Ein 100 Meter langes Schwimmbecken mitten am Potsdamer Platz: Mit seinem Entwurf will das Berliner Büro Kinzo dem Tilla-Durieux-Park eine völlig neue Bedeutung geben. Architekt Karim El-Ishmawi erklärt im Interview, warum das Konzept mehr sein soll als eine spektakuläre Vision.

Aus der Vogelperspektive wird deutlich, wie sich das 100 Meter lange Schwimmbecken in die bestehende Geometrie des Tilla-Durieux-Parks einfügen und den Freiraum neu strukturieren könnte. / © Visualisierung: Kinzo Architekten
© Visualisierungen: Kinzo Architekten
Ein 100 Meter langes Schwimmbecken mitten im Tilla-Durieux-Park gehört zweifellos zu den ungewöhnlichsten Ideen, die zuletzt für den öffentlichen Raum am Potsdamer Platz entwickelt wurden.
Das Berliner Architekturbüro Kinzo möchte damit einen Freiraum neu interpretieren, der zwar seit mehr als zwei Jahrzehnten existiert, aus Sicht der Architekten aber bis heute nicht die Bedeutung entwickelt hat, die seiner zentralen Lage entsprechen könnte.
Kinzo Architekten entwickeln spektakulären Entwurf für Tilla-Durieux-Park am Potsdamer Platz
Statt einer klassischen Neugestaltung setzt das Büro auf einen starken städtebaulichen Eingriff, der Sport, Freizeit und Begegnung miteinander verbinden soll. Dabei versteht Kinzo den Entwurf nicht als reine Utopie, sondern als grundsätzlich realisierbares Konzept, das auch schrittweise umgesetzt werden könnte.
Am inzwischen beendeten Wettbewerb zur Weiterentwicklung des Tilla-Durieux-Parks hat sich das Büro allerdings bewusst nicht beteiligt. Vielmehr soll der Entwurf als eigenständiger Diskussionsbeitrag die Debatte darüber erweitern, welche Rolle öffentliche Räume an einem der prominentesten Orte Berlins künftig spielen können.
Im ENTWICKLUNGSSTADT-Interview: Architekt Karim El-Ishmawi
Im Interview mit ENTWICKLUNGSSTADT erklärt Kinzo-Architekt Karim El-Ishmawi, wie die Idee entstanden ist, wer ein solches Projekt finanzieren könnte und warum Berlin seiner Ansicht nach mehr Mut bei der Gestaltung öffentlicher Räume braucht.

Architekt Karim El-Ishmawi vom Berliner Büro Kinzo hat gemeinsam mit seinem Team die Idee für ein 100 Meter langes Schwimmbecken im Tilla-Durieux-Park entwickelt. Im Interview mit ENTWICKLUNGSSTADT spricht er über die Hintergründe des Konzepts, die praktische Umsetzung und die Frage, wie realistisch eine Realisierung am Potsdamer Platz ist. / © Foto: Sebastian Dörken
ENTWICKLUNGSSTADT: Was war der ursprüngliche Impuls für dieses Konzept? Der Tilla-Durieux-Park existiert seit mehr als 20 Jahren, warum haben Sie gerade jetzt entschieden, eine so radikale Neuinterpretation vorzulegen?
Karim El-Ishmawi: Der Impuls entstand aus unserer langjährigen Arbeit am Potsdamer Platz. Durch Projekte für Das Center, Freshfields und weitere Unternehmen vor Ort beschäftigen wir uns seit Jahren intensiv mit diesem Stadtraum. Dabei fiel uns ein interessantes Missverhältnis auf: Rund um den Park stehen einige der bekanntesten Gebäude Berlins, doch der Freiraum dazwischen bleibt erstaunlich blass. Uns interessiert die Frage, wie öffentliche Räume dieselbe Strahlkraft entwickeln können wie die Architektur, die sie umgibt.
Was fehlt diesem Ort heute aus Ihrer Sicht – und weshalb ist der bestehende Park trotz seiner zentralen Lage nie wirklich angenommen worden?
Dem Park fehlt kein Grün, sondern vor allem an Bedeutung, an einem klaren Grund, dort zu bleiben. Er wird passiert, aber selten bewusst angesteuert. Das ist bemerkenswert an einem Ort, der täglich von Tausenden Menschen umgeben ist. Gute öffentliche Räume bieten mehr als Aufenthaltsfläche, sie schaffen Identität. Unsere Erfahrung am Potsdamer Platz zeigt: Erfolgreiche Orte entstehen nicht durch ihre Größe, sondern durch ihre Relevanz im Alltag. Genau dieses Potenzial ist hier bislang ungenutzt geblieben.

