Vom Industrieareal zum Stadtquartier: Zwischen Köpenicker Straße und Spreeufer in Kreuzberg beginnt die Planung für eines der spannendsten Entwicklungsprojekte der kommenden Jahre. Fünf Planungsteams arbeiten jetzt an der Zukunft des Viktoriaspeichers, auf dem rund 1.000 neue Wohnungen realisiert werden sollen.

Historisches Industrie-Erbe: Rund um den Viktoriaspeicher soll in den kommenden Jahren ein neues Stadtquartier mit rund 1.000 Wohnungen entstehen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
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Wie kann aus dem historischen Viktoriaspeicherareal in Berlin-Kreuzberg ein zukunftsfähiges Stück Stadt werden? Diese Frage sollte am Montagabend im Bruno-Taut-Saal des DAZ zumindest im Ansatz beantwortet und eine mögliche Realisierung auf den Weg gebracht werden.
Kreuzberg: Werkstattverfahren für das Viktoriaspeicherareal gestartet
Gemeinsam mit der BEHALA und in enger Abstimmung mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg wurde ein städtebaulich-freiraumplanerisches Werkstattverfahren gestartet, in dem fünf interdisziplinäre Planungsteams tragfähige Konzepte für Wohnen, Gewerbe und Freiräume entwickeln sollen.
Ein zentraler Bestandteil des Verfahrens ist die frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit. Diese nahm die Einladung auch zahlreich an, hauptsächlich Anwohnerinnen und Anwohner aus der unmittelbaren Nachbarschaft, wie eine von der Moderatorin initiierte Handmeldung zeigte.
In dieser ersten Bürgerwerkstatt stellten die Teams ihre Entwürfe vor, und Nachbarn sowie Interessierte waren eingeladen, Hinweise und Anregungen einzubringen.
BEHALA-Areal: Erste Entwurfsstrategien im „Work in Progress“
Die von den Teams im Verlauf des Abends vorgestellten Entwürfe sind keine fertigen Arbeiten. Vielmehr werden in dieser noch sehr frühen Phase des Vorhabens erste Ansätze von Entwurfsstrategien präsentiert.
Die derzeitige Projektphase wird als „Work in Progress“ verstanden, wie Frau Schonau von der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) erklärte, die als Projektpartnerin gemeinsam mit der BEHALA, Eigentümerin des Grundstücks, das Vorhaben realisieren will.
Spree-Grundstück an der Köpenicker Straße: Lange Blockade überwunden
Ursache für die lange Blockade war ein auf dem Grundstück produzierendes Unternehmen, bei dem es aus Gründen von Störfällen zu erheblichen Zeitverzögerungen kam. Nach langem Bemühen seitens der BEHALA konnte der „gordische Knoten“ jedoch sprichwörtlich zerschlagen werden, so Petra Kardinal, Geschäftsführerin der BEHALA.
Das Grundstück mit dem Viktoriaspeicher, auf dem die BEHALA ihr ursprüngliches trimodales Logistikgeschäft nicht mehr betreibt, wird derzeit vollständig als Lagerfläche genutzt. Ziel sei es nun, im Sinne der Stadt, des Bezirks sowie der Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit der WBM ein gemischt genutztes Stadtquartier zu entwickeln.
Bezirksstadtrat: Komplexe Ausgangslage für das Viktoriaspeicherareal
Der Bezirksstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt, Leiter der Abteilung Bauen, Planen und kooperative Stadtentwicklung, bezeichnete das Areal im Kontext des bereits erwähnten Störfalls als „liegengebliebenes Grundstück“, bei dem es bereits vor 10, 15 oder 20 Jahren konkrete Überlegungen dazu gegeben habe, was auf dem Gelände passieren soll.
Es sei weiterhin ein kompliziertes Grundstück, so Schmidt, und es werde lange dauern – etwa drei Jahre –, bis alles für eine Bebauung hergerichtet sei. Angesichts der seit langem in der Stadt herrschenden Wohnungsnot sei er jedoch froh, dass die kürzlich erteilte Freigabe des Grundstücks, gemeinsam mit den parallel dazu eingereichten Entwürfen, eine Grundsatzentscheidung zum Bebauungsplanverfahren noch vor der Sommerpause ermöglichen könnte.
