Landeseigene Wohnungen, private Investoren oder Genossenschaften: Der Berlin-Wahl-Check vergleicht, wie SPD, CDU, Grüne, Linke und AfD Eigentum und Stadtentwicklung steuern wollen

Demonstrationen der Initiative "Deutsche Wohnen enteignen" in Berlin.

Die Forderung nach der Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände bleibt politisch umstritten: Während Grüne und Linke den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ umsetzen wollen, lehnen CDU und AfD eine Vergesellschaftung ab. / © Foto: Wikimedia Commons, Shushugah, CC BY-SA 4.0

© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

ANZEIGE

 

Berlin verändert sich nicht nur durch neue Gebäude. Mit jedem Grundstücksverkauf, jedem Ankauf eines Mietshauses und jeder Vergabe landeseigener Flächen wird auch entschieden, wer langfristig über die Stadt verfügen kann. Gehört ein Grundstück dem Land, einer Genossenschaft oder einem gemeinwohlorientierten Träger, lassen sich Nutzungen und Mieten über lange Zeit beeinflussen. Wird Boden dagegen verkauft, bestimmen private Eigentümer weitgehend über seine weitere Entwicklung.

Diese Eigentumsfrage berührt nahezu alle Themen der Stadtentwicklung. Sie entscheidet mit darüber, wie viele bezahlbare Wohnungen entstehen, wer neue Quartiere baut und ob öffentliche Flächen dauerhaft für soziale, kulturelle oder gewerbliche Nutzungen gesichert bleiben. Gleichzeitig braucht Berlin private Unternehmen, Genossenschaften und institutionelle Investoren, weil die öffentliche Hand den gesamten Neubau und die Modernisierung des Bestands nicht allein finanzieren kann.

ANZEIGE

Die Parteien ziehen daraus sehr unterschiedliche Schlüsse. ENTWICKLUNGSSTADT vergleicht vor der Wahl die stadtentwicklungspolitischen Konzepte der fünf derzeit größten Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus. Der zehnte und letzte Teil der Serie untersucht, wie CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und AfD das Verhältnis von öffentlichem Eigentum, privaten Investitionen und gemeinwohlorientierter Stadtentwicklung ordnen wollen.

SPD: Öffentliche Bestände ausbauen und private Bauherren einbinden

Die SPD setzt auf ein gemischtes Modell aus landeseigenem, genossenschaftlichem und privatem Wohnungsbau. Die sechs landeseigenen Wohnungsunternehmen sollen weiter bauen, ihre Bestände ausweiten und vor allem Wohnungen für Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen bereitstellen. Landeseigene Grundstücke will die Partei schneller für Wohnungsbau mobilisieren und bevorzugt mit kommunalen Unternehmen sowie gemeinwohlorientierten Genossenschaften entwickeln. Auch in großen Entwicklungsgebieten sollen öffentliche und gemeinwohlorientierte Akteure eine wichtige Rolle übernehmen. Privater Wohnungsbau bleibt zugleich Bestandteil der Strategie, soll jedoch stärker mit Sozialbindungen und Vorgaben für bezahlbare Wohnungen verknüpft werden.

Die SPD will außerdem verhindern, dass bestehender Wohnraum dauerhaft dem regulären Mietmarkt entzogen oder ausschließlich zur Erzielung kurzfristiger Renditen genutzt wird. Dazu gehören schärfere Regeln gegen Zweckentfremdung, spekulativen Leerstand und missbräuchliche möblierte Vermietung. Im Unterschied zu Grünen und Linken macht das Programm die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen jedoch nicht zum zentralen Instrument seiner Eigentumspolitik. Stattdessen setzt die SPD stärker auf Neubau, Ankauf, Regulierung und einen wachsenden kommunalen Bestand. Private Investoren bleiben damit ausdrücklich Teil der Berliner Stadtentwicklung, sollen sich aber an sozialen und städtebaulichen Vorgaben beteiligen.

ANZEIGE

CDU: Eigentumsbildung fördern und privaten Wohnungsbau stärken

Die CDU betrachtet privates Eigentum als wichtigen Bestandteil ihrer Wohnungspolitik. Mit einem Berliner Eigentumsbonus will sie den erstmaligen Erwerb selbst genutzter Wohnungen fördern. Vorgesehen sind 10.000 Euro pro erwachsener Person und 5.000 Euro pro Kind, begrenzt durch Einkommensvorgaben. Zusätzlich soll die Grunderwerbsteuer beim erstmaligen Kauf selbst genutzten Wohneigentums teilweise entfallen. Familien sollen außerdem über ein Mietkaufmodell schrittweise Eigentum erwerben können. Die CDU will auch Mietern landeseigener Wohnungsunternehmen ermöglichen, ihre bisherige Wohnung zu kaufen. Damit unterscheidet sie sich deutlich von Parteien, die kommunale Bestände ausschließlich dauerhaft in öffentlicher Hand halten wollen.

