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Im neu errichteten „Tacheles“-Quartier an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte stehen zahlreiche Wohnungen und Gewerbeflächen leer. Nun hat der Bezirk ein Verfahren wegen möglicher Zweckentfremdung eingeleitet und will den Verdacht des ungenehmigten Leerstands prüfen.

Quartier Am Tacheles, Mitte

Obwohl der Umbau des Tacheles-Quartiers in Berlin-Mitte bereits im Jahr 2021 abgeschlossen wurde, sind zahlreiche Wohnungen und Gewerbeflächen bis heute ungenutzt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT

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Das „Tacheles“-Quartier an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte hat einen umfassenden Wandel erlebt. Wo einst Künstlerinnen und Künstler ein offenes Kulturprojekt etablierten, befindet sich heute ein Luxusensemble mit Eigentumswohnungen, Büroflächen und einer Einkaufspassage. Entworfen wurde das neue Quartier vom renommierten Architekturbüro Herzog & de Meuron.

Doch die erhoffte Belebung des Areals ist bislang ausgeblieben. Trotz exklusiver Architektur und zentraler Lage bleiben viele Flächen ungenutzt. Zahlreiche Wohnungen wirken unbewohnt, und auch in der Passage stehen Ladenlokale leer. Das einst pulsierende Gelände hat seine frühere Lebendigkeit bislang nicht zurückgewonnen.

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„Tacheles“ Berlin-Mitte: Hohe Mietpreise schrecken potentielle Mieterinnen und Mieter ab

Der Projektentwickler betont zwar, dass rund 90 Prozent der 176 Eigentumswohnungen verkauft seien, doch die sichtbare Leere im Quartier lässt Zweifel an dieser Aussage aufkommen. Viele Wohnungen stehen offenbar leer, und auch die exklusiven Gewerbeflächen finden kaum Mieterinnen und Mieter.

Eine Ladenbetreiberin erklärte gegenüber der Berliner Morgenpost, dass die hohen Mietpreise und die geringe Laufkundschaft potenzielle Interessenten abschreckten. Viele entschieden sich nach einer ersten Besichtigung gegen eine Anmietung, weshalb große Teile der Passage weiterhin ungenutzt blieben.

„Am Tacheles“ Berlin: Luxusquartiere in der Hauptstadt kämpfen mit fehlender Durchmischung

Die Situation im „Tacheles“ verweist auf ein strukturelles Problem vieler neu entstandener Luxusquartiere. Oft gelingt es nicht, eine lebendige Mischung aus Wohnen, Arbeiten und öffentlichem Leben zu schaffen. Ohne ein ausgewogenes Verhältnis zwischen unterschiedlichen Nutzungen und Preissegmenten entstehen städtebauliche Strukturen, die trotz moderner Architektur weitgehend unbelebt bleiben.

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In zentralen Lagen wie der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte zeigt sich eine der zentralen Herausforderungen der Berliner Stadtentwicklung. Lebendige Stadtstrukturen sind schwer zu realisieren, wenn ein großer Teil neuer Bauprojekte für weite Teile der Bevölkerung unerschwinglich bleibt.

Leerstand im „Tacheles“: Bezirk Mitte leitet Verfahren ein

Das Bezirksamt Mitte hat inzwischen reagiert. Laut Tagesspiegel wurden Verfahren wegen möglicherweise ungenehmigten Leerstands eingeleitet. Grundlage dafür ist das Berliner Zweckentfremdungsverbot, das vorsieht, dass Wohnungen ohne Genehmigung nicht länger als drei Monate leer stehen dürfen. Bei Verstößen können hohe Bußgelder verhängt werden.

