Der Prenzlauer Berg wurde in den 1970er-Jahren zum Modellprojekt der DDR-Stadtplanung erklärt. Teil 2 der Artikelreihe zeigt, wie ambitionierte Modernisierungspläne zunehmend an bürokratischen Hürden, Ressourcenmangel und Konflikten mit den Bewohnern scheiterten.

Der Prenzlauer Berg wurde in den 1970er-Jahren zum städtebaulichen Modellprojekt der DDR. Teil 2 der Artikelreihe beleuchtet neue Kommunikationsformen, bürokratische Herausforderungen und die wachsenden sozialen Konflikte rund um die komplexe Modernisierung des Altbaubestands. / © Foto: Wikimedia Commons, Bernd Settnik
© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Ulrich Kohls (CC BY-SA 3.0 DE)
Nachdem der erste Teil dieser Artikelreihe die politischen und städtebaulichen Ausgangsbedingungen der DDR-Sanierungspolitik beleuchtete, widmet sich dieser Beitrag den konkreten Abläufen vor Ort. Im Fokus stehen neue Kommunikationsmodelle, bürokratische Herausforderungen und die wachsenden Konflikte rund um die Modernisierung des Prenzlauer Bergs.
Die Kommunikation um die „Aushandlungsprozesse“ lief bisher über Eingaben. Diese offiziellen Beschwerden an die staatlichen Stellen waren zu jener Zeit die bewährten Kommunikationsmittel der Bürgerinnen und Bürger, um sich zu Bedarfen – etwa der Wohnungsfrage – oder anderen vielfältigen Situationen im Alltag zu äußern.
Darüber hinaus wurden Informationen zu kleineren Instandsetzungen, die es punktuell bereits an einigen Gebäuden gab, seitens der Politiker vor allem im Zusammenhang mit politischen Ereignissen kommuniziert.
DDR-Wohnungspolitik: Eingaben als wichtigstes Kommunikationsmittel der Bevölkerung
Die Beantwortung der gestellten Eingaben erfolgte schriftlich, mitunter aber auch mündlich vor Ort, etwa bei Einwohnerversammlungen. Anstehende Kommunalwahlen und andere politische Ereignisse wurden von den Mitarbeitern der kommunalen Verwaltungen oder gar der Bezirksleitungen in der Regel zum Anlass genommen, um derartige „positive Meldungen“ in den Medien oder auf Versammlungen zu lancieren.
Dieser staatlich bezeichnete „informative Dialog“ hatte in erster Linie eine mobilisierende Funktion. Für eine tatsächliche Interessenartikulation oder einen einfachen Austausch gab es im Prinzip keine Spielräume.
Ost-Berlin: Prenzlauer Berg wurde ab 1973 zum städtebaulichen Pilotprojekt
Ab dem Jahr 1973 änderte sich die Situation im Prenzlauer Berg, denn der Magistrat von Ost-Berlin hatte den Stadtbezirk im Rahmen des nationalen Wohnungsbauprogramms zum städtebaulichen Pilotprojekt erklärt. Hier sollte ein neues Leitbild zur „komplexen Modernisierung“ realisiert werden.
Dieses „neue Leitbild“ verfolgte das Ziel, Neubau, Modernisierung und Werterhaltung miteinander zu verbinden. Damit rückte erstmals auch der Altbaubestand stärker in den Fokus der staatlichen Planungen.
Altbausanierung in der DDR: Industrielle Bauweise stieß schnell an ihre Grenzen
In der Theorie klang dieses Konzept zunächst überzeugend, in der Praxis zeigten sich jedoch schnell strukturelle Probleme. Denn das Bauwesen der DDR war seit den 1960er-Jahren vor allem auf industrielle Typenbauweisen und standardisierte Technologien ausgerichtet. Diese Bauweise war nur bedingt für die enge Altbausanierung vor Ort geeignet.
