Am Alexanderplatz, in Neukölln, in Friedrichshain und in Kreuzberg wachsen derzeit fünf Hochhäuser in die Höhe. Jedes von ihnen setzt auf eine eigene Kubatur und eine eigene Fassadensprache, von Naturstein über Aluminium bis zu Holz. Ein Vergleich zeigt, wie unterschiedlich Berlin seine neuen Türme formt.

Der Entwurf für das geplante Hochhaus in der Rudolfstraße kombiniert konkav ausgebildete Bögen mit vertikalen Fassadenelementen. / © Visualisierung: Henning Larsen Architekten
© Titelbild: Estrel Berlin/Renderkitchen 3D
Berlin baut in die Höhe, und dabei zeigt sich eine bemerkenswerte gestalterische Vielfalt. Am Alexanderplatz wirkt der Masterplan von Hans Kollhoff und Helga Timmermann aus dem Jahr 1993 bis heute nach. Dort prägt er gleich zwei Neubauten, „The Berlinian“ und „030BLN“.
Andere Türme gehen eigene Wege. Dazu zählen der Estrel Tower in Neukölln, das Hochhaus an der Rudolfstraße und das Holzhochhaus „WoHo“ am Anhalter Bahnhof. Im Zentrum steht dabei immer dieselbe gestalterische Frage: Welche Form, welcher Baukörper und welche Fassade passen zu einem Hochhaus in Berlin? Doch eine klare Antwort darauf scheint es nicht zu geben.
„The Berlinian“ am Alexanderplatz: Ein Kaufhaus bekommt einen Turm

Visualisierung des Hochhausprojekts „The Berlinian“ am Alexanderplatz in Berlin: Der 146 Meter hohe Turm soll bis 2027 fertiggestellt werden und gehört zu den größten aktuellen Hochhausprojekten der Hauptstadt. / © Visualisierung: CommerzReal AG
- Bezirk: Mitte
- Adresse: Karl-Liebknecht-Straße / Alexanderplatz, 10178 Berlin
- Höhe: 146 Meter
- Nutzung: Büros, Einzelhandel, Gastronomie, Kultur, Konferenzflächen
- Fertigstellung: Mai 2027
„The Berlinian“ entwickelt sich unmittelbar aus dem benachbarten Kaufhausbau. Denn dasselbe Büro, Kleihues und Kleihues, hatte diesen bereits vor rund zwanzig Jahren umgestaltet. Ein zweigeschossiger Sockel mit kräftigen Pfeilern und einem Abschlussgesims aus Naturstein trägt den 146 Meter hohen, schlankeren Turm darüber. So bilden Block, Erweiterungsflügel und Hochhaus zusammen ein Ensemble aus klaren, kubischen Baukörpern.
Glas und Sandstein bestimmen die Fassade und greifen damit bewusst das Material des Bestandsgebäudes auf. Großformatige Fensterflächen prägen die Bürogeschosse, während feine Lisenen und Gesimsbänder aus Naturstein zusätzliche Gliederung schaffen. Gegenüber dem massiven Warenhaus tritt der Turm laut Architekturbüro als filigranes, glasiges Gegenstück auf, ohne mit ihm zu brechen.
„030BLN“ am Alexanderplatz: Ein zweiter Turm mit ähnlicher Kubatur

