Heinrich Straumer zählt zu den prägenden, aber kaum bekannten Architekten des frühen 20. Jahrhunderts in Berlin. Sein Werk umfasst Stadtvillen, Hochschulen, Museen und den ikonischen Funkturm im Berliner Westend.

Straumer verband Tradition und Moderne und prägte mit diesem Stil ganze Stadtteile Berlins. Sein bekanntestes Werk, der Funkturm, wurde zum Wahrzeichen einer neuen Zeit. / © Foto: Wikimedia Commons, KK nationsonline, CC BY-SA 4.0

© Foto Titelbild: Wikimedia Commons / Pupblic Domain (Einweihungsakt des Funkturms am 3. September 1926)

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Nur Eingeweihte der Berliner Architekturwelt kennen ihn oder erinnern sich gar an die intensive Schaffensperiode dieses Architekten. Heinrich Straumer, geboren 1876 in Chemnitz als Sohn des Professors Dr. Friedrich Straumer, besuchte die Staatsbauschule in Chemnitz und die Akademie der Künste in Dresden.

In seinen jungen Jahren war er in der Dresdner Architekturfirma Schilling & Graebner tätig. Später ging Straumer nach Berlin und wurde hier ein Schüler Wallots, dem Erbauer des Reichstagsgebäudes. Heinrich Straumer gehörte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den renommierten Architekten Berlins.

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Architekt Heinrich Straumer: 37 Bauten zwischen 1907 und 1915 in Berlin

Bis zum Ersten Weltkrieg war er vor allem für seine Wohnhäuser im Landhausstil bekannt. 37 Landhäuser und Villen entstanden allein zwischen 1907 und 1915 nach seinen Entwürfen, hauptsächlich im Südwesten Berlins, also Dahlem, Grunewald, Lichterfelde, aber auch im Nordwesten der Stadt, etwa in Frohnau oder Hermsdorf.

Weitere 13 Bauten entstanden in und außerhalb Berlins, bis er seine Tätigkeit im privaten Wohnhausbau 1926 nahezu völlig einstellte. Unbestritten ist, dass die ehemalige Reichshauptstadt ihm eine ganze Reihe sehr schöner privater und öffentlicher Bauten zu verdanken hatte. Vor allem den Backsteinbau hatte er wieder zu Ehren gebracht.

Siedlungsbauten, Hotels und Kaufhäuser: Baustil zwischen Tradition und Moderne

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gehörte Straumer zu den Vertretern eines zwischen Tradition und Moderne vermittelnden Stils. Nun entwarf er überwiegend Kaufhäuser, Hotels und Restaurants. Zudem war er an zahlreichen Siedlungsbauprogrammen beteiligt.

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Seit 1919 engagierte er sich verstärkt im Bund Deutscher Architekten (BDA), dessen Landesvorsitzender er von 1919 bis 1926 war. Der breiten Öffentlichkeit wurde er durch den Bau des Funkturms auf dem Messegelände bekannt.

Die „BZ am Mittag“ würdigte Heinrich Straumer 1928 in einem Artikel über „Die Erbauer des neuen Berlins“ neben Peter Behrens, Paul Mebes, Hans Poelzig, Mies van der Rohe und fünf weiteren Architekten.

1924: Bau des Funkturms im Berliner Westend

Straumer, seit 1922 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, hatte bei zahlreichen Wettbewerben Preise davongetragen. Einer der letzten Wettbewerbe, an denen sich Straumer beteiligte, war das Friedrich-Theater in Dessau. Grundsätzlich betätigte er sich mit Vorliebe auf dem Gebiet der Planung.

Nach 1933 nahm die bis dahin rege Bautätigkeit Straumers ab, obwohl er sich den Ansprüchen der neuen Machthaber durch die Wiederaufnahme traditionsreicher Formen anpasste und in die NSDAP eintrat. Der Antrag auf Aufnahme in die Reichskammer der Bildenden Künste wurde bis 1937 nicht bewilligt, wegen Fehlens des „Ariernachweises“. Die Akademie der Künste versetzte ihn danach in die „inaktive Mitgliedschaft“.

