Wie wurde aus der historischen Berliner Altstadt das politische Zentrum der DDR? Der vierte Teil unserer Serie zeigt, wie Krieg, Teilung und ideologische Stadtplanung das Gesicht der Berliner Mitte grundlegend veränderten. Zwischen Abriss, Neubau und Geschichtsverlust entstand eine völlig neue Stadtlandschaft.

Vision oder Utopie? Der Große Jüdenhof im Jahr 2028, mit wieder errichteten Gebäuden aus dem Jahr 1928. / © Stiftung Mitte Berlin
© Foto Titelbild: Sammlung Jörn Düwel, Hamburg
Von vornherein erschwerend für eine gesamtstädtische Planung zum Wiederaufbau Berlins war der Umstand, dass sich die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition im Alliierten Kontrollrat auf eine gemeinsame Besatzung der ehemaligen Hauptstadt des Deutschen Reiches verständigt hatten und die jeweilige Siegermacht in ihrem Sektor die alleinige Befehlsgewalt ausübte.
Jede Besatzungsmacht versuchte in ihrer Zone beziehungsweise ihrem Sektor, die eigenen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Vorstellungen durchzusetzen. Eine Übereinkunft, die zum Scheitern verurteilt war, denn schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, wie unterschiedlich die Pläne der Westmächte und der Sowjetunion für die weitere Entwicklung der Stadt – und auch für ganz Deutschland – waren.
Kapitalismus und parlamentarische Demokratie im Westen, Sozialismus und die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) im Osten. Es kam zu Konflikten in und um die Stadt und naturgemäß ebenso zu den Wiederaufbauplänen des zerstörten Berlins.
Hans Scharouns Kollektivplan sollte das zerstörte Berlin neu erfinden
Anfangs sah es noch so aus, als sei eine gemeinsame Stadtplanung möglich. Zu Beginn des Jahres 1946 fanden dazu zwei Ausstellungen zur Neugestaltung Berlins statt, darunter der als „Kollektivplan“ bekannte Entwurf des damaligen Leiters der Abteilung Bau- und Wohnungswesen, Hans Scharoun.
Dieser gemeinsam mit seinen Bauhaus-Mitarbeitern entwickelte Entwurf sah eine komplette Neuordnung Berlins vor und demonstrierte aus Sicht vieler Beobachter eine große Nähe zur sowjetischen Besatzungsmacht. Berlins ehemaliger Senatsbaudirektor Hans Stimmann bemerkte dazu später, dass dieser Planungsentwurf „eine völlig neue Stadt Berlin“ bedeutet hätte.
Das Scharoun’sche Leitbild charakterisierte Stimmann rückblickend wie folgt: „Die City sollte in moderner Architektur, aber in der alten Lage zwischen Potsdamer Platz und Spree neu entstehen, das administrative Stadtzentrum zwischen Alexanderplatz und Spree neu gebaut werden.“
Wiederaufbau Berlins: Politische Spannungen beendeten die gemeinsamen Planungen
Die Pläne von Hans Scharoun über die zukünftige Gestaltung Berlins wurden Anfang April 1947 Makulatur. Die vier Stadtkommandanten der Sektoren arbeiteten anfangs noch gemeinsam in der „Allied Kommandatura“ zusammen. Doch die gemeinsame Verwaltung hielt nicht lange. Nach dem Ende der Vier-Mächte-Verwaltung im Juni 1948 schufen die Westalliierten eine eigene Kommandantur.
Die Einführung einer neuen Währung in den drei westlichen Besatzungszonen führte zur Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion und in der Folge zur faktischen Grenzziehung zwischen dem sowjetischen Sektor und den drei westlichen Sektoren.
Im September 1948, mitten in der Berlin-Blockade (24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949), markierte die Bau-Leistungsschau in den Messehallen am Funkturm den vorläufigen Schlusspunkt des unmittelbaren „gemeinsamen“ Wiederaufbaus von Groß-Berlin.
Diese zunehmende politische Spaltung und die daraus folgende Gründung zweier deutscher Staaten im Jahr 1949 verkomplizierten die Bedingungen für eine städtebauliche Planung Berlins zunehmend.
Aufbauplan „Neues Berlin“: Ost und West entwickelten getrennte Zukunftsvisionen
Der Ost-Berliner Magistrat veröffentlichte im August 1950 seinen Aufbauplan für das „Neue Berlin“. Im Rahmen eines Ideenwettbewerbs traten die Ost-Berliner Planer 1958/59 mit einer neuen Variante zur Bebauung des Berliner Zentrums an die Öffentlichkeit.
Bei diesem „Hauptstadtwettbewerb“ konzentrierten sich die Planer und Architekten auf das zu Ost-Berlin gehörende Zentrumsgebiet mit den symbolträchtigen historischen Bereichen der Berliner Mitte. Die West-Berliner planten zwar ebenfalls über die Sektorengrenzen hinaus, konnten angesichts der politischen Situation jedoch keine Veränderungen im Ostteil der Stadt umsetzen.
