Die BVG richtet ihren Kurs unter Henrik Falk auf Stabilisierung statt Wachstum aus – unterstützt von Verkehrssenatorin Ute Bonde. In einer wachsenden Stadt stößt dieser Ansatz zunehmend auf Kritik von Fachleuten und Fahrgastverbänden.

Die BVG modernisiert ihre Flotte, reduziert aber gleichzeitig die Perspektive auf Angebotswachstum. In der wachsenden Millionenstadt Berlin entstehen dadurch wachsende Spannungsfelder zwischen Bedarf und politischem Anspruch. / © Foto: Depositpthotos.com
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Die Berliner Verkehrsbetriebe befinden sich in einer Phase tiefgreifender Neuordnung. Unter Vorstandschef Henrik Falk verfolgt das Unternehmen seit rund zwei Jahren die Linie „Stabilität vor Wachstum“. Damit soll die BVG verlässlicher und pünktlicher werden, wie Falk immer wieder betont; eine Reaktion auf jahrelange Störungen, krisenhafte Instandhaltung und erheblichen Personalmangel. Doch weil Berlin weiter stark wächst, wird dieser Kurs der reinen Konsolidierung zunehmend kontrovers diskutiert.
Auf politischer Ebene wird der stabilitätsorientierte Ansatz von Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) entschieden gestützt, was wenig überraschend kommt. Bonde setzt derzeit kaum sichtbare Akzente für Netz- und Angebotsausbau und wird von Fachleuten zunehmend dafür kritisiert, strategische Rahmenbedingungen für eine zukunftsorientierte Mobilitätsentwicklung zu vernachlässigen. Bondes Fokus scheint vielmehr auf dem Ausbau des Straßennetzes für Autos zu liegen. Wenn Henrik Falk also den Ausbau des ÖPNV-Netzes bremsen will, kommt das Ute Bonde ganz offenbar sehr gelegen.
Berlins BVG: Neue Züge, bessere Zuverlässigkeit, aber kaum Kapazitätszuwachs
Henrik Falk verweist in Gesprächen mit der Berliner Morgenpost oder dem Tagesspiegel vor allem auf Fortschritte im U-Bahn-Bereich. Neue JK-Züge aus Berliner Produktion ersetzen ältere Fahrzeugserien und führen bereits zu steigender Zuverlässigkeit: Laut BVG fanden im laufenden Quartal knapp 97 Prozent der geplanten U-Bahn-Fahrten statt, deutlich mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch Tram und Bus zeigten ähnliche Entwicklungen, so Falk.
Doch der exakt gemessene Fortschritt wirkt weniger eindeutig, wenn man Senatszahlen betrachtet. Diese liegen bei U- und Straßenbahn teilweise mehrere Prozentpunkte niedriger. Hinzu kommt: Die Verjüngung der Flotte bedeutet nicht zwingend den so dringend benötigten Angebotsausbau, den viele Berlinerinnen und Berliner immer wieder fordern. Viele ältere Wagen müssen ausgemustert werden, weshalb sich der Kapazitätsgewinn realistisch begrenzt.
Berlins Einwohnerzahl wächst, aber die BVG setzt nicht auf Erweiterung, sondern auf Stabilisierung
Mit Blick auf Berlin als wachsende Millionenstadt widerspricht deshalb Mobilitätsexperte Philipp Kosok im Morgenpost-Interview dem Kurs deutlich. Qualität zu verbessern sei logisch und notwendig, aber dafür die Ausbauziele jahrelang aufzuschieben, halte er für den falschen Weg.
Ein besonders brisanter Aspekt betrifft den Verkehrsvertrag zwischen dem Land Berlin und der BVG. Er sieht vor, dass das Angebot bis mindestens 2027 nicht wachsen soll; Für die Jahre 2028 und 2029 bleibt ein Ausbau „optional“. Das bedeutet mit hoher Warscheinlichkeit, dass bis Ende der 2020er Jahre kein Ausbauprojekt begonnen werden soll.
BVG und Berliner Senat: Im Verkehrsvertrag bis 2029 ist kein Wachstum vorgesehen
Für Kosok zeigt diese Entscheidung „inkonsequente Verkehrspolitik“, die sich nicht traue, klar auf den ÖPNV zu setzen. Denn Berlin zählt bereits heute zu den am stärksten wachsenden Regionen Deutschlands, mit Schwerpunkten in Außenbezirken wie Pankow, Spandau, Lichtenberg oder Treptow-Köpenick, wo große Wohnquartiere entstehen.
