Warschau rekonstruierte seine historische Altstadt, Berlin entschied sich nach dem Zweiten Weltkrieg für einen anderen Weg. Im letzten Teil unserer Reihe richtet sich der Blick auf den Molkenmarkt – und die Frage, ob Berlin dort eine neue historische Mitte schaffen kann.

Kaum eine europäische Metropole hat ihre historische Mitte so häufig verändert und verloren wie Berlin. Mit dem Molkenmarkt bietet sich nun die Chance, historische Stadtstrukturen neu zu interpretieren. Doch gelingt der Hauptstadt ein überzeugender Stadtraum? / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Titelbild: P/E/P Architekten + Stadtplaner GmbH, Münster mit Kleihues + Kleihues GvA mbH, Berlin und Muck Petzet Architekten GmbH, München
In den ersten vier Teilen dieser Artikelreihe ging es um den Wiederaufbau Warschaus, die identitätsstiftende Kraft historischer Rekonstruktion und die Frage, warum Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg einen grundlegend anderen Weg einschlug.
Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich beide Partnerstädte mit Zerstörung, Erinnerung und dem Verlust ihrer historischen Zentren umgingen. Der Blick auf die verschwundene Berliner Altstadt zeigte zugleich, dass deren Verlust nicht allein eine Folge des Krieges war, sondern auch Ergebnis politischer und städtebaulicher Entscheidungen.
Berlin und Warschau: Was bleibt vom Traum der historischen Altstadt?
Im abschließenden Teil der Reihe richtet sich der Fokus nun auf die Frage, welche Konsequenzen Berlin daraus für seine historische Mitte gezogen hat, und welche Rolle der Molkenmarkt dabei spielt.
Bereits nach 1945 gab es im zerstörten Berlin großzügig angelegte und städteplanerisch utopisch anmutende Ideen zur Neugestaltung. Diese gab es auch nach dem Fall der Mauer im Herbst 1989.
Den damals politisch Verantwortlichen muss man ihre guten Absichten attestieren, die kulturpolitisch vorhandenen Hindernisse zu überwinden. Ab 1990 konzentrierte sich die Stadtplanung vor allem auf die Gestaltung des Potsdamer Platzes und der Friedrichstraße, weniger auf die komplexe „Überplanung“ des nun wieder vereinigten Berlins.
Nach dem Mauerfall: Das „Planwerk Innenstadt“ für das Zentrum Berlins
Der seit 1991 als Berliner Senatsbaudirektor agierende Hans Stimmann unternahm 1992 unter Leitung des damaligen Bausenators Peter Strieder mit seinem „Planwerk Innenstadt“ den Versuch, die beiden Stadthälften in einer langfristig angelegten Betrachtung zumindest gedanklich wieder zusammenzubringen.
Diese ersten Planungsempfehlungen enthielten unter anderem auch die Umgestaltung des Molkenmarktes. Stimmanns anspruchsvoller Masterplan, die städtebaulich markanten Berliner Blöcke an vielen Stellen der Stadt wiederherzustellen, führte zu kontroversen Diskussionen.

Der große Bauboom im Berlin der 1990er Jahre: Im Zentrum wurde der Potsdamer Platz neu errichtet, doch rund um die einstige Altstadt blieb eine Neukonzeption des Stadtraums vorerst aus. / © Foto: IMAGO
Mai 1999: Ein Leitbild für die städtebauliche Entwicklung der jungen Bundeshauptstadt
Ungeachtet dessen wurde das Ergebnis dieser Planungen im Mai 1999 vom Berliner Senat immerhin als Leitbild für die weitere städtebauliche Entwicklung festgeschrieben, darunter auch eine kleinteilige Bebauung des Areals zwischen Rathaus und Stadthaus, also des Molkenmarktes.
Lange Zeit passierte dazu allerdings nichts. Der Schwerpunkt dieses Planwerkes betraf übrigens nicht nur das Gebiet der Innenstadt, sondern auch für den Nordosten, Westen und Südosten der Stadt wurden eigene Planwerke erstellt.
Wiederherstellung der historischen Stadtmitte: Eine Charta für das Zentrum Berlins
Der Versuch einer planungspolitischen Verständigung zur Wiederherstellung der historischen Stadtmitte war von jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Bewahrung des Bestehenden und denjenigen, die sich für eine Reurbanisierung der Stadtmitte aussprachen, geprägt.
