Berlin entsiegelt: In vielen Bezirken werden Asphalt- und Betonflächen zurückgebaut, um Regenwasser besser zu speichern und Hitzeinseln zu reduzieren. Eine ENTWICKLUNGSSTADT-Analyse zeigt, wo die Stadt bereits handelt und welche Konflikte dabei entstehen.

Platz des 4. Juli

Lichterfelde: Der Platz des 4. Juli, einst eine riesige Parkplatzfläche, wird sukzessive entsiegelt und in einen Landschaftspark umgewandelt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT

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Es ist keineswegs ein neues Thema, aber mehr und mehr wird es in der städtebaulichen Praxis angewandt und ist an vielen Stellen der Hauptstadtregion sichtbar. Denn in Berlin sowie auch im Umland lässt sich seit mehreren Jahren ein klarer Trend zur Entsiegelung urbaner Flächen beobachten, der eng mit Klimaanpassung, Regenwassermanagement und nachhaltiger Stadtentwicklung verknüpft ist.

Hintergrund dieser Aktivitäten ist die Erkenntnis, dass stark versiegelte Böden natürliche Funktionen wie Wasseraufnahme, Verdunstung und Kühlung weitgehend verlieren und damit sowohl Starkregenrisiken als auch sommerliche Hitzeinseln verstärken. Durch die gezielte Öffnung von Asphalt- und Betonflächen sollen Regenwasserrückhalt verbessert, Kanalisationen entlastet und städtische Mikroklimata stabilisiert werden. Dies wird an unterschiedlichen Stellen Berlins umgesetzt, in einigen Bezirken mehr als in anderen.

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Entsiegelung von Böden: Ökologische Vorteile und planerische Erwartungen

Stadtplanerinnen und Stadtplaner versprechen sich von Entsiegelungsprojekten eine Mehrfachwirkung: Neben dem Schutz vor Überflutungen und Hitze sollen Biodiversität gefördert, Bodenfunktionen reaktiviert und neue Aufenthaltsqualitäten im öffentlichen Raum geschaffen werden.

Entsiegelte Flächen ermöglichen zudem eine dezentrale Regenwasserbewirtschaftung, die als robuster Baustein einer klimaresilienten Stadt gilt. Langfristig wird erwartet, dass solche Maßnahmen die Anpassungsfähigkeit Berlins an den Klimawandel erhöhen und ökologische Infrastruktur stärken.

Zielkonflikt durch Entsiegelungsprojekte: Häufig fallen Parkplätze und Straßenflächen weg

Gleichzeitig ist eine solche, großflächig angelegte Entsiegelungsstrategie natürlich auch mit Nachteilen und Zielkonflikten verbunden, da sie häufig zulasten bestehender Nutzungen geht. Besonders konfliktträchtig ist die Umwandlung von Parkplätzen, die regelmäßig Widerstand von Anwohnenden, Gewerbetreibenden und Pendlerinnen und Pendlern auslöst. In Berlin sind diese Konflikte vor allem im Kreuzberger Graefekiez und in angrenzenden Quartieren immer wieder hör- und sichtbar.

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Aber auch die Umsetzung selbst ist technisch anspruchsvoll, da stark verdichtete oder belastete Böden oft nur mit erheblichem Aufwand wieder funktionsfähig gemacht werden können. Hinzu kommen finanzielle Kosten sowie der Flächenkonkurrenzdruck in einer wachsenden Stadt.

Entsiegelung von urbanen Flächen als Bestandteil integrierter Stadtplanung?

Aus planerischer Sicht soll die Entsiegelung daher nicht als isolierte Maßnahme gesehen wreden, sondern als Teil eines integrierten Ansatzes, der Mobilität, Freiraumplanung und Klimaschutz zusammendenkt – so die Theorie. Entscheidend ist eine transparente Abwägung zwischen ökologischen Zielen und alltäglichen Nutzungsansprüchen. In diesem Spannungsfeld entwickelt sich Entsiegelung zunehmend zu einem zentralen Instrument moderner, nachhaltiger Stadtentwicklung in Berlin.

