Ist Berlin wirklich langweilig geworden? Die einen vermissen die Brachen und Freiräume der 1990er-Jahre, andere fordern historische Rekonstruktionen, gepflegte Plätze und eine besser organisierte Stadt. Gleichzeitig soll Berlin bezahlbar, spektakulär und international bleiben. Zwischen diesen widersprüchlichen Erwartungen kann die Hauptstadt eigentlich nur verlieren. Oder?

Begrünter Innenhof des sanierten Berliner Postbahnhofs mit historischen Backsteingebäuden, Bäumen und Sitzmöglichkeiten.

Berlin besteht nicht nur aus Brüchen und Gegensätzen: An vielen Orten wurden historische Gebäude überzeugend mit zeitgenössischer Architektur verbunden. Projekte wie die Reaktivierung des historischen Postbahnhofs zeigen, wie Alt und Neu gemeinsam einen vielschichtigen Stadtraum bilden können. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

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Berlin sei hässlich, langweilig und architektonisch ambitionslos. So lautet ein Urteil, das in sozialen Netzwerken inzwischen beinahe routiniert unter Visualisierungen neuer Bauprojekte erscheint.

Ein beigefarbener Neubau genügt, und schon ist vom endgültigen Untergang der Baukultur die Rede. Mitunter entsteht der Eindruck, Berlin bestehe ausschließlich aus Rasterfassaden, grauen Wohnriegeln und missglückten Investorenprojekten.

Seit der Wende ist in Berlin eine Vielzahl moderner, schmuckloser Gebäude entstanden

Ganz aus der Luft gegriffen ist die Kritik nicht. Seit der Wiedervereinigung entstanden tatsächlich zahlreiche Gebäude, deren gestalterischer Ehrgeiz überschaubar blieb. Doch wer daraus ein Gesamturteil über Berlin ableitet, macht es sich zu einfach.

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Denn in kaum eine andere deutsche Stadt werden so viele Erwartungen, Sehnsüchte und Widersprüche hineingetragen. Berlin soll immer alles zugleich sein – und scheitert zuverlässig daran. Gleichzeitig wächst die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner seit mehr als anderthalb Jahrzehnten kontinuierlich in Richtung vier Millionen.

Und der Speckgürtel wächst gleich mit, so dass in der Metropolregion schon heute mehr als fünf Millionen Menschen heimisch sind. Sind sie wirklich allesamt so unzufrieden, wie es das mediale Echo vermuten lässt?

Berlin soll wild, günstig, geordnet und weltstädtisch sein

Die einen vermissen das wilde Berlin der 1990er und 2000er Jahre: Brachen, improvisierte Clubs, besetzte Häuser, Zwischennutzungen und Freiräume, die gerade deshalb existierten, weil niemand wusste, was mit ihnen geschehen sollte. Für sie ist das heutige Berlin zu glatt, zu teuer und zu vorhersehbar geworden.

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Andere wiederum wünschen sich genau das Gegenteil. Sie wollen geschlossene Straßenräume, rekonstruierte Fassaden, gepflegte Plätze und eine Stadt, die ihre historischen Wunden endlich heilt. Wo die einen den Verlust des Unfertigen beklagen, sehen die anderen in Brachen, Brüchen und Nachkriegsarchitektur vor allem städtebauliche Defizite.

Der große Bedarf an neuem Wohnraum hat in Berlin zahlreiche Quartiere hervorgebracht, bei denen Wirtschaftlichkeit und schnelle Umsetzbarkeit im Vordergrund stehen, wie beim hier gezeigten Projekt „Buckower Felder“ im Süden Berlins. Die architektonische Vielfalt und eine erkennbare lokale Identität bleiben dabei mitunter auf der Strecke. / ©  Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Selbst verantwortete Unzufriedenheitskultur? Die Ansprüche an die deutsche Hauptstadt sind gewaltig

Gleichzeitig soll Berlin bezahlbaren Wohnraum in großer Zahl schaffen, dabei aber bitte keine monotonen Wohnblöcke bauen. Die Stadt soll internationale Investoren anziehen, ohne exklusiv zu werden.

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Berlin soll spektakuläre Kulturgebäude und öffentliche Räume errichten, sich dafür aber keinesfalls verschulden. Und natürlich soll Berlin außergewöhnlich, unangepasst und weltläufig bleiben – zugleich jedoch so sauber, zuverlässig und gut organisiert funktionieren wie Hamburg, Hannover oder Leipzig.

