Eine Wohnung für 100 Euro im Monat? Beim Neujahrsempfang der Gemeinwohlbau COB 01 GmbH wurde sichtbar, wie konkret die Idee vom gemeinwohlorientierten Wohnungsbau inzwischen geworden ist. Hinter dem Projekt steht ein junges Berliner Unternehmen, das Baulücken schließen und bezahlbaren Wohnraum neu denken will.

Kleiner Grundriss, hohe Decken: So stellt sich die Gemeinwohlbau GmbH das Wohnen von morgen vor. Entscheidend ist dabei vor allem eines: dass die Mieten dauerhaft wirklich bezahlbar bleiben. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
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„Das, was ihr hier seht, ist in unserem Baukasten noch einen kleinen Tick größer“, erklärt Architekt Van Bo Le-Mentzel am Mittwochabend beim Neujahrsempfang der Gemeinwohlbau hörbar euphorisch und voller Begeisterung. Gemeint ist die Musterwohnung, die sich seit wenigen Tagen zwischen Holzständern und Farbdosen in einem 60 Quadratmeter großen Kreuzberger Büro befindet.
Im Maßstab nahezu 1:1 kalkuliert, würde sie eine Monatsmiete von 100 Euro kosten. Sie ist natürlich nicht als fertiges Produkt gedacht, sondern als Anschauungsobjekt: So klein, so schlicht und so günstig könnte Wohnen in Berlin künftig aussehen.
Das Ziel: Baulücken der Stadt systematisch mit bezahlbarem Wohnraum schließen
Le-Mentzel ist Gründer der gemeinnützigen Tiny Foundation sowie der daraus hervorgegangenen Gemeinwohlbau COB 01 GmbH. Das Unternehmen wurde 2025 gegründet und verfolgt einen Ansatz, der im Berliner Wohnungsmarkt bislang die Ausnahme ist: Gebaut werden soll nicht für maximale Rendite, sondern orientiert am gesellschaftlichen Bedarf. Baulücken, davon gibt es in der Stadt mehr als tausend, gelten dabei als wichtigste Ressource.
Die Gemeinwohlbau will selbst schmalste Baulücken in der Hauptstadt nachverdichten und mit seriellen Stadthäusern, die Kleinstwohnungen beinhalten, bezahlbaren Wohnraum schaffen. Die Grundrisse orientieren sich an der Kompaktheit von Tiny Houses und an der Flexibilität historischer Berliner Mietshäuser.
Seriell bauen, kollektiv finanzieren: Diese Idee steckt hinter der Gemeinwohlbau
Entstehen sollen vor allem Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen. Bonitätsnachweise wie Schufa oder Kontoauszüge spielten für das Unternehmen dabei keine Rolle, dies empfinde man als anmaßend, heißt es. Wie die künftigen Mieterinnen und Mieter später konkret ausgewählt werden sollen, werde derzeit jedoch noch diskutiert.
Finanziert wird das Modell über sogenanntes Kollektivkapital, also viele kleine, oder auch größere, private Einlagen. Le-Mentzel beschreibt das so: „Auch Berlinerinnen und Berliner sollen vom Immohype profitieren.“ Ideal sei ein Modell, das sich an Genossenschaften höchstens orientiere, aber deutlich darüber hinausgehe.
Künftige Mieterinnen und Mieter sollten nicht nur günstig wohnen, sondern auch wirtschaftlich beteiligt werden. „Unsere Vorstellung ist, dass sie an unserem Erfolg teilhaben“, sagt er. Wer Anteile halte, solle später natürlich auch einen entsprechenden Gewinnanteil erhalten.
Vom Konzept zur Umsetzung: Gemeinwohlbau wächst deutlich
Le-Mentzel versteht es, Menschen für seine Idee zu begeistern. Beim Neujahrsempfang wurde deutlich, dass das Projekt inzwischen über die Konzeptphase hinaus ist. Die Foundation teilte mit, erstmals Mitarbeitende einstellen zu können, regelmäßig mit Bauämtern im Austausch zu stehen und konkrete Grundstücksverhandlungen zu führen, unter anderem in Schöneberg und Treptow-Köpenick
Dabei, erzählt Le-Mentzel, arbeite man bewusst „geizig“. Gemeint ist nicht eine knappe Bezahlung der Mitarbeitenden, sondern ein möglichst kleines Team und niedrige Fixkosten. Das verfügbare Geld solle dorthin fließen, wo es am meisten bewirke: in die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum.
Das Büro selbst dient inzwischen als „Kampagnen-Office“, in dem nicht nur geplant, sondern auch politisch für neue Modelle des Wohnens geworben werden soll.
Die 100-Euro-Wohnung: Ein Prototyp als Versprechen
Die 100-Euro-Wohnung im Büro ist dafür mehr als ein Gag. Sie markiert einen Zwischenstand – und ein Versprechen. Nicht alle Wohnungen sollen bei 100 Euro liegen; selbstverständlich sind auch größere Einheiten für unterschiedliche Bedarfe vorgesehen, die dann etwas teurer sein können.
Dass für das Projekt weiterhin Investoren gesucht werden, wird offen kommuniziert. Der Abend vermittelte jedoch vor allem eines: Aus einer Idee ist ein Projekt geworden, das begonnen hat, reale Formen anzunehmen, und nun sichtbar in die Stadt hineinwachsen will.
Wie das Prinzip funktionieren soll, stellt das Büro in diesem Video vor:
Hinweis der Redaktion: Unser spannendes Podcast-Interview mit Van Bo Le-Mentzel könnt Ihr hier noch einmal nachhören.
Kampagnen-Office (K.O.)
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