Paukenschlag in Berlin-Kreuzberg: Eines der prominentesten Kulturprojekte Berlins scheitert vorerst an der Finanzierung. Der geplante Neubau des Exilmuseums am Anhalter Bahnhof wird gestoppt, die historische Portalruine wird kein Nachbargebäude erhalten. Nun plant die Stiftung einen deutlich kleineren Neustart in Charlottenburg.

Das Exilmuseum am Anhalter Bahnhof war eines der sichtbarsten Kulturversprechen der vergangenen Jahre – nun wird es nicht gebaut. Die Finanzierung des Großprojekts scheiterte (vorerst), stattdessen soll bis spätestens 2028 eine Villa in der Fasanenstraße zum neuen Standort werden. / © Visualisierung: Stiftung Exilmuseum Berlin
© Titelbild: Stiftung Exilmuseum Berlin
Am vergangenen Dienstag berichtete ENTWICKLUNGSSTADT über sechs Kultur-Großprojekte, die in den kommenden Jahren in Berlin realisiert werden, mit einem Investitionsvolumen von deutlich mehr als drei Millionen Euro; darunter so namhafte Projekte wie das Pergamon-Museum, das Prestigeprojekt berlin modern, das Naturkundemuseum oder die Modernisierung des Bauhaus-Archivs in Tiergarten.
Eines der prominentesten und zugleich umstrittensten Projekte der vergangenen Jahre findet sich allerdings nicht in dieser Auflistung, und das zurecht: denn das geplane Exilmuseum in Berlin-Kreuzberg, welches am Anhalter Bahnhof entstehen sollte, wird in der geplanten Form nicht gebaut werden, zumindest vorläufig nicht. Dies bestätigte kürzlich die neue Stiftungsleiterin Ruth Ur gegenüber dem Tagesspiegel.
Anhalter Bahnhof in Kreuzberg: Exilmuseum wird vorläufig nicht realisiert
Die Stiftung soll die Neubaupläne aufgrund der zu hohen Kosten vorläufig auf Eis gelegt haben. Stattdessen soll das Museum nach aktuellen Informationen Ende 2027 oder Anfang 2028 in Charlottenburg-Wilmersdorf eröffnen.
Geplant ist der Einzug in eine denkmalgeschützte Villa in der Fasanenstraße 24 nahe dem Kurfürstendamm. In dem Gebäude hatte die Stiftung zuletzt bereits im Rahmen der „Werkstatt Exilmuseum“ regelmäßig über den bisherigen Projektstand informiert.
Berlins Exilmuseum soll spätestens 2028 in einer Villa in der Fasanenstraße eröffnen
Für die Stiftung bedeutet dieser Kurswechsel einen großen Einschnitt, doch offenbar war die Entscheidung alternativlos. Die erwarteten Kosten von mindestens 130 Millionen Euro seien laut Ur durch Crowdfunding und anderen Spendenformate nicht zu stemmen gewesen.
Damit bleibt der Entwurf der dänischen Architektin Dorte Mandrup vorerst ein Luftschloss und wird, zumindest in den kommenden Jahren, nicht realisiert. So bleibt auch die Fläche hinter der historischen Portalruine des einstigen Anhalter Bahnhofs unbebaut. Denn dort, zwischen Ruine und dem heutigen Fußballplatz, sollte das Museum errichtet werden.
Das Projekt des Exilmuseums wurde 2011 von der Schriftstellerin Herta Müller ins Leben gerufen
Doch daraus wird erst einmal nichts. Ruth Ur betont: „Das Thema Exil ist zu drängend, um länger zu warten.“ Daher soll der Museumsbetrieb nun in der denkmalgeschützten Villa starten, statt weitere Jahre auf die Realisierung des schwer umzusetzenden Neubauprojekts am Askanischen Platz zu hoffen.
In der Villa wird den Verantwortlichen des Exilmuseums mutmaßlich deutlich weniger Raum zur Verfügung stehen als das im geplanten Neubau der Fall gewesen wäre. Hinter dem Projekt steht die 2018 als bürgerliche Initiative gegründete Stiftung Exilmuseum Berlin. Diese ist entstanden um die Schirmherrin und Nobelpreisträgerin Herta Müller, die sich bereits 2011 für ein „Museum des Exils“ in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin einsetzte.
