Für den Bau von sechs neuen Pavillons an der Karl-Marx-Allee sollen rund 100 ausgewachsene Bäume gefällt werden. Im Interview erklärt Tarek Massalme, warum er das Vorhaben kritisiert und welche Alternativen er für das Quartier sieht.

Entlang der Karl-Marx-Allee prägen zahlreiche ausgewachsene Bäume das historische Boulevard-Ensemble. Für den geplanten Bau neuer Pavillons müssten nach aktuellen Planungen rund 100 von ihnen gefällt werden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT
Die Karl-Marx-Allee zählt zu den bedeutendsten städtebaulichen Ensembles Berlins und steht seit Jahren immer wieder im Mittelpunkt von Debatten über ihre zukünftige Entwicklung. Mit der Wiedereröffnung der denkmalgerecht sanierten Mokka-Milch-Eisbar hat das historische Boulevard-Ensemble erst kürzlich ein weiteres Stück seiner ursprünglichen Identität zurückgewonnen.
Gleichzeitig wird kontrovers über den Bau von sechs zusätzlichen Pavillons diskutiert, für deren Umsetzung rund 100 ausgewachsene Bäume gefällt werden müssten. Im Interview spricht Architekt Tarek Massalme, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Berlin-Mitte, über den Konflikt zwischen Denkmalschutz, Stadtentwicklung und Klimaanpassung sowie mögliche Alternativen für das Quartier.
ENTWICKLUNGSSTADT: Lieber Herr Massalme, an der Karl-Marx-Allee wird derzeit ein umstrittenes Bauvorhaben diskutiert, für das in Summe 100 ausgewachsene Bäume gefällt werden sollen; worum geht es genau?
Tarek Massalme: Im Fördergebiet Karl-Marx-Allee ist seit einigen Jahren der Bau von insgesamt sechs neuen Pavillons zwischen dem Strausberger Platz und dem Alexanderplatz geplant. Nachdem 2020 dazu ein Architekturwettbewerb stattfand, reichen die historischen Wurzeln des Projekts noch weiter zurück: Bereits 1959 sah der Bebauungsplan der Karl-Marx-Allee elf Pavillons vor.
Sechs davon wurden zu DDR-Zeiten im Stil der sozialistischen Moderne tatsächlich realisiert, darunter das Café Babette und die Mokka-Milch-Eisbar. Im vergangenen Jahr hat das Stadtplanungsamt die konkreten Pläne für die sechs zusätzlichen Pavillons im Ausschuss für Stadtentwicklung vorgestellt. Auf Nachfrage teilte das Amt mit, dass für die Umsetzung gut 100 ausgewachsene Bäume gefällt werden müssten.
„Als Grüne Bezirksfraktion haben wir uns entschieden gegen die Fällung der 100 Bäume und für die Suche nach Ersatzstandorten innerhalb des Fördergebiets eingesetzt.“
ANZEIGETarek Massalme

Die denkmalgerecht sanierte Mokka-Milch-Eisbar wurde erst kürzlich wieder eröffnet. Sie zählt zu den sechs historischen Pavillons, die bereits in den 1960er Jahren an der Karl-Marx-Allee entstanden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Der geplante Bau der Pavillons ist also ein bereits mehrere Jahre altes Projekt. Gibt es denn dafür eine gesicherte Finanzierung, und wer soll in die Pavillons als Nutzer einziehen? Gibt es überhaupt einen konkreten Bedarf?
Als Grüne Bezirksfraktion haben wir uns entschieden gegen die Fällung der 100 Bäume und für die Suche nach Ersatzstandorten innerhalb des Fördergebiets eingesetzt. Da die Finanzierung für den Bau der Pavillons im Berliner Landeshaushalt zuletzt ohnehin nicht mehr gesichert war und mehrere Kultureinrichtungen Abstand von dem Projekt genommen hatten, ist auch der tatsächliche Bedarf zunehmend unklar. Diese Zeit der Ungewissheit wollten wir nutzen, damit die beteiligten Behörden alternative Standorte prüfen und den Bedarf grundlegend konkretisieren können.
