In kaum einer anderen Straße Berlins wurden in kurzer Zeit so viele Mobilitätsideen ausprobiert wie in der Friedrichstraße. Heute stellte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner ein neues Konzept vor, mit dem der ständige Konflikt der letzten Jahre gelöst werden soll. Geplant ist demnach kein radikaler Neubau, sondern die Transformation mit vorhandenen Gestaltungsmitteln.

Ohne Parkplätze, mit Autos – und mit etwas mehr Raum für vereinzelte Bäume und breitere Gehwege: So stellt sich Architekt Tobias Nöfer eine moderat umgebaute Friedrichstraße vor. Das Konzept wird von Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner unterstützt. / © Visualisierung: Nöfer Architekten, Astigmatic
© Visualisierungen: Nöfer Architekten, Astigmatic
Fahrradstraße, Fußgängerzone oder doch für den Autoverkehr geöffnet? Die Berliner Friedrichstraße hat in den vergangenen Jahren verschiedenste Verkehrskonzepte durchlebt und stand im Zentrum zahlreicher Mobilitätsideen. Nachdem sie 2020 zunächst für den Autoverkehr gesperrt, wurde sie 2023 wieder für ihn freigegeben. Seitdem wünschten sich viele Berlinerinnen und Berliner die verkehrsberuhigte Straße zurück.
Nun soll es wieder eine Veränderung in Berlins Stadtmitte geben: Die Friedrichstraße soll zur Flaniermeile werden. Heute Nachmittag präsentiert der Regierende Bürgermeister Kai Wegner das Konzept für den Umbau im Roten Rathaus.
Ein Rückblick auf die vergangenen Jahre und was nun geplant ist.
2020: Die Friedrichstraße wird für den Autoverkehr gesperrt
Während der Corona-Pandemie, im August 2020, startete ein Pilotversuch: Ein etwa 500 Meter langer Abschnitt der Friedrichstraße zwischen Französischer und Leipziger Straße wurde für den Autoverkehr gesperrt. Stattdessen konnten Fußgängerinnen und Fußgänger, Radfahrende und E-Scooter die Straße uneingeschränkt nutzen. Begrünte Flächen und temporäre Sitzmöbel gestalteten den Straßenraum damals neu. Das Konzept war Teil einer Vision, die Straße zur Flaniermeile aufzuwerten.
Die Umsetzung erfolgte unter der ehemaligen Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Bündnis 90/Die Grünen), die das Ziel verfolgte, eine fußgängerfreundliche Innenstadt zu schaffen und die Aufenthaltsqualität zu erhöhen. Allerdings war der begleitende Radweg – eine separate Spur in der Mitte – umstritten. Einige Kritikerinnen und Kritiker argumentierten, der Radweg habe Fußgängerinnen und Fußgänger gestört, da Radfahrende zu schnell unterwegs gewesen seien.
Autofreie Friedrichstraße: Chance für die Zukunft oder Hindernis für den Einzelhandel?
Befürworterinnen und Befürworter sahen in dem Projekt eine echte Chance für eine zukunftsfähige Stadtmitte: eine lebenswertere Innenstadt mit weniger Lärm und mehr Raum zum Flanieren – ein Ort, der nicht vom Autoverkehr dominiert wird. Bürgerinnen und Bürger, die an Online-Beteiligungen der Stadt teilnahmen, äußerten außerdem den Wunsch nach einer dauerhaften Fußgängerzone.
Kritische Stimmen kamen damals vor allem aus dem Einzelhandel, von Gewerbetreibenden und Anliegern. Manche von ihnen beklagten Umsatzeinbußen, da die Läden nicht mehr direkt mit dem Auto erreichbar waren. Auf Antrag einer Geschäftsinhaberin stufte das Verwaltungsgericht die Sperrung in einer Eilentscheidung im Oktober 2022 schließlich als rechtswidrig ein, weil die nötige Rechtsgrundlage fehlte.