Spreeentwicklung und „Mediaspree“ als Referenz
Das BEHALA-Grundstück mit dem Viktoriaspeicher sei das letzte Grundstück zur Entwicklung entlang der Spree. In diesem Zusammenhang brachte Schmidt auch den Begriff „Mediaspree“ ins Spiel, der vor rund 15 Jahren im Zuge der Bebauung auf der anderen – Friedrichshainer – Spreeseite das beherrschende Thema war.
Trotz der nun geplanten Bebauung des Viktoriaspeicher-Areals werde es noch Jahre dauern, bis man von der Schillingbrücke bis zur Oberbaumbrücke entlang der Spree in einem durchgehenden Grünzug flanieren könne. Dennoch sei es positiv, dass zumindest planerisch nun ein „Licht am Ende des Tunnels“ erkennbar werde, so der Bezirksstadtrat.
Zuständigkeiten zwischen Bezirk, Senat und Projektpartnern
Die Entscheidung über das Vorhaben und die Entwicklung des Areals liege letztlich in der Verantwortung der von der BEHALA und der WBM gegründeten Gesellschaft beziehungsweise beim Berliner Senat, so Schmidt. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg habe diese Entscheidung nicht selbst getroffen, sie jedoch akzeptiert und sei zugleich für das Bebauungsplanverfahren zuständig.
Zu den eingereichten Entwürfen fand bereits am Nachmittag eine Jury-Sitzung statt, in der den Teams hinsichtlich der städtebaulich-architektonischen Gestaltung des Areals entsprechende Empfehlungen gegeben wurden.
Wohnprojekt in Kreuzberg: Werkstattverfahren ohne klassischen Wettbewerbssieger
Grundsätzlich ist zum Verfahren anzumerken, dass es keinen klassischen Sieger geben wird. Die fünf beteiligten Architekturbüros werden für ihre Gutachten und erarbeiteten Ergebnisse vergütet, die anschließend von der Jury inhaltlich bewertet werden. Am Ende des Verfahrens wird voraussichtlich ein Ranking stehen.
Beteiligt sind die Fachdisziplinen Städtebau und Architektur sowie Landschaftsarchitektur. Auftraggeber des Verfahrens sind die WBM und die BEHALA.
Viktoriaspeicherareal: Zeitplan und nächste Schritte im Werkstattverfahren
Die Teams werden im Anschluss an den 27. April 2026 die Rückmeldungen der Jury sowie die Hinweise und Anregungen der anwesenden Bürgerinnen und Bürger erhalten und bis zum 15. Juni 2026 ihre überarbeiteten und angepassten Entwürfe einreichen. Danach erfolgt seitens der Jury eine Vorprüfung.
Am 29. Juni 2026 wird es eine zweite Bürgerveranstaltung geben, quasi am Vorabend der letzten, am 30. Juni stattfindenden nicht öffentlichen Jurysitzung. Das heißt, die Nachbarschaft kann der Jury dann weitere Hinweise und Anregungen mitteilen.

Bürgerwerkstatt im DAZ: Über die mögliche Bebauung des BEHALA-Areals wollten sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger informieren. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Aufgabenstellung: Gemischt genutztes Quartier am Spreeufer
Von der WBM ergriff dazu Frau Schonau das Wort und betonte, dass das letzte bauliche Zeugnis auf dieser Lagerfläche der Viktoriaspeicher ist, der noch an die Zeit erinnert, als die Fläche für spreebezogene Lager- und Hafennutzungen diente.
Das Aufgabenpaket für die Planungsteams ist anspruchsvoll, denn gefordert wird die Entwicklung eines gemischt genutzten Quartiers mit öffentlich nutzbaren Freiräumen an der Spree. Das Areal umfasst insgesamt vier Hektar bei einer Ausdehnung von 319 Metern Breite und 127 Metern Tiefe.
Das Nutzungsprogramm sieht eine Bruttogeschossfläche von mindestens 120.000 Quadratmetern vor, wovon 35.000 Quadratmeter für Gewerbeflächen vorgesehen sind. Zudem sollen rund 1.000 neue „leistbare“ – also bezahlbare – Wohnungen entstehen.
