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Die Ergebnisse einer zweijährigen Auswertung der Wasserqualität des Spreekanals stellen die Zukunft des Flussbad-Projekts erneut infrage. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales spricht von einem „dauerhaften erhöhten Gesundheitsrisiko“ für Badende. Die Initiatoren halten dennoch an ihrem Konzept fest.

Visualisierung des Flussbads im Spreekanal mit schwimmenden Menschen

Die Vision, im Spreekanal schwimmen zu können, möchte der Flussbad Berlin e.V. seit etwa einem Jahrzehnt umsetzen. Ein neues Gutachten könnte dieses Vorhaben nun ausbremsen. / © Visualisierung: Flussbad Berlin e.V., realities:united

© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, abbilder, CC BY 2.0

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Seit Jahren gehört das Flussbad Berlin zu den am kontroversesten diskutierten Stadtentwicklungsprojekten der Hauptstadt. Befürworterinnen und Befürworter sehen in der Idee, den Spreekanal zwischen Museums- und Fischerinsel in ein öffentlich nutzbares Badegewässer zu verwandeln, eine Steigerung der Aufenthaltsqualität und eine ökologische Aufwertung des historischen Zentrums. Kritische Stimmen äußerten sich in den letzten Jahren zunehmend zu den Kosten des Projekts und seiner Machbarkeit.

Nun verleiht eine Auswertung der Wasserqualität durch das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) der Debatte erneut Schärfe. Laut der Gesundheitsbehörde stelle das Baden im Spreekanal ein „dauerhaft erhöhtes Gesundheitsrisiko“ dar, weshalb eine Ausweisung als Badegewässer derzeit „nicht zu befürworten“ sei.

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Über 7,4 Millionen Euro Fördergelder für Flussbad im Spreekanal

Initiiert wurde das Projekt Flussbad Berlin Mitte der 2010er-Jahre vom Flussbad Berlin e.V. Kern der Vision ist es, das Baden in der Spree durch eine naturnahe Wasserreinigung mit Pflanzen- und Kiesschichten zu ermöglichen. Zwischen 2015 und 2019 flossen dafür rund vier Millionen Euro aus Bundes- und Landesmitteln in Forschung, Planung und Öffentlichkeitsarbeit. Insgesamt summieren sich die öffentlichen Förderungen inzwischen auf mehr als 7,4 Millionen Euro, bei weiterhin offener Umsetzungsperspektive.

Kritikerinnen und Kritiker des Projekts wie die Gesellschaft Historisches Berlin (GHB) forderten im März 2025 einen Stopp der Fördergelder. Stattdessen sollte das Geld für dringendere Prioritäten eingesetzt werden. GHB-Vorstandsvorsitzender Gerhard Hoya nannte beispielsweise die Instandsetzung der historischen Mitte Berlins in einen ihrer Bedeutung angemessenen Zustand.

Flussbad Berlin e.V. entgegnet Kritik: Wasserfilterung kostengünstiger als gedacht

Den von Anfang an herrschenden Diskussionen über die Finanzierung des Projekts entgegnete der Flussbad Berlin e.Vbereits 2022 mit eigenen Forschungsergebnissen. Seit 2017 sammelte der zum Laborschiff umgebaute Lastkahn „Hans-Wilhelm“ Daten zur Filterwirkung der Pflanzen und Kieselsteine im betroffenen Spreekanal-Abschnitt.

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Die damaligen Ergebnisse zeigten, dass sich „die Wasserfilterung und Wasserreinhaltung mit einem Bruchteil des ursprünglich geschätzten Aufwands realisieren“ ließen. Die notwendige Filterfläche könne um mehr als 60 Prozent reduziert werden, wodurch aufwendige Baumaßnahmen entfallen könnten, teilte der Verein mit. Das Projekt sei damit „kostengünstiger und ökologischer“ als zunächst angenommen.