Nach einem politischen Wechsel im Berliner Senat gab die neue CDU-Verkehrssenatorin Manja Schreiner die Friedrichstraße ab dem 1. Juli 2023 wieder für den Autoverkehr frei. Die temporären Stadtmöbel wurden entfernt und der Radweg zurückgebaut. Die Senatsverwaltung kündigte einen Masterplan für die Berliner Mitte an, der ein neues Verkehrskonzept beinhalten sollte.
Nach Eröffnung der Friedrichstraße für den Autoverkehr: Umleitung des Fahrradverkehrs auf die Charlottenstraße
Gleichzeitig wurde die Charlottenstraße, die parallel zur Friedrichstraße verläuft, Ende 2022 zur Fahrradstraße umgestaltet. Im Abschnitt zwischen Leipziger Straße und Unter den Linden dürfen nun Radfahrer die ganze Fahrbahn nutzen, während der Autoverkehr auf Liefer- und Anliegerfahrten beschränkt ist. Die Maßnahme sollte den Radverkehr von der Friedrichstraße wegführen und gleichzeitig den Durchgangsverkehr reduzieren.
Doch auch dieser Umbau erntete nicht nur positives Feedback. Eine Vertreterin des Handelsverbands Berlin-Brandenburg hielt den Umbau für keine gute Idee, da die Charlottenstraße der Zubringer zu verschiedenen Parkhäusern ist, heißt es in einem Artikel der Berliner Morgenpost.
Diese fallen allerdings auch unter den Anliegerverkehr, weshalb die Sorge unbegründet sein dürfte. Ein anderer Kritikpunkt, über den berichtet wurde, waren unsichere Verkehrsverhältnisse. Trotz Fahrradstraße würden Autos weiterhin in schnellem Tempo durch die Straße fahren, die Planung sei unzureichend reguliert und die Einbahnstraßenführung verwirrend.
Viele Berlinerinnen und Berliner wünschen sich eine verkehrsberuhigte Stadtmitte
Heute zeigt sich ein gespaltenes Bild: Die Friedrichstraße ist seit mehr als zwei Jahren wieder befahrbar, doch viele Berlinerinnen und Berliner fordern erneut eine Verkehrsberuhigung – auch auf anderen Straßen in Berlin-Mitte. Die Status-quo-Analyse eines Beratungsbüros im Auftrag des Senats bestätigt diesen Wunsch: Die Friedrichstraße sei eine wichtige Fußgängerachse, der Autoverkehr dagegen relativ moderat.
Nun präsentiert Kai Wegner ein neues Konzept für die Friedrichstraße. Bei einem runden Tisch im Roten Rathaus sollen neben ihm auch die Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU), Vertreterinnen und Vertreter des Einzelhandels sowie des Aktionsbündnisses „Rettet die Friedrichstraße“ zusammenkommen.
Neues Konzept für die Friedrichstraße: Flaniermeile mit Autoverkehr
Die Planungen sehen vor, die Friedrichstraße zur Flaniermeile machen. Nach Angaben der Senatsverwaltung sollen Parkplätze wegfallen und die Gehwege deutlich verbreitert werden. Die Straße wird begrünt und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet, Restaurants und Bars erhalten mehr Platz für Außengastronomie.
Das Ziel des Umbaus sei, die Aufenthaltsqualität zu erhöhen und weitere Geschäftsaufgaben zu verhindern. Denn die Friedrichstraße entwickelt sich mehr und mehr zum Büro-Standort. Ein Beispiel dafür ist die Schließung der Galeries Lafayette und der Umbau des Gebäudes zu Büroflächen.
Friedrichstraße: Kein radikaler Umbau, sondern Transformation mit vorhandenen Mitteln
Entgegen den Wünschen aus der Online-Befragung und der Status-quo-Analyse wird die Friedrichstraße allerdings nicht in eine Fußgängerzone umgewandelt. Sie soll weiterhin für den Autoverkehr geöffnet bleiben.
