verkehrsfluss bei, da sich die Bewegungen von Autos und Fußgängern zeitlich klar voneinander trennen. „Pedestrian Scrambles“ finden daher vor allem an stark frequentierten Kreuzungen in dicht bebauten Innenstädten Anwendung – übrigens auch in Berlin, an der Kreuzung Kochstraße / Friedrichstraße.
Neue Verkehrsregeln oder „Shared-Space-Konzept“: Möglichkeiten für mehr Sicherheit an Kreuzungen
Mancherorts wird bewusst auf eine klare Trennung zwischen Fahrbahn und Gehweg verzichtet. Dieses Konzept, „Shared Space“ genannt, wird unter anderem in London und Brighton erprobt. Es soll Autofahrerinnen und Autofahrer zu mehr Aufmerksamkeit und geringeren Geschwindigkeiten bewegen. Dabei setzt der Ansatz nicht auf starre Markierungen wie Zebrastreifen, sondern auf gegenseitige Rücksichtnahme und einen fließenden Verkehrsablauf mit weniger festen Regeln.
„No Turn on Red“ und der sogenannte Walking Start sind ergänzende Regelungen an Kreuzungen. Ein Abbiegeverbot bei Rot verringert Konflikte mit querenden Fußgängern, während ein exklusiver Zeitvorsprung beim Grünsignal ihre Sichtbarkeit deutlich erhöht und das Überqueren sicherer macht.
Kombination unterschiedlicher Maßnahmen kann Fußgängerüberwege wirksamer und sicherer machen
Einzelne Maßnahmen können bereits einen wichtigen Beitrag leisten, um Zebrastreifen sicherer zu machen. Ob bauliche Anpassungen, neue Technologien oder bewusstseinsbildende Ansätze, jede Lösung bringt eigene Vorteile mit sich und kann im jeweiligen Umfeld wirksam sein.
Gleichzeitig könnte eine Kombination verschiedener Ansätze noch größere Wirkung entfalten. Indem bauliche, technische und pädagogische Elemente zusammengedacht werden, lassen sich unterschiedliche Schwachstellen adressieren. Für Berlin bietet sich die Chance, internationale Beispiele zu prüfen und passende Konzepte auf die eigenen Gegebenheiten zu übertragen, um künftig solche schweren Unfälle zu vermeiden.

Können Fahrbahnschwellen die Sicherheit an Berlins Zebrastreifen erhöhen? / © Foto: Depositphotos.com

Internationale Beispiele zeigen, dass baulich erhöhte Fußgängerüberwege deutlich sicherer sind. / © Foto: Depositphotos.com
Quellen: Wistron, Federal Highaway Administration, Unfallforscher der Versicherer, Basic Thinking, Der Tagesspiegel, Depositphotos.com
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