Im Sommer soll das langgestreckte Becken zum zentralen Treffpunkt des Tilla-Durieux-Parks werden – ergänzt durch Liegewiesen, Sitzstufen und großzügige Aufenthaltsbereiche. / © Visualisierung: Kinzo Architekten
„Dem Park fehlt kein Grün, sondern vor allem an Bedeutung, an einem klaren Grund, dort zu bleiben. Er wird passiert, aber selten bewusst angesteuert. Das ist bemerkenswert an einem Ort, der täglich von Tausenden Menschen umgeben ist.“
Karim El-Ishmawi
Warum ausgerechnet ein 100 Meter langes Schwimmbecken? Welche städtebauliche oder symbolische Bedeutung hat diese ungewöhnliche Länge?
Die Länge folgt der Geometrie des Parks und macht sie räumlich erlebbar. Das Becken wird zur Achse, die Bewegung, Begegnung und Orientierung verbindet. Seine außergewöhnliche Dimension verleiht dem Ort eine eigene Identität und schafft Anziehungskraft weit über die Region hinaus. Als Bühne für Sportveranstaltungen mit z.B. legendären Schwimmern, wie Michael Phelps oder Olympiasieger Lukas Märtens, aber auch für den Schul-, Vereins- und Freizeitsport entsteht ein öffentlicher Ort, der dem Park eine neue Bedeutung in der Stadt gibt.
Ist Ihr Entwurf als Vision oder als realistischer Umsetzungsvorschlag gedacht? Halten Sie das Projekt unter den politischen, finanziellen und technischen Rahmenbedingungen Berlins tatsächlich für realisierbar?
Städte entstehen immer aus einer Kombination von Vision und Pragmatismus. Unser Vorschlag ist bewusst ambitioniert, aber keineswegs utopisch. Die einzelnen Bausteine sind grundsätzlich realisierbar und könnten sogar etappenweise entstehen. Entscheidend ist jedoch eine andere Frage: Welches Potenzial trauen wir diesem Ort eigentlich zu? Wer über die Zukunft der Stadt spricht, sollte zuerst über Möglichkeiten diskutieren, bevor er über Grenzen spricht.
Wer soll dieses Projekt letztlich finanzieren und betreiben? Haben Sie bereits Vorstellungen, ob ein solches Freibad von der öffentlichen Hand, privaten Investoren oder in einer Mischform realisiert werden könnte?
Öffentliche Räume dieser Größenordnung gelingen meistens dann besonders gut, wenn verschiedene Akteure Verantwortung übernehmen. Denkbar wären unterschiedliche Modelle, von einer kommunalen Trägerschaft bis hin zu Public-Private-Partnerships. Entscheidend ist nicht die Finanzierungsform, sondern die Qualität des Ergebnisses: Welchen Wert schafft ein solcher Ort für die Stadt? Wenn dieser Wert überzeugend ist und ein Projekt den Stadtraum aufwertet, Gesundheit fördert, Aufenthaltsqualität schafft und die Attraktivität eines gesamten Quartiers steigert, profitieren zahlreiche Akteure davon. Dann entstehen meist auch die passenden Finanzierungsmodelle.
„Unser Vorschlag ist bewusst ambitioniert, aber keineswegs utopisch. Die einzelnen Bausteine sind grundsätzlich realisierbar und könnten sogar etappenweise entstehen. Entscheidend ist jedoch eine andere Frage: Welches Potenzial trauen wir diesem Ort eigentlich zu?“
Karim El-Ishmawi

Auch in der kalten Jahreszeit soll der Park belebt bleiben: Der Entwurf sieht saisonale Nutzungen wie Weihnachtsmärkte und öffentliche Aufenthaltsbereiche vor. / © Visualisierung: Kinzo Architekten
Werden Sie sich mit diesem Konzept am (voraussichtlichen) offiziellen Wettbewerb zur Weiterentwicklung des Tilla-Durieux-Parks beteiligen, oder verstehen Sie den Entwurf bewusst als unabhängigen Diskussionsbeitrag?
