Mehr Bäume, entsiegelte Plätze oder ein neuer Stadtwald: Der Berlin-Wahl-Check vergleicht die Konzepte von SPD, CDU, Grünen, Linken und AfD für Klimaanpassung und öffentliche Räume.

Umbauarbeiten im Innenhof des Kranzler Ecks in Berlin

Zwischen den Gebäudeteilen des Kranzler Ecks entsteht ein neu gestalteter Innenhof mit mehr Grün und Aufenthaltsflächen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

ANZEIGE

 

Berlin spürt die Folgen des Klimawandels längst im Alltag. Dicht bebaute Quartiere heizen sich im Sommer stark auf, Straßenbäume leiden unter Trockenheit und bei Starkregen kann die Kanalisation große Wassermengen nicht immer aufnehmen. Besonders betroffen sind Stadtteile mit dichter Bebauung, wenig Grün und einem hohen Anteil versiegelter Flächen. Dort entscheiden Schatten, Trinkwasser, Parks und kühlere Aufenthaltsorte zunehmend darüber, wie lebenswert ein Kiez während langer Hitzeperioden bleibt.

Klimaanpassung betrifft deshalb weit mehr als den Schutz der Natur. Sie verändert Straßen, Plätze, Schulhöfe und Wohnquartiere. Zusätzliche Bäume benötigen Platz und dauerhafte Pflege, Entsiegelung kann mit Parkplätzen und anderen Nutzungen konkurrieren, während der Umbau zur Schwammstadt neue technische und finanzielle Anforderungen stellt. Gleichzeitig bleiben Sauberkeit, Barrierefreiheit, Sicherheit und frei zugängliche Erholungsflächen wichtige Aufgaben des öffentlichen Raums.

ANZEIGE

Die Parteien setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte. ENTWICKLUNGSSTADT vergleicht vor der Wahl die stadtentwicklungspolitischen Konzepte der fünf derzeit größten Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus. Der fünfte Teil der Serie untersucht, wie CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und AfD Berlin auf Hitze und Starkregen vorbereiten und seine Straßen, Plätze und Grünanlagen weiterentwickeln wollen.

SPD: Mehr Stadtbäume und wohnortnahe grüne Erholung

Die SPD verbindet Klimaanpassung mit dem Ausbau und der besseren Pflege des Berliner Stadtgrüns. Auf Grundlage des Berliner Klimaanpassungsgesetzes soll die Zahl der Stadtbäume bis 2040 um 70 Prozent steigen. Bestehende Altbäume will die Partei aufgrund ihrer besonders hohen Schattenwirkung besser schützen und sorgfältiger pflegen. Im Hoch- und Tiefbau sollen baumerhaltende Planungen Vorrang erhalten; Fällgenehmigungen will die SPD enger an den tatsächlichen Beginn eines Bauvorhabens binden. Leere Baumscheiben sollen bepflanzt und weitere Standorte geschaffen werden. Als langfristiges Ziel nennt das Programm einen Baumabstand von jeweils rund 15 Metern im Straßenraum. 

Parks und Grünanlagen betrachtet die SPD zugleich als soziale Infrastruktur. Die Bezirke sollen dauerhaft ausreichend Personal und Geld erhalten, um diese Flächen naturnah zu pflegen. Die Berliner Stadtreinigung soll schrittweise die Reinigung aller Spielplätze sowie bis 2030 aller Parks und Grünanlagen übernehmen, damit sich die Bezirke stärker auf Pflege und Entwicklung konzentrieren können. Im Osten Berlins kündigt die Partei einen neuen Volkspark an. Zusätzlich sollen Mini-Parks, Brunnen und Planschen wohnortnahe Abkühlung schaffen. Vorrang haben Quartiere, in denen Hitze, Lärm, schlechte Luft, Grünmangel und soziale Belastungen zusammenkommen. Als mögliche Projekte nennt das Programm die Entsiegelung oder Begrünung des Washingtonplatzes und des Vorplatzes am Bahnhof Gesundbrunnen. Regenwasser will die SPD verstärkt von der Kanalisation abkoppeln, vor Ort versickern lassen und für Stadtgrün und Gewässer nutzen. 

ANZEIGE

CDU: Eine Million Bäume und mehr kurzfristiger Hitzeschutz

Die CDU erklärt Hitzeschutz zu einer sozialen Aufgabe und will ihn verbindlich in Planungs- und Bauprozesse integrieren. Besonders ältere und kranke Menschen, Kinder sowie Wohnungslose sollen besser geschützt werden. Bis 2040 soll der Berliner Straßenbaumbestand auf eine Million Bäume steigen. Dabei betont das Regierungsprogramm realistische Pflanzziele, die Beteiligung der Bezirke und eine gesicherte Finanzierung. Die Berliner Wälder will die CDU klimaresilienter machen, indem reine Kiefernbestände schrittweise zu strukturreichen Laubmischwäldern umgebaut werden. Auf Teilen des Tempelhofer Feldes schlägt die Partei außerdem einen neuen Stadtwald vor, der nach ihrer Vorstellung eine zweite „Grüne Lunge“ neben dem Tiergarten bilden soll. 

