Seit Jahren steht das Wohnhaus in der Jagowstraße 35 in Berlin-Moabit teilweise leer. Dem Senat ist der Leerstand spätestens seit 2019 bekannt, dennoch blieb das Gebäude weitgehend ungenutzt und verfiel sichtbar. Nun ist der Abriss des Vorderhauses entschieden, eine Entwicklung, die den Umgang der Stadt mit Leerstand, Mieterschutz und Bestandserhalt erneut in den Fokus rückt.
© Foto Titelbild: IMAGO / Sabine Gudath
Das Wohnhaus Jagowstraße 35 beschäftigt Politik, Verwaltung und Mieterinnen und Mieter seit mehreren Jahren. Wie aus einer Schriftlichen Anfrage der Linken im Abgeordnetenhaus hervorgeht, standen beim Eigentumsübergang im Juli 2019 bereits 13 Wohnungen leer. Wie lange der Leerstand zuvor bestand, ist nach Angaben des Bezirks Mitte nicht bekannt.
Seitdem hat sich an der Situation wenig geändert. Trotz wiederholter Nachfragen und öffentlichen Debatten wurden die leerstehenden Wohnungen nicht wieder vermietet. Stattdessen verschlechterte sich der bauliche Zustand des Hauses zunehmend.
Jagowstraße 35: Leerstand genehmigt, doch Sanierung an Abriss des Vorderhauses geknüpft
Nach Darstellung des Bezirksamts verfügt der Eigentümer über gültige Leerstandsgenehmigungen. Die Sanierung des Hinterhauses ist jedoch an eine zentrale Voraussetzung geknüpft: den Abriss des Vorderhauses. Dieser kann erst erfolgen, wenn eine Genehmigung des Umwelt- und Naturschutzamts vorliegt. Erst danach, so der Bezirk, könne der Leerstand tatsächlich beseitigt werden.
In den Jahren 2023 und 2024 wurde zudem ein Verfahren zur Gefahrenabwehr geführt. Hintergrund waren Hinweise auf bauliche Mängel und Eingriffe in Wohnungen. Der Leerstand selbst sei dem Bezirk dabei bekannt gewesen.
Mieter berichten von Verfall in Moabit: Kritik an Zustand und ausbleibenden Reaktionen
Während die Verwaltung auf Genehmigungen und Zuständigkeiten verweist, schildern die verbliebenen Mieterinnen und Mieter eine andere Realität. Berichte über Schimmel, Risse, Schädlingsbefall und zeitweise fehlende Heizung prägen das Bild des Hauses. Anfragen an Eigentümer und Behörden seien häufig unbeantwortet geblieben, berichtet der Berliner Mieterverein.
Bewohnerinnen und Bewohner hätten mehrfach versucht, konstruktive Vorschläge für eine Sanierung einzubringen. Ziel sei es gewesen, das gewachsene soziale Gefüge im Haus zu erhalten. Eine Resonanz darauf habe es jedoch nicht gegeben.
Abriss genehmigt: Kritik an Verlust günstigen Wohnraums in der Jagowstraße
Mittlerweile ist der Abriss des Vorderhauses genehmigt. Aus Sicht des Bezirksamts gebe es dafür keine rechtliche Handhabe zur Verhinderung. Kritikerinnen und Kritiker verweisen hingegen darauf, dass das Gebäude nicht baufällig sei und Alternativen wie eine Aufstockung möglich gewesen wären. Entsprechende Gutachten wurden von den Mieterinnen und Mietern selbst in Auftrag gegeben, wie die taz mitteilt.
Mit dem Abriss rückt auch der Verlust günstigen Wohnraums in den Fokus. Die Wohnungen im Haus lagen teils deutlich unter dem Berliner Durchschnittsniveau. Nach Abschluss der geplanten Neubebauung ist mit erheblich höheren Mieten zu rechnen.
Jagowstraße 35 als Präzedenzfall: Leerstand, Abriss und die Zukunft des Bestands
Der Fall Jagowstraße 35 zeigt exemplarisch, wie langwierige Leerstände, genehmigter Verfall und Abrissentscheidungen ineinandergreifen können. Obwohl der Leerstand dem Senat seit Jahren bekannt war, blieb der Handlungsspielraum begrenzt. Am Ende steht eine Entscheidung, die aus Sicht vieler Beobachterinnen und Beobachter Fragen nach dem Umgang mit Bestandsgebäuden, Klimaschutz und sozialer Stadtentwicklung aufwirft.
Mit dem Abriss des Vorderhauses endet ein jahrelanger Konflikt jedoch nicht, sondern markiert vielmehr den Übergang in eine neue Phase, in der sich zeigen wird, welche Rolle Bestandsschutz und bezahlbarer Wohnraum künftig tatsächlich spielen.
Quellen: Abgeordnetenhaus Berlin, Berliner Mieterverein, Taz, Wem gehört Berlin
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