Der Berliner Wohnungsmarkt steht unter Druck, klassische Neubauprojekte geraten zunehmend an ihre Grenzen. In Spandau rückt nun ein ungewöhnlicher Ansatz in den Fokus: Die Wohnsiedlung Hakenfelde soll durch eine Anwohnerinitiative rechtlich gesichert werden und so indirekt zur Entlastung des Marktes beitragen. Das Konzept setzt nicht auf Neubau, sondern auf Bestand, Organisation und rechtliche Klarheit.

Lageplan Wohnsiedlung Hakenfelde

Der Verein Wohnsiedlung Hakenfelde fordert seit Jahren die rechtliche Absicherung des Dauerwohnens und sieht darin einen Hebel zur Entlastung des Berliner Wohnungsmarkts. Nach Einschätzung der Initiative könnten dadurch bis zu 200 reguläre Mietwohnungen in Spandau frei werden. / © Foto: Verein Wohnsiedlung Hakenfelde e.V.

© Foto: Verein Wohnsiedlung Hakenfelde e.V.
© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Boonekamp, CC0

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Berlin leidet seit Jahren unter steigenden Mieten und einem Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Gleichzeitig stoßen klassische Neubauprojekte zunehmend an ökologische, finanzielle und planerische Grenzen. Flächen sind knapp, Genehmigungen sind langwierig und die Baukosten sind, natürlich, sehr hoch.

Vor diesem Hintergrund rückt der bestehende Wohnungsbestand stärker in den Fokus der wohnungspolitischen Debatte. Neben Neubau gewinnen Fragen der Umnutzung, Nachverdichtung und rechtlichen Sicherung bestehender Wohnformen an Bedeutung.

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Hakenfelde seit 1944: Wie eine Behelfsheimsiedlung zum Wohnmodell wurde

Ein nun vorgelegtes Konzept im Rahmen der „Neustart-Konferenz“ zur Wohnsiedlung Hakenfelde in Berlin-Spandau greift diesen Ansatz auf. Statt neue Flächen zu versiegeln, soll vorhandener Wohnraum rechtlich gesichert und langfristig entwickelt werden. Ziel ist ein indirekter, aber messbarer Beitrag zur Entlastung des Berliner Wohnungsmarktes.

Die Siedlung in Hakenfelde entstand 1944 als Behelfsheimsiedlung für ausgebombte Berlinerinnen und Berliner. Heute umfasst sie rund 180.000 Quadratmeter, 322 Parzellen und etwa 440 Mitglieder. Die Gebäude sind klein, die Grundstücke vergleichsweise großzügig; eine Struktur, die bis heute den Charakter der Siedlung prägt.

Rund 200 Wohnungen freisetzen: Dauerwohnrecht als Hebel für den Berliner Mietmarkt

Bis in die 1980er Jahre war das Dauerwohnen in Hakenfelde weitgehend erlaubt. Inzwischen ist dieses Recht stark eingeschränkt. Viele Bewohnerinnen und Bewohner sichern sich deshalb zusätzlich mit Mietwohnungen in der Stadt ab, ein Umstand, den das neue Konzept gezielt adressiert.

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Der zentrale Gedanke: Wird das Dauerwohnrecht rechtlich abgesichert, könnten zahlreiche Zweitwohnungen aufgegeben werden. Nach Schätzung der Initiatoren würden so rund 200 Wohnungen wieder dem Berliner Mietmarkt zur Verfügung stehen. Die Entlastung entstünde nicht durch Neubau, sondern durch veränderte Nutzungsentscheidungen.

Genossenschaft oder Erbbaurecht: Zwei Modelle für dauerhaftes Wohnen in Hakenfelde

Konkret schlägt das Konzept zwei Modelle vor. Erstens die Umwandlung des bestehenden Vereins in eine Wohnungsgenossenschaft. Diese könnte Erbbaurechte übernehmen, demokratische Mitbestimmung sichern und Investitionen gemeinschaftlich organisieren.

Zweitens wird ein langfristiger Erbbaupachtvertrag mit dem Land Berlin oder dem Bezirksamt Spandau vorgeschlagen. Das Grundstück bliebe in öffentlicher Hand, während die Bewohnerinnen und Bewohner Planungssicherheit und dauerhaftes Wohnen erhielten. Beide Varianten setzen auf langfristige Bindung statt kurzfristiger Verwertung.

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Wohnsiedlung Hakenfelde im Schutzgebiet: Klimaschutz, Solarenergie und Regenwassernutzung

Die Wohnsiedlung liegt in einem Landschaftsschutzgebiet und grenzt an zwei Naturschutzgebiete. Entsprechend betont das Konzept ökologische Weiterentwicklung, etwa durch Solaranlagen auf allen Häusern, moderne Abwasserlösungen und Regenwassernutzung.

Zugleich sollen Gemeinschaftseinrichtungen, Nachbarschaftsprojekte und generationenübergreifende Angebote gestärkt werden. Die Siedlung versteht sich nicht als isolierter Rückzugsort, sondern als Teil einer sozialen Stadtstruktur im Berliner Nordwesten.