Woher diese internationale Strahlkraft kommen soll und welche städtebaulichen Folgen sie haben darf, darüber gehen die Vorstellungen weit auseinander. Einig scheint man sich vor allem darin zu sein, dass das Ergebnis ungenügend ist.

Nachwende-Architektur: Berlins Rückkehr zur europäischen Stadt

Kaum jemand prägte das bauliche Berlin nach der Wiedervereinigung so stark wie der langjährige Senatsbaudirektor Hans Stimmann. Sein Leitbild der „Kritischen Rekonstruktion“ setzte auf historische Straßenräume, geschlossene Blockränder, parzellierte Fassaden und die Berliner Traufhöhe. Die zerrissene Innenstadt sollte nicht vollständig neu erfunden, sondern auf ihrem überlieferten Grundriss weitergebaut werden.

Dieser Ansatz war nachvollziehbar. Berlin trug Anfang der 1990er-Jahre noch fast überall die sichtbaren Folgen von Krieg, Teilung, Flächenabrissen und autogerechter Stadtplanung. Stimmann wollte die auseinandergerissenen Stadthälften wieder zusammenführen. Seine Regeln schufen klare Stadträume und reparierten zahlreiche Brüche. Sie förderten allerdings auch eine Architektur, die häufig diszipliniert, steinern und auffallend zurückhaltend ausfiel.

In den 1990er- und 2000er-Jahren wurde Berlin von Brachen, Zwischennutzungen und großen städtebaulichen Umbrüchen geprägt. Gerade das Unfertige schuf Freiräume, die bis heute das Bild dieser Epoche bestimmen. / © Foto: IMAGO

Berlin nach dem Mauerfall: Blockrand, Naturstein und die Angst vor dem Experiment

Vor allem rund um den Potsdamer Platz, den Leipziger Platz, die Friedrichstraße und den Pariser Platz entstanden Gebäude, die sich höflich in den Stadtraum einfügten, aber selten durch besondere gestalterische Kühnheit auffielen. Lochfassade, Naturstein, regelmäßiges Fensterraster: Das wiedervereinigte Berlin erhielt vielerorts eine seriöse Geschäftskleidung. Sie passte, nur vielleicht etwas „zu gut“?

Die Kritik an dieser Architektur ist deshalb wohl durchaus berechtigt. Städtebau kann Straßen und Plätze ordnen, ohne automatisch gute Häuser hervorzubringen. Ein geschlossener Blockrand erzeugt noch keine lebendige Stadt, und eine Natursteinfassade ist nicht allein deshalb hochwertig, weil sie teuer war.

Auch Stimmanns städtebauliches Erbe muss aus diesem Grund eben ambivalent betrachtet werden: Seine Regeln heilten die Stadtstruktur, begrenzten aber mitunter auch das architektonische Experiment, was auch renommierte Architekten wie Rem Koolhaas nachhaltig verärgerte.

Herausragende Architektur entstand trotzdem

Wer die Berliner Architektur nach 1990 pauschal als langweilig bezeichnet, muss allerdings einige bemerkenswerte Gebäude ausblenden. Norman Fosters Umbau des Reichstags gehört mit seiner begehbaren Glaskuppel zu den überzeugendsten Verbindungen von historischem Bestand, moderner Technik und demokratischer Symbolik in Europa. Das Band des Bundes mit Kanzleramt, Paul-Löbe-Haus und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus gab dem Regierungsviertel eine eigenständige Formensprache.

Hinzu kommen Daniel Libeskinds Jüdisches Museum, Helmut Jahns Sony Center, Meinhard von Gerkans Hauptbahnhof, Frank Gehrys DZ Bank am Pariser Platz und Ieoh Ming Peis Erweiterung des Deutschen Historischen Museums. Auch der Axel-Springer-Neubau von eben jenem Rem Koolhaas, die moderne James-Simon-Galerie oder der „Cube“ am Washingtonplatz zeigen, dass in Berlin sehr wohl international beachtete Architektur entstanden ist.