1935: Brand auf der Berliner Funkausstellung

Auch wenn Zeitgenossen und Wegbegleiter Heinrich Straumers ihn als einen Architekten mit ungewöhnlich hoher Bildung und starkem Temperament bezeichneten, der häufig fast unlösbare Gegensätze zutage förderte, war er eine Persönlichkeit außergewöhnlichen Formats, der man einen besonderen Maßstab zubilligen musste.

Das bewies er letztendlich bei dem großen Brand auf der Berliner Funkausstellung im Jahr 1935. Berichte von Augenzeugen, die über die Geschehnisse der Nacht vom 19. auf den 20. August aussagten, geben Zeugnis von Straumers Charakter.

Heinrich Straumer bewies Nerven: Der Funkturm überstand die Flammen

Es waren Stunden nervenzerreißender Spannung, weil allgegenwärtig die Befürchtung bestand, dass der Funkturm, dessen Restaurant bereits in hellen Flammen stand, nachgeben und durch seinen Einsturz unendliches Unheil auslösen würde.

Inmitten der aufgeregten Menschen bewahrte Straumer eine unerschütterliche Ruhe. Immerhin ging der Großbrand ihm am nächsten, denn er hatte das Haus der Funkindustrie, in dem das Feuer ausgebrochen war – die spätere Halle 6 der Messebauten – errichtet.

Einsturz ausgeschlossen: Die vier Beine des Funkturms ruhten auf riesigen Porzellankugeln

Der 1924 errichtete Holzbau war nicht mehr zu retten, aber für die Konstruktion seines Funkturms, den er 1926 erbaut hatte, stand er ein. Mit gleichmütiger Ruhe und in sich gefestigter Sicherheit wies er darauf hin, dass er die vier Beine des Funkturms auf riesige Porzellankugeln gesetzt hatte. Ein Umstürzen oder gar Einsturz des Turmes sei ausgeschlossen, so Heinrich Straumer.

Das Einzige, was sich eventuell ereignen könnte, wäre eine für das Auge kaum wahrnehmbare Neigung, die sich nach der Abkühlung von selbst wieder korrigieren werde. So ist es in der Tat gekommen: Der Funkturm hat den Großbrand überstanden und erfüllte danach als Kurzwellensender wieder seinen Bestimmungszweck.

Straumers Gesamtwerk: Stadtvillen, Museen, Hochschulen – und der Funkturm

Im Rückblick auf das Schaffen Heinrich Straumers muss man das Gesamtwerk dieses Architekten schon dementsprechend würdigen, denn er hat neben den von ihm hauptsächlich im damaligen Bezirk Zehlendorf entworfenen Villen und Landhäusern auch Gesellschaftsbauten wie das Entomologische Museum, den U-Bahnhof Thielplatz (Freie Universität), die Landwirtschaftliche Hochschule oder das Verbandshaus der Öffentlichen Feuerversicherer Deutschlands als Architekt zu Wege gebracht.

Eine seiner letzten „Schöpfungen“ war die riesige Tribüne der Trabrennbahn in Berlin-Karlshorst. Schließlich ist Straumers 138 Meter hoher Funkturm eines der populärsten Bauwerke in Berlin überhaupt. Er ist zum Wahrzeichen des neuen Berlins geworden, das weit über die Grenzen der Stadt genauso bekannt ist wie das Brandenburger Tor. Jeder kennt ihn – und doch: Wie wenige kennen den Namen seines Erbauers.

Zerstörung rund um den Berliner Fernsehturm im Frühsommer 1945. / © Foto: Bundesarchiv, Bild 183-J31429 / CC-BY-SA 3.0

Gedenktafel für Heinrich Straumer am Fürstendamm in Berlin-Frohnau. / Foto: Wikimedia Commons, OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0

Quellen: Deutsches Architektur Forum, Architektur Urbanistik Berlin, Wikipedia, 

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One Comment

  1. Böhme 25. November 2025 at 00:03 - Reply

    Das sind die Deutschen, die dieses Land groß gemacht haben – die ihre Arbeit als Lebensinhalt und ihre Aufgabe als Aufgabe gegenüber den Menschen verstanden haben. Das „Gegenprogramm“ verkörpern die Generationen Y und Z!

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