Der Krieg riss Lücken, die Teilung schuf zwei unterschiedliche Stadthälften, nach der Wiedervereinigung kamen neue Quartiere hinzu. Zugleich verfügt Berlin noch immer über einen beträchtlichen älteren Gebäudebestand. Was bedeutet das für die Debatte um Rekonstruktionen?

Entlang der Torstraße in Berlin-Mitte prägen Altbauten, Gastronomie und Straßenbahngleise das Straßenbild. Hier treffen Altbauten, Nachkriegsarchitektur und zeitgenössische Neubauten aufeinander. Der Straßenzug zeigt, wie viele Epochen das Berliner Stadtbild zugleich prägen. / © Foto: depositphotos.com
© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT
Berlin lässt sich architektonisch kaum auf einen Nenner bringen. Gründerzeitliche Wohnhäuser stehen neben Bauten der Nachkriegszeit, Plattenbauten neben Neubauten aus den 1990er-Jahren. Selbst innerhalb eines Straßenzugs wechseln Maßstab, Material und Stil häufig mehrfach.
Dieses Nebeneinander wirkt natürlich überhaupt nicht harmonisch. Es erzählt vor allem von einer Stadt, die im vergangenen Jahrhundert besonders tiefgreifende politische und gesellschaftliche Umbrüche erlebt hat, mehr als jede andere deutsche Stadt. Das heutige Stadtbild ist durch Nationalsozialismus, Krieg, Teilung, Mauerbau und Wiedervereinigung geprägt.
Wie Krieg und Nationalsozialismus historische Bausubstanz in Berlin veränderten
Schon vor dem Zweiten Weltkrieg veränderte der Nationalsozialismus Berlin. Mit seinen Planungen für die Reichshauptstadt verband das Regime weitreichende Eingriffe in die gewachsene Stadt. Der Krieg hinterließ anschließend schwere Schäden und große Lücken in der Bebauung.
Doch das Ausmaß der Zerstörung war keineswegs überall gleich. Während manche Quartiere ihre historische Struktur weitgehend bewahrten, mussten andere Bereiche neu aufgebaut werden. Diese Unterschiede sind bis heute sichtbar; und erklären, weshalb sich Berlin je nach Stadtteil wie eine andere Stadt anfühlen kann.
Architektur in Ost- und West-Berlin: Zwei Wege des Wiederaufbaus
Nach dem Krieg entstanden in Ost und West unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Berlin künftig aussehen sollte. In beiden Stadthälften wurden Wohnungen, öffentliche Gebäude und Verkehrswege benötigt. Die politischen Systeme setzten dabei jedoch verschiedene Schwerpunkte und entwickelten eigene architektonische Ausdrucksformen.
Mit dem Mauerbau wurde die Teilung auch im Stadtgrundriss festgeschrieben. Straßen endeten an der Grenze, Verbindungen gingen verloren, ganze Flächen wurden geräumt oder blieben unbebaut. An anderen Orten schufen breite Straßen und aufgelockerte Bebauung ein Stadtbild, das sich deutlich von den dichten Quartieren des 19. Jahrhunderts unterschied.

Stallschreiberstraße 1945: Der Zweite Weltkrieg hinterließ große Lücken im Berliner Stadtbild. Wo historische Gebäude zerstört wurden, entstanden in den folgenden Jahrzehnten neue Straßenräume und Bauten, die das Gesicht der Stadt bis heute prägen. / © Foto: Wikimedia Commons, Bundesarchiv, Bild 183-J31339 _ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE
Warum Berlins Stadtbild nach der Wiedervereinigung erneut verändert wurde
Nach 1990 musste Berlin wieder zusammenwachsen. Ehemalige Grenzflächen wurden zu Baugrundstücken, fehlende Verbindungen wiederhergestellt. Zugleich brachte der Hauptstadtstatus neue Regierungsbauten, Infrastrukturprojekte und Investitionen mit sich.
Besonders deutlich wird diese Phase am Potsdamer Platz. Wo zuvor die Mauer verlief und weite Flächen brachlagen, entstand innerhalb weniger Jahre ein neues Quartier. Auch diese Architektur ist inzwischen ein Teil der Berliner Stadtgeschichte – selbst wenn ihre Gestaltung bis heute unterschiedlich beurteilt wird.
Wie viele historische Gebäude gibt es heute noch in Berlin?
Angesichts der Kriegszerstörungen und der vielen Nachkriegsbauten wird der ältere Bestand Berlins leicht unterschätzt. Der Zensus 2022 zeigt: Rund 39,5 Prozent der heute vorhandenen Gebäude mit Wohnraum wurden vor 1949 errichtet. 15,2 Prozent stammen sogar aus der Zeit vor 1919. Bei insgesamt rund 338.000 erfassten Gebäuden mit Wohnraum handelt es sich um einen erheblichen Bestand.
Die Zahl muss allerdings sorgfältig eingeordnet werden. In der Baujahresklasse von 1919 bis 1948 stecken auch Gebäude aus den ersten Nachkriegsjahren. Zudem erfasst der Zensus keine Bauwerke ohne Wohnraum. Er sagt auch nichts darüber aus, wie viel ursprüngliche Bausubstanz oder historische Fassadengestaltung an einem Haus erhalten geblieben ist.