Nicht überall ist Berlins Weiterbauen gelungen, doch einige Projekte überzeugen gerade durch den respektvollen Umgang mit dem historischen Bestand. Sie zeigen, dass zeitgenössische Architektur und bewahrte Stadtgeschichte keine Gegensätze sein müssen, wie bei der spektakulären Erweiterung des Deutschen Historischen Museums in Berlin-Mitte. / ©  Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Rekonstruktionen zwischen Stadtreparatur und Geschichtskulisse

Parallel zur modernen Architektur wurden aber auch verlorene historische Bauwerke und Fassaden rekonstruiert. Das Kommandantenhaus Unter den Linden kehrte äußerlich zurück, ebenso mehrere historische Gebäude rund um den Gendarmenmarkt.

Mit dem Humboldt Forum wurden drei barocke Schlossfassaden wiederhergestellt. Kaum ein anderes deutsches Bauprojekt wurde derart leidenschaftlich als Stadtreparatur gefeiert und zugleich als rückwärtsgewandte Geschichtskulisse kritisiert. Seit seiner Eröffnung ist es jedenfalls das meistbesuchte Museum Berlins.

Berlin hat nach 1990 nicht nur neu gebaut, sondern viele historische Gebäude rekonstruiert

Auch die weltberühmte Museumsinsel zeigt, dass Berlin historische Architektur nicht lediglich konserviert, sondern mit erheblichem Aufwand weiterentwickelt. Das Neue Museum, die James-Simon-Galerie, die laufende Erneuerung des Pergamonmuseums und die geplante Sanierung des Alten Museums bilden ein Kulturprojekt, das im europäischen Vergleich herausragt.

Berlin hat nach 1990 also nicht nur neu gebaut, sondern aufwendig rekonstruiert, restauriert und historische Fragmente mit zeitgenössischer Architektur verbunden. Woher also die enorme Unzufriedenheit?

Blick entlang des Alten Museums und des begrünten Lustgartens auf die Kuppel des Humboldt Forums in Berlin-Mitte.

Historische Architektur und moderne Stadtreparatur prägen heute wieder das Zentrum Berlins: Der Blick über den Lustgarten reicht vom Alten Museum bis zur rekonstruierten Kuppel des Humboldt Forums. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Warum Berlins neue Wohnquartiere häufig austauschbar aussehen

Besonders scharf fällt die Kritik an neuen Wohnquartieren aus. Tatsächlich ähneln sich viele Projekte: helle Putzfassaden, bodentiefe Fenster, Staffelgeschosse, vereinzelte Farbfelder und ein Innenhof, dessen junge Bäume auf Visualisierungen vorsorglich bereits 30 Jahre alt sind. Unter dem Druck hoher Grundstückspreise, steigender Baukosten und standardisierter Verfahren wird Architektur schnell zur optimierten Gebäudehülle.

Diese Entwicklung sollte nicht schöngeredet werden. Gerade große Quartiere brauchen abwechslungsreiche Erdgeschosse, unterschiedliche Haustypen, robuste Materialien und erkennbare öffentliche Räume.

Welche architektonischen Ansprüche können an bezahlbaren Wohnraum gestellt werden?

Dennoch ist es wohlfeil, jedes geförderte Wohnhaus am Jüdischen Museum oder am Reichstag zu messen. Bezahlbare Wohnungen müssen vor allem funktional, dauerhaft und wirtschaftlich errichtet werden. Ein Problem im Übrigen, dass es nicht nur in Berlin gibt.

Wer niedrige Mieten, höchste energetische Standards, großzügige Grundrisse, begrünte Fassaden und preisgekrönte Architektur gleichzeitig verlangt, beschreibt weniger ein realistisches Bauprojekt als ein politisches Wunschbild. Dass moderne Wohnquartiere zunehmend austauschbar wirken und man nicht mehr unterscheiden kann, ob sie in München, Braunschweig oder Dresden entstehen, ist ein Merkmal unserer Zeit.

Außenbereich des Wohnquartiers mit neu angelegten Sport- und Freizeitflächen.

Nicht wenige Neubauquartiere könnten nahezu unverändert auch in anderen deutschen Großstädten stehen. Berlin schafft damit dringend benötigten Wohnraum, entwickelt jedoch nicht immer unverwechselbare Stadträume mit eigener architektonischer Handschrift. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Differenzierung unmöglich? Social Media macht aus Kritik ein endgültiges Urteil

Das Problem liegt deshalb nicht allein in der Architektur, sondern auch in der Art, wie über sie gesprochen wird. Soziale Netzwerke belohnen eindeutige Urteile: schön oder hässlich, Meisterwerk oder Katastrophe, Weltstadt oder Provinz.