Diese Diskussionen spalteten die Lager in Ost und West. Dies war sicher auch einer der Gründe, weshalb sich im Jahr 2001 der Verein „Bürgerforum Berlin“ gründete, dem Ende des Jahres 2013 das Bürgerforum „Historische Mitte“ beitrat.
Beide sich einander ergänzenden Gremien bildeten sozusagen die „Planungsgruppe Stadtkern“, in der sich knapp 20 Autoren zusammengefunden haben und die Anfang 2014 die Charta für die Berliner Mitte präsentierte.
Denkmalwahrung und Wiedervereinigung der historischen Mitte: Die „Planungsgruppe Stadtkern“
Diese Charta geht vom Ansatz her über das Anliegen der Denkmalwahrung hinaus und benennt im Programm grundlegende Voraussetzungen und konkrete Forderungen hin zu einer Wiedervereinigung der historischen Mitte zu einem Ort des bürgerlichen Lebens.
Das Besondere dieser Charta ist somit eine zusammenhängende Betrachtung der beiden Altstadtkerne Berlin und Cölln, sodass die Debatten um die Entscheidungsfindung zu einzelnen Bereichen wie Molkenmarkt, Rathausforum und Sankt Petri eine gemeinsame Basis finden sollen.

Berlin und Warschau gingen beim Wiederaufbau ihrer historischen Zentren grundlegend unterschiedliche Wege. Während Warschaus Altstadt längst zum Wahrzeichen geworden ist, steht Berlin am Molkenmarkt noch immer vor einer entscheidenden städtebaulichen Aufgabe. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
April 2016: Beschluss zur Wiederherstellung des Molkenmarkts
Auf Basis des Planwerks Innenstadt aus dem Mai 1999 beschloss der Berliner Senat im April 2016 den Bebauungsplan zur Wiederherstellung des Molkenmarkts und wendete sich somit 27 Jahre nach dem Mauerfall endlich konkret der Neugestaltung des Gründungsortes Berlins zu.
Sämtliche vorherigen Versuche, die ehemals gemeinsame historische Stadtmitte als den Ort einer wiedervereinigten Stadtgesellschaft durch eine Rekonstruktion der Straßen und Plätze mit einer modernen, kleinteiligen Bebauung zurückzugewinnen, wurden vom Senat in den unterschiedlichsten politischen Konstellationen abgeblockt, zerredet und unnötig in die Länge gezogen.
Sommer 2021: Start des städtebaulichen Wettbewerbs
Im Sommer 2021 erfolgte der Start eines öffentlichen städtebaulichen Wettbewerbs zur Gestaltung des Molkenmarkts mit dem Ziel einer möglichst starken Annäherung an die historischen Grundrisse und einer altstädtischen Architektur, um dem ältesten Platz und Viertel Berlins gerecht zu werden.
Mit dem im August 2023 beschlossenen Rahmenplan für die Wiederherstellung des Molkenmarkts wurde nun der erste Teil der „Charta Molkenmarkt“ gestartet. Berlins Bausenator Christian Gaebler spricht in diesem Zusammenhang nicht von einer „historischen Rekonstruktion“, sondern von einer aktuellen Interpretation.
Neuordnung des Verkehrsraums rund um den Molkenmarkt
Am 19. Mai 2026 hat der Berliner Senat den Entwurf des Bebauungsplans beschlossen, nach einer jahrelangen Debatte. Die Planung sieht die Entwicklung eines Quartiers vor, das stärker auf zusätzliche Kultur- und Gewerbeflächen fixiert ist. Gleichzeitig bleiben 200 Wohnungen Bestandteil der Planungen.
Die Anpassung des bestehenden Planungsrechts steht im Zusammenhang mit der schrittweisen Neuordnung des Verkehrsraums in Berlin-Mitte und der Verlegung eines Abschnitts der Grunerstraße, die Teil der Bundesstraße 1 ist. Die Mitte Berlins wurde mittlerweile zum Städtebaufördergebiet erklärt.

Mit der Neujustierung (und Verlegung) der Grunerstraße wurden die Voraussetzungen für den Wiederaufbau des Molkenmarkts bereits gelegt, das Verkehrskonzept funktioniert bislang ohne größere Probleme. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Historische Altstadt Berlins: Wie viel Rekonstruktion ist möglich?