Am Weidenweg in Friedrichshain etwa wird Entsiegelung im kleinteiligen Maßstab umgesetzt. Mitten auf dem Gehweg entsteht eine neue Grünfläche, die zuvor vollständig versiegelt war. Ziel des Projekts ist es, Regenwasser besser versickern zu lassen, das Mikroklima zu verbessern und den Straßenraum aufzuwerten. Gleichzeitig wird sichtbar, wie auch kleine Eingriffe einen Beitrag zur klimaangepassten Stadt leisten können.

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Blücherstraße in Kreuzberg: 90 Parkplätze fallen für die Entsiegelung von Straßenflächen weg

Deutlich größer fallen die Eingriffe in der Blücherstraße in Kreuzberg aus. Im Zuge des Umbaus entfallen rund 90 Parkplätze, um Platz für neue Grünflächen, Baumpflanzungen und wasserdurchlässige Oberflächen zu schaffen. Das Projekt ist umstritten, da es bestehende Nutzungsgewohnheiten verändert und vor allem den ruhenden Verkehr einschränkt. Zugleich gilt der Umbau als Beispiel für die Priorisierung von Klimaanpassung und Aufenthaltsqualität im Straßenraum.

Ein besonders umfangreiches Vorhaben ist der Straßenumbau an der Ella-Barowsky-Straße am Südkreuz. Hier wird der Straßenraum grundlegend neu organisiert, versiegelte Flächen werden reduziert und durch Grün- und Versickerungsflächen ergänzt. Der Umbau verfolgt das Ziel, Hitzeentwicklung zu mindern und Regenwasser künftig stärker vor Ort zu halten. Damit verbindet das Projekt Verkehrsinfrastruktur mit Elementen der Schwammstadt.

Entsiegelung als wichtiger Baustein der Berliner Stadtentwicklung, aber mit Herausforderungen

Entsiegelung hat sich in Berlin zu einem wichtigen Baustein der klimaangepassten Stadtentwicklung entwickelt, doch das noch junge städtebauliche Instrument bleibt weiterhin ein Balanceakt zwischen ökologischen Anforderungen und alltäglichen Nutzungsansprüchen.

Die hier genannten Beispiele aus verschiedenen Berliner Bezirken zeigen sehr anschaulich, dass sowohl kleinräumige Eingriffe als auch großflächige Umbauten wirksam sein können, wenn sie in ein übergeordnetes Planungskonzept eingebettet sind. Entscheidend wird künftig sein, diese Maßnahmen transparent zu vermitteln und als integralen Bestandteil einer lebenswerten, resilienten Stadt weiterzuentwickeln. Sonst wird der Widerstand, den es gegen diese Maßnahmen gibt, auch weiterhin ein konstanter Begleiter sein

An der Blücherstraße in Berlin-Kreuzberg werden die neu entstehenden Grünflächen mit Feldsteinen gesichert, um wildes Parken zu verhindern. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Grün statt Parkplatz: In Lichterfelde wird der Platz des 4. Juli in eine großräumige Parkfläche verwandelt

Am Platz des 4. Juli in Lichterfelde hat der Umbau zu einer neuen Grünfläche bereits begonnen. Der zuvor stark versiegelte Platz wird schrittweise entsiegelt und landschaftsplanerisch neu gestaltet. Neben ökologischen Effekten soll auch die Aufenthaltsqualität für Anwohnende deutlich verbessert werden. Der Platz wird damit vom Verkehrsraum zum quartiersbezogenen Freiraum transformiert.

Einen anderen Ansatz verfolgt der Bezirk Lichtenberg mit mehreren Entsiegelungsmaßnahmen an Schulstandorten. Dort wird Regenwasser gezielt gesammelt, versickert oder für Grünflächen genutzt. Schulhöfe dienen dabei als Lernorte für nachhaltigen Umgang mit Wasser und als Bausteine der Schwammstadt. Gleichzeitig werden versiegelte Flächen reduziert und neue Grünstrukturen geschaffen.

Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg werden besonders viele Flächen entsiegelt und neu gestaltet

In der Ruhlsdorfer Straße im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg steht die Verbesserung der Standortbedingungen für Stadtbäume im Mittelpunkt. Durch die Entfernung versiegelter Flächen erhalten Bäume mehr Raum für Wurzeln und Wasseraufnahme. Das Projekt zeigt, wie Entsiegelung gezielt zur Stärkung urbaner Vegetation eingesetzt werden kann. Gleichzeitig wird der Straßenraum klimaresilienter gestaltet.

Bereits seit mehreren Jahren abgeschlossen ist die Neugestaltung des Wriezener Parks in Friedrichshain. Dort wurden versiegelte Flächen zurückgebaut und durch Grün- und Aufenthaltsbereiche ersetzt. Der Park gilt heute als Beispiel dafür, wie Entsiegelung zur Aufwertung innerstädtischer Freiräume beitragen kann. Im Kiez zwischen Warschauer Straße und Ostbahnhof wird der Grünzug intensiv genutzt, und das nicht nur von den Besuchern das dort angesiedelten Clubs „Berghain“.

Lausitzer Platz: Umstrittene Neuordnung eines dicht besiedelten Stadtplatzes in Kreuzberg

Auch der Lausitzer Platz in Kreuzberg zeigt, wie entsiegelte und autofreie Räume funktionieren können. Der Platz wird weitgehend ohne motorisierten Verkehr genutzt und bietet Raum für Aufenthalt, Begrünung und nachbarschaftliches Leben. Entsiegelung ist hier Teil eines umfassenderen Konzepts zur Umgestaltung des öffentlichen Raums. Protest gibt es jedoch von Anwohnern, Lieferdiensten und Handwerksbetrieben, die den Platz nur sehr eingeschränkt befahren können.

Auch im Tiergarten zwischen Lützow- und Potsdamer Straße wurde ebenfalls entsiegelt. Asphaltierte Flächen wurden zurückgebaut, um Grünstrukturen zu stärken und Regenwasser besser versickern zu lassen. Das Projekt verdeutlicht, dass Entsiegelung auch in zentralen innerstädtischen Lagen möglich ist und ökologische Funktionen im Stadtraum gezielt stärken kann.

Am Lausitzer Platz in Berlin-Kreuzberg wurden Parkplätze großflächig in Grünflächen umgewandelt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

In Friedrichshain ist mit dem Wriezener Park eine Grünfläche entstanden, bei der großflächig Flächen begrünt und entsiegelt wurden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Tempelhof-Schöneberg: An der Ella-Barowsky-Straße läuft ein umfassender Umbau, bei dem auch ein neuer Stadtplatz mit entsiegelten Flächen entsteht. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Regenwasserbewirtschaftung an einer Schule in Lichtenberg

Eine Bestandsaufnahme ergab, dass einige Lichtenberger Schulen bereits über Versickerungsflächen und Regentonnen verfügen, während andere noch Nachholbedarf haben. Künftig soll Regenwasser direkt auf den Schulgrundstücken genutzt werden. / © Foto: Drees & Sommer

Quellen: Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, ABES S. à r. l., Deutsches Architektur Forum, BUND, Bezirksamt Lichtenberg, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen

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3 Kommentare

  1. Löwe 24. Dezember 2025 at 09:03 - Reply

    „Besonders konfliktträchtig ist die Umwandlung von Parkplätzen..“

    Können Parkplätze nicht auch in Tiefgaragen umgewandelt werden, mit entsprechender Berücksichtigung der Entwässerung? Siehe Punkt 2. hier https://www.habitatista.com/30622/7-alternatives-to-traditional-parking-spaces/

  2. tollo 25. Dezember 2025 at 20:25 - Reply

    jeder cent dafür ist verbranntes steuergeld, weil pik rausgefunden hat der der golfstrom zusammenbricht und es daher in berlin kälter und viel mehr regnen wird.

  3. Tom 27. Dezember 2025 at 23:26 - Reply

    Der Rückbau der autogerechten Stadt zugunsten menschengerechter Nutzungsarten ist immer eine gute Investition.

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