Ein differenzierter Gedanke hat es heute schwer gegen ein wütendes Emoji und den Hinweis, dass in Paris, Wien oder Kopenhagen selbstverständlich alles besser sei.

Permanenter Vergleich mit dem Ausland: Warum wird jeder Neubau zum Beweis für Berlins Versagen?

Dabei werden häufig Berliner Alltagsbauten mit den historischen Schokoladenseiten anderer Metropolen verglichen. Die banalen Stadtränder von London, die katastrophal konzipierten Nachkriegsviertel von Paris oder die austauschbaren Neubauquartiere anderer europäischer Großstädte kommen in diesem Wettbewerb selten vor.

Berlin misst seine gewöhnlichen Wohnhäuser am Wiener Rathaus und zeigt sich anschließend tief enttäuscht über das Ergebnis. Macht das Sinn?

Zwischen Rasterfassaden und zurückhaltenden Neubauten finden sich in Berlin immer wieder architektonisch anspruchsvolle Projekte. Der Axel-Springer-Neubau an der Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte, entworfen von Rem Koolhaas, steht beispielhaft für eine moderne, selbstbewusste und experimentierfreudige Architektur. / © Foto: Laurian Ghinitoiu / Axel Springer / OMA

Berlins Probleme verkaufen sich offenbar besser als seine Erfolge

Aus berechtigter Kritik entsteht so schnell ein pauschales Verdikt. Jeder Neubau wird zum Beweis für das Versagen der gesamten Stadt, jede Verzögerung zum Symbol des Niedergangs. Ungeachtet dessen wächst Berlins Wirtschaft seit fast anderthalb Jahrzehnten gegen den Bundestrend.

Berlin ist längst nicht mehr arm, doch diese Entwicklung wird in den großen deutschen Leitmedien Süddeutsche Zeitung (München), F.A.Z. (Frankfurt) oder Der Spiegel (Hamburg) nur allzu selten erzählt. Berlin-Bashing ist in den vergangenen Jahren zu einem offenbar sehr einträglichen redaktionellen Grundprinzip geworden.

Dass Berlin ungeachtet des permanenten medialen Getöses und regelmäßiger pauschaler Verurteilung jeder Art wächst, Wohnungen baut, historische Gebäude saniert, Infrastruktur erneuert und weiterhin Großprojekte umsetzt, passt einfach weniger gut in die Erzählung.

Berlin ist weiterhin eine internationale Metropole

Selbst die zuletzt stagnierenden Tourismuszahlen sprechen nicht für einen dramatischen Bedeutungsverlust. Im Jahr 2025 wurden in Berlin 12,4 Millionen Gäste und 29,4 Millionen Übernachtungen gezählt. Das waren zwar weniger als 2024 und deutlich weniger als im Rekordjahr 2019, aber weiterhin eine Größenordnung, die keine andere deutsche Stadt erreicht, nicht einmal im entferntesten.

Hamburg kam 2025 auf rund 16,5 Millionen Übernachtungen. Berlin liegt damit nicht exakt doppelt so hoch, aber weiterhin mit großem Abstand an der Spitze der deutschen Städtedestinationen.

Visualisierung des geplanten Grenzhafens in Alt-Treptow aus der Vogelperspektive mit historischem Grenzsteg, neuen Gebäuden und Liegeplätzen auf der Spree.

Aus der Vogelperspektive wird die Dimension des geplanten Grenzhafens in Alt-Treptow deutlich. Das Konzept nutzt den historischen Grenzsteg auf der Spree und ergänzt ihn um neue Gebäude, Stege und Liegeplätze. Das Vorhaben soll eines der nächsten Tourismus-Highlights der Hauptstadt werden. / © Visualisierung: Wilk Salinas Architekten, XOIO

Mehr als 29 Mio. Übernachtungen: Berlin gehört zu den 25 meistbesuchten Städten der Welt

In internationalen Ranglisten zählt die Hauptstadt – abhängig von Erhebungsmethode und Definition – nach wie vor zu den weltweit führenden Städtezielen.

Rund 41 Prozent der Berliner Übernachtungen entfielen 2025 auf ausländische Gäste, die deutsche Hauptstadt gehört auch weiterhin zu den 25 meistbesuchten Städten weltweit. Das passt kaum zum Bild einer Stadt, die angeblich ihre gesamte Anziehungskraft verloren hat. Aber das Narrativ ist zur Gewohnheit geworden.

