An den Liesenbrücken in Gesundbrunnen ist der Verkehr gesperrt. Zugleich bleibt offen, was aus den historischen Bahnbrücken und früheren Plänen wird.

Der Straßenbereich unter den Liesenbrücken in Gesundbrunnen ist derzeit großflächig abgesperrt. Ein Arbeitsgerüst steht unmittelbar unter der genutzten Bahnbrücke. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT
An den Liesenbrücken in Gesundbrunnen fallen derzeit Bauzäune, Straßensperren und ein Arbeitsgerüst unter der Bahntrasse auf. Was genau dort gemacht wird, ist bislang nicht öffentlich erklärt. Dabei lohnt sich der Blick auf den Ort auch unabhängig von der aktuellen Baustelle: Kaum eine Berliner Bahnbrücke war in den vergangenen Jahren mit so vielen unterschiedlichen Zukunftsplänen verbunden.
- Bezirk: Berlin-Mitte
- Adresse: Kreuzung Gartenstraße, Liesenstraße, Scheringstraße und Ackerstraße, 13355 Berlin
- Projektstatus: Arbeiten und Straßensperrung
- Besonderheiten: Denkmalgeschützte Eisenbahnbrücken aus dem späten 19. Jahrhundert; mehrere frühere Pläne
Der kleine Straßenknoten unter den Liesenbrücken ist derzeit teilweise abgesperrt. Unter einer der flachen Brücken steht ein Arbeitsgerüst, während die S-Bahn weiter über die Trasse fährt. Aktuelle Verkehrsdaten führen lediglich die Liesenstraße als gesperrt und melden für die Gartenstraße eine Sperrung wegen Bauarbeiten. Eine konkrete Projektmeldung des Bezirks zu den Arbeiten gibt es nicht. Eine Anfrage von ENTWICKLUNGSSTADT ließ der Bezirk bisher unbeantwortet.
Auch die DB führt die Liesenbrücken nicht unter ihren größeren angekündigten Berliner Bauprojekten für 2026. Die Bahn weist allerdings darauf hin, dass kurzfristige Instandhaltungsarbeiten zusätzlich stattfinden können.

An den Liesenbrücken in Gesundbrunnen ist der Straßenbereich unter der Bahntrasse derzeit mit Bauzäunen abgesperrt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Liesenbrücken in Gesundbrunnen stammen aus dem 19. Jahrhundert
Deutlich älter als die aktuellen Arbeiten ist die Geschichte der Brücken selbst. Das Landesdenkmalamt datiert die Anlage auf die Jahre 1890 bis 1896. Für den Ausbau der Berlin-Stettiner Eisenbahn entstanden zunächst drei eingleisige Fachwerkbrücken. Ihre Spannweiten lagen zwischen 64 und 82 Metern.
1896 folgte östlich davon eine größere zweigleisige Konstruktion, die einen 94 Meter breiten Straßenraum überspannte. Zwei westliche eingleisige Brücken ersetzte die Bahn 1956 und 1957 durch eine schlichtere Überführung auf Stützen. Über diese erneuerte Anlage fährt heute die S-Bahn. Die Gleise auf den historischen Fachwerkbrücken wurden dagegen entfernt.
Damit prägen heute zwei sehr unterschiedliche Generationen von Eisenbahnbrücken den Ort. Die hohen historischen Stahlkonstruktionen gehören zur denkmalgeschützten Gesamtanlage, während unmittelbar daneben der laufende S-Bahn-Verkehr über die jüngeren Brücken geführt wird. Die Liesenbrücken liegen zugleich an einer städtebaulich besonderen Stelle zwischen Gesundbrunnen, dem Park am Nordbahnhof und dem früheren Berliner Mauerstreifen.

Unter einer der genutzten Bahnbrücken der Liesenbrücken steht derzeit ein Arbeitsgerüst, während der Straßenbereich darunter gesperrt ist. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Vom Hotel bis zur Grünverbindung: Viele Pläne für die Liesenbrücken
Seit Jahren gibt es Ideen für eine neue Nutzung der alten Fachwerkbrücken. Bereits 2009 erhielt ein Investor einen Bauvorbescheid für ein Hotel an der größeren historischen Brücke. 2016 wollte die Deutsche Bahn die damals nicht mehr betriebsnotwendigen Brücken verkaufen. Zu diesem Zeitpunkt gab es nach Angaben aus dem Bezirksausschuss drei Interessenten.
Parallel setzte sich das Netzwerk „Grünzüge für Berlin“ dafür ein, die stillgelegte Bahntrasse als Verbindung zwischen dem Park am Nordbahnhof und dem Volkspark Humboldthain zu öffnen.
Später wurden die Pläne konkreter. Die Architekten Ana Salinas und Gilbert Wilk entwickelten für CapRate ein Gesamtprojekt aus Denkmalsanierung, Hotel und öffentlicher Verbindung. Die große Liesenbrücke sollte einen dreigeschossigen und barrierefreien Veranstaltungsort mit rund 2.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche aufnehmen. Auf dem Grundstück Scheringstraße 2 war ein Hotel mit etwa 340 Zimmern auf knapp 12.000 Quadratmetern vorgesehen. Die kleinere historische Brücke sollte nach ihrer Sanierung als öffentlicher Fuß- und Radweg dienen. 2019 wurde dafür ein Bauantrag eingereicht.