Torbögen, Backsteinfassaden und gepflasterte Wege prägen bis heute den denkmalgeschützten Campus des einstigen Krankenhauses Prenzlauer Berg. Die historische Architektur des im späten 19. Jahrhundert entstandenen Ensembles ist weitgehend erhalten geblieben und steht natürlich unter Denkmalschutz. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Gründerzeit, alte Ortskerne und Berliner Moderne prägen verschiedene Stadtteile
Der ältere Bestand konzentriert sich nicht auf ein einziges historisches Zentrum. Gründerzeitliche Straßenzüge prägen etwa Teile von Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Charlottenburg. Spandau und Köpenick besitzen wiederum eigene historische Ortskerne, deren Entwicklung weit vor der Entstehung Groß-Berlins begann.
Zur Architekturgeschichte der Stadt gehören ebenso die Wohnsiedlungen der 1920er-Jahre. Sie stehen für neue Antworten auf die damalige Wohnungsnot und für ein anderes Verständnis von Licht, Luft und Freiraum. Die Siedlungen der Berliner Moderne sind heute als UNESCO-Welterbe anerkannt. Historischer Baubestand bedeutet in Berlin also weit mehr als Stuckfassaden und Altstadtgassen.
Warum viele Berliner die Bauten der 1960er- und 1970er-Jahre kritisch sehen
Gerade der Kontrast zwischen älteren Quartieren und der Architektur der 1960er- und 1970er-Jahre löst Diskussionen aus. Manche Straßenräume aus dieser Zeit wirken heute wenig einladend: Große Verkehrsflächen, schmucklose Fassaden und weite Abstände zwischen Gebäuden erschweren vielerorts den Aufenthalt.
Daraus erwächst der Wunsch nach mehr historischer Architektur oder zumindest nach Neubauten, die sich stärker an traditionellen Straßenräumen orientieren. Zugleich entstanden viele dieser Gebäude, weil Berlin dringend Wohnungen, Schulen und andere Einrichtungen brauchte. Ob ein Ort durch Erhalt, Umbau oder Neubau gewinnt, lässt sich daher nur im Einzelfall beantworten.

Am heutigen Mehringplatz in Kreuzberg ist der Bruch mit dem historischen Stadtbild besonders deutlich: Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde der Platz mit neuen Wohnbauten und einer grundlegend veränderten Verkehrsführung gestaltet. / © Foto Wikimedia Commons, Gunnar Klack, CC BY-SA 4.0
Historische Architektur in deutschen Großstädten: Der Eindruck kann täuschen
In München blieben etwa in Haidhausen größere gründerzeitliche Straßenzüge erhalten. Auch Leipzig besitzt ausgedehnte Altbauquartiere. Nürnberg vermittelt dagegen einen anderen Eindruck: Seine Altstadt wirkt vielerorts historisch, obwohl rund 90 Prozent ihrer Gebäude im Krieg zerstört wurden. Beim Wiederaufbau orientierte sich die Stadt am früheren Grundriss und Stadtbild.
In Köln ging besonders in der Innenstadt viel ältere Bausubstanz verloren; sie war bei Kriegsende weitgehend zerstört. Solche Unterschiede zeigen, weshalb ein historisch wirkender Stadtraum nicht zwangsläufig aus erhaltenen Vorkriegsgebäuden besteht – und weshalb sich Städte anhand ihres heutigen Erscheinungsbilds allein nur schwer vergleichen lassen.
Historische Mitte Berlins: Wie realistisch sind Rekonstruktionen?
Besonders intensiv wird über die historische Mitte gestritten. Die Stiftung Mitte Berlin setzt sich dort für ein dichtes Quartier mit Straßen und Plätzen auf Grundlage des Stadtgrundrisses der 1920er-Jahre ein. Sie möchte damit Bereiche verändern, die heute stark von Verkehrs- und Freiflächen geprägt sind. Auch die Debatte um die künftige Bebauung am Molkenmarkt zeigt, wie groß das Interesse an der früheren Stadtstruktur ist.
Ein gemeinsames politisches Bild davon, wie weit eine solche Rückbesinnung gehen sollte, gibt es jedoch nicht. Ein historischer Straßenverlauf kann mit zeitgenössischen Gebäuden bebaut werden. Einzelne verlorene Häuser könnten rekonstruiert werden. Ebenso können neue Entwürfe versuchen, Maßstab und Charakter eines Ortes aufzunehmen, ohne historische Formen zu kopieren.

