Eine neue Studie zeigt, wie Biodiversität systematisch in Infrastrukturprojekte und Bauvorhaben integriert werden kann. Sie macht deutlich, warum ökologische Planung künftig unverzichtbar ist. Der Ansatz ist nicht völlig neu, in Berlin gibt es bereits Bauprojekte, in denen Biodiversität von Beginn an mitgedacht wird.

Prominentes Berliner Beispiel für Biodiversität im Bauen ist das Gewerbeprojekt „AERA“ in Berlin-Charlottenburg, mit einem weithin sichtbaren Dachgarten, der extensiv begrünt und bepflanzt wurde. / © Foto: Bauwens / Max Kissler

© Visualisierung Titelbild: Sweco GmbH

ANZEIGE

 

Die europäische Infrastruktur steht vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits müssen in den kommenden Jahrzehnten Milliardeninvestitionen in Energie-, Verkehrs-, Wasser- und Bauprojekte gestemmt werden, andererseits wachsen die Anforderungen an Klima-, Natur- und Artenschutz deutlich.

Eine neue Studie des Unternehmens Sweco GmbH will aufzeigen, wie diese beiden Ziele zusammengeführt werden können, und warum Biodiversität künftig zu einem zentralen Planungsparameter für Bau- und Immobilienprojekte werden sollte.

ANZEIGE

Biodiversität im Bauen? Ein neuer Blick auf Infrastrukturprojekte

Der aktuelle Urban-Insight-Bericht von Sweco untersucht, wie europäische Projektentwickler Biodiversität systematisch in Infrastruktur- und Immobilienprojekte integrieren können. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass klassische Infrastruktur lange Zeit primär auf Funktionalität, Effizienz und Kostenoptimierung ausgerichtet war. Angesichts des fortschreitenden Biodiversitätsverlusts reicht dieser Ansatz nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren jedoch nicht mehr aus.

Die Studie ordnet das Thema in einen größeren Kontext ein: Bis 2040 werden in Europa umfangreiche Infrastrukturmodernisierungen notwendig, deren Investitionsvolumen auf rund neun Billionen Euro geschätzt wird. Diese Investitionen entscheiden laut Studie maßgeblich darüber, ob künftige Projekte weiterhin zur Fragmentierung von Lebensräumen beitragen, oder ob sie Teil der Lösung werden.

Technologien und Methoden für mehr Artenvielfalt

Anhand konkreter Projektbeispiele aus verschiedenen europäischen Ländern zeigt die Studie, welche Instrumente bereits heute zur Verfügung stehen. Dazu zählen unter anderem der Einsatz von Artenspürhunden auf Baustellen, um geschützte Tierarten frühzeitig zu identifizieren, oder die Nutzung von Bienen zur Sammlung genetischer Umweltproben (genannt „eDNA“), um die Pflanzenvielfalt entlang von Infrastrukturen zu analysieren.

ANZEIGE

Auch digitale Werkzeuge spielen eine zentrale Rolle: Geo-KI und Drohnentechnologien ermöglichen eine präzisere Kartierung sensibler Ökosysteme, etwa von Moorlandschaften oder Brutplätzen geschützter Vogelarten, ohne diese zu stören. Ergänzt werden diese Ansätze durch blau-grüne Infrastruktur wie Regenparks, Wasserwirtschaft, Aufenthaltsqualität und Biodiversität miteinander verbunden.

Empfehlung der Experten: Biodiversität als gleichwertiger Planungsfaktor

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die Forderung, Biodiversität frühzeitig und verbindlich in Planungs- und Entscheidungsprozesse einzubinden. Sweco empfiehlt, ökologische Auswirkungen ähnlich konsequent zu bewerten wie CO₂-Emissionen oder Kostenkennzahlen. Pilotprojekte, bei denen ein „Biodiversitäts-Fußabdruck“ von Bauvorhaben ermittelt wird, zeigen laut Studie, dass dies praktikabel ist.

Die Autorinnen und Autoren betonen zudem die Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit. Biodiversitätsziele lassen sich demnach nur erreichen, wenn Planung, Architektur, Ingenieurwesen und ökologische Fachdisziplinen von Beginn an gemeinsam arbeiten.

ANZEIGE

Empfehlungen für Projekt- und Immobilienentwicklungen

Für künftige Projektentwicklungen leitet die Studie mehrere Handlungsempfehlungen ab: Biodiversität sollte strategisch verankert, mit klaren Budgets hinterlegt und an internationale Ziele angepasst werden. Regulatorische Vorgaben und Finanzierungsanforderungen wirken dabei zunehmend als Treiber, nicht als Hindernis.

Langfristig, so das Fazit, kann Infrastruktur über ihre bisherige Rolle als Umweltbelastung hinauswachsen. Wenn ökologische Qualität mitgedacht wird, entstehen Projekte, die nicht nur funktional sind, sondern auch zur Wiederherstellung von Ökosystemen, zur Innovationsförderung und zur nachhaltigen Wertschöpfung beitragen.

Modellprojekt in Berlin: Gewerbeprojekt „AERA“ auf der Mierendorffinsel in Charlottenburg

In Berlin-Charlottenburg ist bereits ein Bauvorhaben realisiert worden, dass die Empfehlungen der Studie in Teilen umgesetzt hat. Die Rede ist vom Gewerbeprojekt „AERA“ auf der Mierendorffinsel. Seit Oktober 2023 wurde das Dach des Gewerbeprojekts “AERA” in Berlin-Charlottenburg begrünt. Auf dem Dach wurden insgesamt 30 zwölf Meter hohe Kiefern, Eichen, Ahornen und Wildkirschen installiert.

Der außergewöhnlich große Dachgarten des Gebäudes erstreckt sich über insgesamt 2.200 Quadratmeter und bietet eine Art grüne Oase über den Dächern der Stadt. Mit über 25 verschiedenen Pflanzenarten und Bäumen, die bis zu 12 Meter hoch werden sollen, bindet er jährlich etwa fünf Tonnen CO2, wie Bauwens stolz verkündet. Der Garten soll nicht nur als Rückzugs- und Erholungsraum für die Mieterinnen und Mieter dienen, sondern das Projekt „AERA“ auch zu einem Vorzeigeprojekt für nachhaltige Stadtentwicklung machen.

 

Quellen: Sweco GmbH, Bauwens GmbH & Co. KG, Berliner Woche, Architektur Urbanistik Berlin, Deutsches Architektur Forum, Grüntuch Ernst Architekten, capattistaubach

Jetzt PLUS-Kunde werden

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.

Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.