Neues Gutachten zur Wasserqualität: Spreekanal sei als Badegewässer „nicht zu befürworten“

Demgegenüber stehen nun die Bewertungen des Lageso. In seiner Stellungnahme kommt das Amt nach Auswertung einer mehrjährigen quantitativen Analyse des Kompetenzzentrums Wasser Berlin zur mikrobiellen Belastung zu dem Schluss, dass eine Ausweisung des Spreekanals als Badegewässer derzeit „nicht zu befürworten“ sei. Begründet wird dies mit einer dauerhaft erhöhten mikrobiellen Grundbelastung durch Mischwassereinleitungen, insbesondere nach Starkregenereignissen.

Nach Einschätzung des Lageso reiche das bislang diskutierte Frühwarn- und Monitoringsystem nicht aus, da es sich vor allem auf E.-coli-Werte stütze und andere gesundheitlich relevante Erreger ausblende. Selbst mit zusätzlichen, kostenintensiven Maßnahmen lasse sich nach Auffassung der Behörde nicht belastbar garantieren, dass die hygienischen Anforderungen dauerhaft eingehalten werden könnten.

Wasserqualität an vielen Tagen „ausreichend“: Flussbad Berlin e.V. plädiert weiterhin für tagesaktuelles Monitoring

Der Flussbad Berlin e.V. weist die Schlussfolgerungen des Lageso entschieden zurück. In einer veröffentlichten Stellungnahme betont der Verein, dass die Aussagen des Amtes die eigenen Planungen nicht grundsätzlich infrage stellten.

Das Gutachten belege durchaus, dass an vielen Tagen – insbesondere bei Trockenwetter – eine Wasserqualität erreicht werde, die im Bereich „gut“ bis „ausreichend“ liege. Zu diesem Schluss kommt laut einer Berichterstattung des rbb auch Wolfgang Seis vom Kompetenzzentrum Wasser Berlin, der die Studie durchgeführt hat. Statt einer formalen Einstufung als EU-Badegewässer plädiert der Verein weiterhin für ein flexibles Modell mit tagesaktuellem Monitoring, wie es etwa in Paris oder Kopenhagen praktiziert werde. Demnach solle das Baden nur an Tagen freigegeben werden, an denen die hygienischen Anforderungen erfüllt sind.

Das eigentliche Hindernis sei weniger die Wasserqualität als die rechtliche Auslegung durch das Land. Dieses hatte versucht, die quantitative Risikoanalyse in das für Berliner Badegewässer angewandte System zu überführen. Der Verein fordert eine differenzierte Betrachtung der Gutachtenergebnisse sowie eine transparente Diskussion darüber, unter welchen Bedingungen ein kontrollierter Badebetrieb im Spreekanal möglich wäre.

Baden in der Spree: Kommt die Pilotbadestelle am Humboldt Forum 2026?

Unabhängig vom Vorhaben des Flussbad Berlin e.V. plant das Land Berlin derzeit eine Pilotbadestelle am Spreekanal nahe des Humboldt Forums. Wie im Mai 2025 bekannt wurde, sollen bereits ab Sommer 2026 erste legale Badezugänge erprobt werden – mit vergleichsweise einfachen Mitteln und einem Budget von rund einer Million Euro. Aber auch hier kann die Freigabe nur unter strengen hygienischen Voraussetzungen erteilt werden.

Die nun vorliegenden Bewertungen des Lageso verschieben die Gewichte in der Debatte, beenden sie aber nicht. Klar ist: Ohne belastbares Monitoring, rechtliche Klarheit und politische Priorisierung bleibt das Flussbad vorerst ein ambitioniertes Versprechen – und ein Prüfstein für den Umgang Berlins mit seinen innerstädtischen Gewässern.

