Wie kaum ein zweiter Film verstand es Wim Wenders‘ Ausnahmefilm „Der Himmel über Berlin“ die Atmosphäre des Lebens im engen West-Berlin und die Gedanken seiner Einwohner auszudrücken. Das Werk wirkt aus heutiger Sicht wie der melancholische Schlussakkord der einstmals geteilten Stadt.

Die Rolle seines Lebens? In Wim Wenders‘ Berlin-Märchen „Der Himmel über Berlin“ spielt Bruno Ganz den zweifelnden Engel Damiel. / © Foto: IMAGO, Allstar

© Foto Titelbild: IMAGO, Allstar

ANZEIGE

 

Schon im Jahr 2022 feierte Wim Wenders‘ Film „Der Himmel über Berlin“ (Englischer Titel: „Wings of Desire“) sein 35-jähriges Jubiläum. Was Wenders nicht wissen konnte: Die intensiven Bilder, die er und sein Team während der Dreharbeiten erschufen, wirken heute wie ein melancholischer Schlussakkord der schmerzhaften Teilungsgeschichte Berlins.

Wenders gelang ein außerordentlicher Kunstgriff, indem er die Geschichte aus der Perspektive zweier Engel erzählen ließ. Diese werden verkörpert von Bruno Ganz (er spielt den Engel Damiel) und Otto Sander (Cassiel).

ANZEIGE

Ein melancholischer Schlussakkord der Teilungsgeschichte Berlins

Der Film brilliert, wenn man sich einmal auf sein langsames Erzähltempo eingelassen hat, auf mehreren Ebenen. Zum einen ist dort die berührende Geschichte des Engels Damiel, der seiner rein geistigen Existenz überdrüssig geworden ist und die Sehnsucht verspürt, sinnliche Empfindungen zu erfahren.

Damiel gelingt es schließlich, seine ewige Existenz als Engel einzutauschen gegen eine irdische (und vor allem endliche) Existenz eines „einfachen Menschen“. Cassiel hingegen, Damiels engster Freund, bleibt allein zurück und hat dadurch auch weiterhin die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Ängste der Menschen mitzubekommen – aber eben immer nur von außen, als Zusehender, Zuhörender. Es bleibt die Distanz und seine Zweifel, ob er Damiel nicht in die Welt der Sterblichen folgen soll.

Der Film lebt vom Handlungsort: West-Berlin Ende der 80er Jahre

Die Intensität wird dieser einfallsreichen, melancholischen Geschichte durch den Ort ihres Geschehens verliehen. Es ist das von Teilung und Zerstörung geprägte West-Berlin Ende der 1980er Jahre, welches in teils dystopischen, ausführlichen schwarz-weißen Bildern gezeigt wird. Dies ist die andere Ebene, die das Wenders-Werk so beeindruckend macht.

ANZEIGE

Es zeigt eine Stadt, die verwundet, orientierungslos und verzweifelt zu sein scheint – und nur in wenigen Momenten hoffnungsvoll und fröhlich. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn sich der Film mit den Kindern beschäftigt, die in der geteilten Stadt aufwachsen. Sie sind zudem die einzigen, die die Engel tatsächlich sehen können.

„Ich kann ihn nicht finden, den Potsdamer Platz“

Der Film ist vor allem dann stark, wenn sich seine nachdenklichen Protagonisten mit sich und der sie umgebenden, merkwürdig zerschundenen, städteräumlichen Umgebung auseinandersetzen. Der Greis, der durch das Niemandsland an der Berliner Mauer irrt und den alten Potsdamer Platz sucht – und ihn einfach nicht finden kann.

Oder Peter Falk der, ebenfalls ein sehr gelungener Kunstgriff des Films, sich selbst spielt und dem Engel Damiel die Vorlage gibt für sein Vorhaben, ein Mensch zu werden. Denn Peter Falk gibt sich ebenfalls als „Überläufer“ zu erkennen. Er selbst war ein Engel und hat den Schritt in die irdische Welt getan. In Berlin weilt er aufgrund von Dreharbeiten für einen Film.

ANZEIGE

Der Film wechselt zwischen schwarzweißen und farbigen Bildern

Die Umgebung, in welcher er Damiel sein Geheimnis offenbart, könnte deprimierender und faszinierender kaum sein: Eine heruntergekommene Imbissbude, die unweit der Ruinen des einstigen Anhalter Bahnhofs steht.

Als man sich dann an die omnipräsente Nachdenklichkeit und die Tristesse des Films gewöhnt hat, macht er plötzlich eine unerwartete Wendung. Durch die Menschwerdung des Engels Damiel scheint auch der Film selbst wachgeküsst zu werden.

Die Menschwerdung des Engels Damiel verändert die Atmosphäre des Films

Die Lebenslust, die Bruno Ganz in herausragender Weise spielt und vorträgt, ist mit jeder Faser zu spüren. Und so läuft er durch die gleiche, verfallende Stadt wie er es schon zuvor getan hat. Aber mit sehr viel mehr Energie, Lust und Lebensfreude. Und das zuvor in schwarzweiß und sepia gezeigte Berlin bekommt plötzlich Farbe und Rasanz. Und sehr viel mehr Lebendigkeit.

Dies liegt vor allem auch am Mitwirken des Sängers Nick Cave, der Ende der 80er Jahre selbst in West-Berlin lebte und dem Finale des Films durch eine mitreißende Live-Performance in den Überresten des einstigen Hotel Esplanade die passende Begleitmusik gibt.

Am Ende: Ein optimistischer Blick in die Zukunft

Denn aus der bleiernen Schwere des Films wird am Ende tatsächlich ein optimistischer Blick in die Zukunft. Fast hellseherisch, möchte man meinen, denn auch die Zukunft der geteilten Stadt sollte nur wenige Jahre später eine ganz andere, sehr viel positivere sein.

Was beim neuerlichen Ansehen des Films vor allem beeindruckt, ist weniger die Geschichte um die zwei Engel, die ihrerseits völlig frei durch alle Mauern dieser Stadt wandeln können und die Enge West-Berlins nur sehen, aber nicht wirklich empfinden können.

Das raue, unferige West-Berlin der 1980er Jahre ist in diesem Film lebendig wie nie

Nein, es ist viel mehr der ungeschönte Blick auf eine Stadt, wie es sie heute nicht mehr gibt. Viele der im Film gezeigten Orte sind längst bebaut und mitunter kaum wiederzuerkennen. Einige mögen das raue, unfertige und kaputte vermissen, das die Subkultur der 80er Jahre in West-Berlin ausgemacht hat.

Aber genauso unvorstellbar ist es, würde Berlin heute noch immer so aussehen. Wer es sich aber vorstellen möchte, sollte „Der Himmel über Berlin“ unbedingt sehen.

Bruno Ganz während der Dreharbeiten zum Film „Der Himmel über Berlin“ im Mai 1987 an der Berliner Mauer in West-Berlin. / © Foto: IMAGO, Allstar

 

Zwei ausgewählte Ausschnitte des Film „Der Himmel über Berlin“ seht Ihr hier:

Wings of Desire 1987 Fragmento

Peter Falk - Der Himmel Uber Berlin (Wings of Desire) , 1987

Quelle: Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“ (1987)

Jetzt PLUS-Kunde werden

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.

Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.