Fünf Jahre nach Inkrafttreten des Berliner Mobilitätsgesetzes zieht der Senat eine positive Bilanz. Gleichzeitig zeigen aktuelle Entscheidungen, dass sich Prioritäten in der Verkehrspolitik deutlich verschoben haben.

Radschnellweg Königsweg über Kronprinzessinenweg

Während der Senat von einem ausgewogenen Verkehrsmix spricht, geraten zentrale Ziele der Mobilitätswende zunehmend unter Druck. Der Blick auf die vergangenen Jahre zeigt ein ambivalentes Bild. / © Visualisierung: GB infraVelo GmbH

© Titelbild: GB infraVelo GmbH

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Fünf Jahre nach Inkrafttreten des Berliner Mobilitätsgesetzes zieht der Senat eine positive Bilanz. In einer aktuellen Pressemitteilung würdigt die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt die strategische Bedeutung des Gesetzes, betont aber zugleich den Bedarf an „pragmatischer Weiterentwicklung“.

Verkehrssenatorin Ute Bonde beschreibt das Mobilitätsgesetz in dieser offiziellen Mitteilung zwar als wichtiges Regelwerk, dessen Wirkung jedoch maßgeblich von der Umsetzbarkeit im Verwaltungsalltag abhänge.

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Fünf Jahre Berliner Mobilitätsgesetz: Mobilität für alle, oder für einige?

Bonde betont, Berlin brauche eine Verkehrspolitik, die nicht spalte, sondern verbinde. Mobilität müsse praktikabel, finanzierbar, sicher und von möglichst vielen Berlinerinnen und Berlinern akzeptiert sein.

Ziel sei nach Ansicht der Verkehrssenatorin ein funktionierender Verkehrsmix für Pendelnde, Familien, ältere Menschen, Wirtschaftsverkehr, ÖPNV-Nutzende sowie Rad- und Fußverkehr. Der Anspruch: Pragmatismus statt Ideologie.

Rückbau statt Ausbau: Der Radverkehr als Verlierer der Neujustierung

Diese Formulierung wirft jedoch empfindliche Fragen auf. Denn während der Berliner Senat immer wieder die Gleichwertigkeit aller Verkehrsarten betont, zeigen die verkehrspolitischen Entscheidungen der vergangenen Jahre ein anderes Bild. Insbesondere der Radverkehr, einst zentraler Bestandteil der Berliner Mobilitätswende, verliert spürbar an politischer Priorität.

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Wie ENTWICKLUNGSSTADT bereits vor einigen Wochen analysierte, wird der Ausbau der Fahrradinfrastruktur in Berlin zunehmend gebremst. Projekte werden gestrichen, Planungen verzögert oder neu priorisiert; häufig zugunsten des motorisierten Individualverkehrs.

Berliner Senat: „Beendigung einseitiger Maßnahmen zulasten des Autos“

Der Senat spricht von der „Beendigung einseitiger Maßnahmen zulasten des Autos“. Kritiker sehen darin jedoch weniger Ausgleich als vielmehr einen strukturellen Rückzug von den Zielen des Mobilitätsgesetzes. Bonde stellt hingegen klar, es gehe nicht um ein „entweder-oder“, sondern um ein funktionierendes Berlin – im Kiez wie auf den Hauptachsen, in der Innenstadt ebenso wie in den Randlagen.

Maßnahmen wie der neue Baustellenmanager werden als Bausteine einer effizienteren Verkehrssteuerung hervorgehoben. Gleichzeitig bleibt offen, wie sich dieser Pragmatismus mit den ursprünglich ambitionierten Zielen des Mobilitätsgesetzes vereinbaren lässt, und vor allem mit dem Klimaschutz. Gleichzeitig werden Tempo-30-Zonen aufgehoben und Projekte zur Sicherung von Schulwegen für Kinder nach unten priorisiert.