Mit der, in welcher Form auch immer, Wiederherstellung des Molkenmarktes ist die historische Mitte der Stadt natürlich nicht komplett. Mitnichten, denn außer dem Nikolaiviertel, das die DDR zur 750-Jahr-Feier 1987 in einer gelungenen Rekonstruktion und einer ortsadäquaten, ansprechenden Architektur wieder aufgebaut hatte, wird man neben dem wiederhergestellten Molkenmarkt weiterhin einen wesentlichen Teil der historischen Altstadt vermissen.
Aber soll der von einigen Historikern (u.a. der Stiftung Mitte Berlin) schmerzlich vermisste Rest auch in seiner ursprünglichen Form rekonstruiert werden? Es geht wohl mehr darum, sich den Realitäten zu stellen.
Alexanderplatz und Fernsehturm: Eine Rückkehr zur historischen Bebauung?
Bei allem Respekt vor diesem Ort und seiner Geschichte glaubt wohl niemand ernsthaft daran, dass der Freiraum rund um Alexanderplatz und Fernsehturm, mit den Rathauspassagen und der Karl-Liebknecht-Straße, durch derart radikale Maßnahmen zur alten historischen Bebauung zurückentwickelt wird.
Für den Geburtsort Berlins hatte der Berliner Senat im Jahr 2020 einen Wettbewerb zur Freiraumneugestaltung ausgelobt. Realisiert wird an dieser Stelle derzeit das Projekt „Rathausforum„, was vor allem die Schaffung modernen Grün- und Freiflächen im Fokus hat.
Molkenmarkt und Nikolaiviertel als Erinnerungsorte an die ehemalige Berliner Altstadt?
Mit dem Nikolaiviertel und dem dann wiederhergestellten Molkenmarkt wird wohl die letzte große „Baustelle“ Berlins als Erinnerungsort an die ehemalige Altstadt vorerst abgeschlossen sein. Sicher kann man darüber nachdenken, ob der Platz vor dem Roten Rathaus eine adäquate Einfassung braucht oder ob man den Neptunbrunnen, den ehemaligen Schlossbrunnen, wieder auf den südlich vor dem Humboldt Forum neu zu gestaltenden Platz verlegt.
Der Berliner Senat hat solche Gedankenspiele bislang aber stets abgelehnt, egal unter welcher politischer Führung. Sowohl die rotgrüne als auch die jetzige schwarzrote Regierungskoalition hat sich deutlich für einen Verbleib des Neptunbrunnens an seiner jetzigen Stelle ausgesprochen.

Visualisierung des Rathausforums, wie es in den kommenden Jahren zwischen Rotem Rathaus, Spreeufer und Fernsehturm umgesetzt werden soll. / © Grün Berlin GmbH
Humboldt Forum und Marx-Engels-Forum verändern Berlins historische Mitte
Mit dem Bau des Humboldt Forums an der Stelle des zuvor dort stehenden Palastes der Republik hat sich der Mittelpunkt der Altstadtbetrachtung eher dorthin verschoben.
Mit der gartenarchitektonischen Umgestaltung des Marx-Engels-Forums und dem Fernsehturm, der sich in der Stadtwerbung mittlerweile als ikonisches Wahrzeichen etabliert hat, sollte man aber auch denen Respekt erweisen, die vierzig Jahre lang in einem anderen politischen System und unter wirtschaftlich weitaus schwierigeren Bedingungen ihre Kraft zur Gestaltung von Berlins Mitte eingesetzt haben.
Unterschiede beim Wiederaufbau der Partnerstädte
Vergleicht man Warschau und Berlin hinsichtlich des Wiederaufbaus der historischen Altstädte, erkennt man schnell das wesentlichste Unterscheidungsmerkmal hinsichtlich Entscheidungsfindung und Umsetzung.
Während in Berlin die politischen Verhältnisse aufgrund des Vier-Mächte-Status bereits kurz nach Kriegsende durch die Alliierten und später nach der Teilung der Stadt einerseits durch Demokratie und andererseits durch Diktatur gekennzeichnet waren, bestimmten in Warschau von Anfang an die Kommunisten den Fortgang des Geschehens.
