Eine neue Dokumentation zeigt den langen Weg des Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin-Mitte von der Idee bis zum derzeitigen Baustopp. Der Film von Jens Becker und Dietmar Ratsch zeichnet die Geschichte von Streit, Pleiten und Pannen rund um das Einheitsdenkmal nach, gestern wurde er erstmals im DDR-Museum der Öffentlichkeit präsentiert. Nun aber stehen die Zeichen auf Vollendung: Bis 2027 könnte das umstrittene Denkmal endlich eröffnet werden.

Diskussionsrunde: DDR-Museum-Ausstellungsleiter Sören Marotz spricht mit den Regisseuren Dietmar Bartsch und Jens Becker über die Realisierung ihres Films zum Einheitsdenkmal. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Visualisierung: Milla & Partner
© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT
Demokratie kann in der Theorie so einfach sein – so der Tenor der Veranstaltung am Abend des 1. Oktober im DDR-Museum in Berlin-Mitte. Dass dies in der Praxis allerdings ganz anders aussehen kann, zeigte die Filmpremiere zum Freiheits- und Einheitsdenkmal, das an der Westseite des Humboldt Forums errichtet werden soll.
Die Konstruktion der Waage oder Wippe ist so ausgelegt, dass die 50 Meter lange und begehbare Schale sich dorthin neigt, wohin sich die Mehrheit der Menschen bewegt.
Ein gewagtes Projekt, das in seiner technischen Auslegung – ein Denkmal als Wippe – so noch nie realisiert wurde. Doch die theoretischen Bestrebungen bedürfen eines Praxistests. Das gilt beim Einheits- und Freiheitsdenkmal ebenso wie für die in einer Gesellschaft gelebte Demokratie.
Ein Einheitsdenkmal in Berlin: Initiative startete 1998
Das Denkmal ist bis heute unvollendet und die Realisierung der im Jahr 1998 gestarteten Initiative dauert mittlerweile 27 Jahre. Die Initiative war von Anfang an umstritten und führte zu zahlreichen Debatten. Auf der einen Seite wurde der Zeitpunkt als zu verfrüht betrachtet, andererseits sahen viele in der wiedergewonnenen deutschen Einheit keinen Grund zum Feiern.
Der 75-minütige Dokumentarfilm von Jens Becker und Dietmar Ratsch zeigt die Chronologie des Denkmalbaus, beginnend mit dem Entwurf „Bürger in Bewegung“ des Architekturbüros Milla & Partner bis zur gegenwärtigen Situation. Zu Beginn des Abends verwies Sören Marotz, Moderator und Ausstellungsleiter des DDR-Museums, darauf, dass der Film ab sofort auch in den Mediatheken regionaler TV-Sender zu sehen ist.
Dokumentation über die „Einheitswippe“ ist ab sofort auch in der ARD-Mediathek abrufbar
Der Bau des Denkmals spiegelt vieles wider, was seit der deutschen Wiedervereinigung auch in der Gesellschaft zu erleben ist. Der Sockel des Denkmals steht, die Architekten sind insolvent und die Stahlwanne verstaubt in einer Halle eines Stahlbauers in Nordrhein-Westfalen, so Marotz.
Stefan Wolle, einer der Protagonisten des Denkmalbaus und von Beginn an beteiligt, blickte zurück. Warum gerade der Standort am Humboldt Forum und nicht etwa vor dem Reichstag gewählt wurde, war in der Vergangenheit eine viel diskutierte Frage.
Einheitsdenkmal? Warum vor dem Humboldt Forum und nicht vor dem Reichstag?
Wolle nannte Gründe, die plausibel klingen: die Wahl von Egon Krenz am 24. Oktober 1989 im gegenüberliegenden Staatsratsgebäude und der riesige Menschenauflauf mit dem Ruf „Egon, zeig Dich, wir sind das Volk“. Ebenso die Symbolsprache des Denkmals: jeder Einzelne entscheidet mit. „Wirf dein Gewicht in die Waagschale und gehe auf die richtige Seite“: ein Hinweis darauf, was Demokratie ausmacht: Freiheit, Einheit und die Verantwortung zur Entscheidung.
