Auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Reinickendorf plant die Gesobau den Bau von 600 neuen Wohnungen. Während der Bezirk auf zusätzlichen Wohnraum setzt, bleibt auch Kritik am Projekt nicht aus.

Die 1982 entstandenen Bettenhäuser der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik sollen abgerissen werden. An der Stelle der sogenannten Sternhäuser plant die Gesobau den Bau rund 600 neue Wohnungen. / © Foto: Wikimedia Commons, FraCbB, CC BY-SA 3.0
© Titelbild: Wikimedia Commons, A.Savin, CC BY-SA 3.0
Auf dem rund 45 Hektar großen Areal der ehemaligen „Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik“ in Reinickendorf will die landeseigene Gesobau ein neues Wohnquartier errichten. Geplant sind 600 Wohnungen, die in einem weitgehend autofreien Umfeld entstehen sollen. Ergänzend sieht das Konzept soziale Infrastruktur vor, darunter Kitaplätze sowie einen sogenannten Mobility-Hub mit Stellplätzen und Angeboten für alternative Mobilität.
Gebaut werden soll auf einer parkähnlichen Fläche, auf der derzeit noch die sogenannten Sternhäuser stehen. Diese ehemaligen Bettenhäuser entwarf einst das Architektenehepaar Hänska für die Klinik. Für das Neubauprojekt müssten rund 240 alte Bäume weichen. Gleichzeitig kündigt die Gesobau an, den südlichen Waldteil des Areals zu erhalten und das Quartier klima- und baumschonend zu entwickeln.
Bauliche Dichte des geplanten Wohnquartiers auf dem Gelände der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik: Abweichungen vom Bebauungsplan
In der politischen Debatte spielen vor allem die planungsrechtlichen Änderungen eine Rolle. Während der bisherige Bebauungsplan eine Geschossflächenzahl von 0,6 vorsah, kalkuliert die aktuelle Planung mit 0,8. Zudem sollen statt zwei Geschossen künftig vier Vollgeschosse plus Dachgeschoss entstehen. Das Bezirksamt Reinickendorf argumentiert, dass im Gegenzug die Grundflächenzahl sinke und damit weniger Fläche versiegelt werde.
Möglich werden diese Anpassungen durch einen sogenannten Dispensvertrag, der Befreiungen von den Festsetzungen des Bebauungsplans unter bestimmten Auflagen erlaubt. Dazu gehören Sozialwohnungen, Infrastrukturangebote sowie Ausgleichsmaßnahmen für Eingriffe in Natur und Landschaft. Der Bezirk hält an dem Ziel fest, den Baustart 2026 einzuleiten, damit die ersten Wohnungen 2028 bezugsfertig werden.
Denkmalschutz, Klimabilanz und Artenschutz in Reinickendorf: Kritik am Umbau des KaBoN-Areals
Während Befürworter in den neuen Wohnungen eine Bereicherung sehen, gibt es zugleich kritische Stimmen. Einige Anwohnerinnen und Anwohner warnen, dass durch den Abriss der Sternhäuser ein prägender Teil der historischen Gesamtanlage verloren gehe. Auch der Abgeordnete Dr. Michael Efler (Linke) kritisiert die Verantwortlichen scharf: Seiner Ansicht nach werde das Ensemble ohne gründliche Prüfung zerteilt. Er verweist zudem darauf, dass der Gebäudesektor rund 40 Prozent der CO₂-Emissionen verursache und die in Bestandsbauten gespeicherte Energie bei einem Abriss unwiederbringlich verloren gehe.
Hinzu kommt der Artenschutz. Auf dem Gelände wurden gefährdete Käferarten wie Heldbock und Eremit nachgewiesen. Der Naturschutzbund BUND weist darauf hin, dass für diese Arten keine geeigneten Ausgleichsflächen existierten. Deshalb prüft der Verband rechtliche Schritte. Bürgerinitiativen fordern zudem einen einheitlichen Bebauungsplan für das gesamte Areal, damit Natur- und Artenschutz umfassender berücksichtigt werden.