So soll das Hochhaus „030BLN“ am Alexanderplatz nach Fertigstellung aussehen: Ein mehrgeschossiger Sockel trägt den 33-geschossigen Turm. / © Visualisierung: Covivio
- Bezirk: Mitte
- Adresse: Alexanderstraße 6, 10178 Berlin
- Höhe: rund 135 Meter
- Nutzung: Büros, Urban Living, Einzelhandel, Gastronomie, Kita
- Fertigstellung: voraussichtlich Ende 2027
Mit dem „030BLN“ entsteht unweit von „The Berlinian“ ein zweiter Turm am Alexanderplatz. Entworfen hat ihn Sauerbruch Hutton in Zusammenarbeit mit Studio Aisslinger und AGL Architekten. Ein Sockelbau und ein 33-geschossiger Turm bilden zusammen die Kubatur, die Büro, Handel und Wohnen unter einem Dach vereint. Damit ähnelt die Grundstruktur dem benachbarten „The Berlinian“, auch wenn sich die Fassadengestaltungen in ihrer Dreidimensionalität und Tiefe unterscheiden.
Die Fassade wird von Beteiligten als kontemporär und ausdrucksstark beschrieben. Nach Angaben der Architekten soll sie bewusst einen Bezug zur Nachkriegsmoderne des Platzes herstellen. Konkrete Angaben zu Raster, Öffnungsanteil oder Farbigkeit liegen bislang jedoch kaum vor. Bekannt ist immerhin, dass Photovoltaik-Elemente direkt in Dach und Fassade integriert werden sollen. Damit würde der Turm zu einem der ersten Hochhäuser Deutschlands mit einer solchen Lösung werden.
Estrel Tower in Neukölln: Hotelturm kurz vor der Fertigstellung

Visualisierung des Estrel Tower vom Neuköllner Schifffahrtskanal aus: Die facettierte Aluminiumfassade des künftig höchsten, nicht technischen Gebäudes Berlins ist deutlich zu erkennen. / © Estrel Berlin, Renderkitchen 3D
- Bezirk: Neukölln
- Adresse: Sonnenallee 228, 12057 Berlin
- Projektstatus: Innenausbau und Arbeiten an den Außenanlagen
- Höhe: 176 Meter
- Fertigstellung: Ende 2026
- Nutzung: Hotel, Serviced Apartments, Büros, Veranstaltungsflächen und Gastronomie
Beim Estrel Tower zerlegt das Büro Barkow Leibinger die große Baumasse in mehrere dreieckige Volumen. Diese erinnern an das Legespiel Tangram. Die Fragmentierung soll den 176 Meter hohen Turm besser in die kleinteilige Nachbarschaft Neuköllns einfügen. Ein zweiter, flacherer Baukörper mit Atrium schließt seitlich an und vermittelt zwischen Turm und bestehendem Hotel.
Aluminiumlamellen von bis zu 45 Zentimetern Tiefe gliedern die Fassade und wirken zugleich als Sonnenschutz. Innerhalb des orthogonalen Grundrasters erzeugen sie diagonale Linien, die dem Turm eine plastische, fast bewegte Oberfläche verleihen. Je nach Tageslicht verändert sich ihr Erscheinungsbild, von kühlem Metallton am Morgen bis zu warmem Gold am Abend.
Wohnhochhaus an der Warschauer Brücke: Ein Turm mit geschwungener Fassade

So könnte der bis zu 167 Meter hohe Turm in der Rudolfstraße nahe der Warschauer Brücke wirken, mit seiner charakteristischen, gestaffelten Turmspitze. / © Visualisierung: Henning Larsen Architekten
- Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
- Adresse: Rudolfstraße 17–18 / Ehrenbergstraße 15
- Bebauungsplan: V-67a VE
- Projektstatus: Bebauungsplanverfahren läuft; alternative Genehmigung über den Bauturbo wird geprüft
- Höhe: Bis zu 167 Meter
- Wohnungen: Rund 1.000
Der Entwurf für das geplante Hochhaus an der Warschauer Brücke stammt vom Büro Henning Larsen in Zusammenarbeit mit Müller Reimann Architekten. Die Planung befindet sich derzeit noch im Bebauungsplanverfahren; der vorgestellte Entwurf bildet die Grundlage für die weitere städtebauliche und hochbauliche Abstimmung. Vorgesehen ist ein bis zu 167 Meter hoher Turm, der über einem siebengeschossigen Sockel mit einer schlanken Silhouette nach oben verjüngt. Konkav geschwungene Bögen treffen dabei auf vertikale Fassadenelemente. Auskragende Balkone und Wintergärten unterbrechen die glatte Gebäudehülle und erzeugen ein reliefartiges Wechselspiel aus Vor- und Rücksprüngen.
Konstruktiv ist die Fassade als hinterlüftete Doppelfassade angelegt, deren äußerer Luftspalt eine natürliche Durchlüftung ermöglicht. Die geschwungenen Elemente sind dabei keine reine Formgeste, sondern eine Antwort auf den Lärm der umliegenden Bahntrassen – denn die Wintergärten liegen gezielt auf den besonders belasteten Seiten. So verbindet der Entwurf gestalterische Dynamik mit einer funktionalen Lösung.
„HoWo“ am Anhalter Bahnhof: Wohnen im höchsten Holzhaus der Stadt