Gerade hier wären Angebotsausweitungen entscheidend, etwa durch dichtere Takte, schnellere Buslinien oder beschleunigten Tram-Ausbau. Ohne solche Maßnahmen stagniert das Mobilitätsangebot, während die Einwohnerzahlen steigen. Die Hauptstadtregion steuert damit sehenden Auges auf große, infrastrukturelle Probleme zu.
Falk und Bonde bremsen die Expansion – Liegt es nur am Geld?
BVG-Chef Falk erteilt in Interviews derzeit selbst größeren U-Bahnausbauplänen des Senats eine Absage. Neue Strecken seien finanziell unrealistisch und organisatorisch nicht machbar, bevor Betriebsstabilität erreicht sei. Seine Argumentation lautet: Erst müsse der bestehende Betrieb zuverlässig funktionieren, dann könne Wachstum folgen. Aber wann soll das konkret sein?
Ute Bonde stützt diese Position und wirkt in ihrer Mobilitätspolitik insgesamt bremsend. Kritiker werfen ihr vor, kaum neue Ideen einzubringen, ambitionierte ÖPNV-Projekte zu verzögern und den strukturellen Ausbau der Verkehrswende politisch auszubremsen. Dass die BVG jahrelang unter Investitionsstau litt, ist unbestritten. Doch die politische Strategie, Expansion auf unbestimmte Zeit auszusetzen, gilt vielen als zu kurz gedacht und daher eben als sehr riskant.
ÖPNV ohne Wachstum widerspricht dem Stadtbild von morgen
Der Fahrgastverband IGEB bezeichnet die BVG-Strategie als „reale Angebotsverkleinerung“. Wer Stabilität vor Wachstum stelle, reduziere effektiv das Angebot, da Takte eigentlich hätten erhöht werden müssen. Viele Bus- und Tram-linien seien überfüllt, die Auslastung steige, die Stadt wachse, nur leider die BVG nicht.
Für Berlin könnte dieser Umstand mehr werden als ein verkehrspolitisches Nischenthema. Andere europäische Städte – Wien, Zürich oder Barcelona – zeigen, dass langfristiger Angebotsausbau essenziell für eine funktionierende Verkehrswende ist.
Die strategische Frage für die BVG: Stabilisierung ohne weiteren ÖPNV-Ausbau?
Der eingeschlagene Kurs wirkt, bei aller Kritik, in Teilen nachvollziehbar. Angesichts hoher Kosten, Fachkräftemangel und Modernisierungsdruck kann Stabilisierung zunächst sinnvoll erscheinen. So ist BVG-Chef um seinen Posten durchaus nicht zu beneiden.
Doch Berlin wächst, es ist und bleibt unbestritten, deutlich schneller als sein Verkehrssystem. Wenn die BVG bis 2030 keine Angebotssteigerung erreicht, droht ein Stadtverkehr, der mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt hält. Für eine Metropole mit Klimazielen, steigender Mobilitätsnachfrage und wachsender Außenstadtentwicklung ist das ein strategisches Risiko, welches der Regierende Bürgermeister Kai Wegner eher schulterzuckend zur Kenntnis zu nehmen scheint.
Berlin ist seit 2000 um eine halbe Million Menschen gewachsen – und wächst noch weiter
Bonde und Wegner haben ihrerseits die wichtigen Großprojekte der kommenden Jahre klar benannt: der Weiterbau der Autobahn A100 bis zur Storkower Straße sowie der Bau der Schnellstraße „TVO“ im Berliner Südosten. Beides Projekte, die zusammen genommen im Milliardenbereich liegen werden.
Ungeachtet der Tatsache, dass auch diese Verkehrsprojekte ihre Berechtigung haben, wirkt die offensichtliche Abkehr von ursprünglich beschlossenen ÖPNV-Zielen mehr als fragwürdig. Vom aus Hamburg gekommenen BVG-Chef Falk hatten sich viele Berlinerinnen und Berliner, die täglich die BVG nutzen, sicher mehr versprochen.