Städtebaulicher Wandel geht weiter: Neue Hochhäuser am Alexanderplatz verändern Berlins Silhouette

Auch städtebaulich ist Berlin keineswegs erstarrt. Am Alexanderplatz wachsen derzeit mehrere Hochhausprojekte, die dessen Silhouette dauerhaft verändern werden. Mit dem Estrel Tower wird zudem in Neukölln Deutschlands höchstes Hotelgebäude realisiert.

Am Kulturforum entsteht mit „berlin modern“ das Museum des 20. Jahrhunderts, das Pergamonmuseum wird grundlegend erneuert, das Bauhaus-Archiv umfassend und aufwendig erweitert und das Humboldt Forum durch eine Freitreppe stärker mit der Spree verbunden.

Am Alexanderplatz wächst derzeit eine neue Hochhauskulisse heran, die Berlins Zentrum dauerhaft verändern wird. Trotz aller Debatten über Stillstand bleibt die Hauptstadt damit ein Ort dynamischer und tiefgreifender Transformation. / © Foto: Franz Brück

Berlin mag nur selten pünktlich fertig werden, doch undynamisch ist diese Stadt mitnichten

Nicht jedes dieser Projekte wird überzeugen. Einige werden zu teuer, andere zu spät fertig, manche möglicherweise beides – schließlich handelt es sich noch immer um Berlin.

Doch eine Stadt, die an zentralen Orten Hochhäuser, Museen, neue Quartiere und milliardenschwere Kulturprojekte umsetzt, kann schwerlich als unbeweglich bezeichnet werden. Berlin verändert sich weiterhin dynamisch und teilweise radikal, auch wenn sich bei einigen Beobachtern mittlerweile hartnäckig das gegenteilige Image hält.

Mentalitätsproblem oder Stadt voller Probleme?

Berlin ist zweifellos eine Stadt voller Probleme. Die Verwaltung arbeitet zu langsam, große Vorhaben ziehen sich über Jahre, öffentlicher Raum wird vernachlässigt und die Wohnungsnot verschärft soziale Konflikte.

Manche Neubauten sind tatsächlich erschreckend belanglos. Diese Defizite verschwinden nicht dadurch, dass man auf den Reichstag oder das Jüdische Museum zeigt, natürlich nicht. Aber welche Stadt kann eine Existenz ohne Probleme und Gegensätze vorweisen?

Berlins eigene Kulturtechnik: Wer Berlin lobt, macht sich schnell verdächtig

Doch Berlin besitzt eben ein ausgeprägtes und über Jahrzehnte gewachsenes Mentalitätsproblem. Die Stadt hat aus der Klage über ihre Zustände eine eigene Kulturtechnik entwickelt. Unzufriedenheit gilt beinahe als Nachweis besonderer Ortskenntnis. Wer Berlin lobt, macht sich schnell verdächtig, entweder neu zugezogen, politisch befangen oder schlicht nicht ausreichend informiert zu sein.

Die Wahrheit liegt, wie so häufig, dazwischen. Berlin funktioniert schlechter, als es funktionieren könnte, aber an vielen Stellen besser, als es sich selbst erzählt. Das weiß jeder, der einmal in Düsseldorf im 15-Minuten-Takt der Straßenbahn stand oder das Umfeld des Frankfurter Hauptbahnhofs „erleben“ durfte.

Wer die Stadt unmittelbar nach dem Mauerfall mit dem heutigen Berlin vergleicht, kann kaum zu dem Ergebnis kommen, dass sich Berlins dramatisch verschlechtert habe. Ganze Stadtbereiche wurden zusammengeführt, historische Orte erneuert, neue Kulturgebäude geschaffen, Infrastruktur ausgebaut und internationale Architektur realisiert.

Die Visualisierung zeigt die geplante Neubebauung am Molkenmarkt mit Arkaden, mehrgeschossigen Wohn- und Geschäftshäusern sowie öffentlichen Plätzen. Das Projekt steht beispielhaft für die Debatte über Architektur, Rekonstruktion und das künftige Stadtbild Berlins.

