Während über der Erde die Zukunft der Berliner Mitte geplant wird, offenbaren Grabungen die Vergangenheit der Stadt. Ein spektakulärer Fund am Molkenmarkt könnte das Bild des mittelalterlichen Berlins nachhaltig erweitern.

Die Grabungen am Molkenmarkt bringen immer neue Erkenntnisse zur Entwicklung Berlins vom Mittelalter bis in die Neuzeit hervor. Im Hintergrund ist die Nikolaikirche zu erkennen. / © Foto: Landesdenkmalamt Berlin, Judith Katharina Stern
© Foto Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT
Im Zuge der geplanten Bebauung der historischen Mitte mit dem neuen Quartier „Molkenmarkt“ finden seit 2019 auf dem Areal in Berlin-Mitte umfangreiche archäologische Ausgrabungen statt, die interessante Einblicke in die Stadtgeschichte liefern.
In den vergangenen Wochen wurde ein weiteres außergewöhnliches Zeugnis der mittelalterlichen Stadtgeschichte freigelegt. Ein Steinkeller mit den Maßen 8,50 x 7,50 Meter gehörte zu einem bisher unbekannten repräsentativen Gebäude aus dem 14. beziehungsweise frühen 15. Jahrhundert. Die Mauern aus großen Feldsteinen und großformatigen Ziegeln sind bis zu einer Höhe von 2,30 Metern erhalten.
Molkenmarkt: Christian Gaebler und Denkmalschützer informieren über den spektakulären Fund
Christian Gaebler, Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Prof. Dr. Christoph Rauhut, Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin, Dr. Sebastian Heber, Leiter der Abteilung Bodendenkmalpflege im Landesdenkmalamt Berlin, sowie Eberhard Völker, wissenschaftlicher Projektleiter der Ausgrabungen am Molkenmarkt, standen als Gesprächspartner am gestrigen Mittwoch vor Ort zur Verfügung.
Mittelalterliche Bauwerke oder Überreste davon sind in Berlin nur noch an wenigen Orten erhalten. Außer der Nikolai- und Marienkirche, den Ruinen des Franziskanerklosters sowie den Resten der Berliner Stadtmauer an der Littenstraße sind keine baulichen Zeugnisse aus den frühen Anfängen der Stadtgründung im 13. Jahrhundert mehr vorhanden.
Historischer Steinkeller könnte als Kauf- und Handelskeller genutzt worden sein
Die Grabungen des Landesdenkmalamtes Berlin am Molkenmarkt haben nun ein weiteres Zeugnis der mittelalterlichen Stadtgeschichte freigelegt. Projektleiter Eberhard Völker erklärte, dass der Steinkeller möglicherweise als Kauf- und Handelskeller diente.
Bemerkenswert dabei ist die exponierte Lage des Gebäudes in unmittelbarer Nähe zum mittelalterlichen Rathaus und zum Hohen Haus, dem Sitz der askanischen Markgrafen.

Berlins Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler, Grabungsleiter Eberhard Völker und Landeskonservator Christoph Rauhut informieren vor Ort über den außergewöhnlichen Fund am Molkenmarkt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Berlin-Mitte: Größe und Bauweise des Kellers deuten auf eine besondere Bedeutung hin
Die Kellergröße übertrifft die damals übliche Größe zeitgenössischer Wohnbebauungen. Imposante Fundamente sind erhalten geblieben, ebenso Reste von Licht- und Lüftungsöffnungen sowie Verwahr- und Lichtnischen, die über einen Kellerboden aus gestampftem Lehm gut zu erreichen waren.
Ursprünglich war der Keller mit einer Balkendecke versehen, die bereits im 16. Jahrhundert durch ein Tonnengewölbe ersetzt wurde. In den folgenden Jahrhunderten erfolgten weitere Aus- und Umbauten, so Völker weiter.
Verfüllung schützte den mittelalterlichen Keller über Jahrzehnte hinweg
In seiner Grundstruktur blieb das Bauwerk bis zu seiner kriegsbedingten Zerstörung erhalten. Die nach 1945 erfolgte Verfüllung und Versiegelung der Fläche begünstigten den außergewöhnlich guten Erhaltungszustand des Kellers.
Christian Gaebler ging auf das Molkenmarkt-Projekt ein und bezeichnete es nicht nur als eines der größten Stadtentwicklungsprojekte, sondern auch als eine der größten stadtarchäologischen Untersuchungen Deutschlands im Vorfeld der Neubebauung.
Molkenmarkt zählt zu den größten Stadtentwicklungs- und Grabungsprojekten Deutschlands
Der jetzt freigelegte mittelalterliche Keller verdeutlicht eindrucksvoll, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse die Ausgrabungen für die Erforschung der frühen Berliner Stadtgeschichte liefern. Dabei bedankte er sich bei den Mitarbeitenden des Landesdenkmalamtes Berlin, denen es gelungen sei, an diesem Ort Spuren von mehr als 800 Jahren Stadtgeschichte freizulegen.
Christoph Rauhut, oberster Landeskonservator Berlins, charakterisierte den freigelegten Steinkeller als einen außergewöhnlichen Fund von größter Bedeutung für die Berliner Stadtgeschichte. Der gute Erhaltungszustand prädestiniere das Bauwerk in besonderer Weise dazu, als archäologisches Fenster dauerhaft sichtbar und erlebbar gemacht zu werden.