Erschwerend kam hinzu, dass spezielle handwerkliche Fertigkeiten fehlten und die eigentliche Priorisierung auf der Plattenbauproduktion eines monofunktional ausgerichteten Bauwesens lag.
Der Prenzlauer Berg, von den Politikern quasi als Großbaustelle deklariert, wurde somit zum Modellprojekt für neue bautechnologische Verfahren und zur planungspolitischen Bühne staatlicher Bauprogramme der DDR. Gleichzeitig sollte hier auch ein Reallabor für neue Formen der Kommunikation entstehen. Eine hohe Prozessverdichtung also, weshalb sich an diesem Vorhaben zahlreiche Konfliktlinien nachzeichnen ließen.
Prenzlauer Berg wurde zum Modellprojekt der DDR-Stadtentwicklungspolitik
Bevor die Bauprogramme umgesetzt wurden, ergaben sich jedoch zunächst komplexe administrative Auswirkungen auf die lokalen Strukturen. Auf der einen Seite standen einzelne Großprojekte, denen auf der anderen Seite kleinere Modernisierungs- und Instandsetzungsvorhaben gegenüberstanden.
Für die Großprojekte war entscheidend, dass sie direkt dem Ministerium für Bauwesen und der staatlichen Plankommission unterstellt waren und vom Bezirksbauamt geleitet wurden. Um diese Projekte pünktlich realisieren zu können, erhielten sie zusätzliche Gelder, Materialien, Baubetriebe und damit deutlich größere Kapazitäten.
Die kleineren regulären Vorhaben, vor allem Instandsetzungsprojekte, die politisch weniger stark priorisiert wurden, mussten hingegen mit den vorhandenen Kapazitäten des Stadtbezirks auskommen. Dort standen wesentlich weniger Ressourcen zur Verfügung.

Menschen auf der Schönhauser Allee Mitte der 1970er Jahre. Viele Altbauten prägten schon damals den Stadtraum im Prenzlauer Berg. / © Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Horst Sturm (CC BY-SA 3.0 DE)
Neue Verwaltungs- und Funktionsgebiete sorgten für zusätzliche Konflikte im Stadtbezirk
Ein weiterer, völlig neuer Aspekt kam hinzu: Die Nachbarschaften wurden Anfang der 1970er-Jahre neu gegliedert. Politisch erfolgte eine Einteilung in Wahlkreise, administrativ in Wohnbezirke und planerisch in sogenannte Funktionsgebiete. Allein im Prenzlauer Berg entstanden dabei 21 Funktionsgebiete.
Diese neuen räumlichen Strukturen überlagerten sich zwangsläufig. Für die Beteiligten vor Ort wurde die Gliederung dadurch deutlich komplexer, was einen erheblichen Mehraufwand an Kommunikation mit sich brachte und immer häufiger zu Konflikten führte; insbesondere dann, wenn die Prozessabläufe nicht funktionierten.
Ab 1973 entstand am Arnimplatz das erste Großprojekt der „komplexen Modernisierung“
Ab 1973 wurde am Arnimplatz schließlich das erste Großprojekt einer komplexen Modernisierung umgesetzt. Fünfzehn Wohnblöcke mit über 17.000 Bewohnerinnen und Bewohnern sollten nach dem Prinzip der sozialistischen Stadtplanung erneuert werden.
Neu war dabei zum einen die Verbindung zwischen traditionellem Bauhandwerk und industrieller Vorfertigung, zum anderen aber auch die Einbeziehung der Anwohnerinnen und Anwohner bereits während der Planungsphase. Statt auf flächendeckenden Abriss setzte man nun auf eine Kombination aus Sanierung, Teilabriss und Neubau.
DDR-Stadtplanung am Arnimplatz setzte auf Sanierung statt vollständigen Abriss
Die Einsetzung eines Sonderstabs mit rund 25 Personen aus Parteien, staatlichen Planungsorganen der Bauwirtschaft und der kommunalen Verwaltung bedeutete eine völlig neue Form der Kommunikation.