Pragmatismus als politische Leitlinie, aber mit vielen offenen Fragen

Der Senat betont, Mobilität dürfe kein Kulturkampf sein, sondern müsse als gemeinsame Aufgabe verstanden werden. Doch genau hier liegt der Kern der Debatte: Wird die Verkehrspolitik tatsächlich an den Bedürfnissen aller ausgerichtet, oder verschieben sich die Prioritäten zulasten jener Verkehrsträger, die für Klimaschutz, Flächengerechtigkeit und urbane Lebensqualität zentral sind?

Fünf Jahre nach Einführung des Mobilitätsgesetzes zeigt sich: Die entscheidende Frage ist nicht, ob Pragmatismus notwendig ist, sondern, welche politischen Leitplanken dabei gelten sollen.

Ute Bonde formuliert es so: „Unsere Vision ist eine Mobilitätspolitik, die die Berlinerinnen und Berliner im Alltag überzeugt – die an den Bedürfnissen aller Berlinerinnen und Berliner ausgerichtet ist, sich weiterentwickelt und das heute wie morgen Mögliche aufgreift – sicher, verlässlich und praktikabel für alle und nicht für Einzelne.“ Diesem hohen Anspruch konnte die aktuelle Regierungskoalition bislang allerdings nicht gerecht werden.

 

Quellen: Der Stern, Berliner Morgenpost, Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, Bezirksamt Mitte, Der Tagesspiegel

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5 Kommentare

  1. Marcel S. 10. Februar 2026 at 09:00 - Reply

    „Der Anspruch: Pragmatismus statt Ideologie“ Jeder -ismus ist definitionsgemäß eine Ideologie.

  2. Mitte-Mitte-Anwohnerin 10. Februar 2026 at 10:25 - Reply

    Mhm – wir haben seit ca. 100 Jahren „einseitige Maßnahmen“ zugunsten (!) „des Autos“ mit einem „Kulturkampf“ für Autos. Wann wird das mal ehrlich gesagt?
    Wissenschaft, Forschung und Logik sehen vollkommen andere Mobilität in Innenstädten – ÖPNV für Massen und zu Fuß und Fahrrad für Individuen.

    Es geht nicht nur um Mobilität, sondern auch um Sicherheit, Hitzeinseln, Luftreinhaltung (EU-Richtlinie), Wassermanagement, Aufenthaltsqualität, und vieles mehr. Das wird vollkommen ausgeblendet. Die Regierung muss einen umfassenden Plan mit allen Gesichtspunkten für den jeweiligen Bezirk entwickeln. Nennt sich moderne Stadtentwicklung. Das UBA bietet eine Broschüre mit Anregungen. Gerne mal vergleichen mit dem Gebaren der Berliner Regierung.

    Ich mag es nicht, dass Frau Bonde uns Autoideologie als „pragmatisch“ verkauft und uns im Gegenzug als „Ideologen“, „Kulturkämpfer“ und im Prinzip als Autohasser geißelt. Mundtot.

    • Martina 10. Februar 2026 at 11:25 - Reply

      Dem stimme ich zu.

      Helsinki, Barcelona, Mailand, Kopenhagen und viele andere Großstädte haben es beteits vorgemacht. Es geht deutlich besser!

      Die einzige Ideologie, welche ich wahrnehme, ist die Autoideologie von Bonde, Wegner und Co.
      Das geht zu Lasten der Anwohner der Stadt. Wir sind diejenigen, die unter den Auswirkungen dieser Politik leiden werden.

      Zum Thema Auswirkungen:
      Wenn die durch die EU vorgegeben ab 2030 geltenden Richtwerte für Luftreinhaltung nicht eingehalten werden aufgrund der Verschleppung der für die Einhaltung notwendigen Maßnahmen durch die aktuelle Regierung kommen erhebliche Aufwände für kurzfristig wirksame Maßnahmen zur Reduzierung als auch Strafzahlungen auf das Land Berlin zu.
      Die zahlen wir Berliner dann.
      Bonde, Wegner und Co. werden dafür nicht zur Rechenschaft gezogen. Wir zahlen für ihre Nicht-Akzeptanz der Realität. Die Rechnung kommt.

