Neue Bahnstrecken, sichere Radwege oder mehr Platz für Autos: Die Parteien setzen bei Berlins Verkehr auf deutlich unterschiedliche Konzepte.

© Titelbild: BVG / Wolfgang Hemmann

 

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Kaum ein politisches Thema sorgt in Berlin für so viele Konflikte wie der Verkehr. Es geht um verspätete Busse und Bahnen, marode Brücken, fehlende Radwege, Parkplätze, Tempo 30 und den Weiterbau der A100. Gleichzeitig wächst die Stadt. Neue Wohnquartiere brauchen leistungsfähige Anschlüsse, während bestehende Straßen- und Schienennetze vielerorts saniert werden müssen.

Die Parteien versprechen daher nicht nur neue Infrastruktur. Sie beantworten auch eine grundsätzliche Frage unterschiedlich: Soll der begrenzte Straßenraum stärker zugunsten von Bus, Bahn, Fahrrad und Fußverkehr umgebaut werden? Oder sollen alle Verkehrsmittel ihren bisherigen Platz behalten und der Autoverkehr wieder flüssiger werden?

ENTWICKLUNGSSTADT vergleicht vor der Wahl die stadtentwicklungspolitischen Konzepte von CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und AfD. Der dritte Teil der Serie zeigt, welche Prioritäten die fünf derzeit größten Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus beim öffentlichen Nahverkehr, beim Radverkehr, beim Auto und bei der Verteilung des Straßenraums setzen.

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SPD: Zehn-Minuten-Takt und Ausbau von Straßenbahn und U-Bahn

Die SPD will mehr Berlinerinnen und Berliner zum Umstieg vom eigenen Auto bewegen. Dafür soll der öffentliche Nahverkehr flächendeckend mindestens im Zehn-Minuten-Takt fahren – in der Innenstadt ebenso wie in den Außenbezirken. Wohngebiete und Schulen sollen höchstens 300 beziehungsweise 400 Meter von einer Haltestelle entfernt liegen. Mehr Busspuren und Vorrangschaltungen sollen Busse und Bahnen beschleunigen. In Randlagen und zu verkehrsarmen Zeiten will die Partei autonom fahrende Kleinbusse einsetzen. Die SPD setzt sich auf Bundesebene dafür ein, das Deutschlandticket wieder dauerhaft für 49 Euro anzubieten.

Beim Netzausbau setzt die SPD auf Straßenbahn und U-Bahn. Vorrang nennt sie für die Tramverbindungen von Turmstraße über die Urban Tech Republic und das Schumacher-Quartier nach Spandau, von der Warschauer Straße zum Hermannplatz sowie vom Alexanderplatz zum Kulturforum. Die begonnenen Planungen für die U3 zum Mexikoplatz, die U7 zum BER und zur Heerstraße Nord sowie die U8 ins Märkische Viertel will sie fortsetzen. Zusätzlich soll eine U-Bahn-Verbindung vom Alexanderplatz nach Hohenschönhausen geplant werden. Die Partei bekennt sich zum Berliner Mobilitätsgesetz und fordert eine gerechtere Verteilung der Verkehrsflächen, ohne das Auto grundsätzlich aus der Stadt verdrängen zu wollen. 

Das Bild zeigt eine Straßenbahn in der bestehenden Wendeschleife westlich des Blockdammwegs in Karlshorst. Die Anlage kann bislang nur aus Richtung Schöneweide beziehungsweise Karlshorst angefahren werden.

Ein dichter Takt im Berliner Nahverkehr gilt als Schlüssel für eine attraktive Mobilität. Mehrere Parteien setzen sich bei der Berlin-Wahl 2026 für häufigere Verbindungen im Bus-, Straßenbahn- und U-Bahn-Netz ein. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

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CDU: Auto, Rad und ÖPNV sollen gleichberechtigt funktionieren

Die CDU stellt die freie Wahl des Verkehrsmittels in den Mittelpunkt ihres Regierungsprogramms. Das Auto bezeichnet sie als unverzichtbar für Familien, Pendler, Pflegedienste und Handwerksbetriebe. Tempo 50 soll auf Hauptstraßen grundsätzlich gelten, sofern die Verkehrssicherheit keine niedrigere Geschwindigkeit erfordert. Die Partei will vorhandene Parkplätze erhalten, Kiezblocks und zusätzliche Poller ablehnen sowie die A100 und die Tangentialverbindung Ost weiter vorantreiben. Gleichzeitig soll der Sanierungsstau bei Straßen und Brücken abgebaut werden. Der Erhalt der bestehenden Infrastruktur hat dabei Vorrang vor neuen Straßenbauprojekten. 