Der freigelegte mittelalterliche Steinkeller am Molkenmarkt gehörte vermutlich zu einem repräsentativen Gebäude aus dem 14. oder frühen 15. Jahrhundert und zählt zu den bedeutendsten aktuellen Funden der Berliner Stadtarchäologie. / © Foto: Landesdenkmalamt Berlin, Judith Katharina Stern
Landeskonservator sieht außergewöhnlichen Fund von großer historischer Bedeutung
Diesen Vorschlag werde man in den weiteren Planungsprozess einbringen, so Rauhut weiter. Auch ein mittelalterliches Feldsteinpflaster wurde in unmittelbarer Nähe des Gebäudes entdeckt und freigelegt.
Inwieweit ein baulicher oder zeitlicher Zusammenhang mit dem Steinkeller oder dem Gebäudekomplex besteht, sollen die laufenden Untersuchungen zeigen. Um den Keller vor Umwelteinflüssen zu schützen, wird er ab Montag, dem 15. Juni, wieder verfüllt.
Archäologische Großgrabung am Molkenmarkt läuft noch bis 2027
Die großflächige Stadtkerngrabung an historischer Stelle Berlins stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Bis zum geplanten Grabungsende im Jahr 2027 werden auf einer zusammenhängenden Fläche von rund 25.000 Quadratmetern archäologische Untersuchungen bis in eine Tiefe von vier Metern durchgeführt.
Dank der vollständigen Oberflächenversiegelung in der Mitte des 20. Jahrhunderts ist die archäologische Substanz auch an anderen Stellen des Areals außergewöhnlich gut erhalten. Das Befund- und Fundspektrum reicht von der mittelalterlichen Stadtgründung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein.
Archäologische Funde reichen von mittelalterlichen Straßen bis in die Steinzeit zurück
Dazu gehören bisher – neben der „unterirdischen“ Stadt des 18. bis 20. Jahrhunderts – ein bis zu sieben Meter breiter und 50 Meter langer Bohlendamm aus der Zeit um 1230, über 100 Brunnen und Latrinen aus dem 13. bis 18. Jahrhundert, mittelalterliche Keller beziehungsweise Hausreste aus Holz, Lehmkuppelöfen und Schmieden sowie mehrere parallel zueinander verlaufende Gräben aus dem 13. Jahrhundert.
Darüber hinaus konnten urgeschichtliche, hauptsächlich steinzeitliche Bereiche erfasst werden.
Molkenmarkt: Wissenschaftliche Dokumentation der Funde steht weiterhin im Mittelpunkt
Diese Ausgrabungen – inklusive der wissenschaftlichen Erfassung der Relikte – standen und stehen bis auf Weiteres im Vordergrund des Grabungsprojekts. Mehr als 70 Prozent der Fläche sind bereits ergraben und dokumentiert, einige tausend Quadratmeter stehen noch aus.
Eine wissenschaftliche und abschließende Auswertung der Ergebnisse, die Tausende Befunde und Hunderttausende Funde umfasst, wird allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Dann wird, aller Voraussicht nach, der Bau der ersten neuen Gebäude auf dem Molkenmarkt-Gelände schon begonnen haben.

Ausgewählte Fundstücke aus den Grabungen am Molkenmarkt, darunter historische Ziegel mit Herstellermarken und Bauelemente aus verschiedenen Epochen der Berliner Stadtgeschichte. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Quellen: Landesdenkmalamt Berlin, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen
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