Doch genau wie auch Ute Bonde, die als Nachfolgerin auf die zurückgetretene Manja Schreiner folgte, geht Henrik Falk mit einer merkwürdigen Reserviertheit an seine Aufgabe heran, als wären wir noch immer im Berlin der 2000er Jahre. Doch die Stadt ist schon 25 Jahre weiter, und seitdem ist Berlin um fast eine halbe Million Menschen gewachsen, und so wird es bis mindestens 2040 weitergehen. Ein stagnierender ÖPNV kann nicht die Antwort darauf sein.
Quellen: BVG, Berliner Morgenpost, Neues Deutschland, Der Tagesspiegel, TAZ, Berliner Zeitung, IGEB
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8 Kommentare
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Es ist peinlich, dass lieber an einem Ausbau des MIV hingeabreitet wird (TVO), als den ÖPNV zukunftsfährig zu machen. Betriebsstabilität ist wichtig, aber die wird auch nicht besser, wenn alle Straßen mit Autos verstopft sind. Schon jetzt haben Busse und Straßenbahnen probleme sich durch den Verkehr durchzukämpfen.
Ein Ausbau einer Straße, die den PKW- Verkehr fördert und verstärkt ist alles andere als sinnvoll, wenn 2030 die verschärften Grenzwerte für die Luftreinhaltung in Kraft treten. Was nutzt eine breite Zufahrt in die Stadt, wenn dort aufgrund der Luftreinhaltewerte kein Auto mehr fahren darf?
Sinnvoller ist es jetzt dieses Geld in den ÖPNV zu stecken, damit die Menschen von außerhalb ab 2030 noch eine Möglichkeit haben in die Innenstadt zu gelangen.
Berechtigte Frage.
In die Zukunft hat hier mal wieder keiner gedacht.
Aktuelle EU-Luftreinhaltung-Verschärfung (umzusetzen bis spätestens 2030), Lärmschutz, Hitzeinseln, Verkerstote (siehe Kopenhagen als Vorbild), u.v.m.
Es gibt viele Gründe für den ÖPNV-Ausbau, insbesondere Tram und U-Bahn. Und hier vor allem in der überfüllten Stadtmitte.
Die hier zu einem anderen Beitrag aufgebrachte Idee einer „ÖPNV-Spur – Einsatzfahrzeuge frei“ finde ich aufgrund der Fächenoptimerung sehr charmant.
Das Verhalten der Regierung empfinde ich in diesem Sinne als fahrlässig.
ÖPNV ist die Lebensader jeder Stadt!
Den ÖPNV zu vernachlässigen ist der schlimmste Fehler den eine Stadt machen kann. Es gibt kein Transportmittel mit einer höheren Transportationskapazität pro Flächenverbrauch. Am effektivsten ist hierbei die U-Bahn: geringer Oberflächenbedarf (Zugänge) bei hoher Transportquantität und hoher Geschwindigkeit (eigener Tunnel). Aber auch die Tram ist nicht zu unterschätzen, insbesondere wenn man ihre Schienen als ÖPNV Spur zur gemeinsamen Nutzung mit Bussen ausgestaltet unter Freigabe für Einsatzfahrzeuge.
Individualverkehr ist einfach nicht leistungsfähig genug.
Eine Stadt braucht (!) einen dichtes ÖPNV Netz.
Hier ist die Politik in der Pflicht. Statt Prestigeprojekte (z.B. Einheitswippe & Co) müssen solche essentielle grundlegende wichtige Bedürfnisse wie ÖPNV, Versorgung (Strom, Wasser, Gas, Wärme, Internet, Müllabfuhr) zuerst bedient werden.
Bei aller Kritik an der CDU Verkehrssenatorin wäre es auch interessant gewesen, die dünnen Ergebnisse von 6 Jahren RRG in der Planung der Verkehrsprojekte (siehe Ausbau Strassenbahn) zu berücksichtigen. Das rächt sich nach meiner Meinung nämlich heute. Insgesamt ist der Artikel eher ein politischer Kommentar der Redaktion mit klaren Standpunkten und sollte dann auch so gekennzeichnet werden.
Allerdings empfinde ich es richtig, dass die Menschen in Berlin über die ÖPNV Situation informiert werden: Sie sind diejenigen, welche die Fehler der Politik der letzten Jahrzehnte (gleich welcher Zusammensetzung) ausbaden müssen.
Mich erschreckt, was in den nächsten Jahren aufgrund dieser Verblendung auf uns Bewohner zukommt.