Beim öffentlichen Nahverkehr setzt die CDU zunächst auf Zuverlässigkeit. Sie unterstützt den BVG-Kurs „Stabilität vor Wachstum“ und will mehr Personal, verfügbare Fahrzeuge, modernisierte Werkstätten und digitale Steuerungssysteme finanzieren. Geplant sind außerdem die Teilautomatisierung ausgewählter U-Bahn-Linien sowie weitere Planungen für die Verlängerung der U2, U3, U6, U7, U8 und U9. Auch die Siemensbahn und die Verlängerung der S75 bis zum Karower Kreuz nennt das Programm als Schwerpunkte. Straßenbahnen sollen dort ausgebaut werden, wo sie neue Quartiere erschließen oder verkehrlich und wirtschaftlich sinnvoll sind. Beim Radverkehr will die CDU zunächst bestehende Wege sanieren, Netzlücken schließen und bestehende Radvorrangverbindungen weiterentwickeln. Neue Radwege sollen nur dort entstehen, wo ein konkreter Bedarf und ein Sicherheitsgewinn bestehen.

Grüne: Verkehrswende, Mobilitätsgarantie und weniger Autoverkehr

Die Grünen wollen den sogenannten Umweltverbund aus Bus, Bahn, Fahrrad und Fußverkehr deutlich stärken. Eine Mobilitätsgarantie soll in der gesamten Stadt ein verlässliches Angebot sichern. Der Zehn-Minuten-Takt soll als Basisangebot ausgeweitet werden, auch abends, am Wochenende und in den Außenbezirken. Geplant sind außerdem ein stärkerer Straßenbahnausbau, zweigleisige S-Bahn-Strecken, die Fertigstellung von Heidekrautbahn und Siemensbahn sowie bessere Verbindungen zwischen Berlin und Brandenburg. Langfristig sollen U-Bahnen auch an Werktagen nachts fahren. Für Menschen mit geringem Einkommen wollen die Grünen ein bundesweit gültiges Klimaticket für neun Euro einführen. 

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Den Straßenraum wollen die Grünen zugunsten sicherer Rad- und Gehwege, des öffentlichen Nahverkehrs, von Stadtgrün und Aufenthaltsflächen neu verteilen. Sie unterstützen die Ziele der Initiative „Berlin autofrei“, die den motorisierten Individualverkehr in der Innenstadt reduzieren will, und befürworten eine Abstimmung über deren Gesetzentwurf. Parkraumbewirtschaftung und höhere Gebühren für Anwohnerparkausweise sollen den öffentlichen Raum effizienter nutzen und zusätzliche Einnahmen für den ÖPNV schaffen. Den 17. Bauabschnitt der A100 und die derzeit geplante vierspurige Tangentialverbindung Ost lehnt die Partei ab. Stattdessen setzt sie dort auf den Ausbau der Schiene und den Schutz der Wuhlheide. 

Die Linke: Günstiger Nahverkehr und Vorrang für den Umweltverbund

Die Linke setzt den Schwerpunkt auf einen günstigen und flächendeckenden öffentlichen Nahverkehr. Bis 2035 sollen mindestens 90 Prozent aller Wege innerhalb Berlins mit Bus, Bahn, Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt werden. Den Preis des Sozialtickets will sie wieder auf neun Euro senken. Hinzu kommen ein Deutschland-Sozialticket, Vergünstigungen für Schülerinnen und Schüler sowie Seniorinnen und Senioren und ein kostenloses Ticket für berechtigte Kinder und Jugendliche. Wer sein Auto abgibt, soll im Rahmen des Programms „Tschüss Auto, Hallo D-Ticket“ ein Jahr lang kostenlos das Deutschlandticket erhalten. Langfristig strebt die Partei einen fahrscheinlosen, solidarisch finanzierten Nahverkehr an. 