Auch die Sogwirkung der Demonstrationen am 7. Oktober 1989, die vom Alexanderplatz zum Palast der Republik führten, spielt eine Rolle. Heute steht an dieser Stelle das Humboldt Forum. Letztlich soll das Denkmal auch eine touristische Attraktion sein, von der Berlin wirtschaftlich profitiert.
Der Bau des Einheitsdenkmals begann im Mai 2020 – und ist bis heute unvollendet
Der Bau begann im Mai 2020 mit einem Budget von 17 Millionen Euro. Aufgrund von Pandemie, Ukraine-Krieg und steigenden Stahlpreisen kam er jedoch im April 2023 zum Erliegen. Die Stahlschale ist zu 85 Prozent fertiggestellt, doch die Stahlbaufirma ist insolvent. Die sieben Bohrlöcher des Fundaments sind gesetzt – doch wie geht es weiter?
In der Podiumsdiskussion zeigte sich Filmemacher Dietmar Ratsch optimistisch, dass der Bau weitergehen werde. Architekt Johannes Milla betonte jedoch, dass es angesichts des seit zwei Jahren bestehenden Baustillstands einer klaren politischen Entscheidung bedarf.
Architekt Johannes Milla: Politischer Wille ist entscheidend
Vielleicht könne der neue Kulturstaatsminister den Bau wieder in Gang setzen. Bisher wurden 13 Millionen Euro ausgegeben, das restliche Budget wurde eingefroren. Zusätzlich zu den verbliebenen Mitteln würden mindestens 2,5 Millionen Euro extra benötigt.
Während manche Stimmen das Projekt aufgrund von Sparmaßnahmen bereits für gescheitert erklären, gibt es Hinweise, dass die neue Bundesregierung die Fertigstellung beschlossen habe. Zwei Bundestagsabgeordnete hätten bestätigt, dass 5,4 Millionen Euro im Haushalt vorgesehen seien. Eine Fertigstellung wäre demnach 2026 oder 2027 denkbar.
Budget soll vorhanden sein: Wird das Einheitsdenkmal bis 2027 doch noch fertiggestellt?
Da der Bau eigentlich zu 95 Prozent fertiggestellt ist und die Große Koalition angeblich beschlossen hat, das Projekt abzuschließen, könnte das Einheitsdenkmal in spätestens zwei Jahren stehen. Für den Stahlbau soll bereits ein Brandenburger Bauunternehmer in den Startlöchern stehen, dessen Angebot dem Bundesbauministerium vorliegt.
Sabine Bergmann-Pohl, ehemalige CDU-Politikerin und 1990 Präsidentin der frei gewählten Volkskammer, betonte in ihrem Schlusswort die historische Bedeutung des Denkmals. Es erinnere daran, dass die Menschen in der DDR in nur einem Jahr eine Diktatur überwanden, mit einer friedlichen Revolution.
„Nichtfertigstellung völlig unverständlich“: Springt ein Brandenburger Stahlbau-Unternehmen ein?
Die Fertigstellung sei auch ein wichtiges Zeichen für die junge Generation, an diesen bis heute unvorstellbaren Akt demokratischer Willensbildung in angemessener Form zu erinnern. Die kommenden Monate werden zeigen, ob das Projekt „Einheitsdenkmal“ noch lebt, oder ob das Vorhaben zu einem Berliner Luftschloss ernannt werden muss.
Quellen: DDR Museum Berlin, Milla & Partner, Architektur Urbanistik Berlin, Heinrich Rohlfing GmbH, Pluta Rechtsanwälte
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5 Kommentare
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Bin Jahrgang 64, in Dresden geboren. Habe also 26 Jahre in der DDR gelebt, sie war mein Heimatland. Ich habe gern darin gelebt. Im Nachhinein und im Abstand der Jahre gibt es natürlich einiges Negative, was aber damals völlig normales für mich war.
Ich finde dieses geplante Denkmal völlig abstrus, am komplett falschen Platz und auch etwas Sinnfrei. Ich stehe mit diesen Ansichten nicht allein. Die rekonstruierten Kollonaden würden wieder perfekt mit dem Eosanderportal des Schlosses, äh Humboldforums harmonieren. Statt des wirklich etwas schwülstigen Kaiser Wilhelm Denkmals könnte ich mir was anderes vorstellen, aber das Raumgefüge des ehemaligen Nationaldenkmals passt hervorragend zum Schloss. Das isz meine persönliche Meinung. Ein Einheitsdenkmal sollte vor dem Reichstag gebaut werden, wenn überhaupt!