Bislang habe es im zuständigen Fachbereich keine konkreten Hinweise auf Leerstand im Tacheles gegeben, teilte der Bezirk mit. Aufgrund aktueller Berichte wolle man den Sachverhalt nun genauer untersuchen. Damit rückt eines der bekanntesten Neubauprojekte der vergangenen Jahre erneut in den Fokus einer Debatte, die Berlin seit Langem beschäftigt: Der Umgang mit leerstehenden Luxusimmobilien in einer Stadt mit angespanntem Wohnungsmarkt.

„Tacheles“-Quartier: Vom Kulturort zum leerstehenden Luxusprojekt

Das „Tacheles“-Areal steht seit Jahrzehnten exemplarisch für den Wandel der Hauptstadt. Vom besetzten Kunsthaus über ein internationales Zentrum der Subkultur bis hin zum Luxusquartier mit Concierge-Service spiegelt der Ort die ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Hauptstadt wider. Dass nun ausgerechnet hier ein Verfahren wegen möglicher Zweckentfremdung läuft, wird von Beobachtern als Sinnbild für die Spannungen zwischen Aufwertung und Verdrängung gesehen.

Ob die laufenden Untersuchungen zu Sanktionen führen, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass das „Tacheles“-Quartier zu einem Prüfstein der Berliner Wohnungspolitik geworden ist. Der Umgang mit Leerstand in einem der teuersten Neubauprojekte der Stadt dürfte weit über den Einzelfall hinaus Signalwirkung haben.

Quellen: Berliner Morgenpost, Tagesspiegel

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18 Kommentare

  1. Michael 7. November 2025 at 18:20 - Reply

    Warum ist es für einen Vermieter vorteilhafter, ein Ladengeschäft leer stehen zu lassen, statt die Miete zu senken?

  2. Ewald Karl 7. November 2025 at 19:09 - Reply

    Tja. Nach den Vorstellungen der CDU müsste doch durch Luxusimmobilien automatisch Wohnraum für Ärmere frei werden. Und genau die gleichen Kreise behaupten, man könne durch Luxusläden Viertel wie dieses revitalisieren.
    Sind das etwa nur Luftschlösser aus dem Umfeld der Bau-Branche?

  3. Löwe 8. November 2025 at 06:18 - Reply

    Unabhängig von der Vermietung und dem bitteren Wandel dort empfinde ich es bedauerlich das die große und für Berlin seltene Freifläche auf dem Hof ganz verschwunden ist. Früher war dort immer Platz für Cafes und diverse Veranstaltungen im freien, was regelmäßig tausende Besucher angelockt hat. Das ist alles verschwunden, inklusive der Kaufkraft.

  4. Martin 8. November 2025 at 09:56 - Reply

    Als Anwohner empfinde ich eine stetige Entwicklung, Läden wurden zuletzt neu vermietet, auf dem Aaron Bernstein Platz war im Sommer bis spät am Abend etwas los, warum schreiben immer diejenigen die den echten Sachstand nicht beurteilen können. Unsere Gesellschaft besteht leider aus denen, die immer was zu sagen haben, aber meist die Details nicht kennen und die mit den Details schweigen lieber……

  5. Böhme 9. November 2025 at 00:33 - Reply

    Das ganze Areal ist architektonisch ein Grauen. Entwürfe, die um jeden Preis „originell“ sein wollen und in Wirklichkeit unglaublich künstlich, „gewollt“ sind. Das alles hat keine „Atmosphäre“, allenfalls die eines Schrottplatzes. Aber dafür stehen die Architekten. Die Architektur ist genauso daneben wie deren Entwurf des Museums der Modern in Berlin. Wie „wahnhaft“ dieses „Architekturbüro“ seine Konzepte verfolgt, zeigt auch gerade das Museum der Moderne. Das Thema wiederholt nichts anderes als das des „Redwood“ in Novato, Kalifornien! Weshalb die drittklassigen verantwortlichen Stadtplaner in Berlin eine solche Leidenschaft für dieses Architekturbüro haben – es bleibt rätselhaft. Herzog & de Meuron müsste man das Handwerk legen, man müsste ihnen die Lizenz für ihren Beruf entziehen! Es gibt keine gute Architektur dieser Architekten!

