Große Ankündigung, wenig Fortschritt: Vier Monate nach der Boulevard-Idee für die Friedrichstraße bleibt es auffallend still. Dabei wächst der Druck, den zentralen Stadtraum endlich neu zu denken. Doch das Thema Friedrichstraße scheint bei Verkehrssenatorin Ute Bonde keine hohe Priorität zu haben.

Ein Boulevard für Berlin-Mitte? Die Pläne zur Neugestaltung der Friedrichstraße sind ambitioniert – doch entscheidende Antworten stehen weiterhin aus. / © Visualisierung: Nöfer Architekten, Astigmatic
© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT
Anlässlich einer eigens einberufenen Pressekonferenz im Roten Rathaus Mitte November 2025 kündigte Berlins Regierender Bürgermeister an, die Friedrichstraße künftig zu einem „Boulevard“ beziehungsweise zu einer Flaniermeile umzugestalten. Ein ambitioniertes Vorhaben, das die zentrale Einkaufsstraße neu beleben sollte.
Vier Monate später ist davon bislang nur wenig zu erkennen, um nicht zu sagen: gar nichts. Konkrete Fortschritte oder neue öffentliche Informationen zum Projekt sind bislang ausgeblieben.
Umbau der Friedrichstraße: Stillstand trotz Handlungsdruck
Der Zustand der Friedrichstraße sei „nicht mehr tragbar“, erklärte Kai Wegner damals. Er verwies auf einen hohen Leerstand im Einzelhandel, der sich zuletzt weiter verschärft habe. Insbesondere der Weggang der Galeries Lafayette gilt als einschneidender Einschnitt für den Standort.
Aber auch aus der Initiative „Rettet die Friedrichstraße“ sind in den vergangenen Monaten kaum neue Impulse bekannt geworden. Die öffentliche Debatte, die das Thema im Herbst noch dominierte, ist deutlich abgeflaut.
Machbarkeitsstudie noch unter Verschluss: Wann kommt Ute Bondes Friedrichstraßen-Konzept?
Ursprünglich galt vielen Gewerbetreibenden das Fahrradstraßen-Projekt der ehemaligen Verkehrssenatorin Bettina Jarasch als Grund des Übels für den schleichenden Niedergang des Einzelhandels in der Friedrichstraße. Doch auch der von der CDU zurückgeholte Autoverkehr hat, wenig überraschend, nicht viel am Status Quo der Friedrichstraße verbessert. Es ist wohl doch nicht ganz so simpel.
Zentraler Baustein der geplanten Neugestaltung ist eine Machbarkeitsstudie, die von Verkehrssenatorin Ute Bonde angekündigt wurde. Diese liegt nach aktuellem Stand offenbar vor, wurde jedoch bislang nicht veröffentlicht. So berichtet es zumindest Der Tagesspiegel.
Angesichts der in wenigen Monaten anstehenden Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus wächst der Zeitdruck. Eine konkrete Projektvorstellung könnte politisch relevant werden, ein belastbarer Zeitplan fehlt jedoch weiterhin.
Konzept von Tobias Nöfer: Mehr Grün, weniger Verkehr
Ein möglicher Ansatz für die Umgestaltung stammt vom Berliner Architekten Tobias Nöfer, der sein Konzept im November 2025 vor Berliner und bundesweiten Medien präsentierte. Vorgesehen ist eine deutliche Reduzierung des Autoverkehrs zugunsten von Begrünung, Außengastronomie und Fahrradinfrastruktur.
Die Straßenbreite soll von derzeit 12,50 auf 7,50 Meter reduziert werden, während die Gehwege deutlich verbreitert würden. Ergänzt wird der Entwurf durch neue Aufenthaltsqualitäten wie Baumpflanzungen und gestalterische Elemente im Straßenraum.

Mehr Platz für Fußgänger, weniger Platz für Autos: So stellt sich Architekt Tobias Nöfer eine milde Umgestaltung der Friedrichstraße vor. Einen Zeitplan dafür gibt es aber auch vier Monate nach Präsentation des Konzepts nicht. / © Visualisierung: Nöfer Architekten, Astigmatic
Verkehrskonzept für Berlins Mitte: Technische Hürden und offene Fragen
Ob das Konzept realisierbar ist, hängt maßgeblich von den Ergebnissen der Machbarkeitsstudie ab. Insbesondere unterirdische Infrastruktur wie Kabeltrassen und die U-Bahn könnten die geplanten Eingriffe erheblich einschränken.
