In Berlin-Weißensee entsteht ein außergewöhnliches Wohnhaus, das nahezu vollständig aus natürlichen und recycelten Materialien gebaut wird. Hanfkalk, Hanflehm und wiederverwendete Bauteile zeigen, wie nachhaltiges Bauen auch im urbanen Kontext funktionieren kann.

Mit Hanfkalk, recyceltem Holz und Erdwärme entsteht in Weißensee ein Wohnhaus, das neue Wege im nachhaltigen Bauen geht. ENTWICKLUNGSSTADT konnte das ungewöhnliche Projekt im Rahmen einer Baustellenbegehung besichtigen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

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Im Berliner Ortsteil Weißensee entsteht derzeit ein Wohnhaus, das in vielerlei Hinsicht neue Wege im urbanen Bauen beschreitet. Das mehrgeschossige Einfamilienhaus wird nahezu vollständig aus nachhaltigen und natürlichen Materialien errichtet und verfolgt das Ziel, eine besonders klimafreundliche Bauweise mit hoher Wohnqualität zu verbinden.

ENTWICKLUNGSSTADT konnte sich im Rahmen einer Baustellenbegehung gemeinsam mit dem verantwortlichen Architekten Michael Bader ein Bild vom Projekt machen. Verantwortlich für Planung und Umsetzung ist Baders Büro Urban Clean Building, das sich auf ökologische Bauweisen und innovative Materialkonzepte spezialisiert hat.

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Das Gebäude wird für eine junge Familie errichtet, die bewusst auf nachhaltiges Wohnen in einem urbanen Umfeld setzt. Bereits beim ersten Eindruck wird deutlich, dass das Haus als Experiment und zugleich als Demonstrationsprojekt für alternative Bauweisen gedacht ist.

Wohnhaus in Berlin-Weißensee: Hanfkalk und Hanflehm als zentrale Baustoffe

Besonders prägend für das Projekt ist der Einsatz von Hanf als Baustoff. Die Außenwände des Gebäudes bestehen aus Hanfkalk, einem Material aus Hanfschäben, Kalk und Wasser, das vollständig recycelbar ist und als nachwachsender Rohstoff gilt. Allein durch die Ausführung der Außenwände mit Hanf-Kalk gegenüber einer Bauweise mit Porenbetonsteinen wurden nach Angaben des Planers bereits rund 16 Tonnen CO₂ eingespart.

Auch im Innenraum setzt das Projekt auf natürliche Materialien. Die Innenwände bestehen aus Hanflehm, einer Mischung aus Holz, Hanf und Lehm. Ergänzt wird diese Konstruktion durch diffusionsoffene Putze, die mit ultrakurzen Hanffasern versetzt sind. Ziel dieser Bauweise ist ein möglichst natürliches und ausgeglichenes Raumklima.

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Beim Betreten des Hauses fällt sofort der charakteristische Duft von Holz und Lehm auf; ein Effekt, der bewusst Teil des architektonischen Konzepts ist.

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Nachhaltiges Bauen in Pankow: Recycling und Wiederverwendung als gestalterisches Prinzip

Neben nachwachsenden Rohstoffen spielt auch die Wiederverwendung vorhandener Materialien eine zentrale Rolle. In verschiedenen Bereichen des Hauses wurden Elemente aus früheren Nutzungen integriert, wie etwa alte Feuerwehrschläuche, die in der Küche als originelle Henkel von Schubläden dienen.

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Einige Treppenstufen stammen ursprünglich aus dem ehemaligen Flughafen Tegel, wo sie zuvor als Tische verwendet wurden. Auch Teile der Badeinrichtung haben eine ungewöhnliche Vorgeschichte: Sie waren zuvor Sitzbänke in einem Hotel am Kurfürstendamm.

Holznägel, abgerundete Kanten und organische Raumatmosphäre prägen das Gebäude

Viele Bauteile wurden aus recyceltem Holz gefertigt, das mit speziellen Buchennägeln verbunden ist; eine Technik, bei der Holznägel maschinell in das Material eingeschossen werden. Ziel war es, den Einsatz neuer Materialien soweit wie möglich zu reduzieren.

Ein gestalterisches Element zieht sich dabei durch das gesamte Gebäude: Abgerundete Kanten und weiche Übergänge prägen die Innenarchitektur und schaffen eine ungewöhnlich organische Raumatmosphäre.

Energie, Wasser und Technik im Zeichen der Nachhaltigkeit

Auch bei der technischen Ausstattung setzt das Haus konsequent auf nachhaltige Lösungen. Zwei Erdwärmebohrungen mit jeweils rund 90 Metern Tiefe versorgen das Gebäude über eine Wärmepumpe mit Energie. Zusätzlich erzeugen insgesamt 39 Solarpaneele Strom: 33 Module befinden sich auf dem Dach, sechs weitere sind in die Fassade integriert.

Ein Teil der Wasserversorgung erfolgt über ein Regenwassersystem: Toiletten und Waschmaschine werden mit aufgefangenem Regenwasser betrieben. Selbst bei Details wurden alternative Lösungen erprobt, etwa bei Markisenkästen aus Holz oder einer experimentellen Regenrinne ebenfalls aus Holz statt Metall. Der Bau des Hauses begann im Jahr 2024, die Fertigstellung ist für Mitte 2026 geplant.

Ein Experiment für nachhaltiges Bauen in der dicht bebauten Stadt

Das Projekt versteht sich bewusst als Experiment. Viele der eingesetzten Techniken basieren auf traditionellen Bauweisen, die heute nur noch selten angewendet werden. Gleichzeitig zeigt das Haus, wie sich natürliche Materialien, Recyclingkonzepte und moderne Haustechnik miteinander verbinden lassen.

Gerade in einer dicht bebauten Metropole wie Berlin könnte dieses Beispiel neue Impulse für eine ressourcenschonendere Baukultur geben. Denn das Haus in Weißensee demonstriert, dass nachhaltiges Bauen nicht nur im ländlichen Raum möglich ist, sondern auch mitten in der Stadt.

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© Foto: Urban Clean Building

© Foto: Urban Clean Building

 

Quellen: Urban Clean Building, Deutsches Architektur Forum

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