Der Projektentwickler HAMBURG TEAM will im Süden Berlins ein autoarmes Quartier mit gefördertem Wohnraum und sozialen Einrichtungen auf einer ehemaligen Friedhofsfläche errichten, insgesamt 260 Wohnungen sollen entstehen. Die Pläne sorgen für politischen und gesellschaftlichen Streit über Klimaschutz und Flächennutzung. Der Investor betont die Nachhaltigkeit des Projekts und verweist auf die große Nachfrage nach inklusiven Angeboten, die auf dem Areal entstehen sollen.

Im Vergleich zur ursprünglichen Planung soll auf dem Areal in Berlin-Mariendorf mehr Wohnraum entstehen, insgesamt 260 Wohnungen. Die Anzahl der Gebäude soll gleich bleiben, die Geschosszahl wird erhöht. / © Visualisierung: HAMBURG TEAM
© Visualisierung Titelbild: HAMBURG TEAM, Atelier Loidl GmbH
Am vergangenen Montag berichtete ENTWICKLUNGSSTADT über die geplante Bebauung eines Teils des Dreifaltigkeitsfriedhofs III in Berlin-Mariendorf, auf dem der Projektentwickler HAMBURG TEAM insgesamt 260 Wohnungen sowie soziale Einrichtungen errichten will.
Umweltverbände und eine Bürgerinitiative kritisieren den Verlust einer aus ihrer Sicht ökologisch wertvollen Grünfläche, verweisen auf die Bedeutung für Klima und Artenvielfalt und haben mit rund 1.200 Unterschriften eine Debatte in der Bezirksverordnetenversammlung erzwungen.
Mariendorf: Inklusives Wohnprojekt soll auf der Teilfläche eines Friedhofs entstehen
In einem ausführlichen Gespräch mit HAMBURG TEAM ließ sich ENTWICKLUNGSSTADT die Pläne für die Umwandlung des Areals im Berliner Süden detailliert erläutern, um die Einzelheiten des vielschichtigen Bauvorhabens zu verstehen, und auch die bestehenden Konflikte rund um das geplante Quartier.
Dabei ging es auch um die vieldiskutierte Fläche, auf der das neue Quartier entstehen soll, die nach Aussage der Projektentwickler nie Teil des eigentlichen Friedhofs war, sondern vor allem als Wirtschafts- und Vorhaltefläche genutzt wurde. Tatsächlich sind heute große Teile des Grundstücks mit Steinen, Müll und Grünschnitt belastet.
Projektentwickler HAMBURG TEAM will die verwilderte Friedhofsfläche deutlich aufwerten
Ein Umstand, der sich im Zuge des Projekts deutlich ändern soll. Neben den geplanten neun neuen Gebäuden soll das Gelände nämlich insgesamt aufgewertet und vor allem für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
So sollen in den Baumbestand hinein Spielflächen, Sitzgelegenheiten und „naturnahe Räume“ wie Bienenstöcke oder Nistplätze für verschiedene Tierarten gesetzt werden. Auch neue Wege und ein zentraler Quartiersplatz für die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner soll Teil des Konzeptes werden.
Campus mit sozialem Charakter: Betreutes Wohnen und Betreuungsangebote sollen entstehen
HAMBURG TEAM betont vor allem den sozialen Charakter des Projekts, bei dem verschiedene soziale Angebote mit inklusivem Charakter entstehen sollen. Dafür arbeitet das in Hamburg ansässige Unternehmen mit mehreren lokalen Trägern zusammen. So sollen im neuen „Campus Schätzelberg“ Flächen für betreutes Wohnen, betreute Wohngruppen und offene Beratungsangebote entstehen.
Einrichtungen also, für die es laut HAMBURG TEAM im Umfeld einen sehr hohen Bedarf gibt. Einer der künftigen Partner ist etwa der Kinder- und Jugendhilfe- Verbund der KJSH-Stiftung, welche Standorte in Berlin und Hamburg unterhalten.
„Campus Schätzelberg“ in Mariendorf: 80 der 260 Wohnungen sollen gefördert werden
Darüber hinaus sollen auf dem Gelände frei finanzierte und geförderte Wohnungen entstehen. Von den geplanten 260 Wohnungen sollen 80 (also 30 Prozent) als geförderter Wohnraum realisiert werden.
Das Unternehmen räumt allerdings ein, dass die ursprünglichen Planungen im Zuge der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst werden mussten. So wurde die ursprünglich geplante Kita, die im Zuge des Projekts entstehen sollte, gestrichen. Der Bedarf für zusätzliche Kitaplätze ist in Berlin derzeit schlichtweg nicht gegeben. Doch auch auf die gestiegenen Baukosten musste der Investor nach eigener Aussage reagieren.
Mariendorf: Es sollen mehr Wohnungen als ursprünglich geplant entstehen, in höheren Wohnhäusern
Im Vergleich zu ursprünglichen Planungen sollen daher nun mehr Wohnungen entstehen, damit das Quartier trotz Gewährleistung der kooperativen Baulandentwicklung (also Bereitstellung des geförderten Wohnraums) finanzierbar bleibt. Ursprünglich sollten es nach ersten Planungen im Jahr 2020 etwas mehr als 21.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche sein, nun plant das Unternehmen mit rund 27.000 Quadratmetern.
