Der Wasserturm Steglitz ist ein Bauwerk mit langer Geschichte, aber ohne echte Betriebsphase. Er steht bis heute sinnbildlich für die vergeblichen Bemühungen des „größten Dorfs Preußens“, eine eigene Wasserversorgung aufzubauen. Obwohl er viele Jahrzehnte leer stand, wird er heute dennoch genutzt, allerdings sehr unorthodox. 

Was als Herzstück einer unabhängigen Wasserversorgung gedacht war, wurde schnell zum stummen Monument. Der Wasserturm Steglitz erzählt von ehrgeizigen Plänen, die von der Stadtentwicklung überholt wurden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Leonhard Lenz(CC0 1.0)
© übrige Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT

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Nach der anfänglichen Zurückhaltung der Bevölkerung gegenüber dem neuen Wasserleitungsnetz kehrte sich diese defensive Haltung gegenüber dem Neuen doch noch um, denn die Menschen erkannten letztlich die Vorzüge einer permanenten Wasserverfügbarkeit.

Diese Umkehr von der relativ lang andauernden Rückständigkeit der Berliner Wasserversorgung zeigte sich nun fortschrittlich. Mit dieser technisch gut ausgeklügelten Wasserversorgungstechnik war Berlin plötzlich die erste deutsche Stadt, die über ein derartig modernes Wasserversorgungswerk für die Bevölkerung und die Industrie verfügte. Aber wie genau sah diese neue Wassertechnik aus?

Technische Voraussetzungen für Berlins modernes Wasserversorgungssystem

Die entscheidende Voraussetzung, jederzeit über fließendes Wasser verfügen zu können, war die Installation eines Zwischenspeichers, der als Wasserreservoir diente, wenn in der Nacht im Wasserwerk die von Maschinen angetriebenen Pumpen ausgeschaltet wurden.

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Am Beispiel des ersten in Berlin errichteten Wasserturms in Prenzlauer Berg nutzte man die geografischen Gegebenheiten des zu jener Zeit höchst gelegenen Areals, des Windmühlenbergs.
Der kreisrunde offene Wasserspeicher an diesem hoch gelegenen Punkt ermöglichte die Wasserversorgung bis in die zweite Etage aller im Spreetal liegenden Häuser.

Ausgeklügelter Wasserverlauf: 34 Meter hoher Steigrohrturm

Die Berlin Waterworks Company AG ließ allerdings neben diesem offenen Wasserspeicher noch einen Steigrohrturm errichten, der am Ende der Leitung des Behälters stand und zur Sicherung der Pumpen bei Drucküberlastung diente.

Der Wasserverlauf war so konzipiert, dass das Wasser vom Wasserwerk unmittelbar ins Stadtnetz gelangte und erst dann in das Steigrohr des Turms stieg, wenn der Wasserdruck im Pumpwerk höher war als der Verbrauch in den Haushalten.

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Wassertürme dienten auch der Berliner Feuerwehr als Wasserquelle

Bei Überdruck gelangte das überschüssige Wasser in das obere Ende des Steigrohrs und floss anschließend über ein Fallrohr in das offene Wasserreservoir. Die Höhe des Wasserturms mit insgesamt sieben Geschossen ermöglichte so auch die Drucksteuerung des Wassernetzes.

Trotz eines in den Jahren 1877/78 neben dem Steigrohrturm zusätzlich gebauten Pumpwerks blieb der Turm weiterhin in Betrieb und diente den Pumpen als Sicherheitsventil. Die Aufrechterhaltung des Turmbetriebs ermöglichte darüber hinaus die Drucksteigerung im Wassernetz; wichtig bei dem zunehmenden Wasserbedarf, aber auch als zusätzliche „Wasserquelle“ für die Feuerwehr bei der Brandbekämpfung.

Berlin wächst: Neue Formen der Wasserversorgung werden notwendig

Das permanente Wachstum der Stadt und die immer höhere Bebauung machten wenige Jahre später eine Erweiterung der Anlage erforderlich. Mit dem Bau eines weiteren Maschinenhauses mit Dampfmaschine und Pumpwerk konnte die Fördermenge in Prenzlauer Berg verdoppelt werden.