Ihre gemeinsame Aufgabe bestand darin, den Fortgang der Projekte zu kontrollieren und zu kommunizieren. Gleichzeitig unterstanden sie jedoch einer klaren zentralen Weisungsbefugnis durch das neu gegründete Büro für Städtebau.
„Arbeit mit den Bürgern“: Haustürgespräche mit der Nachbarschaft als neue Kommunikationselement
Neu war auch, dass erstmals Haustürgespräche mit einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Haushalten geführt wurden. Diese Gespräche wurden von Vertretern des Sonderstabs und weiteren Unterstützern organisiert.
Erstmals findet sich zudem in den Planungsunterlagen zum Arnimplatz ein eigenes Kapitel mit dem Titel „Arbeit mit den Bürgern“. Dies stellte in der Planungskultur der DDR Anfang der 1970er-Jahre eine völlig neue Herangehensweise dar.
Neues Kommunikationsmodell sollte Bürger stärker in die Planung einbeziehen
Die Komplexität dieser Kommunikationsform war für alle beteiligten Akteure, die auf kommunaler, städtischer und zentraler Ebene in die umfangreichen Modernisierungs- und Bauvorhaben eingebunden waren, mehr als herausfordernd. Im Kern bezog sich die Aufgabenverteilung innerhalb dieser Kommunikationspyramide auf vier Ebenen: Entscheidung, Mitwirkung, Zuarbeit und Anleitung.
Allen Beteiligten musste eigentlich von Beginn an klar gewesen sein, dass diese hochkomplexen Abläufe zunächst erprobt und koordiniert werden mussten. Gleichzeitig galt es jedoch, die staatlichen Planvorgaben einzuhalten – genau darin lag die eigentliche Herausforderung.
Haustürgespräche sollten direkt in die Planungen am Arnimplatz einfließen
Die bei den Haustürgesprächen gewonnenen Informationen sollten direkt in die Planungskonzepte mit einbezogen werden. Es stellte sich dabei heraus, dass viele junge Familien den Neubau bevorzugten, während vor allem ältere Bewohnerinnen und Bewohner den Modernisierungsvorhaben skeptisch gegenüberstanden. Sie befürchteten, dass die Mieten nach Abschluss der Modernisierung steigen würden. Gleichzeitig wollten viele von ihnen wieder in ihre „eigene“ Wohnung zurückkehren.
Besonders wichtig war vielen Anwohnenden, dass nach der Modernisierung das gewohnte soziale Gefüge erhalten blieb und die Nachbarschaften weiterhin funktionierten. Bei den Haustürgesprächen wurde zudem der bauliche und technische Zustand der Wohnungen erfasst.
Viele Bewohner hatten ihre Wohnungen auf eigene Faust modernisiert, ohne staatliche Hilfe
Dabei zeigte sich, dass einige Bewohnerinnen und Bewohner ihre Wohnungen im Rahmen der bereits erwähnten Programme in Eigenleistung auf einen modernen Standard gebracht hatten.
Die geplanten Modernisierungen versprachen für diese Wohnungen oft nur noch geringe Verbesserungen. Für die Planenden wurde es dadurch zunehmend schwieriger, überzeugende Argumente für einen vorübergehenden Auszug zu finden – insbesondere, da sie keine sichere Rückkehr in die individuell ausgebauten Wohnungen garantieren konnten.
Modernisierung im Prenzlauer Berg führte zu sozialen Spannungen und Unsicherheiten
Auf den Planenden lastete großer Druck, die Vorgaben zu erfüllen, da es sich bei der komplexen Modernisierung um ein neues Modellvorhaben handelte, das bei den verantwortlichen Politikern besonders im Fokus stand. Auf Grundlage der während der Haustürgespräche erhobenen Daten wurden Maßnahmen zur Wohnraumlenkung entwickelt.
