Mit der Sprengung zweier Flutlichtmasten am Jahnsportpark beginnt am Donnerstag in Prenzlauer Berg ein neues Kapitel, und zugleich endet ein Stück Berliner Sportgeschichte. Während auch das ehemalige SEZ in Friedrichshain ebenfalls vor dem Abriss steht, stellt sich erneut die Frage: Wie geht Berlin mit seinem prägenden DDR-Erbe um?

SEZ und Cantianstadion: Zwischen Inklusionspark und Wohnquartier ringt Berlin erneut mit der Frage, wie viel Ostmoderne die Stadt bewahren will. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

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Am morgigen Donnerstag wird es rund um den Mauerpark in Prenzlauer Berg zu einem äußerst seltenen Schauspiel kommen, denn zwei der vier ikonischen Flutlichtmasten sollen um 11 Uhr gesprengt werden.

Die Sprengung ist Teil der laufenden Abrissarbeiten des in den 1950er Jahren errichteten und Ende der 1980er Jahre baulich erweiterten Cantianstadions, an dessen Stelle nach Wünschen des Berliner Senats ein neues, modernes Leichtathletikstadion gesetzt werden soll.

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Stadion-Abriss im Jahnsporpark: Mehr als ein Jahrzehnt Debatte ging voraus

Dem Abriss war eine mehr als zehn Jahre andauernde Debatte um die zukünftige Nutzung des Areals Jahnsportpark inklusive des Leichtathletikstadions vorausgegangen, die bis zuletzt erbittert geführt wurde und wird, mit Eilanträgen, Gerichtsurteilen, Klagen und Gegenklagen.

Gegen den Umbau der bestehenden Sportanlage in einen Inklusionspark hatten sich Anwohnende, Natur- und Denkmalschützer gestemmt und die Pläne für das Gelände als zu dicht, als zu wenig umweltfreundlich, als zu überdimensioniert kritisiert – und mittlerweile sogar ein Alternativkonzept präsentiert.

Mauerpark: Zwei der vier ikonischen Flutlichtmasten verschwinden aus dem Stadtbild

Nach allem Hin und Her wird am Donnerstag aber letztlich ein, wie man so schön sagt, „identitätsstiftendes Merkmal“ des Stadtbildes im beliebten Kiez zwischen Schönhauser Allee und Mauerpark verschwinden, zumindest teilweise.

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Denn zwei der vier Flutlichtmasten werden erhalten bleiben und sollen auch im zukünftigen Inklusionspark weithin sichtbar bleiben. Damit ergibt sich zugleich eine schnell sichtbare Parallele zum nahenden Abriss des einstigen Sport- und Erholungszentrums (SEZ) an der Landsberger Allee. Noch so ein umstrittenes Abrissvorhaben, noch ein wichtiges Bauwerk mit prägender DDR-Vergangenheit.

Ehemaliges SEZ in Friedrichshain: Im März rollen auch hier die Abrissbagger

Auf dem Gelände südlich des Volksparks Friedrichshain soll allerdings keine neue Sport- und Freizeitstätte entstehen, sondern ein Wohnquartier sowie eine Schule – beides dringend benötigt.
Wie auch an der Schönhauser Allee allerdings sollen einige markante Bauteile des einstigen Spaßbades erhalten und auf dem zukünftigen Wohn- und Bildungscampus platziert werden, als Gestaltungsmerkmal.

Damit soll daran erinnert werden, welches Gebäude einst auf dem weitläufigen Grundstück gestanden hat. Der Abriss soll nach Informationen der WBM im März 2026 beginnen. Noch mehr als beim Jahnsportpark streiten sich beim SEZ verschiedenste Akteure darum, ob das an vielen Stellen völlig marode Gebäude nicht doch erhaltenswert ist und nicht gar unter Denkmalschutz gestellt werden sollte.

Markante Teile des SEZ sollen auf dem neuen Wohn- und Bildungscampus erhalten bleiben

Wie auch beim Jahnsportpark ging dem Abriss eine jahrelange Debatte voraus, inklusiver komplexer Eigentumsverhältnisse und juristischer Auseinandersetzungen, die bis vor die höchsten Bundesorgane getragen wurde.

Am Ende half es jedoch auch hier nichts; die Abrissbagger werden rollen, in zwei Phasen soll das einst beliebte Freizeitzentrum abgetragen werden, um die Fläche für die Neugestaltung des Areals zu schaffen.

Andernorts wird die „Ostmoderne“ erhalten, aber bei Jahnsportpark und und SEZ kommt der Abriss

Während andernorts wichtige Vertreter der sogenannten „Ostmoderne“ erhalten und aufwendig restauriert und für eine moderne Nutzung umgestaltet werden, endet in diesem Frühjahr die städtebauliche Geschichte zweier Bauwerke, die in ihren Kiezen einerseits prägend und kaum wegzudenken waren, gleichzeitig allerdings auch völlig vernachlässigt worden sind.

Einzelne Teile dieser früheren Areale zu erhalten, könnte als Eingeständnis des Berliner Senats sowie der beteiligten Projektverantwortlichen verstanden werden, um die großen Bedenken und die Proteste der Abrissgegner zumindest symbolisch zu würdigen.

Trotz erhaltener Elemente: Für viele Abrissgegner bleibt nur Enttäuschung

Für all jene, die sich für den Erhalt der Gebäude eingesetzt haben, ist dies vermutlich nur ein schwacher Trost. Die Geschichte des Cantiansadions sowie des SEZ aus dem Stadtbild nicht vollends zu tilgen, sondern pointiert in die neuen Quartiere zu integrieren, ist dennoch ein nicht zu unterschätzender Schritt, der die bewegte Geschichte des Geländes sichtbar machen kann.

Trotz der Möglichkeiten, die beide Neubauprojekte für Sportvereine, professionelle Strukturen im Breiten- und Leistungssport und für die Schaffung neuer Wohn- und Bildungsflächen bieten, bleibt bei vielen Anwohnern und Aktivisten, die sich gegen den Abriss eingesetzt haben, Verbitterung übrig. Ein Gefühl, das wohl auch durch den Erhalt einiger Elemente der früheren Anlagen nur geringfügig gelindert werden kann.

SEZ Areal

Nach den Entwürfen des Büros Stefan Forster könnte sich das künftige SEZ-Areal so aus Richtung Volkspark Friedrichshain als neues Wohnquartier zeigen. Die Gebäude sollen in serieller und modularer Bauweise errichtet werden und rund 680 Wohnungen für etwa 1.500 Menschen bieten. Vier ikonische Stahstützen sollen auf dem Gelände installiert werden. / © Visualisierung: Stefan Forster GmbH

Das SEZ im Jahr 1987 aus der Vogelperspektive.

© Foto: Wikimedia Commons, Gerd Danigel, CC BY-SA 4.0

So soll der Neubau des Stadions im Jahnsportpark aussehen. / © Visualisierung: O+M Architekten GmbH

SEZ
Cantianstadion

Quellen: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, WBM, O+M Architekten GmbH

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