So könnte das Holzhochhaus „WoHo“ von der Schöneberger Straße aus wirken: Ein begrüntes Holzraster prägt die Fassade aller vier Baukörper. / © Mad arkitekter
- Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
- Adresse: Schöneberger Straße 21/22, 10963 Berlin
- Höhe: 98 Meter
- Nutzung: 60 Prozent Wohnen, 25 Prozent Gewerbe, 15 Prozent soziale Infrastruktur
- Baubeginn: noch offen
Das norwegische Büro Mad arkitekter gliedert das „WoHo“ in vier unterschiedlich hohe Baukörper, die sich um einen siebengeschossigen Sockel gruppieren. Rücksprünge und Auskragungen sorgen für eine bewegte Kubatur, die im Erläuterungstext des Büros als vertikale Übersetzung eines typischen Kreuzberger Quartiers beschrieben wird. Der höchste der vier Türme misst 98 Meter und bildet den Mittelpunkt des Ensembles.
Holz bestimmt sowohl die Konstruktion als auch die Fassade und tritt als sichtbares, begrüntes Raster mit Pflanzkübeln in Erscheinung. Eine zweigeschossige Eingangszone öffnet den Sockel zur Straße hin. Die Architekten beschreiben das Material als Element, das dem Turm Wärme und Haptik verleihen soll, ein deutlicher Kontrast zu den mineralischen und metallischen Fassaden der übrigen Projekte.
Berlins neue Hochhäuser im Vergleich: Fünf Wege in die Höhe
Die fünf Projekte zeigen vor allem eines: Für das Berliner Hochhaus gibt es derzeit kein einheitliches Bild. Naturstein, Aluminium, Holz und photovoltaisch aktivierte Fassaden stehen nebeneinander, ebenso wie klare Kuben, fragmentierte Formen und geschwungene Silhouetten.
Auch bei den Kronen gehen die Wege auseinander, von zurückhaltenden Dachterrassen bis zu markanten, kristallinen Spitzen wie beim Estrel Tower. Wie das Hochhaus der Zukunft am Ende aussehen wird, lässt sich daraus nicht eindeutig ableiten. Sicher ist nur, dass weitere Entwürfe folgen und mit ihnen die Suche nach der passenden Form für Berlins wachsende Skyline weitergeht.
The Berlinian
030BLN
Estrel Tower
Hochhaus an der Warschauer Brücke
Hochhaus „WoHo“
Quellen: Kleihues + Kleihues, CommerzReal AG, Barkow Leibinger, Estrel Berlin, Henning Larsen Architekten, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Mad arkitekter, competitionline, Covivio, Baunetz, Deutsche BauZeitschrift (DBZ)
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„Konkrete Angaben zu Raster, Öffnungsanteil oder Farbigkeit liegen bislang jedoch kaum vor. Bekannt ist immerhin, dass Photovoltaik-Elemente direkt in Dach und Fassade integriert werden sollen.“
Diesen Text zu 030BLN finde ich etwas irritierend. Da die Fassade des Hochhauses ja schon teilweise angebracht ist, kann man sich Raster, Öffnungsanteil und Farbigkeit live vor Ort ansehen.