Stalin förderte den Wiederaufbau Warschaus
Der endgültige Beschluss zum Wiederaufbau Warschaus war auch ein Projekt, das auf Stalin zurückgeht. Den russischen Kommunisten war nach der Befreiung Warschaus bewusst, dass der umgehende Wiederaufbau Warschaus breite Schichten der Bevölkerung ansprechen und zusammenbringen würde.
Also wurde die Idee des Wiederaufbaus schnell propagiert, um die patriotische Stimmung für sich zu gewinnen und eine Begeisterung für die sozialistische Zukunft zu entfachen; die Idee fiel auf fruchtbaren Boden.

Das neue Zentrum der historischen Berliner Mitte? Nach dem erfolgreichen Wiederaufbau des einstigen Stadtschlosses in der modernen Form des „Humboldt Forums“ liegt der Fokus verstärkt auf dem Stadtraum zwischen Museumsinsel, Schloßbrücke und Nikolaiviertel. Der historisierende Bau geht dabei mit dem in den 1960er Jahren entstandenen Fernsehturm ganz neue, städtebauliche Bindungen ein. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Auch in Warschau gab es Befürworter und Gegner eines historischen Wiederaufbaus
Aber so problemlos, wie eventuell oberflächlich gedacht, verlief der Wiederaufbau wiederum auch nicht, denn auch in Warschau gab es die Fraktionen der Gegner und Befürworter des Wiederaufbaus der Altstadt.
So verlor zum Beispiel die Fraktion der Denkmalpfleger den Kampf um die Größe der Fläche für den historischen Wiederaufbau. Der Wiederaufbau fiel also kleiner aus, als von den Denkmalschützern gefordert.
Warschaus Altstadt: Rekonstruktion auf nur elf Quadratkilometern
Die Gesamtfläche Warschaus beträgt 141 Quadratkilometer, und vor dem Krieg gab es in Warschau 900 Baudenkmäler, wovon nach Kriegsende 30 Prozent völlig zerstört und 59 Prozent noch zur Rekonstruktion geeignet waren.
Der Rest bedurfte nur eines kleineren Restaurationsaufwandes. Die Rekonstruktion wurde auf lediglich elf Quadratkilometer festgelegt, was 733 Hektar entsprach und 5,2 Prozent der gesamten Stadtfläche Warschaus ausmachte.
Gotischer Grundriss als Basis für den Wiederaufbau Warschaus
Nach eingehenden Diskussionen wurde entschieden, dass die Altstadt auf dem alten gotischen Gründungsgrundriss mit seinem noch vorhandenen Systemnetz aus dem 13. Jahrhundert sowie der unterirdischen Infrastruktur aufgebaut werden sollte.
Der Wiederaufbau Warschaus wurde in den Wirtschaftsplan Polens aufgenommen und war somit Bestandteil der Wirtschaftsleistung des Landes. Nachdem der Wiederaufbau Warschaus relativ zügig nach Kriegsende in Angriff genommen worden war, konnte die Rekonstruktion Alt-Warschaus am 22. Juli 1956 beendet und der Öffentlichkeit übergeben werden.
Berliner Wahrheiten: Eine Stadt verliert immer wieder ihre Mitte

So soll es einmal aussehen am Molkenmarkt: In Los 4 überzeugte ein Berliner Vorhaben von Lederer Ragnarsdóttir gemeinsam mit Baumschlager Eberle als zentraler Kulturbaustein. Der Entwurf soll in den kommenden Jahren umgesetzt werden. / © Visualisierung: Lederer Ragnarsdóttir Architekten PartGmbB, Berlin mit Baumschlager Eberle Architekten GmbH, Berlin
Zur Wahrheit Berlins gehört aber auch, dass innerhalb Europas keine größere Metropole ihre Mitte so oft verloren hat wie Berlin. Zum einen durch flächendeckende Abrisse und die Vertreibung jüdischen Lebens vor dem Krieg durch die Nationalsozialisten, durch verheerende Kriegszerstörungen und die Aufbauplanungen der 1960er- und 1970er-Jahre.
Nach dem Bau der Mauer 1961 und ihrem Fall 1989, durch die Abwicklung der DDR und den damit verbundenen Abriss zentraler Bauten, nicht zu vergessen der Bauboom ab 1990/91 und die ungeduldig auf Rendite getrimmten Investoren, wurden die Planungen für Berlins Mitte immer wieder neu justiert, angepasst oder verworfen.