Die landeseigenen Gesellschaften bleiben im CDU-Programm dennoch wichtige Bauherren und Vermieter. Sie sollen weiter neue Wohnungen errichten, zugleich aber mehr Spielraum bei der Belegung erhalten. Die CDU will die Vergabepraxis stärker an einer sozialen Mischung der Quartiere ausrichten und neben Haushalten mit Wohnberechtigungsschein auch Familien, Auszubildende, Studierende und Haushalte mit mittleren Einkommen berücksichtigen. Für zusätzlichen Neubau setzt die Partei stark auf private und genossenschaftliche Akteure, die durch schnellere Genehmigungen, weniger Vorschriften und bessere Investitionsbedingungen aktiviert werden sollen. Eine Vergesellschaftung privater Wohnungsunternehmen lehnt die CDU ab; ihr Modell beruht auf Kooperation zwischen öffentlichem Bestand, privater Investition und individueller Eigentumsbildung.

Grüne: Öffentlichen Boden sichern und Gemeinwohlträger bevorzugen

Die Grünen wollen landeseigene Grundstücke grundsätzlich nicht mehr privatisieren. Dieses Ziel soll in einem Bodensicherungsgesetz festgeschrieben werden. Die Berliner Immobilienmanagement GmbH soll sich weniger an maximalen Einnahmen und stärker an einer nachhaltigen sowie gemeinwohlorientierten Entwicklung ausrichten. Eine zentrale Boden- und Liegenschaftsagentur soll Vergaben transparent dokumentieren und strategisch steuern. Öffentliche Grundstücke sollen nicht an den Meistbietenden gehen, sondern über verpflichtende Konzeptverfahren vergeben werden. Entscheidend wäre damit nicht allein der Preis, sondern der soziale, ökologische und städtebauliche Nutzen eines Projekts.

ANZEIGE

Genossenschaften, Stiftungen, das Mietshäuser Syndikat und andere gemeinwohlorientierte Träger sollen leichter Zugang zu Grundstücken und Finanzierung erhalten. Die Grünen planen einen Genossenschaftspakt, günstige Erbbaurechtskonditionen und eine stärkere Förderung beim Erwerb von Genossenschaftsanteilen. Bei Konzeptvergaben soll ein Mindestanteil für gemeinwohlorientierte Akteure vorgesehen werden. Zugleich befürwortet die Partei die Umsetzung des Volksentscheids „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ und hält eine Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände für rechtlich möglich und finanzierbar. Private Unternehmen bleiben zwar Teil des Wohnungsmarktes, sollen aber verbindlich und dauerhaft bezahlbaren Wohnraum schaffen sowie stärker dem Gemeinwohl verpflichtet werden.

Die Linke: Mehr Wohnungen und Boden dauerhaft in öffentliche Hand

Die Linke formuliert den umfassendsten Anspruch auf öffentliche Kontrolle des Berliner Bodens und Wohnungsmarktes. Landeseigene Grundstücke sollen grundsätzlich nicht verkauft, sondern dauerhaft im öffentlichen Eigentum gehalten werden. Die Partei will den Bestand der kommunalen Wohnungsunternehmen durch Neubau und Ankauf deutlich vergrößern. Auf landeseigenen Flächen sollen neue Wohnungen vollständig preis- und belegungsgebunden entstehen. Bei privaten Bauprojekten fordert sie entweder die Übertragung eines erheblichen Flächenanteils an das Land oder weitreichende Mietpreis- und Belegungsbindungen. Bodenpolitik wird damit zum zentralen Instrument, um private Wertsteigerungen zu begrenzen und dauerhaft bezahlbare Nutzungen zu sichern.

Darüber hinaus will Die Linke den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ umsetzen und die Bestände großer profitorientierter Wohnungskonzerne in Gemeineigentum überführen. Die Wohnungen sollen nicht unmittelbar Teil der bestehenden Landesunternehmen werden, sondern in einer neuen, demokratisch kontrollierten Anstalt öffentlichen Rechts organisiert werden. Genossenschaften und andere gemeinwohlorientierte Träger betrachtet die Partei als wichtige Ergänzung des kommunalen Bestands. Private Investoren sollen weiterhin bauen können, allerdings nur unter stärkeren sozialen, ökologischen und bodenpolitischen Bedingungen. Anders als SPD oder CDU setzt Die Linke somit nicht primär auf eine Balance der Eigentumsformen, sondern auf eine deutliche Verschiebung zugunsten öffentlicher und gemeinschaftlicher Verfügung.

AfD: Mehr individuelles Eigentum und mögliche Verkäufe öffentlicher Bestände

Die AfD will den Erwerb selbst genutzten Wohneigentums erheblich erleichtern. Menschen mit ausreichendem Einkommen, aber fehlendem Eigenkapital sollen öffentliche, eigenkapitalersetzende Bürgschaften erhalten. Für einheimische Ersterwerber einer selbst genutzten Immobilie will die Partei die Grunderwerbsteuer vollständig abschaffen. Gleichzeitig fordert sie einen Steuersatz von 20 Prozent für Immobilienkäufe durch Investoren, die außerhalb der Europäischen Union ansässig sind. Die AfD versteht individuelles Wohneigentum vor allem als Schutz vor Mietsteigerungen, Gentrifizierung und Altersarmut und will mehr Berlinerinnen und Berliner beim Erwerb selbst genutzten Wohneigentums unterstützen.

