Vom Holzhochhaus bis zum umgenutztem Verwaltungsbau: In Berlin entstehen immer mehr Quartiere, in denen Wohnen, Arbeiten, Bildung und Freizeit gemeinsam geplant werden. Sieben aktuelle Projekte verdeutlichen, wie vielfältig und architektonisch anspruchsvoll diese neue Generation der Stadtentwicklung ist: „Wohnen Plus“.

Mixed-Use ist längst mehr als ein Schlagwort der Stadtplanung. Anhand von sieben Berliner Bauprojekten zeigt sich, wie neue Quartiere entstehen, die Wohnen, Arbeiten, Kultur und Infrastruktur räumlich miteinander verbinden. / © Visualisierung: UTB Projektmanagement GmbH
© Titelbild: Eller + Eller Architekten
Die klassische Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit verliert in der zeitgenössischen Stadtplanung zunehmend an Bedeutung. Statt monofunktionaler Quartiere rücken Konzepte in den Vordergrund, die unterschiedliche Nutzungen räumlich und programmatisch miteinander verbinden: Wohnungen über Büros, Sportanlagen neben Schulen, Kultur neben Verwaltung, Gastronomie neben Gewerbe.
Berlin ist längst ein Labor dieser Entwicklung. Zahlreiche Bauprojekte setzen auf hybride Typologien und neue architektonische Antworten auf urbane Dichte, soziale Mischung und nachhaltige Nutzung von Flächen. Fünf aktuelle Beispiele zeigen, wie vielfältig dieses Prinzip inzwischen umgesetzt wird (oder umgesetzt werden soll).
Kreuzberg: Deutschlands höchstes Holzhaus als vertikaler Stadtbaustein
Mit dem geplanten 98 Meter hohen Holzhochhaus am Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg entsteht nach Wünschen der Projektverantwortlichen ein Gebäude, das nicht nur konstruktiv neue Maßstäbe setzt, sondern auch funktional. Der Entwurf von UTB Projektmanagement kombiniert Büroflächen, Bildungsnutzungen, Gastronomie und öffentlich zugängliche Bereiche mit einer nachhaltigen Bauweise. Die Holzhybridkonstruktion soll den CO₂-Fußabdruck deutlich reduzieren und zugleich ein architektonisches Zeichen für den urbanen Holzbau setzen.
Städtebaulich ist das Hochhaus als Teil eines größeren Ensembles gedacht und soll das Areal neu ordnen. Die vertikale Mischung der Nutzungen folgt der Idee eines kompakten Stadtbausteins, in dem Arbeiten, Lernen und öffentliche Angebote räumlich eng verzahnt sind. Damit wird das Gebäude nicht nur zum Bürostandort, sondern zu einem Ort mit stadträumlicher Wirkung, und zu einem Symbol für die neue Generation von Mixed-Use-Hochhäusern. Derzeit befindet sich das Projekt nach Auskunft des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg im Genehmigungsprozess, die öffentliche Beteiligung läuft derzeit.
Reinickendorf: Der „FACE Campus“ als Quartier für Wohnen, Bildung und Arbeit
Der „FACE Campus“ in Reinickendorf verfolgt ein anderes, aber ebenso hybrides Konzept. Auf einem ehemaligen Industrieareal ist ein neues Stadtquartier mit mehreren hundert Wohnungen entstanden, ergänzt durch Gewerbeflächen, soziale Infrastruktur und Bildungsangebote. Das Projekt setzt auf kleinteilige Baukörper, die unterschiedliche Nutzungen aufnehmen und so eine urbane Mischung erzeugen, ohne den Maßstab des Stadtteils zu sprengen.
Besonders ist die Verzahnung von Wohnen und Lernen: Bildungsangebote sollen hier bewusst Teil des Quartiers werden und nicht isoliert in einzelnen Gebäuden liegen. Hinzu kommen Flächen für Dienstleistungen und Nahversorgung. Der „FACE Campus“ steht damit wohl sehr beispielhaft für eine Stadtentwicklung, die neue Wohngebiete nicht mehr nur als Schlaforte plant, sondern als funktional vollständige Stadtbausteine. Das Projekt ist bereits fertiggestellt worden, letzte Arbeiten wurden in der zweiten Jahreshälfte 2025 umgesetzt.
