Kirchenbauten verlieren zunehmend ihre ursprüngliche Funktion. Dennoch bergen sie enormes Potenzial für kulturelle, soziale oder städtebauliche Entwicklungen. In Berlin und darüber hinaus entstehen aus ehemaligen Sakralbauten neue Orte für Kunst, Kultur, Wohnen oder Bildung.
© Titelbild: Wikimedia Commons, Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed, CC BY-SA 4.0
Immer mehr Kirchengebäude in Deutschland stehen leer. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Sinkende Mitgliederzahlen, finanzielle Engpässe und der gesellschaftliche Wandel führen dazu, dass viele Gemeinden ihre Gotteshäuser aufgeben. Anstatt diese Bauwerke abzureißen, entwickeln Initiativen, Architekturbüros und Kommunen neue Nutzungskonzepte.
Die Stiftung Baukultur zählt bundesweit rund 45.000 Kirchen. Ein wachsender Teil davon wird nicht mehr regelmäßig für Gottesdienste genutzt. Besonders in Großstädten wie Berlin entstehen aus ehemaligen Sakralbauten neue Räume mit vielfältigen Funktionen. Einige dieser Projekte haben bereits stadtbildprägenden Charakter entwickelt.
St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg: Außergewöhnliche Umnutzung von Gebetshaus zur Galerie

Die markante Struktur mit ihrem massiven Glockenturm ist ein prägendes Beispiel für den brutalistischen Kirchenbau der Nachkriegszeit in Berlin. Die Kirche wurde nach Plänen des ehemaligen Senatsbaudirektors Werner Düttmann errichtet. / © Wikimedia Commons, Gunnar Klack, CC BY-SA 4.0
Ein eindrucksvolles Beispiel für die Umnutzung einer Kirche steht in Berlin-Kreuzberg. Die St.-Agnes-Kirche entstand zwischen 1964 und 1967 nach Entwürfen von Werner Düttmann im Stil des Brutalismus. Aufgrund zurückgehender Gemeindemitglieder stellte das Erzbistum Berlin das Gebäude im Jahr 2005 zur Disposition.
Zunächst nutzte eine protestantische Freikirche den Raum. Da jedoch weder ausreichend finanzielle Mittel für die Instandhaltung noch ein tragfähiges Nutzungskonzept vorhanden waren, drohte der Abriss. Erst durch die Unterschutzstellung als Denkmal blieb das Gebäude erhalten. Der Galerist Johann König erwarb schließlich die Immobilie und ließ sie denkmalgerecht umbauen. Seitdem dient der ehemalige Kirchenraum als Ausstellungsort, während Verlag, Architekturbüro und Universität die angrenzenden Räume nutzen.
Architekten setzen auf kleine Eingriffe: Sakralbau wird sensibel zur Kulturstätte transformiert

Der Innenraum der St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg, wurde behutsam zur Ausstellungshalle umgebaut. Die Planung erfolgte durch das Architekturbüro Brandlhuber + Emde, Schneider. / © Wikimedia Commons, Charles Joplin, CC BY-SA 4.0
Der Innenraum der Kirche blieb weitgehend erhalten. Die Architekten setzten eine zusätzliche Betondecke ein, um neue Nutzflächen zu schaffen und gleichzeitig die Raumwirkung nicht zu zerstören. Diese Einbauten erfüllen technische Anforderungen wie Klimatisierung und Beleuchtung, ohne die Struktur zu dominieren.
Das Projekt steht exemplarisch dafür, wie eine zeitgemäße Nutzung mit Respekt vor dem Bestand funktionieren kann. Der charakteristische Sichtbeton, die schlichte Formensprache und der monumentale Baukörper prägen weiterhin das Stadtbild und zeigen, wie Transformation gelingen kann, ohne die Vergangenheit zu verleugnen.
Bildung und Spiel im Prenzlauer Berg: Das MACHmit! Museum in der Elias-Kirche

