Als Bruno Taut in den 1920er-Jahren seine Flachdach-Siedlung in Zehlendorf plante, geriet er ins Visier konservativer Architekten und Politiker. Der „Zehlendorfer Dächerstreit“ wurde zu einem Symbol für den Widerstand gegen das Neue Bauen – und für dessen Durchbruch.

Die Architekturmoderne der Weimarer Republik traf in Zehlendorf auf erbitterten Widerstand. Der Streit um Dächer wurde Ende der 1920er Jahre zum Stellvertreterkonflikt zwischen Bauhaus und Heimatstil. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT
Bei der Planung der Nazi-Waldsiedlung in Zehlendorf, dem zwischen Argentinischer Allee und Quermatenweg gelegenen Areal der ehemaligen SS-Kameradschaftssiedlung, wurde eine grundsätzlich traditionelle Bauweise vorgeschrieben.
Die Dächer dieser Häuser sollten ausschließlich mit Spitzdächern ausgestattet sein, was dem damals verantwortlichen Chefarchitekten des GAGFA-Siedlungsbaues, Hans Gerlach, tiefe Zufriedenheit beschert haben soll. Gerlach, selbst ein eingefleischter Anhänger des traditionellen Baustils, konnte damit dem Neuen Bauen der Weimarer Republik einen weiteren Riegel vorschieben.
Zehlendorfer Waldsiedlung: Traditionelle Bauweise wurde vorgeschrieben
Denn nicht weit entfernt von besagter SS-Waldsiedlung hatte die GAGFA bereits 1928 ihre architektonische Haltung mit der „Am Fischtalgrund“ errichteten Wohnanlage zum Ausdruck gebracht. Auch hier war eine der Planungsvorgaben, alle Häuser mit Steil- oder Spitzdach baulich auszuführen.
Diese Siedlung war seinerzeit der erste Gegenentwurf zur berühmten Flachdachsiedlung auf der anderen Straßenseite, die zwischen 1926 und 1931 entstanden war, von Bruno Taut entworfen und die eigentliche Ursache für den „Zehlendorfer Dächerstreit“.
Flache Dächer statt Villen: Bruno Tauts Onkel-Tom-Siedlung der 1920er Jahre
Im Jahr 1926 kaufte die Baugesellschaft GEHAG (Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bauaktiengesellschaft, gegründet am 10. April 1924), hauptsächlich gewerkschaftlich organisiert, das Land links und rechts der Argentinischen Allee.
Bruno Taut sowie seine Mitstreiter Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg übernahmen die Planung und Ausführung dieser vom Baustil her völlig neuen und modernen Wohnsiedlung. Beabsichtigt war, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, überwiegend für Arbeiter. Zeilenbauten mit Mietwohnungen und Reihenhäusern mit flachen Dächern sowie in Nord-Süd-Richtung ausgerichtete Straßenzüge sollten dafür sorgen, dass die Wohnungen mit ausreichend Licht und Luft versorgt werden konnten.
An der Argentinischen Allee sollten vorwiegend Wohnungen für Arbeiter entstehen
Man darf nicht vergessen, dass die Armut in jenen Jahren der Weimarer Republik zwar etwas gemildert worden war und die Wirtschaft relativ gut lief, doch es bestand ein eklatanter Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Der ärmere Teil der Berliner Bevölkerung hauste in jämmerlichen Mietskasernen und fristete ein Leben in menschenunwürdigen Wohnverhältnissen.
Das Team um Bruno Taut konzipierte demzufolge Wohnungen zu erschwinglichen Preisen, was durch eine ressourcenschonende Bauweise und die Ausstattung der Häuser mit Flachdächern möglich war. Außerdem konnte man mit diesem Häusertypus schneller und kostengünstiger bauen.
Konflikte zwischen dem konventionellen „Heimatstil“ und dem modern orientierten „Bauhaus“
Bruno Taut zählte wie Walter Gropius, Hans Scharoun und Mies van der Rohe zum Umfeld der „Bauhaus“-Bewegung, sodass der Konflikt zwischen dem traditionellen „Heimatstil“ und der „Moderne“ mit viel Licht, Luft und Sonne eigentlich vorprogrammiert war.
Die Überlegungen des Senats von Groß-Berlin, eine solche Wohnsiedlung in Zehlendorf vorzusehen, geschahen auch vor dem Hintergrund, dass der Bezirk Zehlendorf zum Zeitpunkt der Planung gegenüber anderen Berliner Bezirken eine relativ dünne Besiedlung aufwies, aber flächenmäßig einer der größten Bezirke innerhalb der Stadt war.
Zehlendorf war einer der am dünnsten besiedelten Bezirke des neuen Groß-Berlin
Das Projekt war in Zehlendorf von Anfang an unbeliebt, denn von der Ansiedlung von Menschen, die nicht dem Bildungs- und Großbürgertum angehörten, und von Bauten, die nicht der Villenbebauung – wie etwa um den Schlachtensee herum – entsprachen, wollte man nichts wissen.
Der springende Punkt war also, dass die soziale Unterschicht Zugang nach Zehlendorf erhalten sollte. Derweil frönten die Arbeitgeber und der Besitzadel in Zehlendorf und dem benachbarten Lichterfelde dem Feudalismus in prächtigen Villen und eigenen Gartenparks.
