Direkt gegenüber der Gedächtniskirche entstand 1913 eines der bedeutendsten Premierenkinos Berlins. Das Marmorhaus am Kurfürstendamm erlebte Filmgeschichte, legendäre Filmnächte und schließlich das langsame Verschwinden der großen Kinopaläste.

Marmorhaus, Mitte

Hier feierte einst „Das Kabinett des Dr. Caligari“ Premiere. Das Marmorhaus war über Jahrzehnte ein zentraler Ort der Berliner Kinokultur, bevor sich der Kurfürstendamm grundlegend wandelte. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT

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Am Kurfürstendamm 236, direkt gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, befindet sich das sogenannte Marmorhaus. Das Kino wurde in den Jahren 1912/1913 nach Entwürfen des Architekten Hugo Pál als „Marmor-Kino-Theater“ errichtet.

In der Oktoberausgabe 1913 der Zeitschrift Berliner Architekturwelt wurde der eigens für Filmvorführungen konzipierte Neubau ausführlich vorgestellt, inklusive Grundrissen und Fotografien. Heute steht das Gebäude auf der Berliner Landesdenkmalliste.

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Namensgebend war die aufwendig gestaltete Fassade zur Straßenseite des Kurfürstendamms. Sie besteht aus schlesischem Marmor und erstreckt sich über fünf Geschosse.

Das Marmorhaus in der Berliner City West: Expressionistische Innenräume im frühen Kinobau

Auch im Inneren setzte man auf künstlerische Gestaltung: Der Maler César Klein entwarf expressionistische Wand- und Deckendekorationen für Foyer und Zuschauerraum. Auf seine Entwürfe geht zudem eine farbige Glasdecke im Foyer zurück.

Eröffnet wurde das Kino am 9. Mai 1913 mit der Premiere des Films „Das goldene Bett“ von Walter Schmidthässler. Internationale Aufmerksamkeit erhielt das Haus im Jahr 1919, als hier die Welturaufführung von Robert Wienes Filmklassiker „Das Kabinett des Dr. Caligari“ stattfand.

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Marmorhaus am Kurfürstendamm: Vom Premierenkino zum Mehrsaalbetrieb

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Gebäude weitgehend unbeschadet. In den 1950er-Jahren verlor es jedoch seine führende Stellung als Premierenkino an den neu eröffneten Zoo-Palast.

1975 ließ die damalige Eigentümerin UFA das Gebäude umfassend umbauen. Neben dem großen Saal mit Balkon entstanden vier zusätzliche kleine Säle, sogenannte „Schachtelkinos“.

1980er Jahre: Legendäre Filmnächte im Marmorhaus

In den 1980er-Jahren wurde das Marmorhaus durch seine „Langen Filmnächte“ bekannt. Besucher konnten mit einem einzigen Ticket an einem Abend bis zu zwölf Filme in mehreren Sälen sehen. Das Kino entwickelte sich dadurch zu einem beliebten Treffpunkt für Filmfans.

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1997 folgte eine grundlegende Renovierung. Dabei ersetzte man unter anderem den ursprünglichen ziegelgedeckten Holzdachstuhl durch eine moderne Glasdachkonstruktion. Die südliche Stahlbetonfassade wurde neu verputzt, während die historische Marmorfassade zum Kurfürstendamm restauriert wurde.

Ende der 1990er Jahren: Renovierung und wirtschaftliche Probleme

Trotz der Investitionen blieb der wirtschaftliche Erfolg aus. Sinkende Besucherzahlen und die zunehmende Konkurrenz durch Multiplex-Kinos setzten den traditionellen Filmtheatern am Kurfürstendamm stark zu.

2001 endete schließlich der Kinobetrieb. Das Gebäude wurde für mehr als 40 Millionen Euro an die Aachener Grundvermögen Kapitalanlagegesellschaft verkauft.

2000er Jahre: Schließung des ikonischen Kinos und neue Nutzung

Anschließend nutzte bis 2018 eine Filiale der Modekette Zara das Haus. Seit 2020 betreibt die japanische Lifestyle-Marke Muji dort ihr Geschäft. Das Marmorhaus steht damit durchaus sinnbildlich für den Strkturwandel des Kurfürstendamms: vom einstigen Zentrum der Berliner Kinokultur zu einer vor allem vom Einzelhandel geprägten Einkaufsstraße.

Heute existieren am Boulevard nur noch wenige Kinos, darunter das Cinema Paris und die Astra-Filmlounge – und natürlich der vor wenigen Jahren runderneuerte Zoo-Palast, nur wenige Schritte vom Marmorhaus entfernt.

Quellen: Marmorhaus Berlin, Wikipedia, Berliner Architekturwelt

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