Was schlagen Sie denn als Alternative vor? Wo könnten solche geplanten Nutzungen in der Nähe untergebracht werden, ohne die Pavillons neu zu bauen und Bäume dafür zu fällen?
Die Bewohnerinnen und Bewohner sowie ein ortsansässiger Verein im Fördergebiet KMA II wünschen sich zurecht Räume für kulturelle Nutzungen und eine bessere medizinische Versorgung. Um das bürgerschaftliche Engagement nachhaltig zu stärken, unterstützen wir diese Forderungen ausdrücklich. Gleichzeitig gibt es jedoch den ebenso klaren Wunsch der Menschen nach spürbar mehr Klimaanpassung – und dafür braucht es vor allem die gesunden, kräftigen Bäume vor Ort. Beides müssen wir zusammendenken.
Gemeinsam mit den Anwohnenden sollten wir prüfen, wie sich diese Bedarfe auf vorhandenen oder neu entstehenden Flächen im Umfeld der Karl-Marx-Allee realisieren lassen. Eine konkrete Chance bietet das geplante Hochhaus nahe des Holzmarktes: Nach der Zustimmung von Bezirk und Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Mitte werden dort Flächen für die medizinische Versorgung bereitstehen. Das ist eine hervorragende Gelegenheit, um die Versorgung im Quartier zu sichern.
„Wenn wir den Blick auf Areale abseits der großen Achsen richten, finden wir hervorragende Standorte, um die Wünsche der Bewohner zu erfüllen – ganz ohne Kettensäge an der historischen Baumallee.“
Tarek Massalme

Die Baumreihen entlang der Karl-Marx-Allee tragen wesentlich zum Mikroklima und zum charakteristischen Erscheinungsbild des denkmalgeschützten Boulevards bei. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
In der Vergangenheit zielten viele städtebauliche Entscheidungen darauf ab, der Karl-Marx-Allee – gemeinsam mit dem West-Berliner Hansaviertel – den Status als UNESCO-Weltkulturerbe zu sichern. Das Vorhaben scheiterte jedoch bereits zum zweiten Mal, zuletzt 2023 in der nationalen Vorentscheidung. Ich vermute – und das ist an dieser Stelle spekulativ –, dass die starre Fortführung dieser historischen Pavillon-Idee der Hauptgrund dafür war, warum die Fällung der Bäume überhaupt so leichtfertig in Kauf genommen wurde. Man hat sich da vermutlich auch bei der Denkmalpflege Hoffnungen gemacht, über die Pavillons ein starkes Argument für die Bewerbung auf das Kulturerbe zu sichern.
Für uns steht fest: Die Vereine brauchen einen zentralen und dauerhaft gesicherten Standort. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um über Alternativen nachzudenken. Denkbar wäre beispielsweise der große Parkplatz an der Theanolte-Bähnisch-Straße knapp außerhalb des Gebiets oder die Parkflächen an der Schillingstraße südwestlich des Café Moskau. Dass die Bebauung bereits versiegelter Flächen sinnvoll und erfolgreich funktioniert, hat die WBM westlich des Rathauses Mitte bereits bewiesen. Wenn wir den Blick auf Areale abseits der großen Achsen richten, finden wir hervorragende Standorte, um die Wünsche der Bewohner zu erfüllen – ganz ohne Kettensäge an der historischen Baumallee.
Denken wir einmal in die andere Richtung: Was schlagen Sie vor, wie der Bereich Karl-Marx-Allee in den kommenden Jahren klimaorientiert umgestaltet werden könnte? Denn die Hitzewellen werden ja nicht weniger werden in den kommenden 10 oder 20 Jahren…
Die Hitzewelle im Juni hat uns allen gezeigt, was auf uns zukommt und wie stark uns das im Alltag einschränkt. Der Bereich rund um den Alexanderplatz ist dafür ein Extrembeispiel: Durch breite Straßen und versiegelte Plätze fehlen dort Grünflächen fast komplett, der Ort heizt sich entsprechend auf. Von hier denke ich jede neue Baumaßnahme in der Mitte der Stadt. Jeder Baum leistet einen Beitrag gegen die Hitze.