Auch Fragen zur Finanzierung und zum Zeitplan bleiben bislang unbeantwortet. Trotz politischer Priorisierung wirkt das Projekt derzeit eher ausgebremst als vorangetrieben. Damit reiht sich Ute Bonde in die gescheiterten Ansätze ihrer Vorgängerinnen ein.
Weder Bettina Jarasch noch Manja Schreiner vermochten es, das pulsierende Leben in die Friedrichstraße (zurück) zu bringen, trotz sehr unterschiedlicher Ansätze. Nun ist die Friedrichstraße mehr oder weniger wieder das, was sie vor der Corona-Pandemie schon war, eine wenig aufregende Geschäftsstraße mit häufig verstopften Autospuren. Vor allem ist sie eines: in hohem Maße uninspirierend.
Die Berliner Friedrichstraße Zwischen Anspruch und Realität
Die Vision einer grünen, lebendigen Friedrichstraße trifft bei vielen Beobachtern und auch Leserinnen und Lesern auf wohlwollende Zustimmung. Gleichzeitig zeigt sich, wie komplex die Transformation eines so zentralen Stadtraums ist.
Vier Monate nach der Ankündigung bleibt vor allem der Eindruck eines Stillstands, bei einem Projekt, das eigentlich dringend Bewegung braucht. Das allerdings ist in der Friedrichstraße, leider, nichts neues.
Quellen: Nöfer Architekten, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Architekten- und Ingenieurvereins e. V. zu Berlin-Brandenburg
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4 Kommentare
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Leider haben wir es derzeit mit einer Landesregierung zu tun, die sich von Problemen in der Realität verabschiedet hat, um umso intensiver von Magnetbahnen und Olympia zu träumen. Auch scheinen die CDU-Ideologen sich nicht von der Idee aus den Sechzigerjahren zu verabschieden, dass Menschen mit Autos in Einkaufsstraßen fahren.
Schade, dass sich unsere Stadt so nicht fortentwickelt und die Friedrichstraße weiter verödet.
Apropos: Wann passiert endlich was beim Projekt „Unter den Linden“, wo aus einer Autorennstrecke wieder eine Prachtmeile werden sollte? Auch hier gab es Ankündigungen von Blumenbeeten und neuer Aufteilung des Straßenraums – und passiert ist NICHTS.
Nix – mehr ist von der aktuellen Landesregierung nicht zu erwarten.
Uninspiriert an Altem festhalten (Auto und Parkplätze). Ja nix ändern. Mit großem Getöse Nebelkerzen wie Magnetschwebebahn oder Olympia zünden und dann nix.
Kann ja die nächste Regierung machen.
Die aktuelle Landesregierung hat nicht viele Erfolge vorzuweisen. Mal sehen, ob die nächste etwas bewegt.
Frustrierend.
Das Problem wurzelt in der Art und Weise, wie die Friedrichstraße nach Mauerfall praktisch neu bebaut wurde. Architektonisch uninteressant, ewige Wiederholungen von Rasterfassaden, und vor allem großparzellig. Keine Räume für kleine Geschäfte, Lokale, Cafés. Und auch nicht bezahlbare. Es hat sich dort nichts angesiedelt, was auch BewohnerInnen der Stadt anziehen könnte, und Touristen suchen auch nicht die zigste Wiederholung gleicher Ladenketten. Ich glaube, ob Individualverkehr oder nicht oder Straßenverengung oder nicht spielt eine untergeordnete Rolle.
Dazu kommt das schlimme Ausfransen am südlichen Straßenende. Der Mehringplatz ist eine architektonische Katastrophe, die man so in einem Außenbezirk als Stadtteilzentrum bauen könnte, aber nicht als Schlusspunkt einer zentralen historischen Nord-Süd-Achse im immer noch Zentrum der Stadt. Abreißen wäre mein Vorschlag.
Man schaue sich mal die Geschäfte an: 30-50% Leerstand bei den kleineren Läden. Davor riesige Autos, teils (illegal) parkend, teils im Stau stehend. Kulinarisch ist die Gegend geprägt von Fettfritten und Touristenfeinkost. Nicht nur im Vergelich zum Kudamm, auch zur Boxhagener Straße und ähnlichen Szenegegenden ist das archirektonisch und städteplanerisch deprimierende Provinzialität. Abreißen – dem Vorschag kann man sich nur anschließen.