Die Anzahl der Gebäude, die auf dem Gelände entstehen sollen, soll dadurch aber nicht erhöht werden. Weiterhin plant HAMBURG TEAM mit neun Häusern, die in ihrer Grundfläche gleich bleiben, allerdings höher geplant werden als ursprünglich.
Umplanung: Statt fünf sollen die neuen Gebäude bis zu neun Stockwerke erhalten
Davon profitieren nicht nur die Flächen für die sozialen Träger und die frei finanzierten Wohnungen (statt 130 sollen es nun 180 Wohnungen werden), auch der soziale Wohnungsbau wurde im Zuge der Umplanung aufgestockt: Vor fünf Jahren plante HAMBURG TEAM mit 55 förderfähigen Wohnungen, nun sind es 80 Wohneinheiten.
Dies schlägt sich in der Gebäudestruktur wieder – aus den ursprünglich mit vier und fünf Etagen geplanten Gebäuden sollen nun Baukörper mit bis zu acht Etagen werden, auf identischem Baugrund. Die Gebäudehöhen passen sich nach aktuellem Planungsstand an die benachbarten Bestandsbauten an und werden dann in Richtung Campusmitte höher, um eine Verschattung der Nachbarschaft zu vermeiden, so der Projektentwickler.
Autoarmes Quartier im Süden Berlins: Zentrale Tiefgarage mit E-Ladestationen geplant
Gleich bleiben soll das Verkehrskonzept für das neue Quartier, das auf eine autoarme Versorgung setzt. Parkplätze soll es oberirdisch gar nicht geben, alternativ soll eine Tiefgarage auf dem Gelände etabliert werden, um alle Pkw-Stellplätze zu bündeln und dort zentral E-Ladestationen anzubieten. Auf das Gelände dürfen in motorisierter Form also nur Feuerwehr, Polizei, Taxis und Müllabfuhr.
Die neuen Wege, die auf dem Gelände entstehen sollen, sollen demnach ausschließlich Fußgängern und Fahrradfahrern vorbehalten bleiben. Durch den Wegfall der Kita soll nach den Ergebnissen einer angestrebten Verkehrsanalyse auch der umliegende Verkehr vom neuen Wohnquartier nicht übermäßig belastet werden.
Vor allem die neuralgischen Punkte an den Kreuzungen Eisenacher Straße / Steinhellenweg / Kosleckweg sowie Steinhellenweg / Wolfsburger Weg wurden dabei betrachtet, die östlich des neuen „Campus Schätzelberg“ liegen. Die bestehende Straßeninfrastruktur wird laut einer gutachterlichen Verkehrsuntersuchung aus dem Jahr 2025 als leistungsfähig genug eingeschätzt, um das neue Quartier aufzunehmen.
Naturschutz auf altem Friedhofsareal: Ausgleichsmaßnahmen sollen Eingriffe in die Natur kompensieren
Vor allem die Vorbehalte der Naturschützer begleiten das Projekt allerdings von Beginn an, so dass hier ein Großteil der Planungen in nachhaltige Konzepte für die Ausgestaltung des Areals geflossen ist. So sollen vor allem unversiegelte Wege, Naturstege (für den Wurzelschutz) und Flächen für Regennutzung und Wasserversickerung angelegt werden. Auch Flächen für Photovoltaikelemente sind vorgesehen.
Die Eingriffe, die für den Bau der neuen Wohnhäuser und auch die Tiefgarage nötig sind, sollen durch entsprechende Ausgleichsmaßnahmen kompensiert werden, hauptsächlich auf dem Grundstück selbst oder in direkter Umgebung, wie die Projektverantwortlichen betonen.
Inklusiver Campus mit Wohnraum oder Grünfläche? Was soll in Berlin-Mariendorf entstehen?
So sollen auch besondere Bäume sowie die charakteristische Allee durch eine entsprechende Festsetzung im Bebauungsplan erhalten bleiben. Das vieldiskutierte Projekt wurde bereits mehrfach in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schönberg diskutiert, und wird wohl noch ein weiteres Mal dort gezeigt und bewertet werden.
Nach langjähriger Vorbereitung und Konzeption sowie mehrfachen Planungsänderungen ist für die Bezirkspolitik nun die Frage zu beantworten, ob das von HAMBURG TEAM entworfene Konzept für einen inklusiven Wohncampus die nötige Zustimmung findet, oder ob das Areal in seinem jetzigen Zustand verbleiben soll. Die kommenden Monate werden für das Projekt wohl entscheidend werden.

Höhenentwicklung: So plant Bauherr HAMBURG TEAM die Entwicklung des ehemaligen Friedhofsareals in Mariendorf. / © Visualisierung: HAMBURG TEAM
Quelle: HAMBURG TEAM Gesellschaft für Projektentwicklung, KJSH-Stiftung, Dr. Wolfgang Schroeder GmbH & Co. KG, Atelier Loidl GmbH
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