Gelingt Berlin ein gelungener, anspruchsvoller Wiederaufbau des Molkenmarkts?
Die Gemengelage war jeweils herausfordernd. Da wurde das Thema „Historische Altstadt“ sicher oft aufgrund anderer, vordergründig wichtigerer Bauthemen nach hinten geschoben. Der Fokus sollte daher nun auf einer überzeugenden und qualitätsvollen Wiederherstellung des Molkenmarkts liegen, der wie kaum ein anderer Ort für den historischen Ursprung Berlins steht.
Gelingt es, hier moderne Stadtentwicklung, historische Bezüge und eine kleinteilige, lebendige Nutzung miteinander zu verbinden, könnte das Quartier zu einem wichtigen neuen Baustein der Berliner Mitte werden.
Konkrete Planungen für eine weitergehende Rekonstruktion der historischen Altstadt bestehen derzeit ohnehin nicht. Umso wichtiger ist es, die vorhandene Chance am Molkenmarkt konsequent zu nutzen; und aus den jahrzehntelangen Debatten endlich einen überzeugenden Stadtraum entstehen zu lassen.
Quellen: TAZ, Museen der Stadt Dresden, Der Tagesspiegel, Deutsches Architektur Forum, Wikipedia, TU Kaiserslautern, Stiftung Mitte Berlin, P/E/P Architekten + Stadtplaner GmbH, Münster mit Kleihues + Kleihues GvA mbH, Berlin und Muck Petzet Architekten GmbH, München, Lederer Ragnarsdóttir Architekten PartGmbB, Berlin mit Baumschlager Eberle Architekten GmbH, Berlin
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Ich habe nichts gegen die von Stimmann betriebene Blockrandbebauung, über die beabsichtigte kleinteilige Bebauung wie auch den hohen Wohnanteil ans Sozialwohnungen habe ich im Zentrum der Stadt so meine Probleme, wie auch mit der beabsichtigten Ladenwelt. In Berlin stehen immer mehr Läden leer. Der Molkenmarkt ist umgeben, ja gar eingesperrt von vierspurigen Straßen mit Mittelstreifen, im Osten steht das auch nicht unbedingt besonders hübsche, aber insbesondere jede Kleinteiligkeit aufhebende Alte Stadthaus, diesem Gebäude gegenüber in der Parochialstraße ein ebenfalls jede Kleinteiligkeit sprengender öffentlicher Verwaltungsbau.
Im Süden des Molkenmarktes befindet sich die Alte Münze sowie sehr großteilige Neubauten an der vierspurigen Stralauer Straße, auf der fußgängermäßig zu jeder Tageszeit nichts, aber auch so gar nichts los ist. Wer soll denn die geplante Geschäftswelt am Molkenmarkt „fluten“. Vom Nordwesten her zeigen das Rote Rathaus wie auch die gesamte Bebauung in der Rathausstraße bis zum Alexanderplatz dem Molkenmarkt „die kalte Schulter“. Gastronomie wie auch Geschäftswelt an der Rathausstraße sowie Alexanderplatz leidet an mangelndem Kundeninteresse, nicht umsonst steht Galeria-Kaufhof am Alexanderplatz auf der Kippe. Welche Geschäfte sollen am Molkenmarkt eigentlich eröffnet werden? Schon mit Rücksicht auf die zu erwartende Gewerbemiete dürften wieder nur die üblichen Ketten einziehen, die es in Berlin zuhauf gibt und einem das Flanieren in der Stadt, wenn man vom Ku’damm absieht, verleiden! Für sozialen Wohnungsbau werden doch dort Preise aufgerufen, die sich auch mit WBS keiner leisten kann. Richtig auch: Die Alternative wären gehobene Mieterschichten. Ob die aber zu den vierspurigen, sehr verkehrsbelasteten Straßen hin oder im „Inneren“ des Molkenmarktes in kleinteiligen Häusern mit entsprechend kleinen Wohnungen wohnen wollen? Darf bezweifelt werden. Ganz nebenbei ist auch anzumerken, dass im zu DDR-Zeiten geschaffenen Viertel um die Nikolaikirche weitestgehend ganzjährig und ganztägig „tote Hose“ vorherrscht.