So heißt es in der offiziellen Pressemitteilung: „Im Mittelpunkt des Konzepts steht nicht ein radikaler Neubau, sondern die Transformation mit den vorhandenen Gestaltungsmitteln der Friedrichstraße. Der klassische Bürgersteig mit Granitbordstein, Plattenbelägen und Kleinsteinmosaik bleibt erhalten und wird verbreitert – die heutigen Stellflächen für den ruhenden Verkehr werden in breite Gehbereiche mit Platz für Cafébestuhlung, Fahrräder, Bäume und konsumfreien Aufenthalt umgewandelt. So entsteht ein gut gestalteter Raum, der allen mehr Aufenthaltsqualität bietet.“
Architekt Tobias Nöfer, der hinter dem heute präsentierten Konzept steht, kommentiert diesen Ansatz wie folgt: „Die Friedrichstraße ist ein Prüfstein dafür, wie wir mit öffentlichen Räumen umgehen: Ob wir es schaffen, geschmackvolle Gestaltung, Funktion und Nachhaltigkeit wieder zusammenzubringen – oder ob wir uns in Symbolpolitik verlieren.„
Nils Busch-Petersen: „Friedrichstraße kann wiederbelebt werden“
Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg e.V., Nils Busch-Petersen, begrüßt Nöfers Konzept: „Die Friedrichstraße kann mit den vorgeschlagenen Maßnahmen wiederbelebt werden. Hier bietet sich die Chance für neue Urbanität und ein qualitätsvolles Miteinander aller Akteure einer wichtigen Straße der historischen Mitte, ohne ideologisch motiviert einzelne Gruppen zu privilegieren.„
Nöfers Visualisierungen zeigen verbreiterte Gehwege, zusätzliche Bäume – aber eben auch weiterhin eine Straße, die mit zwei Autospuren ausgestattet ist und die auch künftig ohne Radweg auskommen wird. Einen konkreten Zeitplan für die Umsetzung der Pläne nannte Kai Wegner auf der heutigen Pressekonferenz jedoch nicht.

Bodenlichter sollen mehr Leben und Helligkeit in die Friedrichstraße bringen, und Sicherheit für die Verkehrsteilnehmer. / © Visualisierung: Nöfer Architekten, Astigmatic

Für die Schaffung der zusätzlichen Flächen für Fußgänger und Bäume sollen Parkplätze in der Friedrichstraße weichen. / © Visualisierung: Nöfer Architekten, Astigmatic
Quellen: Senatsverwaltung fürMobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, Berliner Morgenpost, Stern, Tagesspiegel, taz, Berliner Zeitung, Verwaltungsgericht Berlin, Nöfer Architekten
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5 Kommentare
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Und weshalb soll sie weiterhin für Autos offen sein? Wenn nach diesem Konzept die Parkplätze wegfallen, löst sich doch das Argument der Anlieger in Luft auf, ein Auto kann die Friedrichstra0e dann ausschließlich als reine Durchgangsachse verwenden, was das komplette Konzept irrsinnig macht. Denn man will auf einer Flaniermeile ja vieles, aber eines keineswegs: reinen Durchgangsverkehr.
Das erscheint mir nicht wirklich zu Ende gedacht. Es bleibt, wie es ist. Die Sperrung der Friedrichstraße für den Autoverkehr war ein mutiger und progressiver Schritt nach vorn damals. Es war zwar suboptimal, zu experimentell und zu konzeptlos umgesetzt, aber es war ein Anfang, ein Fundament, von dem man eine menschenfreundliche Flanier- und Einkaufsmeile hätte fortentwickeln können über die Jahre. Immerhin versteht sich Berlin ja auch in vielerlei Hinsicht als Experimentierlabor…
Jetzt sieht die Friedrichstraße endlich wieder aus wie jede x-beliebige innerstädtische Verkehrsachse wie überall in Deutschland. Dreckig, grau, laut und von Unfällen geplagt. Einfach wunderbar… naja. Es gab wirklich keinen Grund, zum vorherigen Status zurückzukehren. Außer natürlich man sieht sich als politische Vertretung einer Ideologie, die das Auto vor dem Menschen priorisiert. Ich bin mir sicher, dass es Visionäre in der CDU gibt, die dafür plädieren würden, dass Autos gleichberechtigt zu Bürgern bei Parlamentswahlen wählen dürfen.
