Der Estrel Tower befindet sich auf der Zielgeraden. Mit seiner fast fertigen Fassade prägt er schon jetzt das Bild an der Sonnenallee und gehört damit längst zum neuen Wahrzeichen Neuköllns, zu dem er werden soll. Doch was macht die Architektur und Gestaltung des Turms eigentlich so besonders, und wie soll er einmal aussehen?

Visualisierung des Estrel Tower vom Neuköllner Schifffahrtskanal aus gesehen. Der Turm soll künftig das höchste, nicht technische Gebäude Berlins sein. / © Visualisierung: Estrel Berlin, Renderkitchen 3D
© Titelbild: Estrel Berlin, Barkow Leibinger Gesellschaft von Architekten, Renderkitchen 3D
Mit 176 Metern und 44 Geschossen wird der Estrel Tower das höchste, nicht technische Gebäude Berlins. Ob die Stadt mit seiner Fertigstellung tatsächlich ein neues Wahrzeichen bekommt, hängt jedoch nicht allein von der Höhe ab, sondern von der Architektur dahinter.
Der Entwurf für das weithin sichtbare Hochhaus ging 2014 aus einem Wettbewerb hervor und wurde seither mehrfach angepasst, ohne seine ursprüngliche Grundidee zu verlieren. Ein Blick auf das Konzept zeigt, worauf diese im Kern beruht.
Entwurf des Hochhauses an der Sonnenallee: Eine Antwort auf das Estrel Hotel

Der obere Abschluss des Estrel Tower in einer Visualisierung, mit Dachterrasse und Blick über Neukölln. Die charakteristischen Aluminium-Finnen prägen auch hier das Erscheinungsbild der Fassade. / © Visualisierung: Estrel Berlin/Renderkitchen 3D
Der Entwurf für den Estrel Tower stammt vom Berliner Büro Barkow Leibinger, das sich 2014 in einem nicht offenen Wettbewerb durchsetzte. Ausgelobt hatte diesen die Estrel Hotel-Betriebs GmbH, da der Neubau das bestehende Hotel um zusätzliche Kapazitäten erweitern sollte. Als Leitmotiv des Entwurfs nannte Frank Barkow das Prinzip des Tangram-Spiels, bei dem sich die große Baumasse aus einzelnen Elementen zusammensetzt und dadurch besser in den Maßstab der Stadt eingebunden wird.
Diese polygonale Formensprache zieht sich vom Grundriss über die Dachstruktur des Atriums bis zu den Fassaden-Finnen und stellt so einen bewussten Bezug zum benachbarten Bestandshotel her. Barkow Leibinger sprechen in diesem Zusammenhang von einer Family of Forms. Ursprünglich war im Wettbewerbsentwurf noch ein separates, kleineres Bürohochhaus vorgesehen, im Zuge der weiteren Planung wurden die Büroflächen jedoch direkt in den Turm integriert.
Kubatur und Städtebau: Der Turm als Teil eines Hotelensembles

Blick in das Foyer des Estrel Tower mit hoher Verglasung und offener Galerie im ersten Obergeschoss. / Foto: Christian Zilinski
Der Estrel Tower steht nicht für sich allein, sondern bildet zusammen mit Atrium, Grand Hall und Parkhaus ein zusammenhängendes Ensemble. Regine Leibinger betonte, dass der Turm Teil dieses Zusammenspiels verschiedener Bausteine sei, wodurch sich die große Höhe des Gebäudes aus der Fußgängerperspektive relativiere. Der rautenförmige, polygonale Grundriss mit kompaktem Erschließungskern setzt sich dabei bis in die oberen Geschosse fort.
Städtebaulich markiert der Turm gemeinsam mit dem Bestandshotel eine Art Torsituation an der Schnittstelle zwischen der dichter bebauten inneren Stadt und der großmaßstäblicheren Peripherie entlang der Stadtautobahn. Diese Lage zwischen unterschiedlichen städtischen Maßstäben war laut Barkow Leibinger eine zentrale Ausgangsbedingung für den Entwurf, auf die auch die Form des Turms reagiert.
Fassade und Materialität des Hochhauses: Die „flirrende“ Hülle

