Wohnungsnot trifft auf Leerstand: Studierende der TU Berlin zeigen im Mathematikgebäude, wie ungenutzte Seminarräume temporär zu Wohnmodulen werden könnten. Mobile Einbauten und einfache Möbel machen das Experiment im Maßstab 1:1 sichtbar.

Ein provisorisch eingerichteter Schlafbereich im Mock-up des Projekts „Campus as Commons“. Mobile Holzelemente, Vorhänge und einfache Möbel zeigen, wie sich Räume im Mathematikgebäude der TU Berlin mit minimalen Eingriffen temporär als studentischer Wohnraum nutzen lassen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT
In Berlin bleibt Wohnraum knapp. Besonders Studierende finden nur schwer eine bezahlbare Unterkunft. Gleichzeitig stehen Universitätsgebäude leer. Am Ernst-Reuter-Platz zeigt sich dieser Widerspruch besonders deutlich, denn dort steht das Mathematikgebäude der Technischen Universität Berlin teilweise ungenutzt.
Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt „Campus as Commons“, wie sich solche Flächen temporär nutzen lassen könnten. Studierende aus Architektur, Stadtplanung und Urban Design wollen damit sichtbar machen, dass Leerstand und Wohnungskrise oft gleichzeitig auftreten. Deshalb fragen sie, ob vorhandene Räume zumindest vorübergehend bewohnbar sein könnten.
Kurzfristige Hilfe für Studierende: Die TU Berlin setzt zunächst auf Wohnstipendien
Die Universität reagierte bereits im Jahr 2025 mit einer kurzfristigen Maßnahme. Gemeinsam mit Airbnb vergab die TU Berlin Wohnstipendien an internationale Studierende. Insgesamt erhielten 200 Personen Gutscheine im Wert von jeweils 1.580 Euro.
Diese Maßnahme sollte vor allem den Studienstart erleichtern. Gleichzeitig zeigt sie jedoch auch die Grenzen solcher Lösungen. Denn das strukturelle Problem der Wohnungsnot bleibt bestehen. Genau hier setzt das Studierendenprojekt „Campus as Commons“ an und sucht nach alternativen Ansätzen.
Prototyp im Mathematikgebäude: Vier Räume werden zum Wohnexperiment im Maßstab 1:1
Das Projekt konzentriert sich auf das Mathematikgebäude der TU Berlin. Der Bau aus den 1970er-Jahren steht seit 2023 weitgehend leer. Deshalb verwandelten Studierende vier Seminarräume im siebten Stock in ein begehbares Testmodell für temporäres Wohnen.

Ein Raum des Mock-ups zeigt mögliche Wohn- und Arbeitsbereiche für Studierende. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Die Gruppe baute dafür einen Prototyp im Maßstab 1:1. Mobile Holzeinbauten, modulare Möbel und Vorhänge strukturieren die Räume. So entstanden ein Doppelzimmer, ein Wohnraum mit Bad, eine kleine Küche sowie ein Ausstellungsraum. Gleichzeitig zeigen die Studierenden auch gemeinschaftliche Bereiche sowie provisorische Sanitärlösungen.
Architektur der 1970er-Jahre und heutige Probleme: Das Mathematikgebäude am Ernst-Reuter-Platz
Das Mathematikgebäude gilt als auffälliger Bau der 1970er-Jahre. Die Architekten Georg Kohlmaier und Barna von Sartory entwarfen das Gebäude als gläserne High-Tech-Struktur. Sichtbare Technik, farbige Metallpaneele und große Glasflächen prägen bis heute das Erscheinungsbild.
In der Praxis zeigte sich jedoch schnell, dass die Glashauskonstruktion nicht alle Erwartungen erfüllt. Im Sommer heizen sich die Räume stark auf, während sie im Winter schnell auskühlen. Außerdem treten Wasserschäden und weitere bauliche Mängel auf. Gleichzeitig fehlt bislang eine klare Finanzierung für eine umfassende Sanierung.
Gestalterisches Konzept des Projekts: Popfarben und reversible Einbauten im Bestand
Die Studierenden orientieren sich bewusst an der ursprünglichen Architektursprache des Gebäudes. Deshalb setzen sie farbige Akzente in Blau, Gelb und Rot. Diese Farben greifen die Gestaltung der 1970er-Jahre auf und knüpfen an die vorhandene Architektur an.
Zugleich arbeiten die Projektbeteiligten mit reversiblen Elementen. Alle Einbauten lassen sich vollständig entfernen. Dieses Prinzip wird häufig als „adaptive reuse“ beschrieben. Dabei nutzt man bestehende Gebäude weiter, ohne ihre Struktur dauerhaft zu verändern.
Planungsrechtliche Grenzen und mögliche Szenarien: Diskussion über Zwischennutzung im Hochschulbau
Eine tatsächliche Wohnnutzung ist derzeit nicht vorgesehen. Das Grundstück gilt planungsrechtlich als Sondergebiet für Hochschulnutzung. Deshalb würde dauerhaftes Wohnen eine formelle Nutzungsänderung erfordern. Dazu gehören unter anderem eine baurechtliche Prüfung, ein Brandschutzkonzept und entsprechende Genehmigungen.
Dennoch entwickeln die Studierenden verschiedene Szenarien. Sie prüfen kurzfristige Testphasen, mehrjährige Zwischennutzungen oder langfristige Umbauten. Für jede Variante berechnen sie mögliche Kosten und analysieren rechtliche Fragen.
Politische Botschaft des Projekts: Experiment als Beitrag zur Debatte über Wohnraum
Das Projekt versteht sich nicht als fertige Lösung. Stattdessen wollen die Initiatorinnen und Initiatoren eine Diskussion anstoßen. Sie zeigen mit ihrem Prototyp, welche Möglichkeiten im vorhandenen Gebäudebestand liegen könnten.
Gleichzeitig sehen sie das leerstehende Mathematikgebäude als Beispiel für eine ungenutzte Ressource. In einer Stadt mit Wohnungsnot stelle sich deshalb die Frage, ob vorhandene Gebäude zumindest temporär genutzt werden könnten. Das Projekt will damit vor allem neue Perspektiven auf Leerstand und studentisches Wohnen eröffnen.

Das Mathematikgebäude der Technischen Universität Berlin am Ernst-Reuter-Platz steht derzeit weitgehend leer. Grund sind Wasserschäden sowie verschiedene bauliche Mängel, die auch auf ausbleibende Instandhaltung zurückgeführt werden. Ob und wann eine umfassende Sanierung erfolgt, ist bislang offen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Quellen: Monopol, Monopol, BauNetz, Technische Universität Berlin
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