Holzmarktstraße in Friedrichshain: Neue Schwimmhalle kombiniert Sport, Wohnen und Gewerbe
Mit dem Projekt „Holzmarkt 51“ entsteht in Friedrichshain eine neue Schwimmhalle, die weit mehr sein soll als ein reiner Schwimmhallenbau. Das Gebäude entsteht unweit des Holzmarkt-Areals und wird damit unmittelbar neben einem reichen Kultur-, Event- und Gastronomie-Angebot entstehen. Die Schwimmhalle ist als öffentliches Angebot konzipiert, das sowohl dem Bezirk als auch dem Quartier dienen soll. Die auf dem Grundstück stehende, marode Schwimmhalle aus den 1970er Jahren wird für das Vorhaben abgerissen.
Das Grundstück war bisher als reine Sportstätte ausgewiesen, wodurch Wohnungsbau auf dem Gelände schlichtweg nicht erlaubt war. Im Juni 2024 hatte die Senatssportverwaltung auf Vorschlag von Senatorin Iris Spranger (SPD) schließlich der „Entwidmung der maroden Schwimmhalle zugunsten eines bedarfsgerechten Neubaus einer Ersatzschwimmhalle“ zugestimmt, wie damals die Berliner Woche berichtete.
Ab 2026 soll das Projekt umgesetzt werden und durch größere Becken, ein Therapiebecken und ein Lehrschwimmbecken künftig ganztägig für die Öffentlichkeit geöffnet sein. Über der Schwimmhalle entstehen rund 380 Studentenapartments sowie Büro-, Laden- und Gastronomieflächen, ermöglicht durch einen Grundstücksverkauf der Berliner Bäderbetriebe an Berlinovo zur Finanzierung des Neubaus.
„Lichtenrader Quartier“: Wohnungen, Schwimmbad, Kita und Marktplatz
Das „Lichtenrader Revier“ ist Teil eines größeren Entwicklungsprojekts im Süden von Tempelhof-Schöneberg. Bereits seit 2020 wurde das historische Gebäude der Alten Mälzerei kulturell und sozial genutzt. Mit dem neuen Quartier entstand in den vergangenen Jahren ein vielfältig genutzter Stadtraum mit Wohnen, Freizeit und Infrastruktur.
Auch bei diesem Projekt spielt das Element Wasser eine Rolle: Ende Februar 2025 hat das neue Kiez-Schwimmbad feierlich eröffnet. Die Betreiberin Die Schwimmerei Berlin hat den Betrieb übernommen und bietet nun Schwimmkurse, Aqua-Fitness und Bewegungsangebote für alle Generationen an. Das 32 Grad warme Wasser steht nicht nur Kindern und Jugendlichen offen, sondern auch Erwachsenen, Familien und Seniorinnen und Senioren.
Neben insgesamt 202 Wohnungen und dem Schwimmbad sollten in dem neuen Stadtquartier Gemeinschafts- und Multifunktionsräume, eine Kita, ein Marktplatz, ein Biomarkt, Gastronomieflächen, ein Mobility Hub und weitere Flächen für Freizeit sowie ein Stadtplatz entstehen. Große Teile des Vorhabens sind mittlerweile abgeschlossen, die Wohnungen sind bezogen; es ist längst neues Leben eingezogen rund um die historische Mälzerei am S-Bahnhof Lichtenrade.
Das „HAINWERK“ an der Warschauer Straße: Wohnen und Arbeiten neu kombiniert
Ebenfalls in Friedrichshain entsteht mit dem Projekt „HAINWERK“ ein Ensemble, das Wohnen und Arbeiten räumlich eng miteinander verbindet. Geplant ist ein Neubau, der Wohnungen, Büroflächen und gemeinschaftlich nutzbare Bereiche kombiniert. Ziel ist ein urbanes Haus, das flexible Lebens- und Arbeitsmodelle unterstützt und kurze Wege ermöglicht.
Das Projekt greift damit eine Entwicklung auf, die durch Homeoffice und hybride Arbeitsformen zusätzlich an Dynamik gewonnen hat. Gebäude werden nicht mehr nur für eine Nutzung entworfen, sondern sollen verschiedene Lebensbereiche integrieren. Das Projekt „HAINWERK“ versteht sich daher als Antwort auf diese Veränderung, architektonisch und funktional.
Die Rückkehr des REWE-Markts, die begrünte Freiflächengestaltung und die nachhaltige Energieversorgung sollen das Projekt zu einem Vorbild für zeitgemäße Stadtentwicklung machen. Auf die Umsetzung an der vielfrequentierten Kreuzung an der Warschauer Straße und Revaler Straße darf man sehr gespannt sein.