  3. Anwohnerin Leipziger 10. Februar 2026 at 11:16 - Reply

    Frau Bondes Aussagen passen nicht zum Mobilitätzgesetz.

    Ausgleich zwischen den Verkehrsträgern ist weniger Individual-Autoverkehr, weil dieser bislang deutlich überproportional bevorzugt wurde.
    Mobilität für alle Berliner umfasst für Frau Bonde offensichtlich nur Berliner der Außenbezirke mit PkW, die möglichst schnell auf dem kürzesten Weg durch die Stadt durch möchten.

    Und sowas wird als positiv bewertet?

    Als Bewohnerin der Stadtmitte fühle ich mich von Frau Bonde und ihren Aussagen nicht repräsentiert.
    In der Stadtmitte haben 80% der dort wohnenden kein PkW. ÖPNV und Fußwege als auch Radwege sind die Wege unserer Wahl, werden jedoch übermäßig durch Autofahrspuren und (unnötigen) ebenerdigen Autoparkplätzen behindert, eingeengt und verhindert. Insbesondere durch die Politik von Bonde und Wegner.
    Übrigens gibt es kein Verkehrskonzept über alle Verkehrsträger hinweg für ganz Berlin. Jeder Bezirk arbeitet für sich selbst.

    So möchte ich an dieser Stelle meine persönlichen Wünsche als tatsächlich in der Innenstadt Wohnende (nein, nicht reicht, normale Mittelschicht, hatte vor mehr als 10 Jahren nur Glück bei der Miete) noch einmal abbilden:

    Mehr ÖPNV (= Mobilität für alle, auch nicht finanziell gut situierte)
    Mehr Platz für Fußgänger
    Mehr Platz für Radverkehr
    Mehr Behindertengerechte Gestaltung
    Mehr Sicherheit, insbesondere für „schwächere“ Verkehrsteilnehmer
    Mehr Sicherheit für Schulwege
    Mehr Grünflächen für Versickerung, Temperaturregulierung und Luftreinhaltung als auch Aufenthaltsqualität (Tourismus = bringt Geld)
    Mehr Kieze
    Mehr Beachtung der Touristenströme sowohl für Bewegungskorridore als auch Aufenthaltsbereiche (bringt Geld, ist ein erheblicher Wirtschaftszweig)
    Tempo 30 innerhalb des S-Bahn-Rings (Sicherheit)
    Änderung der Gesetze, dass mehr Blitzer aufgestellt werden können
    Weniger Individual-PKW-Verkehr in der Innenstadt und damit mehr Platz für den tatsächlichen Wirtschaftsverkehr (außerhalb der Stadt sieht es anders aus, dort sind wir aber nicht)
    Mehr Park&Ride Möglichkeiten für die aus dem Umfeld kommenden
    Weniger ebenerdige Parkplätze, dafür gibt es Tiefgaragen und Parkhäuser, außer für Geheingeschränkte und Lieferzonen

    Auch wenn ich mich unbeliebt mache:
    Einführung einer Führerscheinkategorie für Fahrradfahrer. Verpflichtend in der Schule durchgeführter Unterricht und Prüfung.
    Einordnung aller motorisierten Fahruntersetze (E-Bike, E-Scooter, …) in die bislang kleinste Führerscheinkategorie für Mofas

  4. Chris Da 10. Februar 2026 at 12:19 - Reply

    Ich schätze das ist eine rhetorische Frage:
    „Doch genau hier liegt der Kern der Debatte: Wird die Verkehrspolitik tatsächlich an den Bedürfnissen aller ausgerichtet, oder verschieben sich die Prioritäten zulasten jener Verkehrsträger, die für Klimaschutz, Flächengerechtigkeit und urbane Lebensqualität zentral sind?“

    Die Taten des Senats zeigen eindeutig, daß die Priorität auf Autos gesetzt wird und alle anderen egal sind.

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