Was heute noch als Pilotprojekt gilt, wird zunehmend zum neuen Standard: Der Supermarkt von morgen wird nachhaltig und deutlich stärker in sein Quartier eingebunden. Während neue Bauformen den Flächenverbrauch reduzieren und CO₂ binden, sorgen digitale Systeme im Inneren für effizientere Abläufe und weniger Lebensmittelabfälle. So wird der Supermarkt der Zukunft zur Infrastruktur für nachhaltige Stadtentwicklung.

2025 wurde mit dem Bau eines kreislauffähigen Supermarktes in Lankwitz begonnen. Nach seiner Fertigstellung soll auf dem Dach des REWE lokal Gemüse angebaut werden. / © Foto: Christoph Große
© Visualisierung Titelbild: ACME
Lange Zeit waren Supermärkte vor allem eines: eingeschossige Zweckbauten mit großem Parkplatz, klar vom umliegenden Stadtraum getrennt. Doch dieses Modell gerät mittlerweile zunehmend unter Druck. Steigende Grundstückspreise, Flächenknappheit in den Städten, Klimaziele und der Wunsch nach lebendigen Quartieren führen dazu, dass der Lebensmitteleinzelhandel heute neu gedacht werden muss.
Bereits heute lassen sich neue städtebauliche Typologien beobachten: Märkte werden in Wohn- und Mischquartiere integriert, erhalten zusätzliche Nutzungen auf dem Dach oder entstehen in nachhaltigen Bauweisen. Parallel dazu verändern digitale Technologien den Betrieb. Der Supermarkt der Zukunft ist damit nicht mehr solitär, sondern urbaner Baustein.
Wohnen über dem Supermarkt: Integration der Nahversorgung in Wohnquartiere
Die Integration von Supermärkten in Wohn- und Stadtquartiere gilt inzwischen als eines der zentralen Zukunftsmodelle. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) zeigt in einer Studie aus dem Jahr 2020, dass Supermärkte künftig immer mehr in Quartiere integriert werden und sich so von monofunktionalen Handelsflächen zu multifunktionalen urbanen Infrastrukturen entwickeln. Statt freistehender Märkte entstehen also Gebäude mit einem Supermarkt und kleinem Logistikcenter im Erdgeschoss und darüber Wohnungen in den oberen Etagen. Gerade in wachsenden Städten wie Berlin ermöglicht dieses Prinzip eine effiziente Mehrfachnutzung knapper Flächen.
Mehrere Projekte – von Charlottenburg über Friedrichshain bis Pankow – zeigen bereits heute, dass das Modell funktioniert: Supermärkte sichern die Nahversorgung im Quartier, während darüber dringend benötigter Wohnraum entsteht. Gleichzeitig wird der Stadtraum belebt, da Erdgeschosszonen aktiv genutzt werden und neue Wegebeziehungen entstehen. Für Kommunen und Investoren wird der Supermarkt so zum integralen Bestandteil zeitgemäßer Stadtentwicklung.
Sportplatz auf dem Dach: Supermärkte als soziale Infrastruktur
Ein ungewöhnlicher Ansatz für den Supermarkt der Zukunft ist eine Immobilie mit öffentlicher Freizeitnutzung auf dem Dach. Ein bekanntes Beispiel ist ein Markt des Handelsunternehmens Kaufland in Erfurt-Herrenberg, der mit einem frei zugänglichen Sportplatz auf dem Dach realisiert wurde und 2022 von der bundesweiten Initiative Stadtimpulse als Best-Practice-Projekt ausgezeichnet wurde.
Das Konzept zeigt, wie sich Nahversorgung und soziale Infrastruktur kombinieren lassen. Während der Markt im Erdgeschoss den täglichen Bedarf deckt, entsteht darüber ein Mehrwert für das Quartier. Insbesondere in dicht bebauten Stadtteilen mit wenig Freiflächen ein Vorteil. Solche Projekte verdeutlichen, dass Supermärkte künftig nicht nur Versorgungs-, sondern auch Begegnungsorte sein können.
Dachfarmen: Lokale Lebensmittelproduktion über dem Supermarkt
Noch einen Schritt weiter gehen Supermärkte, die ihre Dächer für urbanen Gemüseanbau nutzen. In Berlin-Lankwitz entsteht derzeit ein Markt der Handelskette REWE mit integrierter Dachfarm, auf der künftig Gemüse direkt über dem Verkaufsraum produziert werden soll. Das Prinzip verbindet kurze Lieferketten mit für Kundinnen und Kunden sichtbarer Nachhaltigkeit.