Dorte Mandrup hatte 2020 den internationalen Wettbewerb für das Exilmuseum gewonnen
Das Büro von Dorte Mandrup hatte sich in einem internationalen Architekturwettbewerb gegen neun weitere Mitbewerber durchgesetzt hatte. Der Wettbewerb wurde Mitte August 2020 abgeschlossen. Das dänische Büro erhielt später Unterstützung vom Ingenieursbüro Höhler+Partner. Ebenfalls involviert in das Projekt war das Projektsteuerungsteam von Teamproject.
Zwei Jahre später lief dann das Bebauungsplanänderungsverfahren für den Museumsneubau, der unterschiedliche Phasen für die Realisierung des Projekts vorsah, unter anderem die Beteiligung der Öffentlichkeit, die ebenfalls durchgeführt wurde.
Exilmuseum: Weniger Ambition, weniger Fläche, aber immerhin ein Eröffnungstermin
Baurechtlich hätte dem Projekt wohl nichts mehr entgegen gestanden, auch ein Veto von Umweltschützern hatte es bislang nicht gegeben, durchaus eine Seltenheit in Berlin. Doch letztlich scheitert das ambitionierte Vorhaben nun schlichtweg an der Finanzierung. Die Stiftungsleitung befürchtete offenbar, dass der Neubau wohl noch deutlich mehr als die zuletzt veranschlagten 130 Millionen Euro verschlungen hätte.
Nun steht also die Entscheidung, das Museum vorerst in der Fasanenstraße einzurichten, mit etwas weniger Ambitionen, und deutlich weniger Fläche. Dass das Projekt aber durch den gestrichenen Neubau nicht gänzlich vom Tisch ist, ist für den Kulturstandort Berlin dennoch eine gute Nachricht.
Quellen: Stiftung Exilmuseum Berlin, Studio Nathan Coley, Der Tagesspiegel, Höhler+Partner, Teamproject
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8 Kommentare
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Ein Teilwiederaufbau des Anhalter Bahnhofs mit auch Räumen für ein, sicher in den vorher geplanten Dimensionen zu groß geratenem Exilmuseum, wäre hier auch städtebaulich sinnvoller.
Mischnutzung der Bahnsteige für das Technikmuseum, der Halle für Hotel und Gastronomie, des Untergeschosses für Sport und Freizeit, der Nebenbauten für sonstige auch soziale Einrichtungen, und das weitgehend in der sehr beeindruckenden Kubatur und Optik des historischen Gebäudes.
Alles machbar, wenn man es nur will. Dafür fänden sich auch Spender. Die Architektur des geplanten Museums war sicher nicht schlecht, warum aber ständig das Rad neu erfinden?
Obwohl Berlin mal endlich sowas wie den Mandrup-Bau in Sachen moderner Architektur sehnlichst verdient hätte, kann ich ich ihrer Meinung trotzdem was abgewinnen…
Traurig. Vielleicht gäbe es Geld dafür, wenn Bonde vom Anhalter aus eine Magnetbahn bauen dürfte…?
Ja, das auf diese Kombi noch keiner gekommen ist? Das könnte was werden…
So ein tolles Projekt. Ein toller Entwurf am richtigen Platz.
Typisch Berlin. Kein Mut. Architektonische Langeweile. So viele Chancen werden verpasst. Am Hauptbahnhof. Europlatz usw.
Am Tempelhofer Feld. Am Zoo. Immer nur alles zubauen. Kein Mut. Kopenhagen. Stockholm London. Dann aber im gleisdreieck alles verdichten. Aber plattenbauten am Alex unter Denkmalschutz. Man verliert völlig das Interesse.
Berlin hat gefühlt keinen echten Focus und in der Stadt gibt es keinen mehr, der sowas wie eine Vision oder Fernzielvorgeben könnte…Man hat immer das Gefühl es mit den hinteren Bänken, die alles so dahinwabern lassen, zu tun zu haben.
Anfangs habe ich z.B. immer noch beim Baukollegium reingeschaut. Aber das ist mittlerweile totale Desillusion in Reinstform.
Ich hielte einen Wiederaufbau der grandiosen Halle auch für wesentlich besser, als wieder einmal den Nimbus des Ortes sowie eine architektonische Reminiszenz ausbeutend, sich mit „mutiger Architektur“ wichtig zu machen. Das Thema Exil in einer Bahnhofshalle, weit, pathetisch in der architektonischen Wirkung, doch auch zugig und auf Nichtaufenthalt, auf Abschied gestimmt, brächte die Symbolik und die Emotionen des Gangs ins Exil besser zum Ausdruck als irgendeine ambitionierte Architektursprache heutiger Zeit.
War zu nahe an den schönen Bahnhof gequetscht,und monströse Große Kastenarchitektur