  6. Carmen 9. November 2025 at 09:50 - Reply

    Hab’s erst vor ein paar Wochen mal angeguckt. Fazit: potthässlich 😕! Welche Stümper hat man da walten lassen ? (Ja, die sind bekannt, mein Metapher dazu.)

  7. Philipp 9. November 2025 at 10:59 - Reply

    „Trotz der modernen Architektur“ steht das Areal weitgehend leer oder WEGEN der modernen Architektur? Es geht eben nichts über den „dekorierten Kasten“, das hat man doch in den 1920er Jahren schon hämisch geschrieben. Der klassische Altbau mit attraktiven Deckenhöhe und relativ günstigen Ornamenten, hätte hier exklusiven Wohnraum für alle schaffen können, mit belebten Läden im EG. Die Passage selbst sah übrigens 1920 unvergleichlich schön aus, der heutige Neubau wirkt wie eine hässliche Karikatur desselbigen.

  8. Stefan 9. November 2025 at 23:31 - Reply

    Ein Sinnbild für die verfehlte architektonische Politik in dieser Stadt. Der Kommerz hat ihr und dem Tacheles die Seele und das Herz herausgerissen. Was bleibt ist eine kalte beliebige überteuerte Öde. Schade. Berlin hat so viele Chancen vertan, eine der coolsten und buntesten Städte der Welt zu werden. Leider haben die Entscheider nicht die nötige Vision und den richtigen Verstand gehabt.

  9. Hans 10. November 2025 at 05:24 - Reply

    Den Namen im Bezug des alten Tacheles hat es nicht mehr verdient.
    Eine Fototgalerie die man nicht braucht.Ein Krimskrams Laden im Erdgeschoss, Autoteile und Autoladen und beakary.
    Seelenlose luxus Architektur, die Armut darf draussenbleiben.

  10. Polly B 10. November 2025 at 06:41 - Reply

    Traurig! Das Tacheles aus den 90er und 20er Jahren war ein sehr lebendiger Ort jenseits des Kommerz. Da trafen sich Menschen aus verschiedensten Kreisen, um miteinander das Leben zu feiern. Da gab es Platz für Kreativität und Ideen.
    Inzwischen gibt es in den feinen Vierteln in der Mitte Berlins nur noch Platz für Geld. Der Charme ist raus – nicht nur im neuen Tacheles.
    Alles wurde glatt und poliert und funkelnd zurück gelassen in der Hoffnung, einfach nur Kapital anzuziehen – und das bleibt nun aus, weil nichts davon übrig ist, was die Gegend einst attraktiv gemacht hat.
    Es ist unendlich traurig, dass dafür überall echtes, gemeinsames, vielfältiges Leben und kulturelle Orte verdrängt werden.

  11. L. Oiseaux 10. November 2025 at 11:25 - Reply

    „Trotz exklusiver Architektur“, „trotz moderner Architektur“: Lässt uns trotz durch wegen und exklusiv durch abstoßend oder widerlich ersetzen. Dann sind wir einen Schritt näher zur Antwort!

  12. Max 10. November 2025 at 20:02 - Reply

    Ein Paradebeispiel dafür, wie man Stadt per Hyperkommerz-Wahn abtötet…

  13. Sven Apitzsch 11. November 2025 at 09:21 - Reply

    Ich finde es nach wie vor eine Schande, dass so ein tolles, ehemaliges Kunst Objekt zur Wende Zeit, in einen Luxus Tempel verwandelt wurde!! Wer die Genehmigung dazu erteilt hat. Unfassbar!!!

  14. Daniel 11. November 2025 at 10:29 - Reply

    Das gesamte Areal war doch von Beginn an auf „Exklusivität“ geplant. Das der Senat sich hier nun über fehlende Belebung wundert, wundert allerdings mich.

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