Neue Sichtachsen, weniger Parkplätze, mehr Sicherheit: Wie verändert sich eine Straße, wenn das Fahrrad Vorrang bekommt? Die Umgestaltung der Handjerystraße in Tempelhof-Schöneberg zeigt beispielhaft, wie konfliktreich, aber zukunftsweisend Mobilitätswende im Kiez sein kann. Das Projekt wird im Kiez sehr ambivalent aufgenommen.

Handjerystraße in Friedenau: Die Fahrbahn wurde verbreitert und optisch angepasst. Radfahrende nutzen die gesamte Straße, während Autos nur noch als Anlieger zugelassen sind. Für alle gilt Tempo 30. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT
Seit dem Umbau hat sich das Bild der Handjerystraße spürbar verändert. Die Straße gehört nun zu den offiziellen Fahrradstraßen im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Der Bezirk setzte damit einen politischen Beschluss aus dem Jahr 2015 um, der 2018 nochmals bekräftigt wurde.
Das Projekt ist Bestandteil der Berliner Radverkehrsstrategie und beruht auf den Vorgaben des Mobilitätsgesetzes. Es verfolgt das Ziel, den Radverkehr zu fördern und die Straßeninfrastruktur sicherer zu gestalten.
Messwerte belegen Entscheidung: Mehr Radverkehr als Autoverkehr in der Handjerystraße
Vor der Umsetzung führten Ingenieurbüros Verkehrszählungen durch, um die Verhältnisse zwischen den verschiedenen Verkehrsarten zu dokumentieren. An einem typischen Tag zählten die Gutachter knapp 4.000 Radfahrende und rund 1.000 Kraftfahrzeuge.
Diese Zahlen bestätigten die Planungsannahme, dass der Radverkehr in diesem Abschnitt dominiert. Die Verwaltung nutzte diese Daten als Grundlage für die Entscheidung, die Straße entsprechend umzuwidmen.
Gestaltung nach landesweiten Standards: Breite Radspuren und Einschränkungen für den Kfz-Verkehr
Die Ausgestaltung der Fahrradstraße folgte den Vorgaben des Berliner Leitfadens. Dieser schreibt vor, dass Fahrradstraßen eine Mindestbreite von vier Metern aufweisen müssen, ergänzt durch Sicherheitsabstände zu parkenden Fahrzeugen.
Um diese Anforderungen umzusetzen, wurde auf einer Straßenseite der ruhende Verkehr vollständig entfernt. Kraftfahrzeuge dürfen die Handjerystraße nur noch als Anlieger nutzen. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 30 Kilometern pro Stunde.
Sicherheit steht im Vordergrund: Verbesserte Sichtachsen und Maßnahmen für den Fußverkehr
Zur Erhöhung der Verkehrssicherheit ließ das Bezirksamt Fahrradbügel an Straßeneinmündungen aufstellen und markierte Querungshilfen für Fußgängerinnen und Fußgänger. Diese Eingriffe sollen nicht nur die Übersichtlichkeit verbessern, sondern sind auch als Schutz vor sogenannten Dooring-Unfällen gedacht.
Zusätzlich zeigt ein Dialogdisplay den Verkehrsteilnehmenden ihre Geschwindigkeit an und soll damit das Fahrverhalten positiv beeinflussen.
Kontroverse Diskussion: Kritik am Wegfall von Parkraum und an mangelnder Beteiligung
Auch nach der Fertigstellung bleibt das Projekt in der Anwohnerschaft allerdings umstritten. Einige Anwohnende kritisieren, dass durch den Wegfall von Parkplätzen neue Probleme entstanden seien. Vor allem in den Abendstunden werde die Parkplatzsuche in benachbarten Straßen schwieriger.
Die CDU verwies bereits während der Planungsphase auf eine eigene Umfrage, wonach eine deutliche Mehrheit der Anwohnenden das Projekt ablehne. Viele beklagen zudem, dass ihre Bedenken im Beteiligungsprozess nicht ausreichend berücksichtigt worden seien.
Bezirksamt verweist auf öffentliche Debatte: Entscheidungen wurden in politischen Gremien getroffen
Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg hält dem entgegen, dass das Projekt mehrfach öffentlich diskutiert wurde. Neben Beschlüssen in der Bezirksverordnetenversammlung fanden Informationsveranstaltungen, Spaziergänge und Ausschusssitzungen statt.
Die zuständige Stadträtin Saskia Ellenbeck, vor kurzem zu Gast im ENTWICKLUNGSSTADT Podcast „Metropole im Wandel“, wies darauf hin, dass die Maßnahme ohne den Rückbau von Stellplätzen nicht im Einklang mit den geltenden Qualitätsstandards umzusetzen gewesen wäre.
Umgestaltung der Handjerystraße steht exemplarisch für Herausforderungen der Verkehrswende
Die Umgestaltung der Handjerystraße steht exemplarisch für die Herausforderungen der Berliner Verkehrswende. Während Befürworter die gestiegene Sicherheit und klare Priorisierung des Radverkehrs loben, sehen Kritiker in der Maßnahme eine einseitige Politik zulasten des ruhenden Verkehrs.
Deutlich wird: Der Umbau ist Ausdruck eines grundlegenden Interessenkonflikts um den öffentlichen Raum. Die einen begrüßen den Zugewinn an Sicherheit, die anderen beklagen Einschränkungen im Alltag. Klar ist: Solche Eingriffe erfordern neben einer detaillierten Planung auch einen langen Atem im gesellschaftlichen Dialog.