Vergleichsfall in Spandau vorerst ausgesetzt: Stillstand am ehemaligen „Spandauer Waldkrankenhaus“
Ein ähnliches Szenario zeigt sich am Rande von Berlin-Spandau auf dem Gelände des ehemaligen Waldkrankenhauses. Dort stellte die Nervenklinik 2006 ihren Betrieb ein, seither stehen die flachen Gebäude im Wald leer. Zwar plante die Degewo ein Wohnquartier mit rund 700 Einheiten, doch das Vorhaben kam über die Planungsphase bislang nicht hinaus. Nachdem aus der Lokalpolitik deutliche Kritik laut wurde, zog die Degewo ihr Projekt zunächst zurück. Spandaus Baustadtrat Thorsten Schatz (CDU) teilte mit, das Verfahren sei derzeit ausgesetzt, könne jedoch fortgeführt werden, sobald ein Vorhabenträger ein tragfähiges Konzept vorlege.
Während neue Wohnungen dringend benötigt werden, zeigen Vorhaben wie diese zugleich historische, ökologische und planerische Hindernisse, die den Weg zur Umsetzung, wie so oft, kompliziert machen. Ob das Projekt auf dem KaBoN-Areal wie geplant umgesetzt wird oder die kritischen Stimmen den Verlauf noch maßgeblich beeinflussen, bleibt vorerst abzuwarten.
Sternhäuser auf dem Gelände der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik
Quellen: Abgeordnetenhaus BERLIN, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Berliner Morgenpost, Bezirksamt Reinickendorf, GESOBAU
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2 Kommentare
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Ich frage mich ob man die Bäume nicht versetzen kann?
Zitat: Das Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik hat eine lange Geschichte, die 1880 mit der ersten Nervenheilanstalt Berlins begann. [..] Die dunkle Seite des Areals geht zurück auf die Zeit des Nationalsozialismus. Denn die Klinik spielte eine zentrale Rolle bei der systematischen Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen. https://www.entwicklungsstadt.de/reinickendorf-bauprojekt-auf-dem-bonhoeffer-gelaende-startet-2023/
Aufgrund der dunklen Vergangenheit und des alters scheint es echt gut das dort ein Neuanfang getätigt wird!
Allerdings, auch interessant..
Zitat: Psychiatrische Stationen in Berlin stark ausgelastet [..] RBB hatte 2022 gezeigt, dass die durchschnittliche Wartezeit auf einen ambulanten Therapieplatz bei vier Monaten liegt. In Internetforen berichten zudem zahlreiche Betroffene von teils jahrelangen Wartezeiten.
»Der Senat hat offenbar kein aktuelles Bild von der Situation«, sagt die SPD-Abgeordnete Bettina König, die die Zahlen abgefragt hatte. Sie kritisiert, dass der Senat keine eigenen Daten erhebt [..] Mit besonderer Sorge sieht König den Mangel an Freiflächen in den psychiatrischen Einrichtungen. Aus der Antwort des Senats geht hervor, dass unter anderem im Urban-Klinikum in Kreuzberg, im Jüdischen Krankenhaus in Wedding und im St.-Joseph-Krankenhaus in Tempelhof keine abgegrenzten Freiflächen wie Gärten oder Innenhöfe für die Patienten zur Verfügung stehen. [..] Personalmangel als Argument für Zwangsmaßnahmen verwendet werde https://www.nd-aktuell.de/artikel/1184809.gesundheit-berlin-psychiatrien-am-limit.html
Ich würde erwarten das mit mehr Personal und Kapazitäten viel gutes erreicht werden könnte, angefangen mit weniger Zwangsmaßnahmen, Stichpunkt Fixierung oder Betäubung. Sicherlich ein schwieriges Thema, was besonders in Zeiten von Krieg und wirtschaftlicher Flaute noch verstärkt wird.
Ich kenne jetzt zugegebenerweise nicht die genauen Gründe, weshalb man „Bonies Ranch“ dichtgemacht hat Faktisch war es ja eine Folge der Privatisierung, ändert aber nichts daran, dass es offensichtlich allenthalben zu wenig Plätze für psychisch Kranke in Berlin gibt.
Jedenfalls sollte man nicht den Fehler machen, jetzt all solche Flächen, die theoretisch für die öffentliche Nutzung, auch die einer psychiatrischen und psychotherapeutischen Nutzung, aufzugeben und überall Wohnungsbau zu betreiben. Und man muss auch aufpassen, Berlin jetzt nicht nach dem auch von mir durchaus gepflegten Motto, Berlin sei eine der grünsten Städte der Welt, zu entwalden. Deswegen halte ich Wohnungsbau auf dem Gelände für reichlichen Unsinn!