Historische Berliner Mitte wurde zum politischen Zentrum der DDR
Und nun geschah mit der historischen Mitte Berlins das, was angesichts zweier politisch völlig gegensätzlicher Systeme kaum zu verhindern war. Auf dem Areal der zerstörten mittelalterlichen Berliner Altstadt entstand nach sowjetischem Vorbild die „sozialistische Stadt“.
Ohne auf die vor der Zerstörung bestehenden privaten Eigentumsverhältnisse Rücksicht nehmen zu müssen, konnten die Ost-Berliner Planer und Architekten abreißen, was politisch nicht ins Bild passte. Gleichzeitig nutzten sie jene kulturellen Einrichtungen, die den Krieg mehr oder weniger unbeschadet überstanden hatten beziehungsweise nach Sanierungen oder Rekonstruktionen kurzfristig wieder zur Verfügung standen.
Friedrichstadt: Museen, Opernhäuser, die Humboldt-Universität, Akademien und Kirchen
Denn in der Friedrichstadt befand sich nun einmal die überwiegende Mehrzahl kultureller Einrichtungen wie Museen, Opernhäuser, die Humboldt-Universität, Akademien und Kirchen. Für den Westteil der Stadt blieben der Reichstag, der sich im Westsektor befand, sowie die Wilhelmstraße mit den ehemaligen Ministerien des Deutschen Reiches. Die Wilhelmstraße lag jedoch später im Sicherheits- und Grenzbereich der Berliner Mauer und war damit für mögliche Neubebauungen faktisch nicht verfügbar.
Die Reste der zerstörten und verbliebenen Altstadtbrache, darunter das nördlich gelegene Klosterviertel sowie die noch stehenden Wohn- und Geschäftshäuser, wurden abgerissen. Übrig blieben das Rote Rathaus, das Stadthaus sowie die Ruinen der Nikolai- und Parochialkirche.
DDR-Planung: Kleinteiligkeit der Berliner Altstadt wurde städtebaulich aufgelöst
Die vor der Zerstörung kleinteilige Parzellierung des Altstadtareals bot für die Neuplanungen nun ausreichend Raum für die funktionale und räumliche Gestaltung der Stadtmitte Ost-Berlins, die zum zukünftigen Machtzentrum der DDR werden sollte.
Zur Reurbanisierung dieses Zentrumsareals entstanden unter anderem das Marx-Engels-Forum, das Staatsratsgebäude, das Außenministerium an der Stelle der 1961 abgerissenen Bauakademie sowie der Palast der Republik. Dieser füllte die nach der Sprengung des Berliner Stadtschlosses im Jahr 1950 entstandene und über Jahre brachliegende Fläche.
Berliner Altstadt verschwand vollständig aus dem Stadtbild
Spätestens nach dem Bau der Berliner Mauer hatte sich das Thema einer Mitgestaltung der Berliner Mitte für die West-Berliner Planer erledigt. Nach dem 13. August 1961 konzentrierte sich jede Seite ausschließlich auf ihren jeweiligen Teil der Stadt.
Der Abriss der noch erhaltenen Reste des Molkenmarktes Mitte der 1960er Jahre durch die Ost-Berliner Stadtplaner war eine weitere Konsequenz dieser Entwicklung. Damit wurden die letzten sichtbaren Überreste der historischen Altstadt endgültig aus dem Stadtbild entfernt.
Das neue Zentrum der DDR entstand auf historischem Grund
An ihrer Stelle errichteten die sozialistischen Machthaber das Zentrum der „Stadt von morgen“, das nach der Gründung der DDR zunehmend die Gestalt und Struktur eines neuen Staats- und Verwaltungszentrums annahm.
Der historische Gründungsort der Doppelstadt Berlin-Cölln wurde dabei grundlegend umgestaltet. Aus dem einstigen Altstadtgebiet wurde ein Teil des Kreuzungsbereichs von Stralauer Straße und Spandauer Straße – einer sechsspurigen Verkehrsachse, die den Verkehr um das politische Zentrum Ost-Berlins herumführte.
Berlin-Mitte: Ein sechsspurige Straße durch die ehemalige Altstadt
Die bereits seit den 1920er Jahren bestehenden Vorstellungen vieler Stadtplaner von einer großzügigen Stadtdurchquerung konnten nun umgesetzt werden, ohne auf frühere Eigentumsverhältnisse Rücksicht nehmen zu müssen.
Im Zuge des Ausbaus dieser autogerechten Verkehrsachse wurden weitere Bestandsgebäude abgerissen. Es entstand eine offene Schneise mit Restgrundstücken und einzelnen historischen Bauten, die bis heute an den ursprünglichen Stadtraum erinnern.