Ein Vorschlag: Die Leipziger Straße zu einem grünen Band zwischen Molkenmarkt und Potsdamer Platz umbauen, für Plätze wie den Alexanderplatz oder den Leopoldplatz bauliche Schattenlösungen schaffen, auch an Bus- und Bahnhaltestellen. Das hatte einst der in diesem Jahr viel zu früh verstorbene Stefan Lehmkühler, der sich auch bei Changing Cities dafür eingesetzt hatte, gefordert. Ich bin übrigens der festen Überzeugung, dass es dafür gesellschaftliche Mehrheiten gibt. Die Menschen merken ja, dass wir die Stadtentwicklung anders angehen müssen. Man sieht ja, welches Ringen und Zerren es da trotzdem noch gibt und wie schwer sich die Berliner Landesbehörden tun, Stadt umzudenken und dann umzubauen. Da brechen bisweilen ja regelrecht Kulturkämpfe aus. Schauen Sie, wie kleinmütig und eng die Umsetzung des Flussbades – oder, man muss sagen, des Badens in der Spree – in unserer Stadt diskutiert wird. Da wünsche ich mir mehr Freisinn und Vertrauen. Das wäre doch wirklich eine gute Sache. Und beim Denkmalschutz einen Paradigmenwechsel wagen, damit auch Orte wie der Gendarmenmarkt oder der Rathausvorplatz Wedding umgebaut werden können. Das alles ist keine Utopie, sondern notwendig.
„Genau deshalb ist es widersprüchlich, ohne Not 100 Bäume an einem Ort zu fällen, wo eigentlich mehr gepflanzt werden müssten. Der gesetzlich vorgeschriebene Ersatz von mindestens 300 Bäumen im Umkreis von 150 Metern ist vor Ort aus Platzgründen gar nicht möglich.“
Tarek Massalme

Die Baumreihen entlang der Karl-Marx-Allee prägen seit Jahrzehnten das Erscheinungsbild des denkmalgeschützten Boulevards. Im Zuge der geplanten Pavillonbauten könnten rund 100 dieser ausgewachsenen Bäume gefällt werden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Dass diese Erkenntnis breit geteilt wird, zeigt das im November 2025 beschlossene Berliner Klimaanpassungsgesetz: Bis 2040 sollen 560.000 zusätzliche Bäume gepflanzt werden, um die Stadt zu kühlen. Jeder ausgewachsene Baum spendet Schatten und kühlt das Mikroklima. Das ist unersetzlich.
Genau deshalb ist es widersprüchlich, ohne Not 100 Bäume an einem Ort zu fällen, wo eigentlich mehr gepflanzt werden müssten. Der gesetzlich vorgeschriebene Ersatz von mindestens 300 Bäumen im Umkreis von 150 Metern ist vor Ort aus Platzgründen gar nicht möglich. Selbst neu gepflanzte Bäume, etwa auf Höhe des Hauses der Statistik, sterben trotz Pflege an den hohen Temperaturen. Gesunde, ausgewachsene Bäume gehören an solchen Orten eher unter Schutz als gefällt.
Dass es geht, zeigen bestehende Maßnahmen im Fördergebiet: die neue Plansche in der Singerstraße oder die Entsiegelung der Karl-Marx-Allee. Die Frage ist: Wer soll unsere Denkmäler schützen, wenn wir die Menschen nicht vor der Hitze schützen? Ich wünsche mir da mehr Mut in der Denkmalpflege, den Umbau historischer Plätze und Gebäude anzugehen. Ich finde, dass Paris und Kopenhagen da gute Referenzen bieten.
