Verrückte Outfits, Feuerwerk und Emotionen: Hunderttausende Menschen versammeln sich am 2. Oktober 1990 in Berlin, um das Ende der Teilung zu feiern. In der Nacht auf den 3. Oktober erlebt die Stadt einen Ausnahmezustand der Superlative.

Um Mitternacht am 3. Oktober 1990 erhellte Feuerwerk den Himmel über Berlin. Die Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit zogen Hunderttausende in die Stadt. / © Foto: bpb / Dietmar Bührer
© Titelbild: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1003-400 Grimm, Peer CC-BY-SA 3.0
Strahlend blauer Himmel und volle Straßen: Der 2. Oktober 1990 wurde in Berlin zu einem historischen Herbsttag, den niemand so schnell vergessen würde. Schon Stunden bevor die offiziellen Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit um Mitternacht beginnen sollten, schoben sich bereits Menschenmengen durch die Straßen. Die Stimmung war ausgelassen, die Massen euphorisch.
An jeder Ecke gab es etwas anderes zu sehen: Trabbis fuhren durchs Brandenburger Tor, Menschen trugen extravagante Kostüme oder hatten aufwändig geschminkte Gesichter. Überall wurden Deutschlandfahnen geschwenkt. Es wurde permanent gefilmt und fotografiert. Die Stadt selbst schien ihre Regeln für eine Nacht außer Kraft zu setzen. Wer an diesem Tag dabei war, erlebte Berlin im Ausnahmezustand und ein Land in Aufbruchstimmung.
Warum ist am 3. Oktober Tag der Deutschen Einheit?
Auf den 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit einigte man sich in der Politik erst wenige Monate zuvor, aus pragmatischen Gründen. Da für den 2. Dezember gesamtdeutsche Wahlen vorgesehen waren, mussten die Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR bis spätestens zum 7. Oktober vollwertige Staatsbürger der Bundesrepublik werden. Weil dieser Tag jedoch auf einen Sonntag fiel, wählte man den Mittwoch davor, den 3. Oktober. Der 9. November, an dem im Jahr zuvor die Mauer fiel, kam nicht infrage, da dieses Datum zugleich an die Reichspogromnacht von 1938 erinnert.
Dem 3. Oktober 1990 gingen monatelange politische Verhandlungen voraus. Ab Frühjahr 1990 wurde eine Wirtschafts- und Währungsunion zwischen BRD und DDR geschaffen. Dabei ersetzte die D-Mark die DDR-Mark und es wurden neue Regelungen zu Löhnen, Renten und Sozialleistungen beschlossen. Anschließend folgten ab Juli 1990 die Verhandlungen über den sogenannten Einigungsvertrag, der beispielsweise festlegte, wie das Grundgesetz in den neuen Ländern eingeführt wird. Punkt Mitternacht am 3. Oktober 1990 sollte dieser Vertrag in Kraft treten.
Mitternacht am Reichstag: Freiheitsglocke und Feuerwerk läuten eine neue Ära ein
Am Abend zuvor versammelten sich in Berlin Hunderttausende vor dem Reichstagsgebäude. Die Feierlichkeiten wurden auch im Fernsehen übertragen. DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière erklärte in einer Fernsehansprache: „In wenigen Stunden tritt die Deutsche Demokratische Republik der Bundesrepublik Deutschland bei. Wir Deutschen erreichen die Einheit in Freiheit. (…) Ich glaube, wir alle haben Grund, uns zu freuen und dankbar zu sein.“
Um Punkt 0 Uhr ertönten die Klänge der Freiheitsglocke und die Melodie der Nationalhymne, während die Bundesflagge ersten Mal im Rahmen der Vereinigung gehisst wurde. Für einen Moment herrschte Schweigen, bevor die Menschenmenge zu jubeln begann. Viele lagen sich in den Armen und hatten Freudentränen in den Augen, während ein riesiges Feuerwerk am Himmel aufleuchtete. Nach über 40 Jahren war Deutschland wieder vereint, und das nur 329 Tage nach dem Fall der Mauer.
Rechtsextremistische Ausschreitungen vor dem Reichstagsgebäude
Zwischen Deutschlandflaggen, klirrenden Sektgläsern und Bierflaschen blieb es allerdings nicht nur friedlich. Einzelne Gruppen versuchten, die nationale Symbolik der Nacht für sich zu vereinnahmen. Der Spiegel berichtete von angetrunkenen jungen Männern, die in der Menge Reichskriegsflaggen schwenkten, rechte Parolen riefen und den verbotenen „deutschen Gruß“ zeigten.
Diese Ausschreitungen blieben jedoch nicht unkommentiert und stießen bei vielen anderen Besucherinnen und Besuchern auf Ablehnung. Größtenteils herrschte in dieser Nacht positive Stimmung. Der Ausruf „Wahnsinn!“, der schon beim Mauerfall im November 1989 am Brandenburger Tor die Runde gemacht hatte, hallte erneut durch die Nacht. Erleichterung und Freude stand auf den Gesichtern der Menschen in Berlin.
Der 3. Oktober ersetzt den 17. Juni als Tag der Deutschen Einheit
Bereits am 4. Oktober 1990 kamen die Abgeordneten des Bundestags und der DDR-Volkskammer zu einer gemeinsamen Sitzung zusammen. Nur zwei Monate später folgte die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl seit 1932. Die klare Mehrheit erreichte die Koalition aus CDU/CSU und FDP, die ihre Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl fortsetzen konnte.
Mit dem Einigungsvertrag erhielt das Land auch einen neuen gemeinsamen Nationalfeiertag: den 3. Oktober. Er ersetzte den 17. Juni, der in der Bundesrepublik bis dahin als Tag der Deutschen Einheit an den Volksaufstand von 1953 erinnert hatte. Seither steht der 3. Oktober für das Ende der Teilung und den Beginn eines geeinten Deutschlands.

Auf den Straßen Berlins sind bereits am 2. Oktober 1990 Menschenmassen unterwegs. Auch viele Touristinnen und Touristen sind in der Stadt, um mitzufeiern. / © Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1003-028 / Grimm, Peer / CC-BY-SA 3.0

Ob ganz klein, riesengroß oder sogar als Outfit: Deutschlandfahnen sind vom 2. auf den 3. Oktober in Berlin omnipräsent. / © Foto: bpb / Merit Schambach
Quellen: Deutsche Welle, Bundeszentrale für politische Bildung, Der Spiegel, Berliner Zeitung, Bundesarchiv, Die Bundesregierung, Morgenpost, NDR
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