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Wie wird aus einem ehemaligen Sperrwerk ein Ort der Begegnung? Architektin Ana Salinas spricht über den Museumshafen, ein Projekt, das historische Substanz respektiert und zugleich neue Wege eröffnet.

Museumshafen, Friedrichshain

Der Grenzsteg, einst als Wassersperre der DDR gebaut und später über Jahrzehnte ungenutzt, steht vor einer grundlegenden Transformation. Salinas Architekten planen, ihn zu einem offenen Kultur- und Museumsraum weiterzuentwickeln. / © Visualisierung: Wilk Salinas Architekten, XOIO

© Visualisierungen und Fotos: Wilk Salinas Architekten, XOIO

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Ana Salinas gehört zu den prägenden Stimmen der Berliner Architektur, insbesondere wenn es um den behutsamen Umgang mit historischer Bausubstanz geht. Mit ihrem Büro Wilk-Salinas Architekten realisierte sie in der Vergangenheit zahlreiche Projekte, darunter die Umwandlung des Kühlhaus Berlin in einen Kultur- und Veranstaltungsort sowie die Neugestaltung eines ehemaligen Schiffanlegers in Stockholm zu einer Plattform mit schwimmendem Pool.

Derzeit widmet sie sich gemeinsam mit ihrem Team dem Museumshafen auf dem ehemaligen Grenzsteg – jenem 500 Meter langen Sperrwerk auf der Spree, das einst Teil der innerdeutschen Grenze war. Das neue Kultur- und Museumsquartier vereint zwei Museen, historische Schiffe und neue öffentliche Räume zu einem Ensemble, das Geschichte räumlich erfahrbar macht. Im Interview mit ENTWICKLUNGSSTADT erklärt Salinas, wie ihr Entwurf den Ort öffnet, verbindet und in die Zukunft führt.

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ENTWICKLUNGSSTADT: Wie sind Sie an die räumliche Komposition herangegangen, um Museen, Wegeführungen und Aufenthaltsbereiche zu einem schlüssigen Gesamtbild zu verbinden?

Ana Salinas: Der Ausgangspunkt war der respektvolle Umgang mit der historischen Substanz und der zentrale Stellenwert des Grenzstegs. Die neuen Maßnahmen treten architektonisch zurück. Grundlage ist der „Geschichtspfad“ – ein horizontaler Rundgang, der Besucher vom Stadtraum über den Platz in den Pavillon und weiter zu den Museumsbereichen führt. Rampen, Plattformen und Stege fügen sich sanft in die Spree-Landschaft ein.

Der Museumsbau markiert im Entwurf die räumliche Schnittstelle zwischen den beiden Stegen. Wie übersetzt die Architektur diesen Knotenpunkt zu einem Ort der Begegnung? 

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Der Hauptpavillon dient als Übergangsraum zwischen Stadt, Wasser und Geschichte. Die großzügige Treppe und die räumliche Offenheit führen zu einem kontemplativen Ort. Der Pavillon ist kein Hindernis, sondern ein kulturelles Bindeglied zwischen den beiden Museen und damit ein Ort der Begegnung an einem historisch abgeschotteten Standort.

„Der Pavillon ist kein Hindernis, sondern ein kulturelles Bindeglied zwischen den beiden Museen und damit ein Ort der Begegnung an einem historisch abgeschotteten Standort.“

Museumshafen, Friedrichshain

© Visualisierung: Wilk Salinas Architekten, XOIO

Welchen Beitrag kann das neue Wasserquartier aus Ihrer Sicht zur Vermittlung der Berliner Stadtgeschichte leisten?

Der Ort ermöglicht eine unmittelbare Auseinandersetzung mit der Geschichte Berlins: Wasser als Grenze, Handelsweg und urbaner Raum. Zudem verteilt sich die museale Erzählung auf Steg, Pavillon und Museumsboote und macht die Transformation der Stadt sinnlich erfahrbar.

„Die museale Erzählung verteilt sich auf Steg, Pavillon und Museumsboote und macht die Transformation der Stadt sinnlich erfahrbar.“

Museumshafen, Friedrichshain

© Visualisierung Wilk Salinas Architekten, XOIO

Mit dem Café-Pavillon und den großzügigen Terrassen entstehen neue Aufenthaltsorte direkt auf der Spree. Welche Bedeutung messen Sie den neuen öffentlichen Angeboten für die Belebung des Wasserraums zwischen Molecule Men und Badeschiff bei?

Diese niederschwelligen Angebote aktivieren das Wasserband und schaffen alltägliche Nutzungsmöglichkeiten. Der Raum zwischen Molecule Men und Badeschiff gewinnt an Lebendigkeit und öffentlichem Zugang. Auch die Terrassen direkt auf der Spree stärken die Beziehung zwischen Stadt und Wasser.

Welche Rolle spielt die Blickbeziehung zur Molecule-Men-Skulptur in Ihrem Entwurf?

