Der Nettelbeckplatz in Berlin-Wedding trägt nun den Namen Martha-Ndumbe-Platz; ein Schritt hin zu einer dekolonialen Erinnerungskultur. Die Umbenennung würdigt eine Schwarze Berliner NS-Verfolgte und könnte einen Wandel im Umgang mit kolonialer Vergangenheit markieren.

Martha Ndumbe steht für eine verdrängte Geschichte, die nun im Berliner Stadtraum sichtbar wird. Die Umbenennung des Platzes in Wedding ist Teil eines umfassenderen gesellschaftlichen Diskurses. / © Foto: IMAGO / Jürgen Ritter
© Fotos: IMAGO / Jürgen Ritter
Mit der offiziellen Umbenennung des traditionsreichen Nettelbeckplatzes in Berlin-Wedding in Martha-Ndumbe-Platz setzt der Bezirk Mitte ein sichtbares Zeichen für eine kritischere Auseinandersetzung mit kolonialer Vergangenheit und für ein vielfältigeres Erinnern – so jedenfalls will das Bezirksamt die Umbenennung des Platzes verstanden wissen. Die feierliche Zeremonie, an der rund 100 Menschen teilnahmen, markierte das Ende eines langen Beteiligungsprozesses, und zugleich den Beginn einer neuen öffentlichen Debatte.
Der neue Name ehrt Martha Ndumbe, eine Schwarze Berlinerin, die 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück ermordet wurde. Der Platz war zuvor nach Joachim Nettelbeck benannt, einem Seemann und Symbolfigur des preußischen Patriotismus, zugleich aber auch Befürworter des Sklavenhandels und Kolonialismus.
Martha-Ndumbe-Platz: Neuer Name mit historischer und politischer Bedeutung
Martha Ndumbe wurde 1902 in Berlin geboren. Als Tochter eines kamerunischen Vaters und einer deutschen Mutter wuchs sie in einer Zeit auf, in der koloniale Strukturen das gesellschaftliche Bild prägten. Während des Nationalsozialismus wurde sie mehrfach diskriminiert und schließlich inhaftiert. Am 5. Februar 1945 starb sie im KZ Ravensbrück.
Mit der Umbenennung wird nun erstmals in Berlin ein zentraler Platz nach einer Schwarzen Frau benannt, deren Biografie Kolonialismus, Geschlecht und NS-Geschichte miteinander verbindet. Damit soll auch an die Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland erinnert werden, die in der öffentlichen Erinnerung bislang kaum sichtbar ist.
Historischer Namensgeber im Fokus: Kritik an Joachim Nettelbeck
Die Umbenennung folgt einer intensiven Debatte über den bisherigen Namensgeber Joachim Nettelbeck. Dieser galt lange Zeit als Held des Befreiungskrieges gegen Napoleon. Neuere Forschungen zeigen jedoch seine Rolle als Befürworter des Sklavenhandels und des Kolonialismus.
Für viele Initiativen und Anwohnerinnen und Anwohner war es daher nicht mehr zeitgemäß, dass ein zentraler Platz in Wedding seinen Namen trägt. Die Entscheidung zur Umbenennung wurde nach einer umfangreichen Beteiligung der Öffentlichkeit getroffen: Mehr als 500 Vorschläge gingen ein, drei Favoriten kamen in die engere Auswahl. Am Ende entschied sich die Bezirksverordnetenversammlung für Martha Ndumbe.
Unterschiedliche Perspektiven und Proteste rund um die Zeremonie in Berlin-Wedding
Während viele Anwesende die Umbenennung als wichtigen Schritt in Richtung einer dekolonialen Erinnerungskultur begrüßten, gab es auch kritische Stimmen; nicht gegen die Person Ndumbes, sondern gegen den Kontext der Zeremonie.
Am Vortag hatte das Bezirksamt Mitte die sogenannte Friedensstatue „Ari“ in Moabit abbauen lassen, ein Symbol des Gedenkens an Opfer sexueller Gewalt im Krieg. Vertreterinnen des Vereins Decolonize Berlin, der die Umbenennung maßgeblich vorangetrieben hatte, kritisierten diese Entscheidung und warfen der Bezirksregierung Doppelmoral vor. Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger blieb der Veranstaltung fern.
Nettelbeckplatz in Berlin-Mitte: Beteiligung der Zivilgesellschaft als Schlüsselprozess
Bemerkenswert an diesem Vorgang ist nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Weg dorthin. Der Namensfindungsprozess war einer der partizipativsten seiner Art in Berlin: Mehr als 500 Namensvorschläge aus der Bevölkerung wurden eingereicht, eine Jury aus Initiativen, Anwohnenden und Institutionen traf eine Vorauswahl.
Die endgültige Entscheidung der Politik war somit das Resultat eines breiten gesellschaftlichen Diskurses. Viele Beteiligte sehen darin ein positives Signal für künftige Prozesse, die aktiv mit der kolonialen Vergangenheit Berlins umgehen.
Martha-Ndumbe-Platz: Ein neuer Erinnerungsort im Wedding
Mit dem Martha-Ndumbe-Platz entsteht damit ein neuer Erinnerungsort, der nicht nur an eine Person, sondern an eine verdrängte Geschichte erinnert. Er will für die Sichtbarmachung marginalisierter Perspektiven und für den Anspruch stehen, den öffentlichen Raum diverser und gerechter zu gestalten.
Gleichzeitig zeigt die Debatte, dass Erinnerungspolitik in Berlin vielschichtig und konfliktreich ist, und dass die Auseinandersetzung mit kolonialen Kontinuitäten nicht mit einer Umbenennung endet, was zuletzt auch die Kontroverse um die Umbenennung der Mohrenstraße gezeigt hat.
Quellen: Decolonize Berlin, IMAGO, Bezirksamt Mitte, Berliner Zeitung, RBB, Berliner Morgenpost
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