Herr Massalme, wir danken für das Gespräch.
„Mokka Milch Eisbar“
Zur Person: Tarek Massalme
Tarek Massalme, Jahrgang 1976, wuchs in Schleswig-Holstein auf und fand 1998 seinen Lebensmittelpunkt in Berlin. Nach dem Architekturstudium an der Technischen Universität Berlin sowie der ETH Zürich war er seit 2007 als Unternehmer und Architekt tätig. Seine fachliche Expertise vertiefte er als Energieberater und Sachverständiger im Bauwesen. Massalme engagiert sich nicht nur beruflich, sondern auch politisch für eine nachhaltige und zukunftsorientierte Stadtentwicklung.
Seit 2021 ist er Co-Vorsitzender der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte sowie Sprecher für Stadtentwicklung und Energiepolitik. Darüber hinaus war er als stellvertretender Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Planen, Bauen, Wohnen tätig und war von 2022 bis 2023 Mitglied im Bundesparteirat seiner Partei.
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9 Kommentare
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Es ist zwar für die beteiligten Mist wenn ein sehr lang geplantes Projekt kurz vor der Realisierung gestoppt wird, aber ein Glück sieht auch jemand die Reißleine, bevor die Pavillons leerstehen.
Was ich bei solchen Projekten immer nicht verstehe, wer soll diese Pavillons wirtschaftlich betreiben?
Vielleicht sollte man erstmal schauen wie sich das neue Café schlägt und dann überlegen ob es Sinn macht weitere solcher Establishment zu bauen.
In Mitte ziehen unlängst viele gute Restaurants die Reißleine aufgrund der enormen Kosten.
Ob sich Betreiber die horrende Miete leisten können bleibt zu bezweifeln. Dafür die lange gewachsene Natur zu Keulen ist wirklich Blasphemie.
Einfach nur zum kotzen wenn man im Netz liest jeden tag andere beschissene neuheiten,die bekloppten Politiker widersprechen sich laufend,da sind Normalo Leute schlauer es kotzt einen an …man kann nur eine Partei wählen,dann wird man sehen ob es besser wird schlimmer geht immer
Rechtsextrem wählen ist keine Lösung.
Sind die verrückt diese Fällung überhaupt ernsthaft zu denken???
Gangster gehören ins Gefängnis und nicht in Planungsbüros!!!
Wieder ein Grund mehr, daß mir die grüne Politik am Allerwertesten vorbeigeht. Eine Planung aus dem Jahr 1959!!! Kaum zu glauben, daß man das in Erwägung zieht. Eine Versiegelung von grünen und wasserdurchlässigen Flächen ganz nach Art des Schloßplatzes. Es gab in der Karl-Marx-Alle genügend vor 1989 Geschäfte. Alle weg. Wer glaubt, daß sich dort bei diesen Mietpreisen wieder Läden oder gar Arztpraxen ansiedeln, der glaubt auch an den Weihnachtsmann.
Haben Sie den Artikel gelesen?
Da geht es doch eindeutig darum, dass der befragte Politiker der Grünen GEGEN diese Pavillions und für die Bäume plädiert.
Soweit mir bekannt, sind die 6 Pavillons „Schnee von gestern“, da es keine Finanzierung gibt. Das müsste eigentlich einem Mitglied der BVV Berlin-Mitte bekannt sein. Aber, es sind ja bald Wahlen zur BVV und zum Abgeordnetenhaus!
Die Bäume zu fällen, wäre wohl kein Problem, dann pflanzt man neue Bäume! So ein Theater wegen ein paar Straßenbäumen macht man nur in Berlin.
Aber wie die meisten Teilnehmer sehe ich keine Chance, die neuen Pavillions zu betreiben, denn die Mieten müssten sehr hoch sein. Sowas konnte sich nur die DDR leisten, wo Wirtschaftlichkeit eines Gebäudes nie mitgedacht werden musste.