Aufgrund des schlechten Zustands vieler Gebäude war klar, dass Entkernungen und Teilabrisse notwendig sein würden. Gleichzeitig bestand eine weitere Herausforderung darin, die oftmals kleinen Wohnungen zu größeren Einheiten zusammenzulegen.
Nicht alle Bewohner würden in ihre bestehenden Wohnungen zurückkehren können
In der Bilanz bedeutete dies jedoch: Es würde künftig weniger Wohnungen geben, und nicht alle bisherigen Bewohnerinnen und Bewohner des Prenzlauer Bergs konnten in ihre ursprünglichen Wohnungen zurückkehren.
Vor diesem Hintergrund bestand für die Verantwortlichen die große Herausforderung darin, diese Entwicklungen den betroffenen Anwohnenden nachvollziehbar zu vermitteln.

Blick aus dem Westen in die Bernauer Straße in Prenzlauer Berg, Mitte de 1970er Jahre. / © Foto: Wikimedia Commons, Karl-Ludwig Lange (CC BY-SA 3.0)
Hoher Kommunikations- und Verwaltungsaufwand belastete die DDR-Modernisierungsprojekte
Dieses neue Kommunikationsformat lebte vor allem vom persönlichen Einsatz vieler Planungsverantwortlicher und war äußerst zeitaufwendig. Gleichzeitig fanden zahlreiche Gespräche direkt auf den Baustellen mit den kommunalen Bearbeiterinnen und Bearbeitern statt; auch das war damals eine neue Herangehensweise.
Spätestens nach zwei Jahren zeigte sich jedoch, dass sowohl der enorme kommunikative als auch der bauliche Aufwand langfristig kaum tragfähig war.
Sanierung im Prenzlauer Berg: Zeitdruck, Materialengpässe und Verzögerungen
Es kam zu Materialengpässen, Zeitdruck, ineffizienten Abläufen, Verzögerungen und wachsender Unzufriedenheit. Gleichzeitig bestand ein hoher Berichtsdruck, da gegenüber der Parteileitung erklärt werden musste, warum Projekte nicht planmäßig vorankamen.
Bei späteren Analysen der Kommunikationsabläufe zeigte sich zunehmend Kritik, Frustration und gegenseitige Schuldzuweisungen im internen Umgangston, insbesondere zwischen Bauarbeitern, Planern und Anwohnenden. Hier wurden erste deutliche Konfliktlinien sichtbar.
DDR-Wohnungsbau im Prenzlauer Berg blieb trotz Modellcharakter hinter den Erwartungen zurück
Versuche einer Entbürokratisierung, um die Abläufe praktikabler zu gestalten, wurden von planungspolitischer Seite ignoriert. Die Prozessgestaltung blieb dadurch äußerst aufwendig und war weiterhin von hohen politischen Erwartungen geprägt. Gleichzeitig wurde das Projekt öffentlich als Erfolg inszeniert und als „Ausdruck eines Vertrauensverhältnisses zwischen Staat und Bürger“ dargestellt.
Modernisierte Fassaden schmückten die Titelseiten nationaler Fachzeitschriften, Zeitungen und Magazine. Die eigentliche Wohnungsfrage im Prenzlauer Berg war damit jedoch keineswegs gelöst. Innerhalb von drei Jahren wurden statt der geplanten 4.000 Wohnungen lediglich rund 1.500 fertiggestellt.
Fortsetzung folgt.
Quellen: Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, TU Berlin
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Hierzu auch das Buch: „Armutszeugnisse – West-Berlin vor der Stadterneuerung in den sechziger Jahren“ mit Fotografien von Heinrich Kuhn.
Edition Braus Berlin GmbH 2014.
„Bei der Durchsicht der Bilder liegt die vermutung nahe, dass diese aus der unmittelbaren Nachkrigszeit stammen. Tatsächlich handelt es sich um eine Dokumentation Westberliner Wohnungen in den sechziger Jahren.“