Blick auf das „Tacheles“-Quartier in Berlin-Mitte: Das ehemalige Kunsthaus wurde zu einem hochwertigen Wohn- und Geschäftsareal umgestaltet. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Historische Architektur erhalten, neue Stadträume schaffen: Berlins schwierige Aufgabe
Berlins Architektur wird auf lange Sicht von unterschiedlichen Zeiten erzählen. Gerade die Größe der Stadt macht sichtbar, wie viel älterer Bestand trotz aller Umbrüche erhalten ist.
Die Aufgabe besteht nun darin, diesen Bestand zu pflegen und neue Gebäude so zu planen, dass aus den Brüchen der Stadt lebenswerte Straßen und Quartiere entstehen. Das ist natürlich sehr viel leichter gesagt als getan.

Die historischen Säulenkolonnaden auf der Museumsinsel verbinden mehrere Museumsbauten zu einem gemeinsamen Stadtraum. Sie zeigen, wie prägend die Architektur des 19. Jahrhunderts für diesen Teil der Berliner Mitte bis heute ist. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Modernes Beispiel: Die Polnische Botschaft setzt mit ihrer streng gegliederten, radikal modernen Fassade einen deutlichen Kontrast zur historischen Architektur am Boulevard Unter den Linden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Das ehemalige Ladengebäude „Frisierkunst“ bildete im September den Auftakt der Feierlichkeiten zur Aufnahme der Zehlendorfer Waldsiedlung in das UNESCO-Welterbe. Hier kamen Politiker, Anwohnende und zahlreiche Medienvertreter zum offiziellen Empfang zusammen. Auch diese Siedlung zählt zum historischen Berliner Baubestand. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

In vielen Quartieren Berlins wurden in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren großflächig Plattenbauten errichtet, die das Stadtbild in einige Bezirken auch dominieren. / © Foto Wikimedia Commons, Christian Liebscher (Platte), CC BY-SA 3.0
Quellen: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Landesdenkmalamt Berlin, Deutsche UNESCO-Kommission, Stiftung Mitte Berlin, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Landeshauptstadt München, Museen der Stadt Nürnberg, Kölnisches Stadtmuseum
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Zitat:“Blick auf das „Tacheles“-Quartier in Berlin-Mitte: Das ehemalige Kunsthaus wurde zu einem hochwertigen Wohn- und Geschäftsareal umgestaltet.“
Das Tacheles zeichnete sich lange Zeit als ein Anziehungsort für kulturelle Angebote aus, welche die gesamte Region belebten, vor allem auch Gastronomie Gewerbe. Die neue Fassade kann man sicherlich als gelungen beschreiben, die Nutzung Heute aber wohl eher nicht. Was allerdings hier verloren ging mit den Erweiterungen ist die Freifläche im ehemaligen Tacheles Hofbereich, davon ist nicht geblieben. Wer Heute dort durch den Hinterhof schlendert findet wenig Betrieb, auch Leerstand, und eine beklemmende Bedrücktheit, mit den hohen Fassaden. Hier wurde das Nutzungsangebot komplett verändert, ohne Rücksicht wurde Kultur zerstört, und das spürt man an diesem Ort, auch zu lasten der Einnahmen und Arbeitsplätze die dort verloren gingen.
Vielen Dank für den guten Artikel!