Berlin steuert sukzessive auf vier Millionen Einwohner zu und sucht neue Flächen für Wohnraum und Infrastruktur. Ehemalige Friedhofsareale geraten dabei zunehmend ins Zentrum politischer und gesellschaftlicher Kontroversen. Doch die Umnutzung solcher Areale erweist sich als kompliziert.

Der Projektentwickler HAMBURG TEAM will im Süden Berlins ein autoarmes Quartier mit gefördertem Wohnraum und sozialen Einrichtungen auf einer ehemaligen Friedhofsfläche errichten, insgesamt 260 Wohnungen sollen entstehen. Die Pläne sorgen für politischen und gesellschaftlichen Streit über Klimaschutz und Flächennutzung. / © Visualisierung: HAMBURG TEAM, Atelier Loidl GmbH

© Foto Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

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Berlin wächst stetig in Richtung vier Millionen Einwohner, und mit der wachsenden Stadt steigt der Druck auf verfügbare Flächen. Zunehmend geraten auch ehemalige oder teilentwidmete Friedhofsareale in den Fokus der Stadtentwicklung.

Was jahrzehntelang als dauerhaft gewidmeter Bestattungsort galt, wird heute stellenweise als potenzielle Wohnbau- oder Gemeinbedarfsfläche diskutiert. Die daraus entstehenden Debatten zeigen, wie sensibel das Spannungsfeld zwischen Flächennutzung, Erinnerungskultur und Klimaschutz ist.

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Friedhofsumnutzung in Berlin: Neue Flächenpotenziale in einer wachsenden Stadt

In mehreren Berliner Bezirken wurden in den vergangenen Jahren konkrete Projekte angestoßen. Dabei unterscheiden sich Ausgangslage, Zielsetzung und politische Mehrheiten teils erheblich. Doch viele Projekte haben auch einen gemeinsamen Nenner, und dieser ist häufig Skepsis und Widerstand von Anwohnern und Interessengruppen.

Ein zentrales Argument der Befürworter zur Umnutzung von einstigen Friedhofsflächen ist der hohe Bedarf an Wohnraum sowie an sozialer Infrastruktur. Kritiker hingegen verweisen auf ökologische Funktionen und die besondere historische Bedeutung dieser Orte.

Dreifaltigkeitsfriedhof III in Mariendorf: Inklusives Wohnquartier oder Erhalt der Grünfläche?

Auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof III in Mariendorf wird seit Längerem über die Entwicklung eines inklusiven Wohnquartiers diskutiert. Teile der Fläche gelten als geeignet, das sie nur als Funktions- und Abstellflächen des Friedhofs genutzt wurden, nicht als Fläche für Grabstättes.

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Befürworter sehen hier die Chance, barrierearmen und sozial durchmischten Wohnraum zu schaffen. Umweltverbände hingegen warnen vor dem Verlust wertvoller Grünstrukturen und klimatischer Ausgleichsflächen. Der Projektentwickler HAMBURG TEAM will hier ein autoarmes Quartier mit gefördertem Wohnraum und sozialen Einrichtungen errichten, insgesamt 260 Wohnungen sollen entstehen.

Ökologische Bedeutung von Friedhofsflächen im urbanen Raum

Friedhöfe übernehmen in verdichteten Stadtquartieren in der Tat zunehmend ökologische Funktionen. Sie wirken als Kaltluftentstehungsgebiete, CO₂-Speicher und Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen.

Gerade im Kontext zunehmender Hitzeperioden wird ihre Bedeutung in den vergangenen Jahren neu bewertet. Die Debatte in Mariendorf steht durchaus beispielhaft für den Zielkonflikt zwischen Wohnungsbau und Klimaanpassung.

Weißensee in Pankow: Gestopptes Wohn- und Schulprojekt auf Friedhofsfläche

In Weißensee war ebenfalls ein neues Wohnquartier samt Schulneubau auf einer Friedhofsfläche geplant. Das Projekt sollte zur Entlastung des angespannten Wohnungs- und Bildungsmarktes beitragen, der vor allem im Bezirk Pankow besonders umkämpft ist.

Nach intensiven Diskussionen wurde das Vorhaben jedoch gestoppt. Nach aktuellen Angaben des Bezirks scheitert das Projekt vor allem am Naturschutz. Die Prüfungen hätten ergeben, dass der Eingriff in Natur und Landschaft „nicht ausgleichbar“ sei. Vor allem der alte Baumbestand, der auf dem parkähnlichen Gelände gewachsen ist, könne nicht kompensiert werden.

Politische Mehrheiten und gesellschaftlicher Widerstand gegen Umnutzung von Friedhöfen

Der Fall in Weißensee verdeutlicht, dass Umwidmungen ehemaliger Friedhofsflächen politisch hochsensibel sind. Selbst bei dringendem Infrastrukturbedarf können Projekte scheitern, wenn der öffentliche Widerstand zu groß ist.

Planungsprozesse geraten hier schnell unter besonderen Legitimationsdruck. Beteiligung, Transparenz und Kommunikation gewinnen dadurch an Bedeutung. Dies ist bei den verantwortlichen Projektentwicklern allerdings auch schon angekommen und wird in der Regel auch umgesetzt.