Darüber hinaus wurde der 1856 errichtete offene Erdbehälter, der zur Versorgung der tiefer gelegenen Stadtteile diente, durch einen weiteren Wasserbehälter mit einem Durchmesser von 44 Metern und einem Fassungsvermögen von 9.000 Kubikmetern ergänzt. Um die höher gelegenen Häuser mit ausreichend Wasser zu versorgen, wurde dieser neue Behälter im Jahr 1907 auf einer Stahlkonstruktion bis zur Höhe des früheren Daches angehoben.

Prenzlauer Berg: Pumpwerk an der Belforter Straße stellt Betrieb ein

Als die Gesamtanlage auf dem ehemaligen Windmühlenberg in Prenzlauer Berg 1914 aus dem Wassernetz genommen wurde, verlor sie ihre Funktion als Speicher und Steuerungselement im Wasserkreislauf vollständig. Allerdings blieb der Wasserturm noch bis 1952 im Netz, diente jedoch nicht mehr der nächtlichen Wasserversorgung, sondern als Druckanzeiger und Ausgleichsbehälter.

Den Zweiten Weltkrieg überstand die Anlage relativ unbeschädigt, lediglich der Treppenturm des großen Wasserbehälters wurde bei einem Bombenangriff getroffen. Der kleinere Wasserbehälter, zwischenzeitlich überdacht, diente im Krieg als Luftschutzraum.

Heute wird der denkmalgeschützte Wasserturm in Prenzlauer Berg als Wohnturm genutzt

Bis heute ist der Turm zugleich ein Wohnhaus. Bereits nach der Fertigstellung zogen Angestellte der Wasserwerke dort ein, insgesamt acht Wohnungen mit jeweils zwei pro Etage von der ersten bis zur vierten Etage. Im Erdgeschoss befanden sich die Hauswartwohnung und die Werkstatt.

Mittlerweile wird die vorhandene Freifläche als Park- und Spielplatz genutzt, und in einem noch bestehenden Nebengebäude ist ein Kindergarten eingezogen. Unmittelbar nach dem Fall der Mauer begannen in der Stadt die Diskussionen über den weiteren Verbleib des „Dicken Hermann“, der stark renovierungsbedürftig war.

Pankow: Nach dem Mauerfall wurde acht Jahre über die Eigentumsverhältnisse des Wasserturms gestritten

Nachdem sich das Bezirksamt und die Wohnungsbaugesellschaft Prenzlauer Berg nach achtjährigen Verhandlungen über die Besitzverhältnisse geeinigt hatten, wurde im Frühjahr 2000 eine auf 4 Millionen D-Mark veranschlagte, aufwendige Renovierung des Wasserturms in Auftrag gegeben. Seit 1991 steht der Turm unter Denkmalschutz.

Als Wahrzeichen der Wasserversorgung innerhalb Berlins blieben der Turm und die um ihn herum errichteten Zusatzgebäude erhalten, auch nach dem Willen der Bevölkerung. Um solche Baudenkmale weiterhin unverändert in Augenschein nehmen und kulturhistorisch nutzen zu können, hat das Förderband Kulturbüro einen Nutzungsvertrag erstellt, der dafür sorgt, dass diese Kultureinrichtung der Öffentlichkeit zugänglich bleibt.

Im „größten Dorf Preußens“: Der historische Wasserturm Steglitz

Auch der in der Steglitzer Bergstraße stehende Wasserturm ist ein gutes Beispiel dafür, wie Wassertürme, die ihre Funktion als Wasserspeicher und -lieferanten schon lange verloren haben, später für eine sinnvolle Nutzung zur Verfügung stehen können.

Steglitz galt vor der Eingemeindung als Ortsteil von Groß-Berlin als „größtes Dorf Preußens“. Ursprünglich wurde das Dorf Steglitz mit seinen gut 7.000 Einwohnern seit 1885 von der Charlottenburger Wasserwerk AG mit Wasser versorgt. Da die Einwohnerzahl stetig stieg – 1905 lag sie bei 32.000 und 1920 bereits bei 83.000 –, beanspruchten die Steglitzer eine von der Charlottenburger Wasserwerk AG eigenständige und unabhängige Wasserversorgung.

Eigene Wasserversorgung für Steglitz: Selbstbewusstsein wird zum Fiasko

Das Selbstbewusstsein der Gemeindevertreter war derart ausgeprägt, dass man den Vertrag mit den Charlottenburgern zum Jahr 1916 kündigte. Ein Grund bestand darin, dass der Gemeinde der Anteil an den Bruttoeinnahmen der Wasserversorgung in Höhe von fünf Prozent sowie die kostenlose Bereitstellung von Löschwasser zu gering erschienen.