Die Elias-Kirche beherbergt seit 2003 das MACHmit! Museum für Kinder. Der Umbau erhielt mehrere Auszeichnungen, weil er Denkmalpflege und kindgerechtes Lernen überzeugend vereint. / © Foto: Imago / Rolf Zöllner
Auch im Prenzlauer Berg wandelte sich ein Kirchenraum grundlegend. Die Elias-Kirche, erbaut Anfang des 20. Jahrhunderts, stand lange leer. Als Schäden am Bauwerk und Geldmangel die Gemeinde unter Druck setzten, entstand die Idee, dort ein Kindermuseum einzurichten.
Seit 2003 beherbergt der Sakralbau das MACHmit! Museum. Die Umgestaltung ermöglichte ein innovatives Raumkonzept: Kinder klettern im Kirchenschiff auf einem sechs Etagen hohen Regal oder sitzen auf der Tribüne im einstigen Altarbereich. Die Eingriffe blieben reversibel, die denkmalgeschützte Bausubstanz wurde respektiert. So wurde aus einem stillgelegten Sakralraum ein Ort der Bildung und des Spiels.
Transformation zu Wohnhaus: Neue Lebensformen in der ehemaligen Kirche in Schöneberg

In der Feurigstraße in Berlin-Schöneberg wurde ein ehemaliges Kirchengebäude in ein Wohnensemble mit insgesamt 14 Eigentumswohnungen umgewandelt. Der markante Kirchturm bleibt erhalten und erinnert an die ursprüngliche Nutzung des Ortes. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Wohnraum in Berlin ist knapp. Umso interessanter erscheint das Projekt in der Feurigstraße in Schöneberg. Dort hat die Bürgerstadt AG eine Kirche aus den 1920er Jahren in ein Wohnhaus verwandelt. Acht Eigentumswohnungen entstanden im Kirchengebäude selbst, weitere sechs in einem neu errichteten Seitenflügel.
Das Architekturkonzept legt großen Wert auf Individualität. Maisonette-Wohnungen, private Terrassen und großzügige Fensterflächen machen das ehemalige Gotteshaus zu einem besonderen Wohnort. Gleichzeitig blieb der Charakter der alten Kirche erhalten. Das Projekt zeigt, dass Wohnnutzung und historische Architektur sich nicht ausschließen müssen.
Anregungen für die Stadtentwicklung: Neue Impulse für das Quartier durch Umnutzung einer ehemaligen Kirche

In der ehemaligen Kirche in Mönchengladbach wurde eine Kletterhalle eingerichtet. Die Eingriffe in den Bestand bleiben vollständig reversibel, sodass der Raum auch künftig als Sakralbau genutzt werden könnte. / © Wikimedia Commons, Käthe und Bernd Limburg, Creative Commons BY-SA-3.0 de
Die Transformation von Kirchen beeinflusst nicht nur die Gebäude selbst, sondern auch das städtische Umfeld. Im Fall der Schöneberger Kirche wurde ein vormals verschlossener Ort wieder ins Quartier eingebunden. Der neue Wohnkomplex belebt die Umgebung, schafft sozialen Austausch und wirkt identitätsstiftend.
Solche Impulse lassen sich auch an anderen Orten beobachten. Wo früher Stille herrschte, entstehen heute lebendige Treffpunkte für Kultur, Begegnung und Nachbarschaft. Anderen Kirchen wurden bereits zu Bibliotheken, Buchläden, Musikzentren, öffentliche Veranstaltungsräume, Stadtteilzentren, Galerien oder Kunstzentren, Kletterhallen, Theater und Wohnungen umgenutzt, meist reversibel und mit geringen Eingriffen in die Bausubstanz. Die Umnutzung ermöglicht nicht nur baulichen Erhalt, sondern öffnet die Architektur sozial und funktional in das Umfeld hinein.
Zukunftsperspektiven für Sakralbauten: Kirchen als gesellschaftliche Ressource neu verstehen
Verschiedene Initiativen setzen sich inzwischen dafür ein, Kirchen nicht nur als religiöse Räume zu betrachten, sondern als gesellschaftliche Ressourcen. Bewegungen wie „Zukunft – Kirchen – Räume“ oder das „Kirchenmanifest“ arbeiten daran, neue Verantwortungsgemeinschaften zu etablieren. Ziel ist es, Sakralbauten als Gemeingüter zu erhalten und sinnstiftend weiterzuentwickeln.
Ein neuer Umgang mit diesen Gebäuden erfordert Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Architekturbüros, Verwaltungen und den Menschen vor Ort. Die Berliner Beispiele zeigen, dass Kirchen auch in säkularen Zeiten ein gesellschaftlicher Anker bleiben können, wenn man sie offen denkt, mutig umbaut und verantwortungsvoll nutzt.
Quellen: Deutsche Stiftung Denkmalschutz/ Monumente, BauNetz Wissen, Nationale Stadtentwicklungspolitik, Projekt Bürgerstadt AG,MIK12, Bundschuh Architekten, spreeformat architekten GmbH, Architekt Bernd Bötzel, competitionline
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