Molecule Men ist Teil des städtischen Ensembles des Osthafens, zu dem die Oberbaumbrücke, die historischen Gebäude des Osthafens, die Anlagen des Betriebshofs ABOAG, der Grenzsteg sowie zeitgenössische Elemente wie das Badeschiff und die MS Hoppetosse gehören. Diese Vielschichtigkeit bildet den Charakter des Ortes. Die Skulptur steht symbolisch für Begegnung und Dialog – zentrale Themen der Transformation. Unser Entwurf hält die Sichtachsen bewusst frei: Der Pavillon bleibt niedrig und leicht, die Platzfläche öffnet sich zum Wasser und die Wege rahmen die Ausblicke. So entsteht eine klare Wahrnehmung des historischen und zeitgenössischen Kontextes.

Museumshafen, Friedrichshain

© Visualisierung: Wilk Salinas Architekten, XOIO

Wie gelingt es Ihrem Entwurf, den historischen Charakter des Grenzstegs zu wahren?

Der Steg wird als zentrales museales Exponat behandelt. Maßnahmen werden auf das notwendige Minimum beschränkt, wie etwa statische Ertüchtigung, Anprallschutz und kontrollierte Besuchermengen. Die Konstruktionen liegen tiefer als das Stegniveau, sodass historische Bezüge vollständig erhalten bleiben.

„Der Steg wird als zentrales museales Exponat behandelt.“

Welche städtebaulichen Perspektiven eröffnet der Standort an der ehemaligen innerdeutschen Grenze?

Städtebaulich entsteht eine neue Verbindung zwischen Treptow-Köpenick und Friedrichshain-Kreuzberg. Der Grenz- und Museumshafen fungiert somit als Bindeglied, schafft neue Wege über das Wasser und stärkt darüber hinaus die kulturelle Bedeutung des Ortes.

Museumshafen, Friedrichshain

© Visualisierung: Wilk Salinas Architekten, XOIO

Das Projekt ist in einer frühen Entwurfsphase, aber gibt es schon eine Idee, welche ökologischen oder materialspezifischen Strategien zum Einsatz kommen sollen, um den Eingriff in die Spree so schonend wie möglich zu gestalten?

Die Strategien beinhalten schwimmende Strukturen oder Punktfundamente, langlebigen Stahl mit kontrollierter Patinierung, modulare und rückbaubare Baukörper, potenzielle Photovoltaiknutzung, natürliche Kühlung durch die Spree und thermobehandelte Holzpontons.

„Die Strategien beinhalten (…) modulare und rückbaubare Baukörper, potenzielle Photovoltaiknutzung, natürliche Kühlung durch die Spree (…)“

Welche technischen oder genehmigungsrechtlichen Herausforderungen sehen Sie bis zum Baubeginn 2026?

Das Projekt entstand in einem kooperativen Werkstattprozess, in dem das Wasser- und Schifffahrtsamt, der Denkmalschutz, die Stadtplanung, die Bauaufsicht und die Umweltbehörden eng eingebunden waren. Dieser Austausch beschleunigte Entscheidungsprozesse und führte zu einem gut abgestimmten Gesamtkonzept. Herausfordernd sind die Abstimmungen mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt, dem Denkmalschutz, der Stadtplanung, der Bauaufsicht und den Umweltbehörden, die Anforderungen an schwimmende Maßnahmen, Besucherlenkung im Denkmalbereich, Emissionskontrolle sowie die nautischen Sicherheitsanforderungen.

Welche nächsten Schritte sind nun im Planungsprozess vorgesehen? 

Die nächsten Monate umfassen die Vertiefung des musealen Geschichtspfads, die Konkretisierung der modularen Bauweise und die landschaftliche Integration. Auch die Ausarbeitung nachhaltiger Materialien und die Planung der Logistik auf dem Wasser wird uns bevorstehen. Daraufhin schließen sich die Genehmigungs- und Realisierungsphasen an, jeweils abgestimmt auf die übergeordnete Projektstrategie

Frau Salinas, Vielen Dank für das Gespräch.

Ana Salinas, Wilk-Salinas Architekten

Ana Salinas von der ETSAM Madrid gründete gemeinsam mit Gilbert Wilk im Jahr 2004 das gleichnamige Architekturbüro Wilk-Salinas Architekten in Berlin. / © Foto: Wilk Salinas Architekten

Gil Wilk, Wil-Salinas Architekten

Gilbert Wilk studierte an der RWTH Aachen. Seit der Gründung liegt ihr gemeinsamer Fokus auf der Umgestaltung bestehender Bauten, auf Architektur im denkmalpflegerischen Kontext sowie auf der zeitgemäßen Weiterentwicklung besonderer Infrastrukturen. / © Foto: Wilk Salinas Architekten

Quellen: Wilk Salinas Architekten, Grenz- und Museumshafen Berlin

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