Auch öffentliche Wohnungsbestände sollen nach dem Programm grundsätzlich veräußert werden können. Bei der Vergabe zum Verkauf stehender Wohnungen landeseigener Gesellschaften möchte die AfD Menschen mit langjährigem Lebensmittelpunkt in Berlin bevorzugen. Genossenschaften sollen stärker gefördert, bei der Vergabe landeseigener Grundstücke bevorzugt und auch bei einer Privatisierung öffentlicher Wohnungsbestände besonders berücksichtigt werden. Enteignungen großer Wohnungsunternehmen lehnt die Partei strikt ab.

Wem Berlin gehört, bestimmt auch, wie sich die Stadt entwickelt

Der Vergleich zeigt eine der deutlichsten politischen Trennlinien der gesamten Serie. SPD und CDU halten an einem gemischten Wohnungsmarkt fest, setzen jedoch unterschiedliche Akzente. Grüne und Linke wollen die Verfügungsgewalt der öffentlichen Hand wesentlich stärker ausbauen. Das AfD-Konzept setzt auf selbstgenutztes Wohneigentum.

Damit entscheidet die Berlin-Wahl 2026 auch über die Grundsatzfrage, wer langfristig von der Wertentwicklung der Stadt profitiert, wer über ihre Flächen verfügen kann und welchen Einfluss die öffentliche Hand auf Mieten und Nutzungen behält. Am Ende geht es deshalb nicht nur darum, was gebaut wird. Sondern darum, wer Berlin baut – und wem die Stadt danach gehört.

 

Quellen: Wahlprogramme der SPD, CDU, Bündnis 90 / Die Grünen, Die Linken und AfD für die Berlin-Wahl 2026

Jetzt PLUS-Kunde werden

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.

Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag

3 Kommentare

  1. Ewald Karl 16. August 2026 at 13:36 - Reply

    Gute Zusammenfassung, die klarmacht:
    Wer sich von Altersarmut bedroht fühlt, soll laut AfD einfach schnell 500000 Euro für einen Immobilienkauf zusammenkratzen.
    Mieter dienen dieser Partei wie der CDU offenbar nur dazu, sie durch Immobilienbesitzer zu melken.

  2. Bernd Michalski 19. August 2026 at 18:55 - Reply

    Egal welche Parteien in Regierungsverantwortung kommen. Fakt ist, dass Diejenigen, deren Einkommen bzw. Honorare durch die Höhe der Baukosten bestimmt werden, kein Interesse an niedrige Baupreise beim Bau von Wohnungen haben.
    Also Baubetriebe, Makler, Architekten, Projektentwickler, Notare, Steuerbehörde oder auch die Fonds-Verwalter.

    Deshalb das ewige Geschrei nach Subventionen. Also, so genannter geförderter Wohnungsbau in Verbindung mit Sozialbindung und deren Ablauf nach 15 Jahren und in Folge die Erhöhung der Mieten auf Marktniveau.

    Die Alternative im Wohnungsbau wäre die Entflechtung von der Beton-Fraktion hin zu effizienteren Bauweisen.

    Die Leichtbau-Plattform-Montagebauweise: Ein radikaler Paradigmenwechsel. Weg vom klassischen Bauwesen im Wohnungsbau, hin zur industriellen Fertigung
    (Product-as-a-Service).
    Die Übertragung des OEM-Prinzip (Original Equipment Manufacturer) aus dem Automobilbau auf den Wohnungsbausektor.
    Eine modulare Plattformstrategie, ähnlich dem modularen Querbaukasten“ (MQB) bei VW.

    Kein Bauträger, kein Bauleiter, kein Projektentwickler, keine Ausschreibungen, keine Vergaben, keine Gewerke-Koordinierung, kein Wasser, kein Baurestmüll, Beton nur für die Gründung.

  3. Steglitzer 27. August 2026 at 10:46 - Reply

    Das Projekt privater Wohnungsmarkt ist gescheitert. In 90 % der Großstädten Europas ist die Innenstadt Spekulationsobjekt und wird nicht mehr von Menschen bewohnt die den Durchschnitt der Bevölkerung abbilden. Es ist nur noch etwas für Überreiche und ausländische Investoren. Siehe London, Madrid etc.
    Anstatt diese völligen Ausverkauf der Stadt an Überreiche und Aktienfonds nachzumachen, hat Berlin die einmalige Chance einen anderen Weg zu gehen und sollte dies auch probieren. Der Wohnungsmarkt ist ohne eine extreme Regulierung völlig disfunktional, weil es auf ein fast konstantes Angebot eine fast unbegrenzte Nachfrage gibt.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.