Quellen: Landesamt für Gesundheit und Soziales, Flussbad e.V., rbb, Tagesspiegel, Berliner Morgenpost, Gesellschaft Historisches Berlin

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5 Kommentare

  1. Robur 14. Januar 2026 at 21:12 - Reply

    Das Geld wäre sicher an anderer Stelle besser investiert gewesen. Das lässt sich aber bekanntermaßen über nahezu alles sagen. Was mich dabei etwas ärgert ist, dass hier auch mehr eignes Risikomanagment und Verantwortung für das persönliche Handeln verhindert hätten, dass das Geld überhaupt ausgegeben werden musste. Warum muss denn das Land zwangsläufig garantieren, dass die Wasserqualität immer gut ist. Kann doch wirklich jeder selbst nachschauen, wenn es einen Monitor gäbe. Ist auch hier wieder sinnbildlich, was häufig verhindert. Überregulierung und Versicherung…

  2. Dr. Heide Ellerbrock 15. Januar 2026 at 14:11 - Reply

    Das LAGeSO ist für Badegewässer zuständig und kann aus diesem Grunde nur solche Parameter für Wasserqualität angeben. Der Verein Flussbad kämpft nicht für ein Badegewässer, sondern für das freiheitliche Reinspringen in den Spreekanal auf eigene Verantwortung.
    Worin besteht aber die Gefahr? Das vom Verein als Sicherheitsinstrument angeführte Frühwarnsystem gibt jedoch keine Auskunft über die tatsächlich vorhandenen Gesundheitsgefahren, die in diesem Gewässer lauern.
    Es ist fahrlässig und verantwortungslos dieses Frühwarnsystem überhaupt als Maßstab

    für Wasserqualität anzupreisen. Damit will der Verein ein Sicherheitsgefühl vermitteln und die wirklichen Gefahren ausblenden. Gibt dieses Frühwarnsystem Auskunft über enthaltene Viren, Parasiten, antibiotikaresistente Keime, über die Toxine aus Blaualgen/Cyanobakterien? Nein! Genau auf diese Gesundheitsgefahren weist das LAGeSO in seiner Stellungnahme sehr ausführlich hin. Das verschweigt der Verein.

    • Böhme 16. Januar 2026 at 05:51 - Reply

      Ich hab‘ die Intention des Vereins nie verstanden! Weshalb muss man mittenmang in der Stadt, vor dem Stadtschloss, baden können müssen? Was soll der Quatsch! Werden dann um die Badestelle herum Sonnenliegen stehen, die rechtzeitig mit Badetüchern belegt werden, damit sich die geneigte Schwimmerschaft sich knapp bekleidet vor dem Stadtschloss, also an „prominenter“ Örtlichkeit, sonnen kann?!? Ich bin mal gespannt, wie das bei us-amerikanischen, japanischen, chinesischen usw. Touristen ankommt, wenn der Deutsche seine Bierplautze, den Genitalapparat mit knappem Höschen bedeckt, mit klassischer Kopfbedeckung, Sonnenbrille und Halbliter-Bierdose den Sonnengott anbetet. Absurd, absurd. Der Verein ist das Ergebnis einer psychotisch gelangweilten, dekadenten, hedonistischen Gesellschaft!

  3. Jens Piet Lindenberg 16. Januar 2026 at 13:23 - Reply

    Wer lesen kann ist immer klar im Vorteil, oder Fr. Dr.? Die Belastung, von der im Bericht des LaGeSo die Rede ist, „liegt oberhalb der UNTEREN NACHWEISGRENZE für die untersuchten Krankheitserreger. Besorgniserregend wäre ca. das 70fache! Wovon reden wir also? Die bekannten Gegner*innen des Projektes hofften auf weiteres Schießpulver, das leider trotz des wenigen Starkregens durch diese „neuen“ Ergebnisse feucht geworden scheint.

  4. Dr. Heide Ellerbrock 20. Januar 2026 at 12:15 - Reply

    Die Mitglieder des Vereins Flussbad müssen der Stellungnahme widersprechen, weil sie die 7.4 Mio Euro Fördergelder rechtfertigen müssen. Herr Lindenberg, wer lesen kann, der kann auch wörtlich aus der Stellungnahme zitieren: S.1 „Eine Ausweitung des Spreekanals als Badegewässer ist in Hinblick auf die hygienische Situation und verbundener gesundheitlicher Risiken für Badende derzeit nicht (fettgedruckt und unterstrichen) zu befürworten.“ S.5 „Umfassende und kostenintensive Maßnahmen wären erforderlich, verbunden mit hohem finanziellem und strukturellem Mehraufwand…“

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