Beim Ausbau setzt Die Linke stark auf die Straßenbahn. Gestoppte Planungen wie Alexanderplatz–Kulturforum und Johannisthal–Gropiusstadt sollen wieder aufgenommen werden. Weitere Strecken, unter anderem nach Jungfernheide, zum Hermannplatz, nach Blankenburg und in Richtung Spandau, will sie beschleunigen. Neue Autobahnen lehnt die Partei ab. Die A100 soll am Treptower Park enden; der 17. Bauabschnitt soll aus dem Flächennutzungsplan gestrichen werden. Bei Konflikten um neue Straßenbauprojekte soll der Umweltverbund Vorrang erhalten. Straßen und Brücken will die Partei dennoch erhalten und auf Grundlage des Masterplans Brücken systematisch sanieren. 

Symbolbild der Berliner Stadtautobahn A100. Das Bild veranschaulicht die Debatte um den Weiterbau der Autobahn im Berlin-Wahl-Check 2026 zum Thema Verkehr und Mobilität.

Die A100 gehört zu den umstrittensten Verkehrsprojekten Berlins. Während einige Parteien den Weiterbau befürworten, lehnen andere eine Verlängerung der Stadtautobahn ab. / © Foto: IMAGO

AfD: Ausbau des ÖPNV bei gleichzeitiger Stärkung des Autoverkehrs

Die AfD will den öffentlichen Nahverkehr leistungsfähiger machen und versteht ihn als Voraussetzung für freiwillige Mobilitätsentscheidungen. Das Wahlprogramm fordert eine Personaloffensive bei BVG und S-Bahn, den zügigen Ausbau des Schienennetzes sowie den Einsatz moderner Verkehrssysteme wie Seilbahnen. Neue Stadtgebiete sollen erst bezogen werden, wenn leistungsfähige ÖPNV-Anbindungen vorhanden sind. Außerdem setzt sich die Partei für optimierte Vorrangschaltungen, die Einführung digitaler Zugleittechnik (CBTC), eine bessere Einbindung des Regionalverkehrs sowie gemeinsame Sicherheits- und Sauberkeitsstreifen auf allen U-Bahn-Linien ein. Ein Mobilitätskonto soll ÖPNV, Carsharing und Mikromobilitätsangebote in einem einheitlichen Ticketsystem bündeln. 

Der motorisierte Individualverkehr bleibt nach Auffassung der AfD ein unverzichtbarer Bestandteil der Mobilität in Berlin. Die Partei fordert die Realisierung des 17. Bauabschnitts der A100, ein Infrastruktur-Monitoring für Straßen und Parkraum sowie eine bessere digitale Baustellenkoordination. Kiezblocks lehnt sie ab und spricht sich stattdessen für einen verbesserten Verkehrsfluss auf Hauptverkehrsstraßen aus. Darüber hinaus sollen Park-and-Ride-Anlagen ausgebaut, der Wirtschaftsverkehr durch ein Logistikkonzept gestärkt sowie Lade- und Lieferzonen und digital reservierbare Stellflächen für Handwerks- und Lieferbetriebe geschaffen werden.

Berliner Verkehrspolitik: Der Straßenraum bleibt der zentrale Konflikt

Alle fünf Parteien wollen den öffentlichen Nahverkehr zuverlässiger machen und die marode Infrastruktur sanieren. Selbst CDU und AfD, die dem Auto den größten Stellenwert einräumen, fordern Investitionen in Busse, Bahnen und neue Schienenverbindungen. Die Unterschiede liegen daher weniger in der Frage, ob Berlin einen leistungsfähigen ÖPNV braucht. Sie zeigen sich vor allem bei der Finanzierung, dem bevorzugten Verkehrsmittel und der Verteilung des Straßenraums.

Für die nächste Berliner Regierung wird entscheidend sein, welche Projekte finanziert und tatsächlich geplant werden können. Neue U-Bahn-Strecken benötigen häufig Jahrzehnte bis zur Fertigstellung. Straßenbahnlinien lassen sich meist schneller realisieren, stoßen aber regelmäßig auf Konflikte um Fahrspuren und Parkplätze. Die Verkehrswahl entscheidet damit nicht nur über einzelne Strecken. Sie bestimmt, wie der öffentliche Raum in Berlin künftig verteilt wird.

 

Quellen: Wahlprogramme der SPD, CDU, Bündnis 90 / Die Grünen, Die Linke und AfD für die Berlin-Wahl 2026

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