Herausforderungen des Industriegeländes in Kreuzberg: Altlasten, Lärm und Versiegelung
Als besondere Herausforderungen gelten die Altlastensanierung sowie die bislang zu 100 Prozent versiegelte Lagerfläche. Ebenso wird der städtebauliche Umgang mit der Lärmbelastung – insbesondere durch nächtliche Emissionen aus benachbarten Clubs, Gewerbebetrieben und dem Verkehr auf der Köpenicker Straße – als schwierig eingeschätzt.
Der Bewältigung des Schallschutzes (Schallemissionen) wird daher eine zentrale Rolle in den Entwürfen zukommen.
Planungsvorgaben: Denkmalschutz, Produktion und „Spreefenster“
Für die Gewerbeflächen fordert der Bezirk eine klare Fokussierung auf Produktion und Handwerk. Weitere Gestaltungshinweise betreffen die Einbindung des Speichergebäudes und dessen zukünftige Nutzung, auch vor dem Hintergrund, dass der Viktoriaspeicher unter Denkmalschutz steht.
Zudem soll das bestehende Gartendenkmal erkennbar und erfahrbar in das neue Quartier integriert werden. Schließlich rückt auch das Thema „Spreefenster“ in den Mittelpunkt der gestalterischen Vorgaben. Das bedeutet, dass in den Entwürfen Gebäude vorgesehen werden sollen, die näher als 30 Meter – eine frühere Vorgabe – an das Spreeufer heranrücken.
Wie das künftige Areal rund um den historischen Viktoriaspeicher also künftig aussehen wird, ist derzeit noch völlig offen. Dass die Entwicklung eines der letzten ungenutzten Grundstücke in der Berliner Innenstadt nun begonnen hat, ist für den angespannten Wohnungsmarkt in der Hauptstadt sicher eine gute Nachricht.
Viktoria-Speicher
Quellen: BEHALA, WBM
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3 Kommentare
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„Altlasten, Lärm und Versiegelung“
Ich bin gespannt wie hier mit diesen einen Großteil der Stadt betreffenden Herausforderungen umgegangen wird – ggf. innovativ. Auch auf die Lessons learned.
Die Ausführungen der Bezirksvertreter finde ich verwirrend und als vielleicht eingeschränkt ehrlich. Seit 20 Jahren hat man Pläne gehabt für das Grundstück? Davon ist aber wenig bekannt geworden, oder? Was waren das denn für Pläne und was hatte der Bezirk für ihre Realisierung getan? Wie sieht es mit den Planungen des Bezirks für die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten brachliegende Fläche von der Köpenicker 10a bis zur Brommybrücke aus, deren Bau der Bezirk auch nicht zugunsten von Fussgängern und Radfahrenden betrieben hat? Das Zapfgelände schlummert weiter und es passiert – zumindest transparent für die Öffentlichkeit – nix. Dann kann es ja auch nix mit dem durchgehenden Uferweg werden, oder? Und so befürchte ich, dass der Bezirk eher verzögern wird als eine gute Entwicklung nach vorn zu bringen. Toi, toi, toi daher für die Behala und die WBM. Falls über den Bezirk doch zügig was passieren sollte, würde ich mich positiv überrascht zeigen. Tatsächlich hat der Bezirk entlang der Köpenicker Straße seit 20 Jahren wenig bis nichts gemacht. Sorry. So ist meine Wahrnehmung. Es sollte schnell anders werden.
Und was die Gestaltung der Bebauung anbelangt, so wünsche ich mir, dass dort auch ein Lebensmittelgeschäft (Aldi, Rewe o.ä.) im EG eines mehrgeschossigen Wohngebäudes vorgesehen wird. Denn im Moment gibt es nur den Lidl in der Zeughofstraße für den nördlichen Teil des Wrangelkiezes – abgesehen von der recht teueren Markthalle 9 mit ihren Angeboten. Und der Lidl befindet sich auf einer Fläche, die regelrecht danach schreit, mit Wohnungsbau verdichtet zu werden (auch so eine Unterlassungssünde des Bezirks der letzten 20 Jahre aus meiner Sicht). Wenn dann temporär der Lidl verschwände (um vielleicht später im EG eines Wohnhauses an selber Stelle wieder zu eröffnen) wäre ein Supermarkt auf dem Behalagelände der einzige nahe Ort, an dem sich der Kiez mit Lebensmitteln preiswert versorgen kann. Könnte man bitte das bei der weiteren Planung berücksichtigen? Das wäre wunderbar und danke dafür.