Ost-Berlin: Nikolaiviertel als später Versuch historischer Erinnerung
Die Ost-Berliner Stadtplaner nahmen nach Abschluss der Straßenerweiterungen zwar einzelne architektonische Korrekturen vor, etwa im Bereich der Parochialkirche oder des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Podewils’schen Palais, heute Standort des Restaurants „Zur Letzten Instanz“. Ein identitätsstiftender historischer Stadtraum ließ sich dadurch jedoch nicht wiederherstellen.
Das von der DDR-Regierung 1987 im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins errichtete Nikolaiviertel kann als später Versuch verstanden werden, eine Erinnerungskultur an den historischen Gründungsort der Stadt und ihre Baugeschichte zu schaffen.
Ähnlich wie die in den späten 1980er Jahren in der Friedrichstraße entstandenen Neubauten – die vor allem der Beschaffung dringend benötigter Devisen dienen sollten – kam auch das Nikolaiviertel für den sozialistischen Staat zu spät.
Nach dem Mauerfall begann eine erneute Debatte über Berlins historisches Zentrum
Spätestens mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und dem raschen Ende der DDR rückte die Frage nach einer Wiedergewinnung der historischen Mitte erneut in den Mittelpunkt gesamtstädtischer Debatten.
Es wird interessant sein nachzuvollziehen, inwieweit die im Rahmen des „Planwerks Innenstadt“ formulierten städtebaulichen Leitbilder und Planungsansätze in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich umgesetzt wurden. Das wird im fünften und letzten Teil dieser Artikelreihe zu lesen sein.
Quellen:
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6 Kommentare
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Nach dem 2.WK gab es keinen „Umbau der Berliner Altstadt“. Es gab eine barbarische Zerstörung der in großen Teilen noch vorhandenen Berliner Altstadt und Altstadtstrukturen, um auf dem nun leer geräumten Grund eine ahistorische, moderne sozialistische Planstadt zu errichten. „Umbau“ klingt nach kleinen, behutsamen Eingriffen in eine bestehende Stadtstruktur. Genau das hat hier eben nicht stadtgefunden. Die bestehende Altstadtstruktur und die noch vorhandene Bausubstanz wurde barbarisch und ohne demokratische Legitimation (!) großflächig zerstört…einmalig in ganz Europa! Das vergisst der sozialistische Genosse ja gerne: der Sozialismus auf deutschem Boden ist zu keinem Zeitpunkt demokratisch legitimiert gewesen. Er war von Anfang an eine Gewaltherschaft, eine Diktatur. Und dementsprechend gewaltätig war auch ihr Umgang mit der Berliner Altstadt, mit der in Jahrhunderten gewachsenenen Berliner Architektur- und Kulturgeschichte. Von „Umbau“ zu reden bzw zu schreiben ist da fast schon sozialistische Propaganda, auf jeden Fall aber erschreckend verharmlosend und unseriös.
Hierzu auch das Buch: „Armutszeugnisse – West-Berlin vor der Stadterneuerung in den sechziger Jahren“ mit Fotografien von Heinrich Kuhn.
Edition Braus Berlin GmbH 2014.
„Bei der Durchsicht der Bilder liegt die Vermutung nahe, dass diese aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammen. Tatsächlich handelt es sich um eine Dokumentation Westberliner Wohnungen in den sechziger Jahren.“
Alle Regierungen in West wie Ost haben Deutschland s Altstadt Reste nochmals wegradiert ,auch Heute noch .Dementen Städte wie in den USA
Nach Zerstörung ist es eine legitime Erwägung, leider erweist sich wohl das meiste der frühen Altstadt Architektur wegen hoher Qualität, Harmonie und als Zeitzeugnis mit Daseinsberechtigung.
Nach fast 100 Jahre der Charta von Athen, die alle Städte im menschlichen Maßstab zerstört hat, ist es endlich erforderlich diese Diktatur zu beenden und eine neue Städtebauplanung zu lehren und umzusetzen.
Sogenannte Stararchitekten solltend dafür nicht beauftragt werden. Diese haben schon genug Unheil angerichtet, da sie nur Ihrem Ego folgen und an Bauskulpturen denken anstatt zussmmhängende Stadtraumlandschaften zu schaffen. Auch ein Wiedererichten von historischen Strassenräumen mit individueller Fassenarchitektur ist keine Nostalgie sondern erhöht den historischen Erkennungswert und bewahrt wenigstens einen Teil des kulturellen Erbes ganz gleich aus welcher Epoche.
Die Arroganz das historischen Erbe nicht zu würdigen sollte endlich mit Demut beendet werden. Daher wäre es sehr wichtig die Stadtmitte in Berlin endlich wieder eine historisch gerechte Identifikation zurückzugeben und sich nicht mit den weltweiten ‚modernen ‚ Einheitsbrei abspeisen zu lassen.
Sie sprechen mir aus der Seele. Danke!