Der Bau der neuen Wohnsiedlung für die Arbeiterschaft war in Zehlendorf von Beginn an umstritten
Das erinnert an Alfred Kerr, den einflussreichen deutschen Kritiker und Essayisten, der in seinem Buch „Briefe aus der Reichshauptstadt – wo liegt Berlin“ schrieb: „Der Berliner (Süd-)Westen – diese elegante Kleinstadt, in welcher alle Leute wohnen, die etwas können, etwas sind und etwas haben und sich dreimal so viel einbilden, als sie können, sind und haben …“.
Und so hielten die Ressentiments Einzug ins öffentliche Leben. Das geschah auch zu damaliger Zeit schon relativ schnell mit Scheinargumenten, um die Bauten zu verhindern. Als die von Bruno Taut und seinem Team entworfene Siedlung halb fertig war, wurde es der konservativen Zehlendorfer Klientel mit dem Flachdach zu viel.
Das Flachdach: Stein des Anstoßes für Proteste gegen die neue Wohnsiedlung
Der vermeintliche Stein des Anstoßes war das Flachdach. Die konservativen Architekten der Weimarer Republik argumentierten dagegen, und das Bezirksamt Zehlendorf verwehrte daher die Baugenehmigung. Auch die damalige Presselandschaft sah hinter dieser Argumentation den beabsichtigten Zweck, nämlich den Zuzug der „Gewöhnlichen“ nach Zehlendorf zu verhindern.
Eine Gruppe dieser konservativen Architekten begutachtete die vorgelegten Baupläne und stimmte der Baugenehmigung ebenfalls nicht zu – mit der Begründung des „Ortsgesetzes zum Schutze der Stadt Berlin vor Verunstaltung“.
Eine Baugenehmigung für die geplante Siedlung wurde vorerst abgelehnt
Des Weiteren wurde als Begründung der Ablehnung die nicht geplante Fällung von Birken am Fischtalpark ins Feld geführt. Dem hatte der Bezirk allerdings in weiser Voraussicht bereits einen Riegel vorgeschoben.
Offiziell wurden die Debatten verbissen geführt, und letztendlich stieß wohl die Art und Weise des Bauens auf ästhetische Bedenken sowie auf die Ablehnung der Moderne und der Aufklärung. Die angeblich fehlende Sicht auf die Bäume konterten Bruno Taut und Co. mit dem Hinweis auf das „Flachdach“, welches diese Sicht erlaube.
Berliner Stadtbaurat Martin Wagner entschied 1926 den „Zehlendorfer Dächerstreit“
Trotz Ausschöpfung aller rechtlichen Mittel und der nur unwilligen administrativen Abwicklung durch den Bezirk, konnte die GEHAG nach massiver Intervention durch den Berliner Stadtbaurat Martin Wagner ab 1926 die Siedlung bauen, die nach Südosten mit Reihenfamilienhäusern in der Straße „Am Fischtal“ abschließt. Auch diese Häuser wurden allesamt mit Flachdächern gebaut.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite konnte im annähernd gleichen Zeitraum die GAGFAH (Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten, gegründet am 14. August 1918) die sogenannte Versuchssiedlung „Am Fischtalgrund“ errichten. Diese konnte vom 1. September bis 31. Oktober 1928 als Ausstellung „Bauen und Wohnen“ besichtigt werden.
Kleine Einfamilienhäuser und Wohnungen für besserverdienende Angestellte waren mit spitz zulaufenden Satteldächern unter der Federführung von Heinrich Tessenow und Architekten wie Paul Schmitthenner, Hans Poelzig u. a. konzipiert worden.
Kontroverser Architekturstreit: Das Weltkulturerbe von Bruno Taut an der Argentinischen Allee
Die wenigsten Anwohner der heute sehr beliebten Wohnanlage entlang der Argentinischen Allee wissen, dass hier in den 1920er-Jahren ein gesellschaftspolitisch engagiert und hoch emotional geführter Streit stattfand. In der Folgezeit weitete sich diese Grundsatzdebatte zwischen den beiden Architekturrichtungen weiter aus, doch der später internationale Einfluss des Bauhauses war nicht mehr aufzuhalten.
Heute stehen ähnliche Siedlungen wie die Zehlendorfer Waldsiedlung „Onkel-Toms-Hütte“ auch in Britz (Hufeisensiedlung) und im Wedding (Schillerpark). Im August 2008 sprach sich die Berliner CDU dafür aus, die Siedlung nachträglich für den UNESCO-Welterbestatus vorzuschlagen. Bei der Nominierung, die im Juli desselben Jahres zur Aufnahme von sechs Siedlungen der Berliner Moderne in die Welterbeliste geführt hatte, war sie nicht berücksichtigt worden.
Quellen: Bundesarchiv, Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, Wikipedia, Bundeszentrale für politische Aufklärung, Deutsches Architektur Forum, Bauwelt, Architektur Urbanistik Berlin, Berliner Morgenpost, Der Tagesspiegel, Alfred Kerr: „Briefe aus der Reichshauptstadt – wo liegt Berlin“ (Aufbau Verlag)
Jetzt PLUS-Kunde werden
Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.