Haus der Statistik: Vom Leerstand zum produktiven Stadtquartier
Kaum ein Projekt steht so sehr für die neue Idee des gemischten Stadtbausteins wie das Haus der Statistik am Alexanderplatz. Das frühere DDR-Verwaltungsgebäude wird seit Jahren schrittweise zu einem Quartier für Verwaltung, Kultur, Bildung, Wohnen und soziale Initiativen umgebaut. Statt Abriss und Neubau setzt das Projekt auf Umbau und programmatische Vielfalt.
Hier entstehen Ateliers, Proberäume, Flächen für Initiativen, Verwaltungsbüros und perspektivisch auch Wohnungen. Das Haus der Statistik zeigt, dass Mixed-Use nicht zwangsläufig Neubau bedeutet, sondern auch durch Umnutzung und Weiterentwicklung bestehender Strukturen entstehen kann. Der Ansatz verbindet Stadtentwicklung, soziale Nutzung und Baukultur auf besondere Weise.
Zu den 46.000 bereits bestehenden Quadratmetern in den Altbauten an der Alexanderstraße und Otto-Braun-Straße sollen rund 66.000 Quadratmeter Neubau hinzukommen. Rund 250 bis 350 Millionen Euro soll das neue Quartier kosten. Zwischen einem 15-geschossigen und einem zwölfgeschossigen Wohnhaus mit rund 300 Mietwohnungen soll auch ein über 60 Meter hoher Büroturm entstehen. In diesen Turm soll künftig das Rathaus des Bezirks Berlin-Mitte einziehen.
Reinickendorf: 199 Wohnungen sind im Projekt „MyTegel“ an der Biedenkopfer Straße entstanden
An der Biedenkopfer Straße in Berlin-Tegel, zwischen den U-Bahnhöfen Holzhauser Straße und Borsigwerke, ist im vergangenen Jahr das Wohn- und Gewerbeprojekt „MyTegel“ realisiert worden. Das Vorhaben war seit Januar 2023 im Bau, mittlerweile sind alle Kräne verschwunden, das neue Ensemble hat sich in die Umgebung des Quartiers eingefügt. „MyTegel“ bietet heute Büros auf einer Fläche von rund 12.600 Quadratmetern und damit Raum für knapp 900 Arbeitsplätze.
Neben den Gewerbeflächen wurden auch 199 Wohnungen und eine neue Kita realisiert. Wohnungen und Kita sind im Laufe des Jahres 2024 fertiggestellt worden, in der Kita ist heute Platz für 70 Kinder.
Entstanden sind Ein-bis-fünf-Zimmer-Wohnungen sowohl für Singles, Paare und Familien. Die Wohnungen sollen als Mietwohnungen vertrieben werden und sind teilweise möbliert, teilweise unmöbliert. Die neuen Wohnungen sind in zwei separaten Wohnhäusern entstanden.
„Wohnen Plus“: Kombination von Wohnen, Bildung, Kultur, Sport und Arbeiten
Die sieben gezeigten Projekte verdeutlichen, wie stark sich die Leitbilder der Stadtplanung verändert haben. Wo früher funktionale Trennung dominierte, rückt heute die Mischung in den Vordergrund. Mixed-Use bedeutet dabei nicht nur die Kombination von Wohnen und Arbeiten, sondern die bewusste Integration von Bildung, Kultur, Sport, Handel und öffentlicher Infrastruktur.
Architektonisch entstehen daraus neue Typologien: Hochhäuser als vertikal ausgerichtete Stadtbausteine, Quartiere mit Bildungsfunktionen, Sportbauten als Teil kultureller Areale oder umgenutzte Bestandsgebäude als multifunktionale Zentren. Die Stadt wird dichter, aber auch komplexer; und im besten Fall lebenswerter.
Quellen: UTB Projektmanagement GmbH, Eller + Eller Architekten, Deutsches Architektur Forum, Architektur Urbanistik Berlin, Kirchenkreis Reinickendorf, GESOBAU, Berliner Woche, Bezirksamt Reinickendorf, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Berlinovo, Die Schwimmerei Berlin, HAMBURG TEAM, EVE Visual Technologies
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Gratuliere, wir haben ein Konzept der Gründerzeit wiederentdeckt. Jetzz fehlt nur noch die Korrektur der schlechten Raumnutzung.