Architektonischer Befreiungsschlag oder städtebauliche Enttäuschung? Der Molkenmarkt soll in den kommenden Jahren zu einem neuen Stadtquartier mit Wohnungen, Gewerbe und öffentlichen Plätzen entwickelt werden. Über die architektonische Gestaltung und den Umgang mit dem historischen Stadtgrundriss gibt es unterschiedliche politische Vorstellungen und eine Debatte, die seit Jahrzehnten schwelt. / © Visualisierung: P/E/P Architekten + Stadtplaner GmbH, Münster mit Kleihues + Kleihues GvA mbH, Berlin und Muck Petzet Architekten GmbH, München

Die Hauptstadt muss höhere Ansprüche an ihre Stadträume stellen

Berlin ist stellenweise langweilig, politisch oft zu ambitionslos und bisweilen bemerkenswert anspruchslos. Es besitzt monotone Fassaden, misslungene Plätze und Quartiere, die ebenso gut in Ingolstadt, Kassel oder am Rand von Warschau stehen könnten.

Diese Kritik muss möglich bleiben, denn Baukultur entsteht nicht durch freundliches Wegsehen. Und, Stichwort Warschau: natürlich kann und muss der Vergleich mit internationalen Metropolen erlaubt sein, wenn dort Verkehrsschneisen in nachhaltige Fußgängerzonen verwandelt werden oder aus ausrangierten Bahnstrecken neue Schwimmbäder gemacht werden, wie es in Basel der Fall ist.

Berlin ist weder Paradies noch gescheiterte Metropole

Ebenso falsch ist jedoch die Behauptung, Berlin habe seit der Wiedervereinigung nur Belanglosigkeit produziert. Die Stadt besitzt herausragende moderne Bauwerke, international beachtete Rekonstruktionen und eine ungewöhnlich vielschichtige Stadtlandschaft.

Sie ist weder das verlorene Freiraumparadies der 1990er-Jahre noch die perfekt organisierte europäische Vorzeigemetropole. Und auch weiterhin gibt es ambitionierte Projekte, die völlig neue Räume schaffen werden oder wollen, wie das spannende Kultur- und Gewerbeprojekt „Grenzhafen“ auf der Spree in Alt-Treptow oder die mit großem Eifer in die Stadtgesellschaft getragene EXPO-Initiative.

Berlin in den 2020er Jahren: Eine Stadt zwischen Defiziten und neuen Ambitionen

Vielleicht besteht Berlins eigentliches Problem darin, dass die Stadt gleichzeitig Projektionsfläche, Heimat, Hauptstadt, Sehnsuchtsort und Feindbild sein soll. Diese Erwartungen kann keine Architektur erfüllen.

Berlin ist wahrscheinlich weniger hässlich und weniger gescheitert, als viele Berliner und Nicht-Berliner es so gern behaupten. Aber mit dieser Einsicht ließe sich natürlich deutlich schlechter schimpfen. Und schimpfen, das gehört in Berlin nun mal zum guten Ton, ob es einem gefällt oder nicht.

Hochhäuser am Tempelhofer Feld: Die Visualisierung zeigt, wie sich Architekt Christoph Langhof eine Bebauung des Tempelhofer Feldes vorstellt.

Berlin ist und bleibt die Projektionsfläche für großformatige Visionen aller Art. Nach den Plänen des Architekten Christoph Langhof könnten etwa am Rand des Tempelhofer Feldes mehrere Wohntürme entstehen, ergänzt durch eine großflächige Neubebauung des Vorfelds für die geplante EXPO 2035. Es ist eine von vielen städtebaulichen Ideen, über die die Berliner Stadtgesellschaft liebend gern diskutiert. / © Visualisierung: LANGHOF GmbH

Quellen: Deutsches Architektur Forum, F.A.Z., Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Berliner Zeitung, Architektur Urbanistik Berlin, Stiftung Außergewöhnlich Berlin, Global Goals e.V.

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4 Kommentare

  1. Marvin 16. September 2026 at 22:13 - Reply

    Eine wohltuend differenzierte Betrachtung, die zweifellos Platz in jedem deutschen Leitmedium hätte.

    • at. 18. September 2026 at 13:38 - Reply

      Stimme Ihnen zu.

  2. at. 18. September 2026 at 13:38 - Reply

    Schöpferisch urbaner Mut zum Schaffen ist das letzte Rendering PLUS die Randbebauung und dabei nicht auf jedes Gekläffe hören… Amboss oder Hammer sein!

  3. Claudia 18. September 2026 at 14:14 - Reply

    Das war ein sehr interessanter Artikel, der mal nicht diese sofortige Ablehung widerspiegelt, die stets bei Neubauvorhaben und Bebauungsdiskussionen aufkommt.

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