Emmauswald in Neukölln: Berliner Senat übernimmt umstrittenes Verfahren

Auch im sogenannten Emmauswald in Neukölln wurde über Wohnungsbau auf einer früheren Friedhofsfläche diskutiert. Das Verfahren war allerdings von Beginn an kontrovers. Die Bezirkspolitik äußerte schon 2023 Vorbehalte wegen der geplanten hohen Bebauungsdichte und der Belastung der Bildungs- und Verkehrsinfrastruktur.

Auch in der Bevölkerung zeigt sich seit jeher Widerstand: Die Initiative „Emmauswald bleibt!“ sieht in dem Vorhaben einen schwerwiegenden Eingriff in den Naturraum. Schließlich zog der Berliner Senat das Projekt an sich. Der Schritt unterstrich die politische Brisanz und die strategische Bedeutung innerstädtischer Flächenreserven.

Umnutzung von Friedhöfen: Kompetenzgerangel zwischen Bezirken und Land Berlin

Der Fall Emmauswald zeigt zudem die komplexen Zuständigkeiten zwischen den Bezirken und der Berliner Landesebene. Bei strategisch relevanten Flächen kann das Land planerisch eingreifen.

Gleichzeitig verschärft dies aber auch die Auseinandersetzungen vor Ort. Initiativen und Umweltverbände sehen darin teils eine Schwächung bezirklicher Mitsprache.

„Publix“ in Neukölln: Vom Friedhof zum Medienstandort

Ein ganz anderes Bild zeigt sich beim Projekt „Publix“ an der Hermannstraße in Neukölln. Auf einem früheren Friedhofsareal entstand hier ein Medienhaus mit gemeinwohlorientierter Ausrichtung.

Die Transformation wurde vergleichsweise konfliktarm umgesetzt. Maßstab, Nutzungskonzept und behutsamer Umgang mit der historischen Struktur spielten dabei eine entscheidende Rolle. Das neue Gebäude wird mittlerweile rege genutzt, verschiedene Unternehmen haben hier ihren Sitz.

Unterschiede zwischen Wohnungsbau und gemeinwohlorientierter Nutzung

Die Beispiele verdeutlichen, dass nicht jede Friedhofsumnutzung gleich bewertet wird. Großflächige Wohnprojekte stoßen häufig auf stärkeren Widerstand als kulturelle oder soziale Einrichtungen. Zugleich hängt die Akzeptanz stark vom jeweiligen Kontext ab. Historische Prägung, ökologische Qualität und planerische Sensibilität beeinflussen die öffentliche Wahrnehmung maßgeblich.

Ehemalige Friedhofsflächen sind aufgrund der zunehmenden Flächenknappheit längst mehr geworden als stille Reserveflächen. Sie berühren Fragen von Identität, Klimaresilienz und sozialer Infrastruktur zugleich. Die andauernden Auseinandersetzungen machen jedenfalls deutlich: zwischen Transformation und Bewahrung muss jede Fläche einzeln neu bewertet werden.

Das „Publix“ ist auf einer ehemaligen Friedhofsfläche an der Neuköllner Hermannstraße entstanden. / © Foto: KEVIN FUCHS FOTOGRAFIE

Anpassung eines lang geplanten Projekts in Mariendorf: Im Vergleich zur ursprünglichen Planung soll auf dem Areal mehr Wohnraum entstehen, insgesamt 260 Wohnungen. Die Anzahl der Gebäude soll gleich bleiben, die Geschosszahl wird erhöht. / © Visualisierung: HAMBURG TEAM© Visualisierung: HAMBURG TEAM, Atelier Loidl GmbH

Georgen-Parochial-Friedhof-III in Weißensee

An der Gustav-Adolf-Straße sollten Teile des „Georgen-Parochial-Friedhofs III“ für ein neues Wohnquartier genutzt werden. Die geplante Bebauung von rund sechs Hektar ist jedoch vorerst gestoppt. / © Foto: Wikimedia Commons, Bodo Kubrak, CC BY-SA 4.0

 

Quellen: Publix gGmbH, Der Tagesspiegel, Architektur Urbanistik Berlin, Bezirksamt Neukölln, Schöpflin Stiftung, Mercator-Stiftung, Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Bezirksamt Pankow, HAMBURG TEAM, Atelier Loidl, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Emmauswald bleibt!, KEVIN FUCHS FOTOGRAFIE

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One Comment

  1. Ewald Karl 24. Februar 2026 at 11:16 - Reply

    Es gibt genpgend freie Flächen für Wohnungsbau an Straßenecken und über Supermärkten. Dass Friedhofsfläche so begehrt sind, hat vermutlich damit zu tun, dass sie aufgrund ihres Bewuchses und ihrer Ruhe trotz zentrumsnaher Lage hoch attraktive Bauflächen für teure Wohnprojekte sind. Es wäre wichtig, diese wertvolle Flächen für alle Berliner zu rhalten, statt sie der Spekulation anheim fallen zu lassen.

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