Herr Möbius hat Recht !Das neue Denk – mal ist nicht nur auffallend ausdruckslos,
ja sogar dämlich und ausschliesslich bemüht, das ursprüngliche Friedensdenkmal, denn der Engel mit der Friedenspalme führt das Pferd, zu verhindern, obwohl die Kollonaden eine gute Gelegenheit geboten hätten, Informationstafeln anzubringen.
Aber such die Fassade des Stadtschlosses soll in seiner beeindruckenden Aussagekraft gemindert werden.
Aber sei’s drum, etwas mehr Hässlichkeit fällt in Berlin auch nicht mehr auf, vielleicht kann man das seltsame Bauwerk sogar schmierereifrei halten, das wär’s doch mal !
In einer wirklichen Demokratie würde man über solche Sachen das Volk entscheiden lassen. Die Kampagne müsste offen sein, denn um was geht es eigentlich ? Hier werden finanzielle Ressourcen investiert um irgendwas zu erstellen mit Symbolcharakter. Wenn man aber knapp bei Kasse ist so würde jeder für sich selbst Abwägungen treffen. Nur mal angenommen man würde die Frage stellen ob man das SEZ saniert und eine ergänzende Bebauung in der Straßenflucht mit zum Beispiel Wohnungen realisiert ODER dieses symbolische Objekt. Ich denke nicht dass die Entscheidung zu Gunsten dieses Denkmales bei einer Abstimmung fallen wird. Kann irgendwer damit etwas anfangen?
Deutschland ist einfach unfähig.. zu blöd, mit seiner monarchischen Geschichte respektabel umzugehen.. das ist auch der einzige Sinn und Zweck dieser bescheuerten Wippe an diesem historischen Ort des Kaiserdenkmals: der HohenzollernMonarchie noch einmal den Stinkefinger zu zeigen… Dabei hat die HohenzollernMonarchie wesentliche Teile des Fundaments gesetzt, auf dem Deutschland bis heute steht. Seine eigene Geschichte zu verleugnen, zu verachten … das ist unfassbar dumm … und das wird dereinst als der erste Sargnagel für das antideutsche Staatsgebilde der BRD betrachtet werden… Die DDR ist an der Feindlichkeit gegen den freien und unternehmerisch tätigen Bürger gescheitert… Die BRD wird an ihrer kaum noch verhüllten Feindlichkeit gegen Deutschland und das Deutsche Volk scheitern… und- wie die DDR- auf dem Müllhaufen der Geschichte enden.
Dieser Entwurf ist eine wirklich gute und sehr schöne Idee der Architekten! Die Symbolik erschließt sich sofort, wenn man es ansieht oder hoffentlich bald betreten kann! Die Kritiker sind in meinen Augen nicht repräsentativ! Die Mehrheit der Menschen der DDR, die damals in friedlichen Demonstrationen immer wieder und in immer größeren Ansammlungen an verschiedenen Orten der DDR für Freiheit demonstriert haben, können sich endlich durch das Denkmal geehrt fühlen! Der Ort ist nicht hauptsächlich wegen Egon Krenz richtig, sondern weil in der damaligen Volkskammer (im Palast der Republik) der Beschluss zum Beitritt gefasst wurde! Außerdem gab es gegenüber (auf dem Platz neben dem Dom) die erste große Demo mit Menschen aus Ost und West für die Vereinigung unserer Länder! Es ist eine Schande, dass verschiedene Politiker und andere Verantwortliche seit Jahren nicht entschieden für die Realisierung der Fertigstellung eintreten! Auch dieses Verhalten ist eine Missachtung der Menschen der DDR, die die Einheit erst ermöglicht haben. Das Disneyschloss mit häßlichem Anbau zur Spree (Der Palast hätte diese Seite sehr viel besser gestaltet!) ist nicht demokratisch legitimiert, das Denkmal für die friedliche Revolution wurde dagegen im Bundestag beschlossen! Ich denke, dass die übergroße Mehrheit der Menschen, die aktiv für Freiheit in der DDR angetreten sind, es als längst überfällige Anerkennung bewerten!