Visualisierung der geplanten Uferpromenade am Neuköllner Schifffahrtskanal mit Blick auf den Estrel Tower.
Prägendes Gestaltungselement des Turms sind dünne Aluminium-Finnen, die der glatten Glasfassade Tiefe verleihen. Durch ihre optimierte Ausrichtung übernehmen sie zugleich die Funktion eines außenliegenden Sonnenschutzes und wirken damit sowohl gestalterisch als auch funktional. Ergänzt wird dies durch eine Sonnenschutzverglasung sowie teilweise geschlossene Fassadenbereiche, die insgesamt rund 30 Prozent der Oberfläche ausmachen.
Regine Leibinger beschrieb die Fassade als eine Art flirrende Hülle, die sich je nach Licht, Bewegung und Blickwinkel verändere. Aus der Nähe wirke der Turm dadurch anders als aus der Ferne oder in der Vorbeifahrt, wodurch er sich den Betrachtenden immer wieder neu erschließe. Diese bewusste Abkehr von einer glatten, gleichförmigen Oberfläche sollte laut den Architekten der oft als monoton empfundenen modernen Hochhausarchitektur entgegenwirken.
Innenraum und Interior-Konzept: Entwurf setzt auf Zeitlosigkeit statt Trend
Im Innenausbau verzichteten die Architekten bewusst auf kurzfristige Trends oder thematische Gestaltungswelten. Stattdessen entwickelten sie viele Elemente des Innenraums direkt aus der Architektur selbst, wie Regine Leibinger im Gespräch erläuterte. Natürliche Materialien, Farben und eine gewisse urbane Robustheit sollen sich durch das gesamte Gebäude ziehen, während unterschiedliche Lichtstimmungen für Abwechslung zwischen Tag und Abend sorgen.
Zentrales Element ist das Atrium mit seiner dreieckigen Dachstruktur, das als verbindender Raum zwischen den verschiedenen Nutzungen fungiert. Frank Barkow beschrieb es als Ort, an dem Hotelgäste, Büromitarbeitende und Nachbarn gleichermaßen willkommen seien. In den Hotelzimmern wiederum ist die Möblierung konsequent auf den Ausblick ausgerichtet, mit klaren Linien und in die Architektur integrierten Elementen von Wand zu Wand.
Baufortschritt am Hochhaus: Neubau soll bis Ende des Jahres fertig werden

Visualisierung einer Dachterrasse im Estrel Tower mit Bepflanzung und Blick über die Stadt. / © Visualisierung: Estrel Berlin / EVE
Der aktuelle Baustand macht das architektonische Konzept erstmals in seiner Gesamtheit erlebbar. Die Fassade des Turms ist weitgehend geschlossen, auch der Sockelbau entlang der Sonnenallee zeigt inzwischen sein endgültiges Erscheinungsbild. Damit lässt sich das Zusammenspiel der einzelnen Baukörper, das dem Entwurf von Beginn an zugrunde lag, nun auch im Stadtraum ablesen.
Im Inneren schreitet der Ausbau parallel voran, wodurch sich das im Wettbewerb formulierte Konzept aus offenen, verbindenden Räumen zunehmend konkretisiert. Wie stimmig sich Fassade, Kubatur und Innenraumkonzept am Ende tatsächlich zueinander verhalten, wird sich endgültig erst mit der Fertigstellung des gesamten Ensembles zeigen. In unserem nächsten Beitrag werfen wir einen Blick auf die Baustelle und in das Innere des Hauses.
Quellen: BauNetz, competitionline Verlag, Barkow Leibinger Gesellschaft von Architekten
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Der erste „Wolkenkratzer“ Berlins gefällt mir gut, wenn er auch leider nicht so schlank daherkommt wie auf dem Titelbild. Die Flachbauten hingegen gefallen mir nicht, da wäre deutlich Luft nach oben gewesen.
Aber den Streletzkis wünsche ich allen Erfolg, der möglich ist. Die Familie steht für echtes Unternehmertum mit allen Chancen und allen Risiken. Genau davon bräuchten wir mehr in Deutschland, mehr in Berlin!