Man wollte mit einer eigenen Wasserversorgung mehr verdienen. Diese Entscheidung erwies sich im Nachhinein als nicht sinnvoll, denn im näheren Umfeld von Steglitz fand man nicht ausreichend Wasser, sodass das „Dorf“ 1914 einen Vertrag mit dem Gemeindewasserwerk Lichtenberg zur Lieferung von Wasser schloss.

Damit einher ging auch der Bau einer 22 Kilometer langen Wasserleitung, der jedoch scheiterte, da die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs sowie langanhaltende Verhandlungen mit den Gemeinden wegen der Durchleitung der Rohre den Bau erheblich verzögerten. Letztlich entschied der Minister des Inneren, die Arbeiten an den Wasserleitungen einzustellen.

Steglitzer Wasserturm: Wahrzeichen für vergebliche Bemühungen einer eigenständigen Wasserversorgung

Der Steglitzer Wasserturm steht somit als Wahrzeichen für die vergeblichen Bemühungen der Steglitzer um eine selbstständige Wasserversorgung. Der vom Architekten Hans Heinrich Müller bereits 1916 entworfene, aber erst 1919 eingeweihte Wasserturm befand sich auf einem höher gelegenen Areal, den „Rauhen Bergen“, damals noch unbebaut, südlich des Steglitzer Friedhofs. Mit Rücksicht auf den Friedhof gestaltete der Architekt den Turm in Form eines griechischen Rundtempels, der bis heute in dieser Form erhalten ist.

Doch kaum war der Turm seiner Bestimmung übergeben, wurde er ein Jahr später Opfer der Gründung von Groß-Berlin. Steglitz wurde eingemeindet und an das Berliner Wassernetz angeschlossen. Schon in den 1920er-Jahren gab es Versuche, für den mittlerweile überflüssig gewordenen Wasserturm neue Nutzungen zu erschließen, zunächst in Verbindung mit dem direkt benachbarten Friedhof.

Seit den 1920er Jahren gab es Pläne für eine Umnutzung des Wasserturms

Auf drei Galeriegeschossen des Turms sollte eine Urnenhalle nach den Plänen von Stadtbaurat Fritz Freimüller entstehen. Aus immer wieder neu vorgebrachten Gründen scheiterte dieser Plan jedoch, sodass der Turm dauerhaft leer stand. Der Wasserturm wurde im Jahr 1993 schließlich unter Denkmalschutz gestellt, was weitere Nutzungsansätze allerdings nicht erleichterte.

Kurz vor dem 80. Geburtstag des Turms fand sich jedoch ein engagierter Investor: der Berliner Arzt und Verleger Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des „arznei-telegramms“. Er investierte 2 Millionen D-Mark in den Turm, um ihn zu seinem neuen Unternehmenssitz zu machen; der Bezirk Steglitz und der Berliner Senat steuerten gemeinsam weitere 2,2 Millionen D-Mark bei.

1990er Jahre: Ein Unternehmer will den Wasserturm Steglitz zum Unternehmenssitz machen

Die für die Urnenhalle vorgesehenen drei Galeriegeschosse blieben erhalten, wobei nun statt der Urnen die Schreibtische der Verlagsmitarbeiterinnen zwischen den Säulen Platz fanden.
Über allem thront weiterhin der 2.000 Kubikmeter fassende Wasserkessel. Anfang des Jahres 2000 wurde der Wasserturm nach 17-monatiger Bauzeit den neuen Nutzerinnen für zwanzig Jahre mietfrei übergeben.

Sowohl die A.T.I. Arzneimittelinformation GmbH als Nutzerin der Immobilie als auch der Bezirk Steglitz und der Berliner Senat legten bei der Renovierung des Turms großen Wert darauf, dass die Innenraumgestaltung mit der offenen Halle und den Galerien erhalten blieb.

Der Wasserturm Steglitz wird heute von der A.T.I. Arzneimittelinformation GmbH genutzt

Gleichzeitig sollte der Innenraum anstelle der zuvor düsteren Atmosphäre zu einer lichtdurchfluteten offenen Halle mit möglichst hoher Aufenthaltsqualität werden. Die A.T.I. hat sich auf die kritische Information für Ärztinnen spezialisiert.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schätzen diese ungewöhnlich helle und ruhige Arbeitsplatzatmosphäre. Der offene Raum ermöglicht sowohl Nähe als auch Distanz zu den Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen, was kurze Kommunikationswege ebenso zulässt wie die Möglichkeit, sich in eine Nische zurückzuziehen. Für eine kleine Redaktion wie die der A.T.I. ist dies zweifellos ein Vorteil.