Bezahlbarer Wohnraum in Berlin: Breite Zustimmung und lange geführte Debatte

Eine aktuelle Politpro-Umfrage zeigt, dass solche Ansätze auf breite Zustimmung stoßen. 38 Prozent der Befragten sprechen sich für den Ausbau des sozialen Wohnungsbaus aus, 25 Prozent sehen die Mietpreisbremse als zentrales Instrument. Weitere 15 Prozent plädieren für eine stärkere Baulandförderung.

Insgesamt wird deutlich, dass staatliche und gemeinwohlorientierte Lösungen weiterhin als wichtig für die Sicherung bezahlbaren Wohnraums gelten. Das Konzept für Hakenfelde fügt sich damit in eine breit getragene gesellschaftliche Debatte ein.

Bereits vor rund drei Jahren machten Vertreterinnen der Wohnsiedlung ihre Forderungen öffentlich. Insbesondere Beate Seeliger, Vorsitzende des Vereins Wohnsiedlung Hakenfelde, setzte sich früh für die Einführung von Dauerwohnrechten ein. Sie kritisierte die Ungleichbehandlung innerhalb der Siedlung und verwies schon damals auf das wohnungspolitische Potenzial des Standorts.

Hakenfelde seit 2022 im Fokus: Alte Forderungen, neue wohnungspolitische Perspektiven

Schon 2022 wurde argumentiert, dass durch eine Legalisierung des Dauerwohnens bis zu 200 Wohnungen in Spandau frei werden könnten. Senat und Bezirksamt wiesen dies damals mit Verweis auf planungsrechtliche Hürden und Erschließungsfragen zurück. Die aktuelle Initiative knüpft damit an eine seit Jahren geführte Debatte an.

Das Beispiel Hakenfelde zeigt, dass Wohnraumpolitik nicht ausschließlich über Neubau funktionieren muss. Durch rechtliche Sicherung, soziale Organisation und langfristige Perspektiven könnten bestehende Siedlungen stärker zur Entlastung beitragen.

Quellen: Berliner Morgenpost, PolitPro, Beate Seeliger Wohnsiedlung Hakenfelde

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5 Kommentare

  1. Löwe 20. Dezember 2025 at 10:01 - Reply

    Der Mietmarkt könnte auch durch die folgenden Massnahmen entlastet werden.

    – Häuser dürfen nur noch von einheimischen erworben werden, und auch nicht mehr als z.B. drei Objekte. Damit würde verhindert werden das Gewinnorientierte Unternehmen den Wohnungsmarkt kontrollieren und zwecks Profit den Mietpreis treiben.
    – Erneuerbare Energien welche in und außerhalb der Stadt erbracht werden, subventionieren zum Teil Mieten.
    – Cannabis Plantagen welche die Stadt anbaut und über Shops vertreibt subventionieren zum Teil die Mieten.
    – Objekte welche sich im Besitz von Gewinnorientierten Unternehmen befinden werden zurück erworben.

    Wohnen gilt als Menschenrecht, daher sollten Maßnahmen und Wege welche helfen Synergien zu bilden nutzbar gemacht werden um dieses Ziel zu erreichen.

  2. Marcel S. 20. Dezember 2025 at 21:19 - Reply

    Alle Welt drängt in die Innenstadt. Siedlungen irgendwo in der Pampa ohne vernünftige Infrastruktur werden den Mietmarkt innerhalb des Rings sicher nicht entlasten. Es wird nur dazu führen dass das Verkehrsaufkommen durch Pendler ins Zentrum weiter wächst. Es ist das komplette Gegenteil von der Stadt der kurzen Wege, überfüllte Innenstadt mit Schlafstädten drumherum. Ein Konzept aus den 70er Jahren.

  3. Quax 21. Dezember 2025 at 21:52 - Reply

    Ich habe immer ein Verständnisproblem, wenn bei sinnvollen Ideen auf“ planungsrechtliche Hürden und Erschließungsfragen“ verwiesen wird, die für andere „Investoren“ mal ganz schnell aus dem Weg geräumt werden. Ein Schelm, wer böses dabei denkt…

  4. Bundschuh 22. Dezember 2025 at 15:21 - Reply

    Allein die Spandauer Politik legt hier die Steine in den Weg. Bürokratie – planungsrechtliche Vorschriften – alte Bebauungspläne usw. Sucht euch was aus – irgendwas passt immer. Wenn „Mann“ ( das Bezirksamt) nicht will dann wird hier in Spandau auch in Zukunft nichts passieren. Hier wird immer nur im vier Jahresrhythmus agiert.

  5. Dr. Werz 25. Dezember 2025 at 21:41 - Reply

    Finde die Initiative sehr begrüßenswert und unterstütze sie voll und ganz.
    Mögliche Unterstützer könnten auch andere Initiativen sein, sie sich das Ziel gesetzt haben, die Wohnraumsituation in Berlin zu verbessern. Vielleicht gibt es solche potentielle Verbündete, um gemeinsam besser auf Bezirksamt bzw. Senat Einfluss nehmen zu können.

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