Und die für den Molkenmarkt vorgestellte Architektur überzeugt einfach nicht. Im Grunde sind das 50er-/60er-Jahre bauten, auf die man Dächer mit historischen Anklängen, ein paar Erker und Rundbögen geklebt hat, was die Bauten irgendwie eklektizisch macht. Das ist alles nichts Halbes und nichts Ganzes! Wenn man dann wirklich der Quelle Berlins, dem ältesten Teil der Stadt als Grundüungsteil hätte die Ehre erweisen wollen, hätte man tatsächlich originalgetreu rekonstruieren müssen. Aber erstens stellt sich – wie ich schon anderweitig hier im Forum festgestellt hatte – die Frage, welche Epoche dann architektonisch wiedergegeben werden soll, man müsste konsequenterweise auf die Urbebauung abstellen, wenn es dafür überhaupt noch Zeichnungen gibt, und sich dann auch damit auseinandersetzen, dass das Mittelalter in den Städten alles andere als idyllisch war.
Ansonsten hätte ich mir hier eine anspruchsvolle moderne großteiligere Bebauung gewünscht, womit das Thema wieder tot wäre, weil anspruchsvoll und modern in Berlin, in Deutschland insgesamt nur selten funktioniert. Also werden wir auch am Molkenmarkt mit dem angekündigten Mittelmaß (das Stimmann im Übrigen ausdrücklich bevorzugte) leben müssen!
Muss natürlich „eklektizistisch“ heißen!
Welche Epoche rekonstuiert werden soll, wenn man den Weg der Rekonstruktion gehen möchte?
Nun, in Warschaus Altstadt hatte man entschieden, so originalgetreu wie möglich zu rekonstruieren, und zwar jeweils das historische Gebäude, das visuell durch Stich, Zeichnung oder Fotografie überliefert ist und auf der Zeitachse am weitesten zurückliegt.. Hier und da haben sie fünfe aber auch gerade sein lassen… und nicht als Argument gegen die Rekonstruktion benutzt. Man muss da auch nicht päpstlicher als der Papst sein.
Natürlich kann man da diskutieren, es sind da viele Meinungen möglich, aber am Ende hätte man sich geeinigt und Berlin hätte ein in der Anmutung und im Erscheinungsbild historisches Zentrum bekommen.
Jetzt bekommt Berlin ein hist. Zentrum, an dem nichts historisch ist oder wenigstens historisch anmutet.
Ich gehe davon aus, dass auf kurz oder lang die Plattenbauten an der Rathaus- und Karl Liebknechtstr ebenso wie das monströse Parkhaus an der Grunerstr durch ähnliche Strukturen wie im jetzt geplanten Molkenmarkt ersetzt werden (Traufhöhe und Kleinteiligkeit). Schon allein um die alten Strassen- und Wegeverbindungen, d.h. die Zugänglichkeit wiederherzustellen und die Trenn- und Riegelwirkung der Plattenbauten durch die sozialistische Stadtplanung zu korrigieren. Alle Altstadtviertel wären dann wieder erkennbar und erlebbar miteinander verbunden- auch wenn z. Bsp. das Marienviertel tatsächlich auf Jahrzehnte hinaus nur als Grünanlage gestaltet bliebe. Die breiten Strassen rund um den Molkenmarkt werden auf Dauer nur durch Verringerung der AutoFahrspuren und durch Schaffung von Strassenbahntrassen und konsequente, alleeartige Baumbepflanzung menschenfreundliche Gestalt annehmen (auch wenn das ahistorisch wäre). Menschenfreundlichkeit ist nämlich zwingend erforderlich, sonst gewinnt die historische Altstadt/ Innenstadt nicht die Attraktivität für Fussgänger, Touristen und Bewohner, die sie gewinnen muss um auch als Geschäfts- und Ausgehviertel ausreichend attraktiv zu werden- und zwar für alle Bewohner Berlins. Dies ist ja bis zum heutigen Tag überhaupt nicht der Fall. Allein deshalb bleibt das Thema Altstadt/ hist. Innenstadt (Molkenmarkt/ Marienviertel/ Nikolaiviertel / Petriviertel/ Fischerinsel) ganz gewiss noch Jahrzehnte auf der Tagesordnung. Auf wenn alle glauben, das Thema sie jetzt endlich durch.
. .Auch wenn alle glauben, das Thema Altstadt bzw hist. Innenstadt sei jetzt endlich durch..
Ein sehr guter, informativer und fundierter Artikel. Danke!