Der öffentliche Wettbewerb endete bereits Ende Juni 2026, die Auslobung findet im Oktober statt. Wir haben bewusst nicht teilgenommen. Unabhängig von Juryentscheidungen sehen wir solche Verfahren vor allem als Chance, Debatten weiterzuführen. Als Büro mit einer engen Verbindung zum Potsdamer Platz beschäftigen wir uns seit vielen Jahren mit der Frage, wie urbane Landmarken relevant bleiben. Unser Konzept ist deshalb vor allem ein Plädoyer für mehr Mut im öffentlichen Raum. Oder anders gesagt: Städte werden selten durch Vorsicht erinnerungswürdig. Sie werden es durch starke Ideen.
Sehr geehrter Herr El-Ishmawi, wir danken für das Gespräch.
Quellen: Kinzo Architekten, urdesign, Freeyork, DS Landschapsarchitecten, Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, Grün Berlin, competitionline Verlag, visitBerlin
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4 Kommentare
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Entzieht diesem Architekten seine Zulassung! Natürlich fehlt es dem so genannten „Park“ an Bedeutung. Das liegt einmal an dem völlig stadtplanerischen Versagen im Bereich des gesamten Potsdamer Platzes. Es gab und gibt ja unter Architekten und Großbauherren so eine Unterwürfigkeit gegenüber dem amerikanischen Stadtmodell. Man will „Malls“. Das geht so weit, dass man am Leipziger Platz wie in den USA oberirdische Hydranten aufgebaut hat, obwohl nichts intelligenter ist als die deutsche Variante, nämlich unterirdisch, da steht der Kram nicht im Weg! Aber Architekten, Stadtplaner, Verantwortliche in Konzernen wie DaimlerChrysler, Sony usw. wollen weltweit das New-York-Feeling! Das brauchen die! Wahrscheinlich haben sie dort das erste mal gekokst und sich sinnlosen sonstigen Exzessen hingegeben. So etwas prägt für den Rest des Lebens!
Das Problem der „Malls“, auch in der Friedrichstraße, ist, dass sie die Stadt nach innen verlegen. Die „Fußgängerzone“ findet im Gebäude statt. Nach außen ist die Architektur abweisend! Man muss sich nur die Architektur an der Linkestraße ansehen. Da ist nichts, was Menschen zum Flanieren veranlassen könnte, da ist – jenseits des Umstandes, dass die Gebäude durch die Bank einfach nur einfaltslos und hässlich sind – nichts, was die Menschen dorthin ziehen könnte. Klar, dass dann auch die Grünanlage leer bleibt, die darüber hinaus in sich von niederländischen so genannten Landschaftsplanern in einer Hässlichkeit gestaltet wurde, die ziemlich einzigartig ist.
Und auf der gegenüberliegenden Gabriele-Tergit-Promenade – schon die Bezeichnung als „Promenade“ ist an Absurdität nicht zu überbieten – mit seinen „Nazi-Bauten“ ist zu jeder Uhrzeit nur eins garantiert: Tote Hose! Was waren Stimmann und Nagel stolz auf diese Gestaltung mit international hochgeachteten Architekten, was hat man für diese geballte Hässlichkeit großmäulig geworben!
Aber mit Sicherheit bringe ich in den Park, selbst die völlige Hässlichkeit, umgeben von Architektur absoluter Hässlichkeit, kein Leben hinein, indem ich daraus ’ne Badeanstalt mache! Das ist absurd!
Warum muss jede Fläche eine kommerziele Nutzungen haben. Lasst 100 Bäume pflanzen. Seht zu, dass die Spree wieder sauber wird und baut dort die Badestellen aus. Hört endlich auf die Stadt zuzupflastern.
Auch diese Schwimmbad-Vision basiert auf einem Architektenentwurf , der in Unkenntnis unserer Stadt entstanden ist (s. Flussbad im Spreekanal ohne rechtzeitige Kenntnis der Wasserqualität). Verläuft nicht unter dem Park der vierspurige Tunnel für Fern- und Regionalzüge? Hat dieses Büro überhaupt geprüft, ob der Tunnel diese Traglast des Wassers verträgt? Sollen wir Bürger wieder monatelange Sperrungen der Verkehrsmittel ertragen, weil wieder weder Kosten, noch bauliche Voraussetzungen geprüft worden sind ?
Warum werden reihenweise wunderbare alte Bäder zu Restaurants, Eventlocations oder sonst was umgestaltet oder liegen still (Oderberger Straße, Baerwaldstraße, Gesundbrunnen, Stadtbad Lichtenberg). Aber überall, ob in der Spree oder jetzt am Potsdamer Platz, haben irgendwelche visionären Planer abgefahrene Ideen für neue Bäder. Warum wird hier grundsätzlich immer alles auf den Kopf gestellt?