Auch öffentliche Gebäude und Freiflächen sollen stärker an Hitze angepasst werden. Die CDU will Dächer und Fassaden insbesondere bei öffentlichen Gebäuden begrünen und bei Kitas und Schulen verschattete Spielflächen, klimaangepasste Bauweisen sowie kostenloses Trinkwasser vorsehen. Auf Spielplätzen sollen zusätzliche Sonnensegel kurzfristig Schutz schaffen. Schulhöfe, Kitagelände und Sportanlagen will die Partei entsiegeln, begrünen und mit Wasserspeichern ausstatten. Trinkbrunnen sollen bedarfsgerecht ergänzt und in Hitzeperioden durch mobile Trinkstationen erweitert werden. Zugleich setzt die CDU auf gepflegte öffentliche Anlagen: Die BSR soll mehr Grünflächen und Spielplätze reinigen, gefährliche Gegenstände sollen schneller entfernt und Spielplatzpatenschaften ausgeweitet werden. Berlin soll außerdem konsequent zur Schwammstadt weiterentwickelt werden, indem Regenwasser stärker gesammelt, gespeichert und genutzt wird. 

Fahrradweg mit Radfahrer am Mehringdamm, Nahe Tempelhofer Berg. Grüne Bäume.

Straßenbäume gelten als wichtiger Baustein der Klimaanpassung in Berlin. / © Foto: depositphotos.com

ANZEIGE

Grüne: Systematischer Umbau zur klimaresilienten Stadt

Die Grünen legen das umfassendste Klimaanpassungsprogramm der verglichenen Parteien vor. Sie wollen Maßnahmen besonders in sozial benachteiligten und stark aufgeheizten Quartieren konzentrieren. Kurzfristig sollen Sonnensegel über Spiel- und Hundeauslaufplätzen, mehr Trinkbrunnen, geöffnete klimatisierte öffentliche Gebäude und sogenannte Klimainseln mit Schatten, Wasser und Sitzgelegenheiten für Entlastung sorgen. Parallel soll der Berliner Hitzeaktionsplan jährlich überprüft und weiterentwickelt werden. Für Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge verlangen die Grünen verbindliche Konzepte mit Trinkwasserangeboten, Verschattung und Kühlräumen. 

Langfristig setzt die Partei auf umfangreiche Entsiegelung und eine deutlich stärkere Begrünung. Überdimensionierte Verkehrsflächen, Schul- und Krankenhausgelände sowie versiegelte Hinterhöfe sollen systematisch auf ihr Entsiegelungspotenzial untersucht werden. Pocket Parks, Tiny Forests, Grünverbindungen sowie Rank- und Kletterpflanzen sollen neue Lebensräume und kühlere Aufenthaltsorte schaffen. Die Grünen unterstützen das Berliner Baumgesetz und nennen das Ziel von einer Million zusätzlichen Bäumen, verbinden dieses jedoch ausdrücklich mit höheren Pflegebudgets. Beim Umbau zur Schwammstadt setzt die Partei auf begrünte Dächer, Regengärten, Versickerungsstreifen, Regentonnen und „grüne Gullys“. Regenwasser soll möglichst in der Stadt bleiben, das Grundwasser stärken und zur Bewässerung des Stadtgrüns dienen. Darüber hinaus wollen die Grünen Gemeinschaftsgärten und eine „essbare Stadt“ mit Obstbäumen, Sträuchern und Wildkräutern im öffentlichen Raum fördern. 

Die Linke: Klimaanpassung als öffentliche Daseinsvorsorge

Die Linke behandelt Parks, Plätze und Straßen ausdrücklich als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Gerade Menschen ohne eigenen Garten, Balkon oder große Wohnung seien auf allgemein zugängliche Grün- und Erholungsräume angewiesen. Die Partei will deshalb mehr wohnortnahe Naturflächen schaffen und bestehende Parks, Friedhöfe, Kleingärten, Wälder und Wasserflächen sichern. In benachteiligten Stadtteilen soll das Land zusätzliche Flächen ankaufen und in Grünanlagen umwandeln. Eine Bebauung ökologisch wichtiger Freiräume lehnt die Linke ab. Bis spätestens 2030 strebt sie eine Netto-Null-Versiegelung an: Wo neue Flächen versiegelt werden, soll innerhalb Berlins eine gleich große Fläche entsiegelt werden. Veränderungen bei Grünflächen, Ersatzpflanzungen und Ausgleichsmaßnahmen sollen in einem öffentlichen Kataster nachvollziehbar werden. 