Die Handjerystraße in Friedenau wurde zur Fahrradstraße umgebaut. Markierte Radpiktogramme auf der Fahrbahn machen die neue Priorität im Straßenraum deutlich. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

An einzelnen Stellen der Handjerystraße wurden Poller installiert, um die Verkehrsführung gezielt zu lenken. Diese baulichen Elemente verhindern den Durchgangsverkehr und tragen zur weiteren Verkehrsberuhigung bei. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Zur Einhaltung der Sicherheitsabstände wurden auf einer Straßenseite Stellplätze entfernt. Dadurch bleibt ausreichend Raum für Radfahrende und bessere Sicht an Einmündungen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Quellen: Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, Berliner Morgenpost, RBB, infravelo GmbH
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3 Kommentare
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Guter Artikel, aber ein Hinweis: Das Bild mit den „Pollern, um die Verkehrsführung gezielt zu lenken“ ist nicht aus dem Projekt Handjerystraße. Der Modalfilter ist an der nördlich an die Handjerystraße anschließende Prinzregentenstraße, Kreuzung Durlacher Straße. So viel Genauigkeit wünsche ich mir schon von Ihnen; das Thema wird so polarisiert diskutiert, da müssen wir nicht noch Poller dazuerfinden und Bürger*innen damit auf die Barrikaden bringen. Danke :)
Danke für den neutralen, emotionslosen und sachlichen Artikel.
Ich verstehe die Anliegen, der Anwohnenden. Es muss für eine Familie oder ältere Personen bestimmt zu Einschränkungen kommen, sollten diese auf das Auto angewiesen sein.
Fest steht jedoch, Autos nehmen insgesamt extrem viel Platz weg für die Menge an Menschen die sie befördern. U-Bahn, S-Bahn und Fahrrad haben kaum einen Anteil an dem Platz der in der Stadt für Verkehr zur Verfügung steht. Es gebe weniger Staus, keine dreckige Luft, keine extreme Lärmbelastung, wenn der Autoverkehr reduziert werden würde.
Die Rechnung ist einfach: Platz des Verkehrsmittel / beförderte Personen
Das Auto steht 95% rum und die meisten fahren alleine oder max. zu zweit in einem 4/5-Sitzer.