Das Bauprojekt namens „REWE Green Farming“ wurde mit dem Preis „Klimaschutzpartner Berlin“ in der Kategorie „Innovative Planungen“ ausgezeichnet. Neben der Dachfarm sticht der neue Supermarkt auch durch Umweltmaßnahmen wie Photovoltaik, Regenwassernutzung sowie demontierbare Holzkonstruktionen mit modernster Gebäudetechnik hervor.
Holzbau und energieeffiziente Technik: Nachhaltig konstruierte Supermärkte
Der neue REWE in Lankwitz ist ebenfalls ein Beispiel dafür, dass sich Supermärkte künftig auch in ihrer Konstruktionsweise verändern werden. Holzbauweise gilt als besonders klimaschonend: Nach Berechnungen des Umweltbundesamts kann ein mehrgeschossiges Holzgebäude mehrere hundert Tonnen CO₂ langfristig binden – ein Effekt, den Beton nicht leisten kann. Darüber hinaus werden künftig noch stärker energieeffiziente und ressourcenschonende Technologien verbaut, darunter Photovoltaik und moderne Kühltechnik.
Auch außerhalb von Berlin entstehen die ersten nachhaltig konstruierten Märkte: zum Beispiel der „EDEKA Dorfmann“ im brandenburgischen Nauen. Auch dieser Markt wurde in Holzbauweise realisiert und gilt als einer der innovativsten in der Metropolregion. Ergänzt wurde das Baukonzept durch Photovoltaik, Batteriespeicher, klimafreundliche Kühltechnik und intelligente Gebäudeautomation, die eine hohe Energieautarkie und einen deutlich reduzierten Verbrauch ermöglichen.
Kassenlose Bezahlsysteme und KI: Die Zukunft der Supermarkt-Technologien
Gleichzeitig verändert sich künftig nicht nur das Äußere der Supermärkte, sondern auch ihr Betrieb. Digitale Technologien halten zunehmend Einzug in den Alltag des Lebensmitteleinzelhandels. Eine Studie der Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology aus dem Jahr 2020 zeigt, dass kassenlose Bezahlsysteme Wartezeiten reduzieren können. Die derzeit noch hohen Investitionskosten würden sich momentan allerdings hauptsächlich in hochfrequentierten urbanen Lagen rentieren.
Darüber hinaus wird auch Künstliche Intelligenz den Supermarktbetrieb in Zukunft revolutionieren. Der Einsatz von KI zur Nachfragevorhersage und automatisierten Nachbestellung kann dazu beitragen, Lebensmittelverschwendung um bis zu 20 Prozent zu reduzieren und Lieferketten zu stabilisieren. Das ergab eine Studie des Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS), die sich mit Künstlicher Intelligenz im Handel auseinandergesetzt hat.
Außerdem kann KI künftig bei der dynamischen Preisgestaltung von Frischewaren wie Obst, Gemüse, Fleisch, Backwaren und Kühlprodukten unterstützen. Dazu wertet die KI kontinuierlich Haltbarkeit, Nachfrage und Verkaufsdynamiken aus und senkt Preise gezielt, bevor Waren entsorgt werden müssen.
Vom Zweckbau zum multifunktionalen Stadtbaustein
All diese Beispiele zeigen, dass sich der Supermarkt vom eingeschossigen Zweckbau zu einem multifunktionalen Baustein der Stadt entwickelt. In einer Metropole wie Berlin könnte diese Entwicklung besonders relevant werden: Angesichts von Wohnraummangel, Flächenknappheit und Klimazielen bieten integrierte, nachhaltig gebaute und technologisch unterstützte Märkte die Chance, Nahversorgung, Wohnen und soziale Funktionen zu verbinden.
So könnten Supermärkte künftig nicht nur den Alltag erleichtern, sondern auch einen aktiven Beitrag zu einer dichteren, klimafreundlicheren und lebenswerteren Stadt leisten.
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2 Kommentare
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Ich würde endlich mal in Ansehung des Wohnraummangels wie auch aus ästhetischen Gründen den Bau dieser „Kaufhallen“ unterbinden und die Discounter und Supermärkte verpflichten, stattdessen richtige, mehrgeschossige Häuser zu errichten, in deren Erdgeschossen dann die Läden betrieben werden können.