Für Hitzeperioden fordert die Linke einen sozialräumlich differenzierten Hitzeschutzplan mit verbindlichen Vorgaben für die Bezirke und einer gesicherten Finanzierung. In jedem Kiez sollen kühle Innenräume in öffentlichen Gebäuden zur Verfügung stehen. Kommunale Begegnungsstätten, Pflegeeinrichtungen und andere sensible Orte will die Partei hitzefest machen; zudem sollen mehr Trinkbrunnen und öffentliche Trinkwasserspender entstehen. Beim Schwammstadt-Prinzip setzt die Linke auf Entsiegelung, Regenwasserversickerung und die Nutzung von Regen- und Grauwasser. Landeseigene Wohnungsunternehmen und öffentliche Grundstücke sollen dabei eine Vorreiterrolle übernehmen. Die Regenwasseragentur will die Partei personell und finanziell stärken.

Temporäre Begrünung auf dem Schinkelplatz in Berlin-Mitte mit zahlreichen Pflanzen, Bäumen und Sitzbereichen.

Eine temporäre Begrünung verwandelte den Schinkelplatz in Berlin-Mitte zeitweise in einen deutlich grüneren Stadtraum. Das Projekt machte das Potenzial klimaangepasster Freiräume sichtbar. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

AfD: Stadtgrün erhalten, Flächen entsiegeln und Klimavorgaben begrenzen

Die AfD bündelt ihre Forderungen nicht unter einem eigenständigen Klimaanpassungskonzept. Im Kapitel „Natur und Umwelt“ nennt sie jedoch mehrere Maßnahmen, die dem Umgang mit Hitze, Trockenheit und Starkregen dienen. Den Flächenverbrauch will die Partei reduzieren und naturnahe Räume erhalten. Teilweise versiegelte Flächen sollen erfasst und dort entsiegelt werden, wo dies nach ihrer Auffassung sinnvoll und mit geringem Aufwand möglich ist. Private Eigentümer sollen Anreize erhalten, Flächen zu entsiegeln und Regenwasserauffangtanks einzubauen. Das gesammelte Wasser soll unter anderem für Toilettenspülungen sowie zur Bewässerung von Gärten und Stadtgrün genutzt werden. Langfristig will die AfD außerdem Regen- und Abwasser voneinander trennen.

Bei Parks, Wäldern, Kleingärten und Straßenbäumen setzt die Partei auf Erhalt und stärkere Pflege. Die Bezirke sollen dafür mehr Mittel, qualifiziertes Personal und verbindliche Pflegekonzepte erhalten. Für gefällte Straßenbäume fordert die AfD eine Nachpflanzpflicht, deren Umsetzung durch transparente Baumbilanzen kontrolliert werden soll. Einen weiteren Schwerpunkt legt sie auf Sauberkeit und Ordnung. Rund um die Uhr tätige Ordnungsämter, mobile Einsatzteams, Müll-Sheriffs und Waste-Watcher sollen illegale Müllablagerungen und Graffiti schneller beseitigen. Videoüberwachung an Müll-Hotspots sowie die schnellere Entfernung von Autowracks und Obdachlosencamps gehören ebenfalls zu den Forderungen. Gleichzeitig lehnt die AfD zusätzliche landesrechtliche Klimaschutzauflagen für Gebäude ab und will energetische Dämmstandards auf das Niveau vom Anfang der 2000er-Jahre zurücksetzen.

Wie grün Berlin werden soll, entscheidet sich auch im Straßenraum

Alle fünf untersuchten Wahlprogramme erkennen an, dass Berlin sein Stadtgrün besser pflegen und auf Hitze, Trockenheit sowie Starkregen reagieren muss. SPD und CDU setzen stark auf zusätzliche Straßenbäume, Hitzeschutz an Schulen und Spielplätzen sowie konkrete Maßnahmen im öffentlichen Raum. Grüne und Linke streben einen umfassenderen Umbau des Stadtraums an und verbinden Entsiegelung, Schwammstadt, soziale Umweltgerechtigkeit und den Schutz von Freiflächen. Auch die AfD nennt Maßnahmen zur Entsiegelung, Regenwassernutzung und zum Erhalt naturnaher Flächen, lehnt aber zusätzliche klimapolitische Vorgaben für Gebäude ab.

Damit geht es bei der Berlin-Wahl 2026 nicht nur um die Zahl neuer Bäume. Entscheidend ist auch, wie viel Fläche die Parteien für Grün, Wasser und Schatten reservieren, welche Quartiere zuerst profitieren und wer den dauerhaften Unterhalt bezahlt. Ob aus politischen Pflanzzielen tatsächlich ein kühleres und lebenswerteres Berlin entsteht, hängt jedoch von dauerhafter Pflege, ausreichender Bewässerung und einer verlässlichen Finanzierung der Bezirke ab.

 

Quellen: Wahlprogramme der SPD, CDU, Bündnis 90 / Die Grünen, Die Linke und AfD für die Berlin-Wahl 2026

Jetzt PLUS-Kunde werden

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.

Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.