Vom politischen Monument zum Museumsobjekt: Das Berliner Lenin-Denkmal hat eine außergewöhnliche Reise hinter sich. Nach dem Abriss in Friedrichshain verschwand es jahrzehntelang im Boden von Köpenick. Heute ist es Teil der Erinnerungskultur in der Zitadelle Spandau. Wie konnte es zu dieser absurd anmutenden Reise zwischen drei Berliner Bezirken kommen?

Ikonische Plastik am einstigen Leninplatz in Friedrichshain: Der Lenin-Kopf lag jahrzehntelang unter der Erde, bevor er wieder ans Licht kam. Seine Geschichte ist eng mit den politischen Umbrüchen Berlins verknüpft. / © Foto: Wikimedia Commons (Gemeinfrei)
© Titelbild: Wikimedia Commons, Bundesarchiv, B 145 Bild-F089664-0025 / Thurn, Joachim F. (CC-BY-SA 3.0)
Als das ikonische Lenin-Denkmal im Jahr 1970 im damaligen Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain eingeweiht wurde, war es weit mehr als nur ein Kunstwerk. Die rund 19 Meter hohe Granitstatue des sowjetischen Revolutionsführers Wladimir Iljitsch Lenin dominierte fortan den damaligen Leninplatz (heute Platz der Vereinten Nationen); ein bewusst gesetztes politisches Zeichen im Stadtraum der DDR.
Ursprünglich wurde der Platz im Jahr 1864 als Landsberger Platz angelegt. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs erfolgte 1950 die Umbenennung in Leninplatz.
Leninplatz in Friedrichshain: Ab 1968 fand eine umfassende Neugestaltung statt
Ab 1968 wurde der Platz nach städtebaulichen Entwürfen von Hermann Henselmann durch Heinz Mehlan neu gestaltet. Es entstand ein prägendes Ensemble aus Plattenbauten, das als bedeutendes Beispiel des DDR-Städtebaus gilt. Seit 1995 steht die Anlage unter Denkmalschutz und wurde bis 2001 umfassend saniert. Bereits 1992 erhielt der Platz seinen heutigen Namen.
Der Entwurf des sowjetischen Bildhauers Nikolai Tomsky folgte der ikonografischen Tradition sozialistischer Monumente: monumental, pathetisch, unübersehbar. In einer Zeit, in der Architektur und Städtebau gezielt zur ideologischen Inszenierung eingesetzt wurden, fügte sich das Denkmal nahtlos in das Ensemble aus Plattenbauten und großzügigen Magistralen ein.
Friedrichshain, 1991: Abriss eines Symbols und Beginn eines umstrittenen Kapitels
Mit dem Ende der DDR geriet auch das Lenin-Denkmal ins Visier der politischen Neubewertung. 1991 beschloss der Berliner Senat den Abriss; ein Schritt, der damals heftig diskutiert wurde. Während einige den Rückbau als notwendigen Bruch mit der Vergangenheit sahen, plädierten andere für den Erhalt als historisches Zeugnis.
Die Demontage gestaltete sich aufwendig: Das Monument wurde in über 100 Einzelteile zerlegt. Besonders symbolträchtig war die Abtrennung des rund 3,5 Tonnen schweren Kopfes. Was folgte, war ein ungewöhnlicher Umgang mit dem Relikt: Die Teile wurden auf einer Deponie im Südosten Berlins vergraben, offenbar ein bewusster Akt des „Verschwindenslassens“.
Köpenick, Deponie Seddinberg: Jahrzehnte im Verborgenen unter der Erde
Auf dem Gelände einer Deponie im damaligen Berliner Bezirk Köpenick verschwanden die Überreste des Denkmals über zwei Jahrzehnte nahezu vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein. Der Lenin-Kopf lag dort, tief unter Sand und Erde, als Relikt einer vergangenen Epoche.
Erst Mitte der 2010er-Jahre änderte sich der Umgang mit dem Objekt grundlegend. Im Zuge einer Ausstellung zur Berliner Denkmalkultur wurde der Kopf im Jahr 2015 wieder ausgegraben. Die Bergung entwickelte sich schnell zu einem medial begleiteten Ereignis – und rückte die Frage nach dem Umgang mit DDR-Erbe erneut in den Fokus.
Spandau, Zitadelle: Vom ideologischen Monument zum musealen Objekt transformiert
Heute befindet sich der Lenin-Kopf in der Zitadelle Spandau, wo er Teil der Dauerausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ ist. Damit hat sich die Bedeutung des einstigen Monumentes grundlegend gewandelt: vom politischen Symbol hin zu einem historischen Ausstellungsstück.
In der musealen Präsentation wird das Objekt nicht mehr als Verehrungsfigur inszeniert, sondern als Teil einer vielschichtigen Erinnerungskultur. Die Ausstellung ordnet das Denkmal in den Kontext der Berliner Geschichte ein und thematisiert zugleich den Wandel politischer Systeme und ihrer Ausdrucksformen im Stadtraum.
Zwischen Erinnerung und Neubewertung: Der kuriose Weg eines Berliner Denkmals
Der Weg des Lenin-Denkmals – von seiner Errichtung in Friedrichshain über den Abriss und die Vergrabung in Köpenick bis hin zur heutigen Präsentation in Spandau – wirkt aus heutiger Perspektive beinahe surreal. Wohl kaum ein anderes Objekt der Berliner Stadtgeschichte steht so sinnbildlich für den schwierigen Umgang mit politisch aufgeladenen Relikten.
Dabei zeigt die Geschichte auch, wie sich gesellschaftliche Perspektiven verändern: Was einst bewusst entfernt und verborgen wurde, wird heute wieder sichtbar gemacht und historisch eingeordnet. Die Zitadelle Spandau fungiert dabei als Ort der Reflexion und als Bühne für ein Denkmal, das längst seine ursprüngliche Funktion verloren hat.
Quellen: TAZ, Deutschlandfunk, Zitadelle Spandau, berlin.de, Der Tagesspiegel, Wikipedia
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4 Kommentare
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Berlin steht in einer Tradition Denkmäler zu vergraben und dann später wieder auszugraben und in die Zitadelle zu überführen ..
Zitat: „Die Trasse der Siegesallee wurde eingeebnet und die übrigen Denkmäler im Park des Schlosses Bellevue vergraben. Die 1978 wieder ausgegrabenen Figuren werden in der Zitadelle Spandau gelagert, konserviert und restauriert.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Siegesallee
Anstatt zu vergraben sollten kontroverse Denkmäler immer vom öffentlichen Raum in ein Gebäude gebracht werden. Nur weil man etwas versteckt oder zerstört verändert es die Geschichte nicht, es trägt dazu bei die Geschichte zu verwischen, auch wenn es sich um Propaganda handelt.
Kann die Faszination für ein Massenmörder-Denkmal nicht nachvollziehen.
Und wo sind die anderen 99 Teile?
Eine Deponie ist nach dem Verständnis des 21. Jahrhunderts eine Müllkippe. Nun kann trefflich gestritten werden, ob es sich bei diesem Granitmonstrum um Müll und wenn ja, welcher Art von Müll es sich handelt. Die Seddingrube ist jedenfalls keine Müllkippe. Sie war es nie und wird es hoffentlich auch nie werden. Das alles kann mit wenig Recherchefähigkeiten im Netz nachgelesen werden.