Autos rollen künftig über edle Messingnagelköpfe, fahren hoffentlich angesichts von Fußgängern und Radlern langsamer, verströmen in der engen Friedrichstraße ihre Abgase („Verbrenner-Aus aufschieben!“) – und dieser Herr Busch-Petersen labelt den Unfug als „qualitätsvolles Miteinander aller Akteure einer wichtigen Straße der historischen Mitte, ohne ideologisch motiviert einzelne Gruppen zu privilegieren“.
Hilflos und peinlich.
Auch wenn ich – wie so viele Anwohner – ein verkehrsberuhigtes Konzept mit Einbahnstraßen, mehr Bäumen und Touristen-Wege-Strategie für das ganze Gebiet Gendarmenmarkt inkl. Fußgängerzone Friedrichstadt im Rahmen einer ganzheitlichen Verkehrsstrategie bevorzuge, bin ich froh über die Fortschritte. Der Wegfall von Parkplätzen für Fußgänger und Bäume sowie Tempo 30 war bisher für die Entscheider nicht denkbar. Durch die Hartnäckigkeit der Bürger bei den Beteiligungen wurde das ermöglicht. Daher sollten wir weiterhin unsere öffentliche Forderung nach moderner Stadtentwicklung aufrecht erhalten, damit die Poltik uns hört.
Ja Wunderbar, wieder so ein sinnloses Geld verschwenden. Willkommen zur Wilmersdorfer Meile 2. Dort ist ja auch alles verkehrsberuhigt und was ist nun? Dönerladen neben Geldwäscheläden ohne wirkliche Bereicherung. So wird die Friedrichstrasse sich auch entwickeln. Träumt weiter . Das Konzept des Architekten sind Wunschschlösser die sich nie erfüllen werden, da Geld alles frisst.
Grundlegend ist es ein Schritt in die richtige Richtung weg von den Verkehrskonzepten der 1920er Jahre hin zu moderner Stadtentwicklung, wie sie in anderen Städten (z.B. Barcelona, Kopenhagen,…) weltweit bereits erfolgreich etabliert wurde. Wenn auch die letzten paar Meter fehlen.
Wichtig ist, dass die Menschen vor Ort und im direkten Umfeld gehört werden, die dort leben (24h am Tag) und nicht nur die Menschen, die durchfahren oder alle paar Wochen für eine Stunde da sind. Würde der Vorgarten beim Häuschen im Grünen zugepflastert und zur Autobahn werden, wären die auch sauer.
In Mitte leben sehr viel mehr Menschen (Hochhäuser und obere Stockwerke der Bürogebäude) als den meisten bewusst ist. Meist arbeiten sie auch in Mitte. Dazu haben 80 % von Ihnen keinen Führerschein. Dazu kommt eine unglaubliche Anzahl von (Tages-/) Touristen. Folglich ergibt sich eine immense Anzahl von Fußgängern bei schmalen Gehwegen auf denen auch noch die Gastronomie Ihre Außengastronie (wirtschaftlich sinnvoll) unter bringen möchte.
Um Abgase zu binden und Temperaturregulierung (Hitze im Sommer und Kälte im Winter mindern) zu erreichen, sind deutlich mehr Bäume notwendig in der mit Grünflächen unterversorgten Mitte mit ihren vielen Hitzeinseln.
Die ebenerdige Fläche reicht dazu nicht aus bei Beibehaltung der jetzigen Park- und Fahrbahnstruktur.
Wenn auch jedes Haus für Rettungskräfte, Geheingeschränkte und ähnliche zugänglich sein muss, reicht hierzu eine Einbahnstraße mit maximal Tempo 30 aus. Durchfahren durch die Stadtmitte ergeben keinen Sinn bei vorhandenen Autobahn(teil-)ringen.
Da man Fußwege, Grünflächen und Bäume NICHT, dafür aber Menschen und Fahrzeuge durchaus „stapeln“ kann, ist es rein logisch, die ebenerdigen Flächen umzuwidmen.
Auch wenn dieser Ansatz für meinen Geschmack als Anwohnerin Leipziger/ Arbeitende am Potsdamer Platz/ in der Mitte Lebende nicht weit genug geht, ist es immerhin ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.