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Der Wasserturm Steglitz befindet sich unweit der Bismarckstraße im heutigen Bezirk Steglitz-Zehlendorf. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Vorreiter: Der Wasserturm am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg ist heute der älteste erhaltene Wasserturm Berlins und wurde zwischen 1875 und 1877 errichtet. Er war über Jahrzehnte ein wichtiger Bestandteil der städtischen Wasserversorgung und prägte das Bild des aufstrebenden Berliner Nordostens. / © Foto: Wikimedia Commons, Joe Mabel / CC BY-SA 4.0

Quellen: Jens U. Schmidt – Wassertürme in Berlin, Regia Verlag, 2010 / Bärthel, H. – Wasser für Berlin, Verlag für Bauwesen, 1997 / Zeitschrift Kultur & Technik, 4/2000, 7/7, Perspektiven eines wasserlosen Turmes / Berliner Zentrum Industriekultur

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3 Kommentare

  1. Löwe 9. Januar 2026 at 07:37 - Reply

    Vielleicht werden solche Wassertürme in Zukunft wieder nutzbar gemacht um die Wasserversorgung zu gewährleisten. Einmal ist die Region sehr trocken und dann sind die Eisenwerte in der Spree zu hoch, eine teure Folge der Kohlegewinnung, vom Tagebau, Grundwasserabsenkung.

    Zitat: Braun gefärbtes Wasser und zäher brauner Schlamm – seit über einem Jahrzehnt wird die Spree bei Spremberg mit so viel Eisenhydroxid belastet, dass der Fluss an vielen Stellen braun verfärbt ist. Grund dafür sind die Folgen des Tagebaus. [..] Aus den Zuläufen wurden in den letzten zehn Jahren 500.000 Tonnen Eisenhydroxid-Schlamm geholt [..] Verhindert werden sollte damit vor allem die Ausbreitung des Eisenhydroxids bis in das Biosphärenreservat Spreewald. Im vergangenen Jahr wurden dabei allein 6.000 Tonnen aus dem brandenburgisch-sächsischen Abschnitt der Spree gefiltert. [..] Anschließend wurde der Schlamm getrocknet und auf Deponien entsorgt. Dennoch gelangte ein Teil des Eisenschlamms in die Oberläufe der Fließe und die kleinen Kanäle im Spreewald. Laut Radigk sind insgesamt bisher 110 Millionen Euro in die Bekämpfung des Eisenhydroxids geflossen. https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2025/06/eisenhydroxid-schlamm-spree-spremberg-tagebau.html

    Die Spree mündet in der Spandauer Havel https://de.wikipedia.org/wiki/Spree#Berlin

    Zitat: „Die Hauptstadtregion, also Berlin mit seinen 3,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern und seine Umgebung, ist eine der trockensten Gegenden Deutschlands. In diesem Jahr schlägt die Frühjahrestrockenheit hier besonders zu, doch mittelfristig dürfte die sichere Wasserversorgung auch aus einem anderen Grund ein Hauptthema in der Metropole werde: Die Spree als eine Hauptlieferantin wird wegen des Braunkohleausstiegs in der nahen Lausitz künftig weniger Wasser führen. Eine neue Untersuchung empfiehlt nun, die Entnahme von Spreewasser zu verteuern, um vor allem Industrie und Gewerbe zur Einsparung des kostbaren Nasses zu animieren.“ Werde das Problem nicht frühzeitig angegangen, drohten Engpässe und Verteilungskonflikte. https://www.fr.de/politik/berlin-und-der-region-droht-wegen-trockenheit-ein-starker-wassermangel-93749374.html

  2. […] Weiter auf ENTWICKLUNGSSTADT … […]

  3. Max 14. Januar 2026 at 12:10 - Reply

    das waren noch Zeiten als man solchen Zweckbauten grossartige Architektur angedeien liess.

    Dem Vorredner ist zuzustimmen, weil das Wasser in Höhen über dem 6.Stockwerk gepumpt werden muss, und das fällt bei Stromausfall schnell flach.

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