Berlin steht vor einem Konflikt zwischen dringend benötigtem Wohnungsbau und dem Schutz seiner Grünflächen. Mit der Kampagne „Grüne Flächen – Hitzeschutz jetzt!“ fordert der BUND Berlin ein Umdenken in der Stadtentwicklung. Naturschutz- und Mieterorganisationen zeigen Alternativen auf, die Lebensqualität, Gesundheit und Klimaschutz verbinden sollen.

Bei der Pressekonferenz zur BUND Kampagne „Grüne Flächen retten – Hitzeschutz jetzt!“ waren Sebastian Bartels vom Berliner Mieterverein, Nina Feyh, Naturschutzreferentin Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz, Dr. Andreas Faensen-Thiebes und Verena Fehlenberg (Vorstandsmitglied und Referentin für Stadtnaturschutz BUND Berlin) anwesend. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
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Mit einer Pressekonferenz hat der BUND Berlin am 16. September die Kampagne „Grüne Flächen – Hitzeschutz jetzt!“ vorgestellt. Ziel ist es, die Versiegelung von Parks, Wiesen, Kleingärten und Friedhöfen zu stoppen. Zwischen 2022 und 2024 starben in Berlin mehr als 600 Menschen an den Folgen extremer Hitze. Laut BUND wirken Grünflächen wie natürliche Klimaanlagen und müssen daher dauerhaft gesichert werden.
Neben Naturschutzorganisationen war auch der Berliner Mieterverein vertreten. Gemeinsam wurde betont, dass Wohnungsbau notwendig sei, jedoch nicht auf Kosten der Stadtnatur erfolgen dürfe. Stattdessen müsse Berlin auf Umnutzung, Sanierung und Aufstockung bereits bebauter Flächen setzen.
Kernforderungen der BUND-Kampagne: Grünflächen schützen, neue Parks schaffen und Leerstand nutzen
Die Kampagne formuliert drei Kernforderungen. Erstens sollen grüne Flächen nicht weiter bebaut werden, sondern in allen Planungen verbindlich geschützt bleiben. Zweitens fordert der BUND zusätzliche Parks und Wiesen in stark verdichteten Stadtteilen, um wohnortnahe Erholung zu sichern. Drittens müsse Wohnraum vor allem auf bereits versiegelten Flächen geschaffen werden, durch Umbau leerstehender Gebäude oder Aufstockungen.
Nach Einschätzung des NABU könnten in Berlin rund 1.140 Hektar bereits versiegelter Flächen für neuen Wohnraum genutzt werden, etwa durch die Umwandlung leerstehender Gewerbeimmobilien, den Ausbau von Dachgeschossen oder die Aufstockung von Supermärkten. Gleichzeitig zeigt die Debatte um das Tempelhofer Feld, dass der Konflikt zwischen Wohnraumbedarf und Grünflächenschutz ungelöst bleibt: Trotz des eindeutigen Votums im Volksentscheid von 2014 wird regelmäßig über eine Randbebauung diskutiert, während Initiativen auf die Bedeutung der Freifläche für Klima, Artenvielfalt und Lebensqualität verweisen. So wird das Feld zum Symbol für die grundlegende Frage, wie Stadtentwicklung und Umweltschutz in Berlin künftig zusammengebracht werden können.
Klimaschutz und Stadtplanung: Warum Berlin dringend neue Grundlagen zum Erhalt von Grünflächen braucht
Die Naturschutzreferentin Verena Fehlenberg verwies auf die zunehmende Zahl von Tropennächten in Berlin. Freiflächen seien unverzichtbar für die nächtliche Abkühlung und hätten zugleich Bedeutung für die Artenvielfalt. Seit 2014 seien bereits rund 9.000 Kleingärten in der Stadt verschwunden oder überbaut worden.
Auch Dr. Andreas Faensen-Thiebes vom BUND betonte den Handlungsbedarf. Der noch gültige Bebauungsplandes ehemaligen West-Berlins stamme aus dem Jahr 1958 und berücksichtige weder Klimaschutz noch heutige Erkenntnisse. Eine Anpassung der Planungsgrundlagen sei dringend erforderlich, um Grünflächen dauerhaft zu sichern.
Berliner Mieterverein fordert: Bezahlbaren Wohnraum durch Umnutzung statt Neubau auf Kosten von Grünflächen schaffen
Sebastian Bartels vom Berliner Mieterverein machte deutlich, dass der aktuelle Neubau kaum bezahlbaren Wohnraum schaffe. Die Leerstandsquote liege unter zwei Prozent in Berlin, viele Neubauten seien jedoch Eigentumswohnungen oder Wohnungen hauptsächlich von privaten Vermietern, die für breite Bevölkerungsschichten unerschwinglich blieben. Gleichzeitig verweigerten private Investoren häufig Bürgerbeteiligung bei Bauvorhaben auf neuen Flächen.
Bartels forderte mehr Anstrengungen, um leerstehende Büro- und Gewerbeflächen in Wohnungen umzuwandeln. Zudem müssten mehr politische Anstrengung in Änderung von Bebauungsplänen und Aufstockungen sowie Sanierungen gelegt werden. Nur so könne bezahlbarer Wohnraum entstehen, ohne weitere Flächen zu versiegeln.
Unzureichende Ausgleichsflächen und Forderung nach dauerhaftem Schutz bestehender Grünräume
Nina Feyh, Naturschutzreferentin, machte auf der Pressekonferenz deutlich, dass Ausgleichsflächen in Berlin unzureichend geplant würden. Gerade bei großen Neubauquartieren wie im Schumacher Quartier oder im Projekt Urban Tech in Tegel gehe wertvolles Stadtgrün verloren. Zwar sei der Ausgleich gesetzlich vorgeschrieben, doch da in Berlin kaum noch Flächen verfügbar seien, werde dieser zunehmend nach Brandenburg verlagert. Dort entfalten die Maßnahmen jedoch nicht die dringend benötigte Wirkung, um die ökologischen und klimatischen Funktionen im dicht besiedelten Stadtraum zu ersetzen. Allein im Projekt Tegel seien rund 200 Hektar Grünfläche verschwunden.
Darüber hinaus forderte der Verband verbindliche Maßnahmen, um bestehende Grünräume dauerhaft zu sichern. So sollten Flächen durch Ankäufe oder Verträge mit Eigentümern geschützt und Friedhöfe konsequent als öffentliche Grünräume erhalten bleiben. Ebenso müsse jedes Bauvorhaben streng auf Alternativen überprüft werden, bevor eine Versiegelung genehmigt werde. Ein- und Zweifamilienhäuser sollten künftig nicht mehr neu gebaut werden, da sie eine ineffiziente Nutzung wertvoller Flächen darstellen und dem Bedarf an bezahlbarem Wohnraum nicht gerecht werden.
Auftaktveranstaltung auf dem Tempelhofer Feld und Petition für den Erhalt von Grünflächen vom BUND
Den öffentlichen Auftakt der Kampagne bildet eine Veranstaltung am 19. September 2025 im Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld. Dort sollen Bürgerinnen und Bürger mit Politik und Initiativen über die Rolle von Grünflächen für eine klimaresiliente Stadt diskutieren. Ziel ist es, Stadtentwicklung, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz stärker miteinander zu verbinden.
Mit einer Petition will der BUND zudem politischen Druck aufbauen. Unter dem Titel „Grüne Flächen retten – Hitzeschutz jetzt!“ fordert die Organisation eine klare Strategie, um Berlins Stadtnatur zu bewahren und zugleich lebenswerten Wohnraum zu schaffen.
Quellen: BUND Berlin, NABU, Berliner Mieterverein
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