Der halbfertige Turm in der Hamburger HafenCity hat längst Wahrzeichen-Qualitäten, wenn auch unfreiwillig. Mit neuem Nutzungskonzept und reduzierter Höhe soll das Prestigeprojekt nun doch noch zu Ende geführt werden.

Zwischen ironischen Brutstätten-Vorschlägen und handfesten Investorenplänen hat sich der Elbtower zur wohl sichtbarsten Dauerbaustelle Norddeutschlands entwickelt. Statt 240 Meter wird er künftig maximal 199 Meter messen, wenn er denn fertiggebaut wird. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT
Es gibt Bauwerke, die werden geplant, gebaut, eröffnet – und dann gibt es den Elbtower. Er steht da, seit geraumer Zeit. Nicht fertig, nicht ganz unfertig. Eher so: entschieden unentschieden. Und während anderswo Hochhäuser wachsen, schrumpfen oder wenigstens fertig werden, hat sich Hamburgs prominenteste Bauruine in aller Seelenruhe in die Stadtsilhouette eingeschrieben, als sei es nie anders gedacht gewesen.
Hamburgs Elbtower: Vom Prestigeprojekt zum halben Wahrzeichen?
Ursprünglich sollte der Elbtower mit über 240 Metern die neu entstandene und noch immer wachsende HafenCity krönen. Ein vertikales Ausrufezeichen am östlichen Eingang zur Stadt, ein architektonisches „Moin“ mit internationalem Akzent. Heute wirkt das Gebäude eher wie ein in Beton gegossenes Fragezeichen.
So lange steht der Turm nun schon auf halber Höhe, dass sich Gewöhnung eingestellt hat. Touristinnen und Touristen fotografieren ihn, auch einige Geschäftsleute, die sich an der Bahnstation Elbbrücken verloren haben, schauen interessiert und fragend. Taxifahrer erklären ihn, und manch ein Hamburger dürfte insgeheim denken: Gehört doch irgendwie dazu.
Gehört die Bauruine des Elbtowers mittlerweile zur Hamburger Stadtsilhouette?
Im prominenten Stadtraum zwischen Speicherstadt, Kränen und der Elbphilharmonie behauptet sich der Torso des unfertigen Hochhauses schon heute selbstbewusst, als Denkmal einer Epoche, in der „höher, schneller, spektakulärer“ noch als städtebauliche Tugend galt.
Zwischenzeitlich wurden durchaus kreative Ideen laut, wie man mit dem halbfertigen Riesen umgehen könnte. Warum nicht einfach so lassen? Als dauerhaftes Mahnmal für überambitionierte Visionen? Als Brutstätte für seltene HafenCity-Möwen? Als weltweit erstes Hochhaus-Ruinen-Biotop?

Unfreiwilliges Wahrzeichen? Der unfertige Elbtower am Bahnhof Elbbrücken. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Brutstätte für Vögel und Urban Gardening in der Bauruine: Sollte man den Elbtower unvollendet lassen?
Man stelle sich vor: Geführte Touren zum „Unvollendeten“, Urban Gardening auf Rohbeton-Etagen, eine Aussichtsplattform mit dem Titel „Hier hätte Ihr Büro sein können“. Aber ganz so weit wird es dann doch nicht kommen. Denn so sehr der Humor hilft, die Frage nach der Zukunft des Turms bleibt real.
Nach dem spektakulären Baustopp und der Insolvenz des ursprünglichen Projektentwicklers Signa wurde intensiv nach neuen Investoren und Nutzungskonzepten gesucht. Inzwischen zeichnet sich ein Neustart ab: Ein internationales Hotel – die Gruppe Hilton wurde als Mieter präsentiert – soll einziehen, ebenso ist ein Naturkundemuseum im Gespräch, das dem Turm kulturelle Gravitas verleihen könnte.
Neustart mit Hotel und Museum? Elbtower soll bis spätestens 2030 fertig gebaut werden
Die Eröffnung? Wenn alles nach Plan läuft, irgendwo um das Jahr 2029 oder 2030. Auch Hamburg hat mittlerweile gelernt, bei solchen Zeitangaben eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln.
Gleichzeitig wurde beschlossen, dass der Turm nicht mehr die ursprünglich geplante Höhe erreichen wird. Statt über 240 Meter soll er nun bei 199 Metern enden, also unter der symbolträchtigen 200-Meter-Marke. Ein Hochhaus mit eingebauter Bescheidenheit?
„Kurzer Olaf“ und die Hamburger Seele
In der Stadt hat der Turm längst einen Spitznamen: „kurzer Olaf“. Eine liebevolle, wenn auch nicht ganz unspöttische Referenz an Olaf Scholz, der als Erster Bürgermeister Hamburgs das Projekt einst maßgeblich vorantrieb.
Was als selbstbewusstes Signal globaler Ambition gedacht war, wird heute von manchen als Sinnbild überzogener Visionen gelesen, wie könnte es auch anders sein. Andere empfinden die jahrelange Unfertigkeit schlicht als städtebauliche Zumutung: ein riesiger Platzhalter im Herzen der HafenCity.
Nach der Elbphilharmonie: Hamburgs zweites Problemprojekt mit bundesweiter Strahlkraft
Nach der kostenintensiven und lange umstrittenen Entstehung der Elbphilharmonie ist der Elbtower bereits das zweite Großprojekt mit bundesweiter Strahlkraft, das am hanseatischen Selbstverständnis kratzt. Die Stadt, die für Kaufmannsvernunft und Understatement steht, musste (und muss) sich plötzlich mit sehr sichtbaren Symbolen der Unwägbarkeit auseinandersetzen.
Und doch: Vielleicht liegt gerade darin eine gewisse Ironie. Der Turm, gedacht als Zeichen der Vollendung, wurde im Zustand des Unvollendeten zum festen Bestandteil der Stadt. Fast möchte man sagen: Er ist angekommen, bevor er fertig war.
Nun aber soll tatsächlich gebaut werden. Mit Hotel, Museum und leicht gestutzter Höhe. Keine 240 Meter mehr, sondern 199. Kein überragender Superlativ, sondern ein Hochhaus mit Fußnote. Ob der „kurze Olaf“ am Ende als geläutertes Wahrzeichen oder als mahnendes Kapitel in die Stadtgeschichte eingeht, das wird sich noch zeigen. Bis dahin steht er da: halb gebaut, halb Legende, aber doch schon ganz Hamburg.
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Der kurze Olaf hat sich von Benko blenden lassen, wie viele andere. Obwohl es seriösere Mitbewerber gab.