Der Verkehr im Bereich Scheringstraße/Gartenstraße ist derzeit eingeschränkt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
i2030 brachte eine mögliche Bahnnutzung zurück ins Spiel
2020 änderte sich die Lage jedoch plötzlich. Im Rahmen des Bahnprogramms i2030 ließ das Land prüfen, ob die historischen Liesenbrücken künftig als Zufahrt zu einer neuen Zugbildungsanlage am Nordbahnhof dienen könnten. Damit gerieten die bereits weit entwickelten privaten Pläne ins Stocken. Die Brücken gehörten zu diesem Zeitpunkt nach Angaben der Deutschen Bahn bereits nicht mehr zu ihrem Anlagevermögen.
Die Zugbildungsanlage Nordbahnhof ist bisher nicht vollständig von der Agenda verschwunden. In offiziellen i2030-Unterlagen wurde sie auch im November 2024 weiterhin als Maßnahme der zweiten S-Bahn-Tranche geführt. Für das Projekt wurden unter anderem Objekt- und Fachplanung, Vermessung, Baugrunduntersuchung und Schallschutzplanung vergeben. Ob dafür tatsächlich eine der historischen Liesenbrücken wieder Gleise tragen müsste, ist aber nicht entschieden.

Die historischen Liesenbrücken prägen den Straßenraum zwischen Gesundbrunnen und dem Nordbahnhof. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Auch der geplante Panke-Trail führt nicht mehr über die Liesenbrücken
Eine weitere Idee hat sich inzwischen erledigt. Zeitweise sollte die geplante Radschnellverbindung „Panke-Trail“ über die historische Brücke führen. Noch bei frühen Untersuchungen galt diese Route als mögliche Verbindung in Richtung Nordbahnhof. Der Mobilitätsrat des Bezirks Mitte hielt 2023 jedoch fest, dass die Vorzugstrasse nicht mehr über die Liesenbrücken verlaufen soll. Ausschlaggebend sei der hohe konstruktive Aufwand gewesen.
Damit bleibt die langfristige Zukunft der Liesenbrücken offen. Zugleich verändert sich Gesundbrunnen an mehreren Stellen deutlich. Rund um den Bahnhof entstehen neue Projekte wie das geplante Quartier „Fountain“ mit zwei Hochhäusern und einem neuen Brückenpark. Auch am nahe gelegenen Humboldthain laufen große Entwicklungsprojekte. Die historischen Liesenbrücken haben dagegen trotz zahlreicher Konzepte bis heute keine dauerhafte neue Nutzung erhalten.
Was hinter der aktuellen Sperrung steckt, bleibt vorerst ebenfalls offen. Das Arbeitsgerüst und die Absperrungen konzentrieren sich derzeit auf den Bereich der genutzten S-Bahn-Brücke.
Liesenbrücken in Gesundbrunnen
Quellen: ViaMichelin Verkehrsdaten, Landesdenkmalamt Berlin, Denkmaldatenbank, DB InfraGO, Bezirksamt Mitte
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2 Kommentare
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Ich mache mich jetzt sicher unbeliebt, aber das Wort „Denkmalschutz“ kann ich mittlerweile nicht mehr hören. In Deutschland kann kein aber auch wirklich kein Infrastrukturprojekt umgesetzt werden . Kommt nicht die übliche Bürgerinitiative „Ich bin gegen Alles“ aus dem Unterholz, dann kommt ein Denkmalschützer und schreit. Was diese Personen in Steglitz am S-Bf. Zehlendorf z.Z. veranstalten – kein Kommentar. Bei mir in Düsseldorf gab und gibt es nach wie vor das Geschrei um das so wertvolle historische Gaslicht. Schön für die Denkmalschützer, die dort nicht wohnen. Als Anwohner schätz man den Umbau auf eine moderne LED Beleuchtung, kein Fußweg von der Straßenbahn mit ausgefallenen bzw. schwachen Gaslicht. Die historische Leuchten wurden auf LED umgebaut, man merkt nichts, eine winzige Abweichung in der Farbtemperatur und natürlich eine deutliche bessere Ausleuchtung. Der Wechsel wäre vermutlich den meisten gar nicht aufgefallen, wenn die Denkmalschützer nicht so eine Rabatz veranstaltet hätten.
Diese Liesenbrücken bewundere ich jedes mal, wenn ich mit der S-Bahn dort vorbeifahren. Sie mögen historisch interessant sein, aber diese verdrecken und verrosteten Teile gehören endlich abgerissen – Denkmalschutz von seiner negativen Seite.
Es sieht so aus, als wäre das Hotelprojekt in der Nähe immer noch geplant.
https://www.immo-a.ai/berlin-scheringstr-2?lang=de